Autor Thema: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Gelesen 164420 mal)

Offline sandhofer

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Hallo zusammen!

Hier der vorsprochene Thread zu unserer Langzeitleserunde. Leider sind die modernen Medien nicht für die überlangen Titel der Vergangenheit eingerichtet, nicht alle jedenfalls. So musste ich im Titel hier abkürzen, was im Original ungekürzt steht:
Die Horen

eine Monatsschrift,
von einer Gesellschaft verfaßt
und herausgegeben
von
Schiller.

1795 gegründet, 1797 eingestellt. Ideelle wie ökonomische Gründe führten Schiller dazu, sein Glück mit der Herausgabe einer Zeitschrift zu versuchen. Die bekanntesten Köpfe Deutschlands sollten daran teilnehmen. Ich weiss nicht, inwieweit Schiller den Erfolg der Zeitschrift gleich wieder torpedierte, als er beschloss, dass alle Artikel anonym erscheinen sollten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Publikum oder Autoren damit so ganz glücklich sein konnten.

Grüsse

sandhofer
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Offline Sir Thomas

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Ich weiss nicht, inwieweit Schiller den Erfolg der Zeitschrift gleich wieder torpedierte, als er beschloss, dass alle Artikel anonym erscheinen sollten.

Auch die Ankündigung, jeden Beitrag einer "redaktionellen Kontrolle" zu unterziehen, dürfte dem einen oder anderen nicht geschmeckt haben.* Mir ist nicht klar, warum Schiller nach dem Thalia-Scheitern noch einen Versuch unternahm, als Herausgeber zu brillieren. Meine These diesbezüglich: Wieland hatte 1789 seinen Teutschen Merkur eingestellt, was evtl. die Hoffnung nährte, mit den Horen ein vermutetes Vakuum füllen zu können. So jedenfalls könnte die "Marketingstrategie" ausgesehen haben (wenn es denn eine gab). Oder gab es andere Gründe?
   

* Hier die Stelle aus dem Brief an die potenziellen Autoren (u.a. Goethe) vom 13. Juni 1794: "...so hat man doch, aus leicht begreiflichen Gründen, die Verfügung getroffen, dass kein Manuskript eher dem Druck übergeben werde, als bis es einer dazu bestimmten Anzahl von Mitgliedern zur Beurteilung vorgelegt worden ist."

Offline sandhofer

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Mir ist nicht klar, warum Schiller nach dem Thalia-Scheitern noch einen Versuch unternahm, als Herausgeber zu brillieren.

Schiller war - wie später Mark Twain - zu 100% von sich selber als (literarischem) Geschäftsmann überzeugt. Die Horen sollten seine Goldgrube werden. Und im Gegensatz zu Goethe brauchte Schiller das Geld, er hatte keinen reichen Grossvater und keine Stellung als Minister. (Weshalb ich - im Gegensatz zu orzifar - Schillers Überlegungen bezüglich einer reichen Heirat schon verstehen kann ...  >:D )

Meine These diesbezüglich: Wieland hatte 1789 seinen Teutschen Merkur eingestellt, was evtl. die Hoffnung nährte, mit den Horen ein vermutetes Vakuum füllen zu können. So jedenfalls könnte die "Marketingstrategie" ausgesehen haben (wenn es denn eine gab). 

Vermutlich, ja. In der Wikipedia steht sinngemäss, dass die Horen so etwas wie das ideelle Zentrum Deutschlands werden sollten, nachdem es ja kein geografisch-politisches gab, wie es London und Paris respektive darstellten. Der Teutsche Merkur war in Ansätzen tatsächlich so etwas in dieser Richtung. Auch der kränkelte ja finanziell ständig. Und das, wo Wieland seinerseits davon leben wollte ...
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Online orzifar

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Schiller war - wie später Mark Twain - zu 100% von sich selber als (literarischem) Geschäftsmann überzeugt. Die Horen sollten seine Goldgrube werden. Und im Gegensatz zu Goethe brauchte Schiller das Geld, er hatte keinen reichen Grossvater und keine Stellung als Minister. (Weshalb ich - im Gegensatz zu orzifar - Schillers Überlegungen bezüglich einer reichen Heirat schon verstehen kann ...  >:D )

Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht verstehen würde: Nur wer seine hochherzigen, idealen Gefühle wie ein Banner vor sich herträgt, darf sich nicht verwundern, wenn er an denselben gemessen wird. Das Ergebnis ist dann eine mediokre moralische Größe ;).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Hallo!

Tout comprendre, c'est tout pardonner  >:D .

Andererseits hat schon Kollege Brecht festgehalten: Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. (Wie stand er eigentlich zu Schiller?)

Nun gut. Ich habe gestern noch Schillers Vorbericht gelesen. Politik, Politisches wird eindeutig aus den Horen ausgeschlossen. In Anbetracht der unsicheren geopolitischen Situation sicher eine weise Entscheidung. Weniger Zoff mit den Behörden, weniger Zoff unter den Beiträgern. Bei der Liste derselbigen fällt auf, dass vom Kanon der Klassiker Wieland fehlt. Merck wollte ich zuerst auch vermissen, aber der war 1795 ja schon tot. Dann habe ich vergessen, nachzuschlagen, welcher Jacobi gemeint ist als Mitarbeiter. Ich vermute, den empfindsameren der beiden, den Friedrich.

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Andererseits hat schon Kollege Brecht festgehalten: Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. (Wie stand er eigentlich zu Schiller?)


Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen. Schillers Jungfrau von Orleans und Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe - diametral entgegengesetzt oder doch näher als gedacht? Ich liebe beide.


Offline Sir Thomas

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Dann habe ich vergessen, nachzuschlagen, welcher Jacobi gemeint ist als Mitarbeiter. Ich vermute, den empfindsameren der beiden, den Friedrich.

Da er als "Geheimer Rat Jacobi in Düsseldorf" adressiert wird, handelt es sich wohl um Friedrich Heinrich Jacobi.

Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen.

Stammt der "Moraltrompeter" nicht von Nietzsche? Aber vielleicht habe ich das falsch abgespeichert.

LG

Tom

Offline Gontscharow

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Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen.

Stammt der "Moraltrompeter" nicht von Nietzsche? Aber vielleicht habe ich das falsch abgespeichert.

Du hast recht, Tom. Habe Der Moraltrompeter von Säckingen  bei google eingegeben und es machte 999 mal Nietzsche und 1 mal Brecht.

Online orzifar

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Du hast recht, Tom. Habe Der Moraltrompeter von Säckingen  bei google eingegeben und es machte 999 mal Nietzsche und 1 mal Brecht.

Der Publikumsjoker ist jetzt weg ;). - Ich habe leider noch immer nicht begonnen, einiger anderer Kalamitäten wegen.

lg

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Offline sandhofer

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Ich habe leider noch immer nicht begonnen, einiger anderer Kalamitäten wegen.

Ausser dem ersten Text von Schiller ist bei mir auch noch nichts gelaufen. Und jetzt ist mal Ruhe bis zum nächsten Wochenende mit den Horen. Das sind bei mir vorläufig reine Wochenendgäste ...  ^-^
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Offline Sir Thomas

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Ein kurzer Blick auf das publizistische Umfeld und die Vorgänger der Horen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

1765 - 1806 veröffentlichte der Berliner Verleger Friedrich Nicolai seine Allgemeine Deutsche Bibliothek, nach der Einstellung von Lessings "Briefen ..." die mWn. zweite Literaturzeitschrift in Deutschland

1770 - 1807: Göttinger Musenalmanach von H.C. Boie, J.H. Voß, G.A. Bürger u.a.

1772 - 1790 Frankfurter gelehrte Anzeigen (Merck u.a.)

1773 - 1789 Teutscher Merkur (Wieland, Merck)

1776 - 1791 Deutsches Museum (H.C. Boie; die Zeitschrift war direkt gegen Wielands Merkur gerichtet)

1785 - 1793 Schillers Thalia

Beim Erscheinen des ersten Stücks der Horen 1795 gab es also eine Reihe mehr oder weniger erfolgreicher Vorläufer sowie zwei noch existierende Konkurrenzblätter: Die Allgemeine Deutsche Bibliothek und den Göttinger Musenalmanach. Ob Schiller etwas gegen den Berliner Verleger Nicolai hatte, ist mir nicht bekannt. Mit G.A. Bürger vom Musenalmanach führte er jedoch in den frühen 1790er Jahren eine Auseinandersetzung über dessen angeblich minderwertige Volkspoesie.

Das will nicht viel bedeuten, erscheint mir aber auch nicht uninteressant, weil es evtl. ein weiteres Licht auf Schillers Ambitionen jenseits der ökonomischen Erwartungen wirft.       

Offline sandhofer

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Hallo!

Der neue Teutsche Merkur schloss 1790 nahtlos an den Teutschen Merkur an - immer noch mit Wieland, allerdings nicht mehr als einzigem Herausgeber, iirc. Das war wohl auch der Grund,weshalb Wieland gar nicht erst in der Beiträger-Liste figuriert; Der neue Teutsche Merkur existierte nämlich 1795 immer noch. Abgesehen davon, dass da einige in der Beiträger-Liste sind, die iirc nie was beigetragen haben.

Nicolai war meines Wissens generell in Weimar nicht beliebt ....

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Schillers Vorrede und Goethes Epistel sind gelesen.
 
Warum Schiller, wie er in seiner Vorrede sagt, jede Politik und Parteilichkeit aus seiner Monatsschrift heraushalten will, wird nur allzu verständlich, wenn man sich (etwa bei wikipedia) die Ereignisse des Jahres 1794 anschaut: Die französische Revolution ist in ihrem fünften, wohl schrecklichsten und blutigsten Jahr, Kriege im Westen, Norden und Osten, es brennt an allen Enden. Schiller versteht diesen Rückzug aufs Geistige, Wahre und Schöne glaube ich nicht als Eskapismus, Flucht aus der Wirklichkeit in den Elfenbeinturm, sondern verspricht sich davon so etwas wie Sammlung, Erziehung und Regenerierung der Menschheit und letztlich Heilung der heillosen Zeitläufte.
Die Namensgebung unterstreicht dieses Konzept. Zuerst habe ich gedacht : Warum „Horen“ (Stunden) Warum, wenn’s eine Monatszeitschrift ist,  nicht  Menses( Monate) ? Aber die Horen sind ja auch Ordnungs- und Gesetzeshüterinnen und Schiller nennt in der Vorrede namentlich Eunomia, Dice und Irene, Personifikationen der guten Ordnung( Eunomia), der Gerechtigkeit( Dike) und des Friedens (Eirene), also dessen , was  die chaotische  Gegenwart bitter nötig hätte…

Gleich das erste Stück der Horen, Goethes an die satirischen Epistolae des Horaz angelehnte 1.Epistel, parodiert jedoch die Schiller’sche Vorrede und widerspricht ihr, indem die erzieherische Wirkung des Wortes angezweifelt wird: „Soll ich sagen, wie ich es denke? So scheint mir es bildet/ nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte…“



Offline Gontscharow

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Ich habe noch ein wenig über Goethes Epistel nachgedacht.

Es handelt sich offensichtlich um einen Text, der - im Gegensatz zu anderen -  eigens für die Horen verfasst worden ist. Schiller wird angesprochen (guter Freund), die Thematik seiner Vorrede in humoresker Form wieder aufgenommen, die erzieherische Wirkung von Kunst und Literatur in Zweifel gezogen und von den Rezipienten wird resigativ gesagt, dass sie eh nur das heraushören, was sie hören wollen. Dann erzählt G., quasi zum Beweis, eine Geschichte, die er von einem venezianischen Rhapsoden auf der Gasse gehört haben will  Es geht um die Insel Utopia, wo Nichtstun und  Amusement Pflicht sind und die Wohltaten der Gastfreundschaft notfalls mit Prügel am Gast durchgesetzt werden.  Diese Erzählung sei nach dem Geschmack des Publikums. ..
Was will er mit der Geschichte sagen? ;) Dass die Menge leichtgläubig und verführbar ist und  nur nach dem Lustprinzip verfährt? Übertritt Goethe hier klammheimlich Schillers Politisierungsverbot und  spielt auf die franz.Revolution an, die das Volk mit Gewalt zu seinem Glück zwingt?
Ein bisschen fühle ich mich erinnert an das Vorspiel auf dem Theater (Faust), das wenig später entstanden ist.

Offline Sir Thomas

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Schillers Vorrede und Goethes Epistel sind gelesen.

Dito. Das Schiller-Vorwort ist der Geist der Weimarer Klassik "in a nutshell", nicht wahr?  ;)

Ich habe noch ein wenig über Goethes Epistel nachgedacht. [... ] Was will er mit der Geschichte sagen? ;) Dass die Menge leichtgläubig und verführbar ist und  nur nach dem Lustprinzip verfährt?

Ja, das passt. Auch Wieland beklagt im "Aristipp" an einer Stelle die rohe Vergnügungssucht der Griechen - und meint natürlich seine Zeitgenossen.

Gleich das erste Stück der Horen, Goethes an die satirischen Epistolae des Horaz angelehnte 1.Epistel, ...

Das ist sehr wahrscheinlich, aber mir fallen dazu auch Ovids "Epistolae ex Ponto" ein. Ob Goethe diese kannte?

By the way: Enthält Eure Ausgabe nützliche Kommentare? Die vermisse ich beim Lesen im Netz ein wenig.

Es grüßt

Tom