Autor Thema: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft  (Gelesen 4327 mal)

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Hallo!

Ein Buch, das als Pflichtlektüre für alle Philosophiestudenten gelten sollte. In äußerst klarer, einfacher Sprache beschreibt Carnap die Rolle der Philosophie in den Naturwissenschaften, skizziert Grundlegendes, fundamentale Überlegungen, die jeder, der in irgendeiner Form wissenschaftlich tätig ist, in seine Arbeit einbeziehen sollte.

Wir operieren gerne mit dem Selbstverständlichen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Genau hier setzt Carnap an: Er beschreibt die grundsätzliche Struktur von Naturgesetzen (nebst ihrer Problematik, dem Induktionsproblem und seiner angefügten Lösung einer logischen Wahrscheinlichkeit, die sich aber - zu Recht!? - nicht durchgesetzt hat), umreißt den Status von Experimenten und greift die Problematik der Messbarkeit der Natur auf (wobei immer Einwände berücksichtigt werden; auch solche die etwa Goethe gegenüber der quantitativen Methode geäußert hat). Dies alles geschieht im Hinblick auf die wichtigsten, grundlegendsten Fundamente aller Wissenschaft, ungeheuer klar, ohne alle Polemik (im Gegenteil: Carnap versucht auch den obskursten pseudowissenschaftlichen Methoden noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen), auf einleuchtende und sehr verständliche Weise.

Es ist ein Buch zum Genießen (ich habe die ersten zwei von insgesamt sechs Abschnitten gelesen), zum Notizen machen, zum Überdenken dessen, was uns als selbstverständlich erscheint. Wissenschaftler bedienen sich ausgefeilter Technik, subtiler Messmethoden, komplizierter mathematischer Formeln - und vergessen manchmal die Grundlagen aller Forschung. Diese Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen ist dieses Buch geschrieben - und genau dadurch erweist es sich als horizonterweiternd.

lg

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #1 am: 23. Dezember 2012, 16.18 Uhr »
Klingt interessant. Muß ich mir mal vormerken.

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #2 am: 31. Dezember 2012, 07.20 Uhr »
Klingt interessant. Muß ich mir mal vormerken.

Und wäre auch interessant, die Sicht des Naturwissenschaftlers kennen zu lernen. Wobei die Physiker aus meinem Umkreis Carnap durchwegs schätzen (aber schreibfaul sind ;)).

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #3 am: 31. Dezember 2012, 09.33 Uhr »
Klingt interessant. Muß ich mir mal vormerken.

Und wäre auch interessant, die Sicht des Naturwissenschaftlers kennen zu lernen. Wobei die Physiker aus meinem Umkreis Carnap durchwegs schätzen (aber schreibfaul sind ;)).


An Carnap und Frege habe ich nicht die besten Erinnerungen aus dem Studium.

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #4 am: 31. Dezember 2012, 20.20 Uhr »
Klingt interessant. Muß ich mir mal vormerken.
Und wäre auch interessant, die Sicht des Naturwissenschaftlers kennen zu lernen. Wobei die Physiker aus meinem Umkreis Carnap durchwegs schätzen (aber schreibfaul sind ;)).
An Carnap und Frege habe ich nicht die besten Erinnerungen aus dem Studium.

Die Formalisierungen der beiden haben sicherlich einen eigenen "Reiz". Allerdings ist das vorliegende Buch (fast) frei davon; nur ganz einfache Strukturen werden auf diese Weise dargestellt. Es geht vor allem um die impliziten (uns oft unbewussten) Annahmen für naturwissenschaftliche, philosophische Forschungen.

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #5 am: 28. Januar 2013, 16.29 Uhr »
Habe das Buch heute bekommen. Werde heute abend mal reinlesen und entscheiden, ob es meine nächste Lektüre werden wird.

BigBen

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #6 am: 03. Februar 2013, 11.36 Uhr »
Jetzt weiß ich wieder, warum ich Carnap während des Studium ungern las.  ::)
Statistische und logische Wahrscheinlichkeiten. Es klingt zwar an den meisten Stellen logisch, aber irgendwie doch nicht wirklich praktisch. Mein Hirn weigert sich jedenfalls dem zu folgen.
Am meisten ärgert mich aber, das er vom Betätigungsgrad von Theorien spricht. Ausgehend von Popper ist solch eine Formulierung nicht wirklich möglich und sinnvoll. "Die Logik der Forschung" müßte Carnap doch eigentlich gekannt haben, oder?

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #7 am: 03. Februar 2013, 16.44 Uhr »
Hallo!

Die Wahrscheinlichkeitskapitel sind (wie ich auch explizit erwähnt habe) das Beste nicht, er ist später teilweise von dieser "logischen, induktiven" Wahrscheinlichkeit abgekommen. Popper hat er mit Sicherheit gekannt (auch persönlich, Popper spricht mit Hochachtung von Carnap) und somit auch dessen Logik der Forschung (die aber mit ganz ähnlich Problemen behaftet ist: Da die Falsifikation das Problem nicht löst, sondern verschiebt, weil sie ja keine Verifikation der Falsifikation bieten kann und den genau gleichen Unsicherheiten ausgeliefert ist). Insofern hat auch Popper (wie er selbst manchmal glaubte) den induktiven Positivismus keineswegs zu Grabe getragen.

Die Frage nach der Praktikabilität (gibts das Wort?? :)) stellt sich allerdings nicht (immer), da es ja um prinzipielle Überlegungen geht. Auch Poppers Ansatz idealisiert: Keineswegs gibt es immer zuerst Problemem dann Theorien, schließlich Experimente usf. Häufig umgekehrt (ich nehme an, dass es bei euch im CERN eine Unmenge von Daten gibt, die hinwiederum erst adäquat interpretiert werden müssen, sollen ...)

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #8 am: 03. Februar 2013, 17.44 Uhr »

... Logik der Forschung (die aber mit ganz ähnlich Problemen behaftet ist: Da die Falsifikation das Problem nicht löst, sondern verschiebt, weil sie ja keine Verifikation der Falsifikation bieten kann und den genau gleichen Unsicherheiten ausgeliefert ist).


Verifikation ist nicht notwendig. Man könnte die Falsifikation auf sich selbst anwenden. Damit wäre das so entstehende System wissenschaftstheoretischer Bedingungen in sich geschlossen. Ich glaube, Vollmer hat sowas mal irgendwo beschrieben (die Quelle habe vergessen).

Ich bin jetzt durch das Kapitel der Meßtheorie durch. Das hat mir deutlich besser gefallen, als das vorhergehende. Das hat sich auch heute noch Bestand. Der Seitenhieb auf die Sprachmagie ist lustig.


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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #9 am: 03. Februar 2013, 18.13 Uhr »
Verifikation ist nicht notwendig. Man könnte die Falsifikation auf sich selbst anwenden. Damit wäre das so entstehende System wissenschaftstheoretischer Bedingungen in sich geschlossen. Ich glaube, Vollmer hat sowas mal irgendwo beschrieben (die Quelle habe vergessen).

Die Falsifikation der Falsifikation (der Falsifikation ...) ändert am Grundproblem im Sinne der Letztbegründung nichts. Der Spalt der Unsicherheit wird bestenfalls enger. Ich sehe auch nicht, wie denn das System "geschlossen" werden sollte. (Ich nehme an, du meinst G. Vollmers "Evolutionäre Erkenntnistheorie".) (Popper betrachtete im übrigen seine Falsifikation als Abgrenzungskriterium, da er durchaus sich dieses Problems der Falsifikation der Falsifikation ... bewusst zu sein schien. Und wenn er von der Lösung des Induktionsproblems sprach, dann meinte er "seine" Lösung, die darin bestand, dass er eben meinte zeigen zu können, dass sie auf herkömmliche Art nicht gelöst werden kann.)

Wie erwähnt: Carnap ist von seinen Versuchen einer "Letztbegründung" (ohne dieselbe in den Mund zu nehmen) ohnehin abgekommen. Das Interessante am Buch scheint mir aber nicht in dem skizzierten System zu liegen (dazu müsste man andere Werke Carnaps heranziehen (etwa "Foundation of Logics and Mathematics", "Der logische Aufbau der Welt" bzw. sich seine Konzeptionen von Objekt- und Metasprache ansehen, die allerdings nach meinem Dafürhalten das Problem auch nicht lösen (können)), sondern in der theoretischen Darstellung des Denkens von Selbstverständlichkeiten, die erst durch diese Darstellung wieder bewusst werden.

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #10 am: 03. Februar 2013, 20.00 Uhr »
Ich bin wohl zu sehr Physiker und Praktiker. Wenn ich einen Satz von (wissenschaftstheoretischen) Werkzeugen habe, der erfolgreich funktioniert, d.h. Wissenschaftliches von Pseudo- und Parawissenschaftlichem unterscheiden kann, reicht mir das eigentlich schon. Ich bin da einfach gestrickt. Die Metaebene ist was für Sonntags, um etwas Abwechslung vom Alltag zu haben.  ;D

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #11 am: 06. Februar 2013, 18.01 Uhr »
Ich habe fertig. So...
- Die meisten Sachen sind lesbar und nachvollziehbar.
- Man merkt, das das Buch schon seine 50 Jahre auf dem Buckel hat, aber es sind doch ein paar gute Gedanken dabei.
- Carnap spricht immer wieder von Bestätigung von Theorien. Das ist vollkommen überholt. Theorien können nicht verifiziert, sondern nur falsifiziert werden.
- Teil 3 lieferte sehr interessante Denkanstöße bezüglich der nicht-euklidschen Geometrie in der Relativitätstheorie.
- Das Kapitel über Kausalität und Determinismus (Teil 4) ist interessant. Ich verstehe nur nicht, warum in dem Zusammenhang nie von Korrelationen gesprochen wird.
- Teil 5 ist mir unverständlich geblieben. Weniger inhaltlich als vom praktischen Nutzen her.
- Am besten hat mir Carnaps Argumentation bezüglich des freien Willens gefallen. Seine Argumentation ist einfach, knapp aber einleuchtend.  :D

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #12 am: 07. Februar 2013, 02.03 Uhr »
- Carnap spricht immer wieder von Bestätigung von Theorien. Das ist vollkommen überholt. Theorien können nicht verifiziert, sondern nur falsifiziert werden.

Mit Verlaub - beides ist gleichermaßen unmöglich. Eine Entscheidung über eine Theorie kann weder durch Verifikation noch durch Falsifikation in endgültiger Weise getroffen werden. Die tausendmalige Bestätigung einer Theorie kann sie nicht verifizieren, das einmalige (oder mehrmalige Widerlegen) sie nicht falsifizieren, da es kein wirkliches experimentum crucis gibt. Du klingst wie ein Hardcore-Popperianer, der seinen Propheten ein wenig missverstanden hat: Popper hatte mit seiner Falsifikation das Abgrenzungskriterium im Auge (wann ist eine Theorie wissenschaftlich zu nennen?), keinesfalls aber kann über Wahrheit oder Falschheit mit einer der beiden Methoden endgültig entschieden werden (auch nicht über die Falschheit!).

Im Grunde ist - und war - das immer ein Eiertanz, da sowohl Induktivisten als auch die Anhänger des krit. Rationalismus wissen, dass es kein Kriterium zur Letztbegründung gibt. Ein Experiment, das "falsifiziert", ist mit eben den genau gleichen Unsicherheiten behaftet wie eines, das verifiziert (weshalb man weder vom einen noch vom anderen einen endgültigen Schluss zu ziehen berechtigt ist). Würde etwa bei euch am CERN ein Experiment den gesamten Einstein in Frage stellen, so würdet ihr selbstverständlich nicht dessen Theorie als widerlegt betrachten, sondern die Experimentbedingungen überprüfen. Dies wahrscheinlich mehrmals, immer wieder, schließlich würden ad hoc Hypothesen aufgestellt etc., da man Altbewährtes so einfach nicht aufgibt. Aber kein Wissenschaftler käme auf die Idee, eines "falsifizierenden" Experimentes wegen eine gut funktionierende, vieles erklärende Theorie sofort zu verwerfen.

In realiter (soweit ich Physiker aus der Forschung kenne) arbeiten diese durchaus mit Hausverstand: D. h. sie kümmern sich relativ wenig um methodologische Theorien, sondern versuchen eine Art von "vernünftiger" (kreativer) Interpretation der Ergebnisse zu erreichen. Das ist nach meinem Dafürhalten auch die einzig gangbare Methode (wie du auch in deinem vorherigen Beitrag erwähntest: Es muss einigermaßen praktikabel sein). Die Philosophie kann Wege aufzeigen, kann auch feststellen, was erreicht (eher noch - nicht erreicht) werden kann. Sie vermag wahrscheinlich im kreativen Bereich einige Anstöße zu bewirken (so wie Einstein immer den enormen Einfluss von Mach, Hume erwähnt hat, ohne die, wie er selber meinte, seine Ideen vielleicht verkümmert wären), sie wird aber durch methodologische Reflexion kaum erreichen, dass Theorien endgültig verworfen oder auch anerkannt werden.

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« Letzte Änderung: 07. Februar 2013, 04.38 Uhr von orzifar »
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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #13 am: 07. Februar 2013, 08.44 Uhr »
Du klingst wie ein Hardcore-Popperianer, der seinen Propheten ein wenig missverstanden hat: Popper hatte mit seiner Falsifikation das Abgrenzungskriterium im Auge (wann ist eine Theorie wissenschaftlich zu nennen?), keinesfalls aber kann über Wahrheit oder Falschheit mit einer der beiden Methoden endgültig entschieden werden (auch nicht über die Falschheit!).

- Popper ist nicht der Einzige, der sich mit Falsifikation beschäftigt hat (für die moderne Evolutionstheorie würdest Du ja auch nicht nur Darwin zu Rate ziehen). Siehe z.B. Lakatos.
- Wahrheit kommt in der Naturwissenschaft nicht vor. Das ist was für Philosophen.  >:D
- Ich benutze die Falsifikation um auf meinem Gebiet Hypothesen "kaputtzutesten".

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Re: Rudolf Carnap: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaft
« Antwort #14 am: 07. Februar 2013, 18.01 Uhr »
- Popper ist nicht der Einzige, der sich mit Falsifikation beschäftigt hat (für die moderne Evolutionstheorie würdest Du ja auch nicht nur Darwin zu Rate ziehen). Siehe z.B. Lakatos.

Lakatos' Ansatz als "Weiterentwicklung des Falsifikationismus" zu betrachten hatte er für sich exklusiv ;). Im übrigen sind die Ansätze von Kuhn, Lakatos oder Feyerabend eher weniger aktuell als die Popperschen Entwürfe. Ein Teil der Kritik von Lakatos ist im übrigen deckungsgleich mit meinem vorherigen Posting; dieser Widerlegung des "naiven" Falsifikationismus hätte es kaum bedurft, da sich ohnehin niemand daran gehalten hat.

- Wahrheit kommt in der Naturwissenschaft nicht vor. Das ist was für Philosophen.  >:D
- Ich benutze die Falsifikation um auf meinem Gebiet Hypothesen "kaputtzutesten".

Ist der Ausspruch von Lakatos oder von dir? Wobei das selbstredend Unsinn ist. Ohne das korrigierende Regulativ der Wahrheit kannst du gar nichts "kaputtesten" - du kannst nicht mal testen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Wahrheitstheorie du in Anspruch nimmst: Für Lakatos (der den Wahrheitsbegriff keineswegs abgelehnt hat) wäre wohl eine Art erweiterte Kohärenztheorie das entsprechende (da er Theorien immer im Zusammenhang mit anderen Theorien betrachtet).

Jedes wissenschaftliche, philosophische Tun, jedes Denken, Schreiben, Argumentieren (auch hier im Forum) setzt den Wahrheitsbegriff voraus. Von Wahrheit kann ohne Anerkennung des Begriffs gar nicht gesprochen werden. Man kann mit solchen Ansätzen wie dem Ausspruch "Es gibt keine Wahrheit", der ja scheinbar sich selbst widerspricht, weil er den Anspruch erhebt, wahr zu sein, obwohl er diese Wahrheit negiert, tatsächlich gar nichts beweisen. Denn dieser formal richtige Schluss erklärt etwas als "wahr" (und anerkennt also diesen Begriff), was zuvor als Voraussetzung abgelehnt wurde.

Jedes Urteil setzt den Begriff der Wahrheit voraus, alle Logik ist nur durch die (stillschweigende) vorhergehende Anerkennung dieser "Wahrheit" möglich. Was diese flapsige Ablehnung des Begriffs für Naturwissenschaften anziehend macht, ist die Verwechslung von Wahrheit und Gewissheit, von der Tatsache, dass induktives Wissen niemals gewiss wahr sein kann. (Es kann allerdings wahr sein, nur wissen wir es nicht mit Bestimmtheit.) Allerdings könnte kein Naturwissenschaftler irgendein sinnvolles Experiment durchführen oder auswerten, ohne (explizit oder implizit) dieses korrigierende Wahrheitsregulativ in Anspruch zu nehmen. Und es ist auch offenkundig, dass das jeder tut. Wie vorhin gezeigt: Sogar wenn er es ablehnt.

lg

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