Autor Thema: Werner Ekschmitt: Der Aufstieg Athens  (Gelesen 1097 mal)

Offline orzifar

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Werner Ekschmitt: Der Aufstieg Athens
« am: 16. Januar 2015, 22.07 Uhr »
Hallo!

Bücher über Alte Geschichte und insbesondere über die klassische griechische Epoche sind häufig mit Vorsicht zu genießen. Werden sie doch oft von Bewunderern der griechischen Kultur verfasst und sind kritiklose und undifferenzierte Loblieder, die das Barbarische und Unmenschliche, die unzähligen Schlächtereien, Hinrichtungen und Intrigen völlig übersehen und einzig eine vorgeblich demokratische Struktur oder aber die künstlerischen Leistungen eines Phidias bzw. der Tragödien- und Komödienschreiber im Auge haben. Aber selbst das "klassische" 5. Jahrhundert war geprägt von permanenten Kriegen, Expansionsdrang, Unterdrückung vermeintlich schwächerer Staaten - und das vielbewunderte Griechentum entpuppt sich häufig als politisch-intrigante Machtpolitik mit allen Mitteln.

Ekschmitt behandelt in diesem Band den Zeitraum der Perserkriege wie auch die Entstehung und Durchsetzung des Attisch-Delischen Seebundes. Und er tut dies auf eine sehr lesbare Weise, keine Hommage an das Heldentum und den Patriotismus (naja, den Leonidas schätzt er schon), sondern eine kritische Beurteilung sowohl von Barbaren (= Perser & Co.) als auch der griechischen Parteien, außerdem der Versuch, die häufig geschönten Darstellungen eines Herodot zu berichtigen, sie auf realistische Maße zurückzuführen (desgleichen bei Plutarch oder Diodor), Motive zu hinterfragen, Absichten, Pläne. Nebenbei eine keineswegs euphemistische Beschreibung des Soziallebens in Athen (mit beinahe "leibeigenen" Frauen, einzig Hetären besaßen ein kleines Maß an Freiheit) und Sparta (dessen Versuch, die aristokratischen Kreise "rein" zu erhalten zum Scheitern und im nachfolgenden Jahrhundert zum Untergang verurteilt waren). Ein wunderbar leicht lesbares Buch, historisch fundiert und von einem sehr viel objektiverem Geist getragen als vergleichbare Darstellungen.

lg

orzifar
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