Autor Thema: Oswald Külpe: Immanuel Kant  (Gelesen 1382 mal)

Offline orzifar

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Oswald Külpe: Immanuel Kant
« am: 02. Januar 2015, 02.34 Uhr »
Hallo!

Oswald Külpe ist ein von der Philosophiegeschichte weitgehend vergessener Philosoph, den man gerade mal aus dem Bereich des Kritischen Rationalismus kennt, weil er von Karl Popper mehrfach lobend erwähnt wird. Allerdings meine ich mich aus dem Albert-Popper-Briefwechsel zu erinnern, dass auch Popper selbst das Hauptwerk Külpes "Die Realisierung" (geplant waren vie Bände, erschienen sind - nach dem frühen Tod Külpes - drei*) nicht gelesen hat. Im vorliegenden Buch setzt sich Külpe mit Kant auseinander - und diese Auseinandersetzung ist es wert, gelesen zu werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen, häufig unkritisch lobenden Werken setzt sich Külpe auf differenzierte Weise mit dem Werk des Königsbergers auseinander. Über die biographischen und historischen Fakten liefert er nur einen kurzen Überblick (trotzdem sehr lesbar), während er sich hauptsächlich auf eine Auseinandersetzung mit den drei Kritiken beschränkt. Und diese Kapitel sind (obschon nicht unbedingt leichte Kost und ohne Kenntnis des Kantschen Werkes unverständlich - will sagen: Als Einführung ist das Buch nicht zu gebrauchen) eine wirklich fundierte Betrachtung des Kantschen Lebenswerkes, sie sind weder ungerecht (wie etwa bei Franz Brentano, der seine Kant-Notizen sehr subjektiv gestaltet und Kant an der eigenen Philosophie misst, wobei dies beileibe nicht immer zugunsten von Brentano ausfällt) noch bloße Hommage, sondern beschreiben sowohl das Revolutionäre seines Ansatzes als auch - was selten ist - den Zusammenhang aller drei Kritiken, der im Versuch besteht, Metaphysik zu betreiben. Kant, der "Alleszermalmer" wird ja normalerweise als der bezeichnet, der das Ende jeder Metaphysik eingeleitet hat. Dies aber ist eine verkürzte und damit auch unrichtige Darstellung: Denn Kant zeigt in der "Kritik der reinen Vernunft" einzig, dass der Metaphysik auf empirisch-wissenschaftlicher Weise nicht beizukommen ist. Ihm war es aber in den Folgebänden der "Kritik der praktischen Vernunft" und der "Kritik der Urteilskraft" gerade darum zu tun, einen gangbaren Weg für metaphysisches Gedankengut zu beschreiben, aus den Aporien der reinen Vernunft über ein apriorisches Sittengesetz herauszufinden. Ein Apriori, dass er auch für die Ästhetik zu begründen versuchte. (Dass ihm dies aus heutiger Sicht gründlich misslungen ist, steht hier nicht zur Debatte: Auch seine in der "Kritik der reinen Vernunft" dargestellen synthetischen Urteile a priori halten der Kritik nicht stand. Nichtsdestotrotz waren große Teile seines Werkes fruchtbar und fanden viele seiner Gedanken Eingang in spätere Systeme, wobei ich hier ausdrücklich nicht den Deutschen Idealismus im Auge habe.)

Külpes Kritik hat in vieler Hinsicht auch heute noch Gültigkeit (er verweist immer wieder auf das Vorläufige unserer Erkenntnis und das Fragwürdige der Kantschen Aprioris), obschon er wichtige wissenschaftliche Entwicklungen (etwa den Darwinismus oder Einsteins Relativitätstheorie**) völlig ausklammert, Entwicklungen, die den Kantschen Ansatz von Grund auf widerlegen. Trotzdem versteht er es glänzend, die Gedanken Kants zu referieren, seine Absichten darzustellen und sie anschließend vorsichtig zu kritisieren, ihren hohen Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit zu relativieren.

lg

orzifar

*) Diese drei Bände warten nun schon ein gutes Jahr auf meinem Bücherbord, um gelesen zu werden: Ich konnte mich noch nicht dazu überwinden. Für den seltenen Fall einer Leserunde würde ich mich allerdings dafür erwärmen können. Die Werke sind aber nur noch antiquarisch zu erhalten und ich glaube nicht, dass es noch eine Neuauflage geben wird. August Messer hat sie herausgegeben (wie auch die Kantabhandlung).

**) Ich weiß nicht, wann Külpe diese Kantabhandlung geschrieben hat: Es könnte durchauch noch vor 1905 gewesen sein, weshalb diese Kritik unberechtigt wäre. Allerdings wusste man in jedem Fall schon über die Riemannschen Geometrien Bescheid, obschon ihr Realitätsbezug noch unklar war.
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte
Niall Ferguson (Hrsg.): Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert.
Nick Bostrom: Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution.
Peter Farb: Die Indianer. Entwicklung und Vernichtung eines Volkes.
Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott: Warum man jetzt Atheist sein muß.
Franz M. Wuketits: Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt.

Offline sandhofer

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Re: Oswald Külpe: Immanuel Kant
« Antwort #1 am: 02. Januar 2015, 06.25 Uhr »
Hallo!

*) Diese drei Bände warten nun schon ein gutes Jahr auf meinem Bücherbord, um gelesen zu werden: Ich konnte mich noch nicht dazu überwinden. Für den seltenen Fall einer Leserunde würde ich mich allerdings dafür erwärmen können. Die Werke sind aber nur noch antiquarisch zu erhalten und ich glaube nicht, dass es noch eine Neuauflage geben wird. August Messer hat sie herausgegeben (wie auch die Kantabhandlung).

Könnte interessant sein; zur Zeit finde ich aber nur Band 1 erhältlich. Ich werde versuchen, dran zu denken.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus