Autor Thema: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...  (Gelesen 8218 mal)

Offline sandhofer

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #15 am: 26. November 2011, 18.12 Uhr »
Ja, aber es gibt das Rettende auch ;). Die Tröstungen der Vernunft, die Sehnsucht, das Bestreben der Menschen, das manchmal gelingt, mit sich ins Reine zu kommen, mit sich eins zu werden... Auslöser für die „rätselhafte“ kleistische Heiterkeit.

Nun ja - die Heiterkeit, die auch Warten auf Dodot eignet. Bestenfalls. Ich sehe allerdings kaum eine Heiterkeit bei Kleist. Am Ende der Schroffensteins sind alle Kinder tot. Im Zerbrochenen Krug wird Eve beinahe kaputt gemacht. Man sage mir nicht, dass Eve nach dem Prozess den Rüpel Ruprecht wirklich noch zu lieben vermöchte. Aber Kleist bricht hier ab. Amphitryon muss den von Zeus gezeugten Bankert wohl oder übel akzeptieren. So ganz wohl wird ihm nicht dabei gewesen sein. Penthesilea - wie schon geschrieben. Das Käthchen von Heilbronn entpuppt sich ebenfalls als - nachträglich und im letzten Moment erst - legitimierter Bankert. Der Michael Kohlhaas ist der Prototyp des unrecht Behandelten, der zur Selbstjustiz greift und in dieser über seine legitimen Anfangsgründe hinaus sich selber schuldig macht. Die Marquise wird vergewaltigt, geschwängert und muss/will ihren Peiniger gar noch heiraten. Im Bettelweib von Locarno verbrennt sich einer selber. Auch in der Verlobung auf St. Domingo stirbt ein Liebespaar im Mord/Selbstmord, getäuscht durch sich und andere. Der Prinz Friedrich von Homburg kann sich nur retten durch die Erklärung, alles sei ein Traum gewesen. Auch er wird ja beinahe füsiliert.

"Heiter"  würde ich persönlich anders definieren ...  ;)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #16 am: 27. November 2011, 16.55 Uhr »

Das ist in der Tat eine beeindruckende Liste von unhappy endings! Und doch: In keiner der kleistischen Geschichten geht alles nur den Bach runter, keine endet in völliger Trostlosigkeit wie die Stücke des absurden Theaters oder andere Werke der Moderne (Kafkas Prozess, Verwandlung etwa) Da geht Kleist nicht so weit wie die Moderne -  oder er geht über sie hinaus. Es gibt bei  ihm bei allem Unglück, aller Destruktivität eben auch Gegen- und Heilkräftiges.
Ja, in seinem finsteren Erstling, den Schroffensteins, sind zum Schluss alle Kinder tot, aber die Liebe von Agnes und Ottokar setzt der Familientradition aus Argwohn, Grausamkeit und Hass ein Ende, führt letztlich, wenn auch (zu) spät, zur Versöhnung der Familienzweige.
Der zerbrochene Krug ist ein analytisches Drama, das aufklärt, Licht ins Dunkel der die Menschen knechtenden Machenschaften bringt. Dem falschen Richter wird das Handwerk gelegt. Ja, Eve wird ihren Ruprecht, der in seiner Engstirnigkeit entlarvt wird, wahrscheinlich nicht mehr lieben können, aber sie wird auch nicht mehr erpressbar und manipulierbar sein.
Käthchen, ganz Hingabe, trägt über Falschheit und Berechnung den Sieg davon.
Von Michael Kohlhaas, dessen Rechtsgefühl… einer Goldwaage glich, heißt es : …mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigene Brust nunmehr in Ordnung zu sehen. Das ist am Wendepunkt der Erzählung, nachdem K. Willkür und Unrecht erlitten, seinen unverhältnismäßigen Rachefeldzug aber noch nicht begonnen hat, gleichwohl aber entschlossen ist, das Unrecht nicht hinzunehmen und auf sich beruhen zu lassen. Er erreicht ja auch im Endeffekt die Verurteilung des Junkers und nimmt sein eigene wegen Landfriedensbruchs als gerechte Strafe an.
Auch die Marquise findet  in dem Moment , in dem sie sich über den Zustand des Erleidens erhebt und beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich mit Stolz gegen die Fährnisse der Welt zu rüsten, zu Ruhe, Gelassenheit, ja Heiterkeit und findet  sogar die Kraft zu dem sie kompromitierenden und der Lächerlichkeit preisgebenden Schritt, um ihr Leben in Ordnung zu bringen.
Ja, in der Verlobung von Santo Domingo stirbt das Liebespaar, aber nicht bevor sich Toni, das fünfzehnjährige Mestizenmädchen kraft ihrer Liebe und ihres Willens über die schier unüberwindlich scheinenden Gegensätze erhoben und  einer unmenschlichen mörderischen Umwelt getrotzt hat …

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. …..
…..möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich…


Die bekannten Zeilen Kleists aus dem Abschiedsrief an seine Schwester. Ich glaube, dass die angesprochene  „Heiterkeit“ eine ähnliche ist wie die schon in seinem Werk aufscheinende, auch wenn sie hier mit Selbstzerstörung einhergeht.

Offline Sir Thomas

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #17 am: 29. November 2011, 11.14 Uhr »
Hallo orzifar,

meine "Marquise ..." ist soeben eingetroffen. Ich werde gegen Abend mit der Lektüre beginnen.

LG

Tom

Offline orzifar

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #18 am: 29. November 2011, 13.23 Uhr »
Hallo,

in Ordnung, auch ich werde heute abend mit der Marquise beginnen. Bin schon gespannt, ob ich Gontscharows Begeisterung ob des Sprachbrückenbaus teilen kann.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Die Welt der Guermantes
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
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Robert M. Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens.
Bert Hölldobler, Edward O. Wilson: Auf den Spuren der Ameisen
Stefan Weinfurter u. a.: Die Welt der Rituale: Von der Antike bis heute
Frank Trentmann: Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute
Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
Vernor Vinge: Eine Tiefe am Himmel
Andrew Hodges: Alan Turing, Enigma

Offline klara ka

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #19 am: 06. Januar 2012, 11.08 Uhr »
Ich war im letzten Jahr in Berlin in der  Ausstellung zum Kleist-Jahr 2011. Mir hat sie sehr gut gefallen. Wer also noch nicht da war und sie sich anschauen möcht, der hat noch bis Ende Januar 2012 eine Chance.

Klara

Offline sandhofer

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Re: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists ...
« Antwort #20 am: 06. Januar 2012, 12.46 Uhr »
Danke für den Link - und nachträglich noch Willkommen alldahier!
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus