Autor Thema: Hans Graßmann: Das Top Quark, Picasso und Mercedes-Benz oder Was ist Physik?  (Gelesen 1489 mal)

Offline orzifar

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Hallo!

Beim Bestellen über booklooker nutze ich die nach Österreich hohen Versandkosten häufig dazu, Bücher um 50 Cent oder einen Euro "dazuzunehmen", wenn sich die Versandkosten dadurch nicht weiter erhöhen. Das kann mal interessant sein, dann wieder ein Fall für die Papiermülltonne.

Das vorliegende Buch neigt eher der Kategorie Entsorgung zu. Graßmann ist Physiker und nimmt sich - ausgehend von seinem Spezialgebiet - vor, das Allgemein-Menschliche und Spezifisch-Kulturelle zu beackern. Das ist nun gar nicht die schlechteste Ausgangsposition, ein fremdgehender Physiker, der sich ein wenig als Kulturwissenschaftler und Philosoph versucht. Gewisse Fähigkeiten bzw. Kenntnisse vorausgesetzt.

Graßmann versucht sich erstmal in einer (etwas abseitigen - aber was soll's) Analyse des Alten Testamentes, um schließlich ein bisschen Wissenschaftsgeschichte zu betreiben. Eine Wissenschaft, die - nach seinen Angaben - zwischen 200 v. Chr. und der Renaissance nicht existiert habe und damit zu vernachlässigen sei. Das sagt er ganz apodiktisch und springt von Archimedes zu Kopernikus, die dazwischenliegenden 1700 Jahre sind ihm einen Nebensatz wert, in dem er die Existenz Roger Bacons erwähnt. Nun muss ein Physiker wahrlich keine Ahnung haben von Wissenschaftsgeschichte, sofern es ihn nicht - wie Graßmann - gelüstet, sich in fachfremden Bereichen zu ergehen. Dann muss man ihm allerdings mitteilen, dass eine solche Feststellung barer Unsinn ist und jeglicher historischer Faktenlage widerspricht. Ob nun Crombie, Koryé oder Lindberg - sämtliche Wissenschaftshistoriker sind sich darin einig, dass das Mittelalter gerade für die Physik von ungeheurer Bedeutung war und dass die Renaissance - entgegen der landläufigen Meinung - sowohl wissenschaftstheoretisch als auch philosophisch einen Rückschritt bedeutete, weil entgegen bereits vorhandenem besseren Wissen die Autorität des Aristoteles erneuert wurde. (Hier wundere ich mich auch - wieder einmal - über das Lektorat: Rowohlt ist nun ja kein Miniverlag, sodass sich irgendwer hätte finden können, der die Verbreitung derartigen Unsinns unterbunden hätte.)

Dann kommt eine Vorstellung der modernen Physik, der mit Abstand beste Bereich des Buches (ich lese diese Teile aus pädagogischen Gründen: Verlangt doch das Jungvolk immer wieder nach Aufklärung über das, was die Welt - im Innersten zusammenhält - weshalb ich froh bin über griffige Analogien, die auch sperrige Materien verständlich machen). Dass es hier - außer einigen originellen Erklärungen - wenig Neues gibt, stört nicht weiter (und wurde von mir auch nicht erwartet).

Anschließend ergeht sich Graßmann in einer Analyse der Fachpresse und deren Unfähigkeit, physikalische Errungenschaften adäquat darzustellen bzw. er betont die Notwendigkeit einer solchen Darstellung. Dem kann man zustimmen wie auch dem Betonen der Wichtigkeit der Grundlagenforschung, selbst wenn aus ihr enorme Kosten entstehen, die oftmals dem civis communis nur schwer schmackhaft zu machen sind. Dann setzt der Autor zu einer etwa 100seitigen Sonntagspredigt an, indem er seine These, dass die Kultur für die Physik (und damit die Wissenschaft) von konstituierender Wichtigkeit sei, in eher dunklen Formulierungen Ausdruck verleiht. Allerdings zeigt er sich dabei gänzlich unbeleckt bezüglich einschlägiger Literatur (ob philosophischer, anthropologischer, ethnologischer, historischer Provenienz), zitiert einzig Thomas Mann (den Zauberberg als Analyse für das Fiasko des Ersten Weltkrieges, wobei sich die "Betrachtungen eines Unpolitschen" auch ganz gut geeignet hätten, aber ein etwas anderes Bild hätten entstehen lassen; ich nehme aber nicht an, dass Graßmann diese Schrift bekannt ist) und Albert Schweitzer (mit einer Zivilisationsanalyse, die schon zur Zeit der Entstehung um 1900 falsch war: Dass nämlich die Menschen durch ihre Einbindung in den Arbeitsprozess keine Zeit für die Entwicklung und Förderung von Kultur mehr hätten - so, als ob man im präindustriellen Zeitalter sich mit Muße und Hingabe einer solchen kulturellen Auseinandersetzung hätte widmen können) und meint dann feststellen zu können, dass es uns an Kultur gebricht und wir eine solche (durch Besinnung auf die nicht pragmatischen oder ökonomischen Aspekte unseres Lebens) reinstallieren sollten. (Hier versteigt er sich zu Vorschlägen der Art, dass wir doch endlich mal auf ein Wiese gehen und Blumen pflücken sollten ...)

Das Ganze ist inhaltlich belanglos und banal, es mangelt Graßmann schlicht an Wissen und/oder Denkgenauigkeit, wobei die vorhin erwähnte Ignoranz der Wissenschaftgeschichte paradigmatisch ist. Denn immer wieder spiegeln sich in seinen Ausführungen Stammtischmeinungen (bzw. Stammtischwissen) wider: Wenn er von südamerikanischer oder afrikanischer Kultur spricht spürt man nur allzu genau, dass der Autor sich noch keinen halben Tag mit deren Geschichte auseinandergesetzt hat. Ein trivialphilosophisches Machwerk, das nicht gelesen zu haben keinesfalls ein Fehler ist.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte
Niall Ferguson (Hrsg.): Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert.
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Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott: Warum man jetzt Atheist sein muß.
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Offline sandhofer

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Hallo orzifar!

Jetzt weiss ich wenigstens, wie Du jeweils auf Deine abgelegenen Bücher kommst. Aber Danke für die Rezension; ein Buch, von dem ich nun sicher bin, dass ich es nie zu lesen brauche.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus