Autor Thema: Sylvia Plath: Die Glasglocke  (Gelesen 3536 mal)

Offline mombour

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Sylvia Plath: Die Glasglocke
« am: 15. März 2011, 14.13 Uhr »
Die Glasglocke, Roman

Hallo,

Die Lyrikerin Sylvia Plath schrieb diesen Roman einer Depression, bevor sie selbst ihr junges Leben nahm. Der Roman ist an ihrer Biografie orientiert und blickt zurück in das Jahr 1953, als die erfolgreiche Collegestudentin Esther Greenwood einen Literaturwettbewerb gewinnt und bei einer Modezeitschrift ein mehrwöchiges Volontariat beginnen kann. Viele Collegemädchen sind neidisch. Sie ist eine von zwölf, Esther, vom Lande kommend, ihr nun eine ereignisreiche Zeit bevorsteht. Doch ihr scheint der Aufenthalt in der großen Stadt, das lustige Partyleben, die Arbeit, nicht zubekommen. Schon zu Romanbeginn lesen wir:
Zitat von: Sylvia Plath
Ich wußte, irgend etwas stimmte in diesem Sommer nicht mit mir, denn andauernd mußte ich an die Rosenbergs denken und daran, wie dumm es von mir gewesen war, all die unbequemen teuren Kleider zu kaufen,...

Zu Beginn sicherlich erfreut auf der Erfolgsschiene zu sein, kann sie mit dem New York-Glamour doch nichts anfangen, und die Rosenbergs kommen auf den elektrischen Stuhl. Ja, „es war ein verrückter, schwüler Sommer.“ Den Roman mit der Todesstrafe in schwülhitziger Atmosphäre zu beginnen ist sehr treffend, weil Esther im Zuge ihrer Depression von Selbstmordgedanken – und versuchen selbst geplagt wird, schießlich unter psychiatrischer Aufsicht landet. Doch bis dahin schreitet sie einen Weg der Teilnahmslosigkeit. Der Trubel mit ihren Freundinnen, geht an ihr vorbei. Bei einem Diner vergiftet sie sich an Krabben und erbricht bis zur Bewusstlosigkeit. Für mich eine Metapher, dass sie wirklich ihr Leben zum Kotzen findet. In ihrer Lebenssituation ist sie am falschen Ort. Zumal sie auch pendelt zwischen dem Wunsch einer Männerbeziehung und Ablehnung, Männer letzten Endes ohne hinterbliebenden Eindruck an ihr vorüberziehen. Sie fühlt sich sehr einsam unter vielen Menschen.

Sylvia Plath gelingt es sehr gut, darzustellen, wie sich die Depression allmählich in Esthers Leben  einschleicht. Auch ich als Leser, habe es auch erst im Nachhinein gemerkt, dass sich dort irgendetwas mulmiges einschleicht. Lese man das Buch also behutsam, lasse man sich nicht  durch Leichtlesbarkeit zum rasanten Lesetempo verleiten.  Am Verhalten der Esther Greenwood merkt man, das mit ihr etwas nicht stimmt, sie in etwas hereinrutscht, was nicht aufzuhalten ist. Dieses hat Sylvia Plath wunderbar gezeichnet.

Die Ziellosigkeit, das Verlorensein im Leben wird in der Metapher des Feigenbaums erzählt.
Zitat von: Sylvia Plath
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte...

Eingezwängt wie ein totes Baby in der Glasglocke  erscheint das Leben wie ein böser Traum (frei nach Seite 247, Bibliothek Suhrkamp).

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re:Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #1 am: 19. März 2011, 19.18 Uhr »
Hallo!

Ich kenne Sylvia Plath nur mittelbar durch A. Alvarez Studie über den Selbstmord: Der grausame Gott. Seit damals trage ich mich mit dem Gedanken, die "Glasglocke" zu lesen, war aber nie so ganz überzeugt davon, ob sich dies auch lohnen würde. Die Unsicherheit bleibt bestehen ;).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #2 am: 23. März 2011, 13.09 Uhr »
Hallo!

Die Glasglocke kenne ich (noch) nicht. Plaths Kurzgeschichten mochte ich sehr. Ich glaube, man tut Plath Unrecht, wenn man sie auf Feminismus und/oder Suizid reduziert ...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

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Re:Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #3 am: 23. März 2011, 15.26 Uhr »
Das Beste sollen ja ihre Gedichte sein. Sie ist Lyrikerin.  ;)
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Offline finsbury

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Re:Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #4 am: 25. April 2011, 15.47 Uhr »
Hallo,

mombours  Stellungnahme klingt nach schleichend sich zu erkennen gebender schwerer Kost, aber interessant: Ich habe diesen Roman auch im Regal und werde ihn aus obigen Gründen dann lieber im Sommer oder Frühling lesen als im November und danach.

finsbury

Offline Lauterbach

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Re: Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #5 am: 05. Januar 2015, 20.20 Uhr »
Als schwere Kost habe ich die "Glasglocke" nicht empfunden, für mich war das eine sehr
treffende Erzählung über eine sich einschleichende Depression, etwas was m.E. schwierig
zu beschreiben ist, ohne in Effekthascherei oder Banalität zu versinken. Und das tut sie
hier sicherlich nicht.
Für mich ein wirklich ausgezeichnetes Werk über ein schwierig darzustellendes Thema.

Gruß, Lauterbach

Offline orzifar

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Re:Sylvia Plath: Die Glasglocke
« Antwort #6 am: 05. Januar 2015, 22.55 Uhr »
Hallo!

mombours  Stellungnahme klingt nach schleichend sich zu erkennen gebender schwerer Kost, aber interessant: Ich habe diesen Roman auch im Regal und werde ihn aus obigen Gründen dann lieber im Sommer oder Frühling lesen als im November und danach.

Die meisten Selbstmorde (Plath gehört ja auch zu dieser Riege) passieren im Frühjahr - und nicht, wie man vermuten würde, im November. (Die Erklärung, die man dafür gefunden hat: Depressive Menschen verspüren angesichts der ausbrechenden Fröhlichkeit und Leichtigkeit des Frühjahrs ihre eigene Traurigkeit umso stärker.)  Also - sofern du das Buch noch nicht gelesen hast: Auch depressive Spätherbsttage sind für die Lektüre geeignet.

lg

orzifar
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