Autor Thema: Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht  (Gelesen 5047 mal)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 572
Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« am: 30. Juni 2010, 00.27 Uhr »
Hallo!

In einem sarkastischen, lakonischen Ton beschreibt der Ich-Erzähler sein Leben in Kriegszeiten - und gerade dieser Tonfall ist es, der dem Buch die besondere Tragik verleiht. Celine scheint manchmal zu einer nonchalanten Betrachtungsweise zu verführen, indem er spöttelt, ironisiert, um im nächsten Augenblick durch die Schilderung ungeheurer, aber wie selbstverständlich wirkender Brutalitäten den Leser zu ernüchtern. Die Sprache, die, auf jedes Pathos verzichtend, von den größten Ungeheuerlichkeiten erzählt wie in einer leichten Abendunterhaltung, macht aus dem Buch eine beklemmende, verstörende Lektüre, die ihresgleichen sucht. Das Selbstverständliche und doch Unerträgliche des Grauens, die ganze Unmenschlichkeit von Krieg und Patriotismus, all die hohlen Phrasen spiegeln sich im Denken der Hauptfigur Bardamu, der nichts wünscht als zu überleben, der das Perverse diese Schlächtereien nie und nirgendwo vergessen kann, die Unsinnigkeit eines Krieges, der mit Bardumus Leben, seinen Wünschen, seinen Träumen nichts zu tun hat, der ein Krieg der Mächtigen ist, die auf dem Altar der patriotischen Phraseologie v. a. die Armen opfern.

Ein wenig erinnert der Roman an Remarques "Im Westen nichts Neues" (schon thematisch drängt sich dieser Vergleich auf). Doch der Tonfall des Erzählens, die Balance zwischen Sarkasmus und der abgrundtiefen Angst desjenigen, der einfach nur zu leben wünscht ist das Besondere, dasjenige, das dieses Buch weit über vergleichbare Werke stellt. Eine Abrechnung mit Autoritätsglauben, mit der Macht, die immer nur auf Kosten der Unterprivilegierten agiert und ihre Spiele treibt, eine große Anklage gegen den Krieg und jene Personen, die für diese generalstabsmäßig geplanten Schlächtereien verantwortlich sind. Einen Gymnasialprofessor für Geschichte lässt er räsonieren über die Ergebnislosigkeit und Unsinnigkeit jedweden Todes im Krieg, über die unzähligen Erstochenen, Erschossenen, Verhungerten dieser Auseinandersetzungen, von Menschen, die nichts weiter gewünscht hatte als ein klein wenig zu leben. Die Perversion der Religionskriege wird durch die nationalen Kriege abgelöst: "Die Anbetung der Fahne ersetzte prompt die des Himmels, diese alte, schon von der Reformation geschwächte Wolke, die sich längst in die Sparschweine der Bischöfe abgeregnet hat."

Das Eigenartige bei Celine, der hier als ein großer Verächter des Krieges und der Macht auftritt: Seine Affinität zum Nationalsozialismus, sein Antisemitismus, der sich in zahlreichen Pamphleten geäußert hat, seine Kollaboration mit den deutschen Besetzern im Zweiten Weltkrieg, wegen der er in Abwesenheit verurteilt wurde und erst nach der allgemeinen Amnestie heimkehrte. Ich kenne Celines Leben nur in groben Umrissen, aber es scheint voller Paradoxien: 1932 veröffentlicht er dieses Antikriegsbuch par excellence, findet dann im Nationalsozialismus seine geistige Heimat, um nach seiner Rückkehr nach Frankreich bis zu seinem Tode als Armenarzt zu arbeiten. Kuriosität am Rande: Des späteren Antisemiten Buch wurde 1932 von Isak Grünberg übersetzt, konnte nach der Machtübernahme Hitlers zuerst gar nicht, dann nur gekürzt und geändert erscheinen, da seine Antikriegshaltung den Machthabern suspekt war. Dies einem Autor, der später unverhohlen mit den Nazis sympathiesierte.

Die neue Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel wird gerühmt und, ohne das Original zu kennen, scheint dieses Lob berechtigt zu sein. Durchgängig in einer faszinierenden, eingängigen Sprache geschrieben, die den Roman auch zu einem deutschen Kunstwerk macht.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
------------------------------------------------------
Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Christophe Galfard: Das Universum in deiner Hand

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 4 704
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #1 am: 01. Juli 2010, 20.25 Uhr »
Ich habe um Céline, wie um Doderer, bisher einen Bogen gemacht. Vielleicht sollte ich doch mal ...

(Aber nicht mehr dieses Jahr!  ;))
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 572
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #2 am: 02. Juli 2010, 02.09 Uhr »
Ich habe um Céline, wie um Doderer, bisher einen Bogen gemacht. Vielleicht sollte ich doch mal ...

Naja, Doderer gehört zum Besten, was die deutsche Literatur überhaupt hervorgebracht hat. Und ausgerechnet du, der du das Flair des Alten (Jungen) Wien zu mögen scheinst, müsste etwa die Strudlhofstiege gefallen wie kaum ein anderes Buch (wobei es selbstverständlich auch weit darüber hinaus gehende Qualitäten hat). Doderer mag nicht besonders sympathisch gewesen sein (wobei: Mit Th. Mann kann er es allemal aufnehmen ;)).

Celine muss als Mensch allerdings wirklich ein Sonderbarlichkeit gewesen sein. Philip Roth wird im Nachwort zitiert: "Mein Proust in Frankreich, das ist Celine. Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane."

Über Doderer weiß ich biographisch wesentlich besser Bescheid. Ein Nationalsozialist war er wohl anfangs aus pragmatischen Gründen (er hat ähnlich, wenn auch als unbekannterer Literat agiert wie Th. Mann, indem er sich einfach den deutschen Markt für seine Bücher offenhalten wollte, woraus dann wohl seine niederige NS-Mitgliedsnummer resultierte). Sein Katholizismus war so gut wie nicht vorhanden (ganz im Gegenteil zu K. Kraus, der da ja höchst seltsame Ansichten sein eigen nannte), dafür hatte er wohl einen Adelstick. Verheiratet war Doderer mit einer Jüdin (dem Fräulein Siebenschein aus der Strudlhofstiege), gerade hier aber ließ er sich Unverzeihliches zu Schulden kommen: Er hat sie nämlich beinahe (aus Nachlässigkeit oder Ignoranz) dem Tod ausgeliefert, indem er als ihr ehemaliger Mann irgendwelche Papiere nicht unterzeichnete, die ihr zur Flucht aus dem bereits besetzten Österreich verholfen hätten. Zu Doderer gibt's im übrigen eine der besten Biographien, die ich je gelesen habe: W. Fleischer: Das verleugnete Leben.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
------------------------------------------------------
Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Christophe Galfard: Das Universum in deiner Hand

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 572
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #3 am: 16. Juli 2010, 20.17 Uhr »
Hallo!

So, nun mit dem Céline durch. Und - auch wenn das Buch in der zweiten Hälfte kleine Schwächen hat - eine absolute Empfehlung. Wer des Französischen mächtig ist (zumindest die Sprache besser beherrscht als ich, der ich bestenfalls dem Inhalt folgen, keinesfalls aber die sprachlichen Feinheiten würdigen könnte) sollte die Reise im Original lesen. Wenngleich ich - wie schon erwähnt - auch die Übersetzung für ausgezeichnet halte (v. Hinrich Schmidt-Henkel, 2004, Rowohlt Verlag).

Manchmal erinnert der Stil an Salinger, eine der Umgangssprache angenäherte, aber sehr genaue Sprache. Dann wieder Stilbrüche (im positiven Sinn), Hochsprache, wunderbare Be- und Umschreibungen, herrliche Metaphern. Viel Humor, noch mehr Ironie, absolute Rücksichtslosigkeit. Die Hauptfigur ist ein alter ego des Autors, selbstverständlich mit den künstlerischen Freiheiten des Literaten versehen und nicht in eins zu setzen. Dennoch meint man in vielen Passagen die Authentizität zu spüren, eine Wahrhaftigkeit, die ganz sicher - auch - dadurch bewirkt wird, dass Céline einen Blick in seine eigenen Abgründe tut und ohne Schonung sehr viel Unappetitliches (allerdings sehr Menschliches) zutage fördert (übrigens habe ich im gesamten Roman keine einzige antisemitische Anspielung entdeckt und es als sehr angenehm empfunden, mit seinen späteren Abstrusitäten verschont zu bleiben).

Zum Inhalt: Bardamu erfährt die Schrecken des Ersten Weltkrieges, geht anschließend wegen Kriegsuntauglichkeit nach einer Verletzung nach Afrika, um dort mit der Grausamkeit des Kolonialwesens konfrontiert zu werden, wird nach Amerika verkauft, um schließlich nach Frankreich zurückzukommen und zuerst als Armenarzt, dann in einer Irrenanstalt tätig zu sein. Das gesamte Buch ist eine schonunglslose Darstellung von Grausamkeit, Unterdrückung, Egoismus, Brutalität, ohne aber spekulativ zu wirken; nirgendwo hat man das Gefühl, dass diese Ungeheuerlichkeiten bloß um ihrer selbst willen beschrieben würden, um Skandal zu machen (auch wenn das Buch für die damalige Zeit tatsächlich revolutionär war) oder gar den Verkaufserfolg zu befördern. Im Gegenteil: Manchmal entsteht der Eindruck, als ob Ironie und Sarkasmus für Céline notwendig gewesen wären, um diese Darstellung durchzuhalten.

Es ist ein hoffnungsloses Buch, es gibt nur kleinere oder größere Egoismen, eine riesige Armee von Armen, welche schon durch ihre Herkunft zu einem moralisch zweifelhaften Dasein gezwungen werden. Zwischen Unterdrückung und Geldgier bewegt sich ihr Leben, von Leidenschaften zerrissen und immer unglücklich.

Im alter ego der Hauptfigur (eine Art Schatten des Schattens des Autors), Leon Robinson, wird dieses gesamte Unglück verkörpert. Robinson ist überall dort, wo auch Bardamu auftaucht, im Krieg und in Afrika, in Amerika und schließlich in der Irrenanstalt. Ein hauptberuflicher Misanthrop, missmutig aus Prinzip, einer, der nichts wünscht bzw. der mit dem dann jeweils Erreichten so unglücklich ist als zuvor. Er besitzt kaum Leidenschaften (und unterscheidet sich dadurch von Bardamu), sondern verkörpert eine Art "wunschloses Unglück". Die Liebe wird ihm schließlich zum Verhängnis, nicht die eigene (eine solche zu empfinden gelingt ihm kaum), sondern die fanatische Hingabe Madelons, die aber den Namen Liebe wiederum nicht verdient: Ein egoistisches, fanatisches Gefühl um seiner selbst willen, Inszenierung der Sentimentalität. Mit dem Mord endet der Roman - und selbst hier gelingt es Céline, das Geschehen folgerichtig erscheinen zu lassen, nicht als bloße Notwendigkeit eines Abschlusses.

Von einigen Längen im zweiten Teil abgesehen ein großartiger Roman, eine Fundgrube an Zitaten für den Misanthropen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
------------------------------------------------------
Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Christophe Galfard: Das Universum in deiner Hand

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #4 am: 20. Juli 2010, 21.51 Uhr »

Deine Rezension würde mich sofort zum Buch greifen lassen, - wenn ich es nicht vor Jahren schon gelesen hätte.

Dennoch meint man in vielen Passagen die Authentizität zu spüren, eine Wahrhaftigkeit, die ganz sicher - auch - dadurch bewirkt wird, dass Céline einen Blick in seine eigenen Abgründe tut und ohne Schonung sehr viel Unappetitliches (allerdings sehr Menschliches) zutage fördert... .

Ja, du bringst es auf den Punkt. Das ist (auch) für mich das Faszinosum des Buches.

Das gesamte Buch ist eine schonunglslose Darstellung von Grausamkeit, Unterdrückung, Egoismus, Brutalität ...;
Es ist ein hoffnungsloses Buch...

Trotzdem macht es seinen Leser glücklich, woran liegt das nur?

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 572
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #5 am: 20. Juli 2010, 22.30 Uhr »

Trotzdem macht es seinen Leser glücklich, woran liegt das nur?

Teilweise hat es natürlich was Kurioses, wenn einem so grausame, bedrückende Bücher gefallen (auch eines dieser Art ist "Der Krieg am Ende der Welt" von Vargas Llosa). Andererseits geht es natürlich nicht um Inhalte, nicht um beschriebene Glückseligkeit, rosa Wolken - es geht überhaupt nicht vordergründig um Handlung (mir zumindest nicht - und dir wahrscheinlich auch nicht). Sondern um das Wie der Darstellung, um die Genauigkeit der Beschreibung (wobei das Beschriebene selbst zweitrangig ist), um die metaphorische Ausgestaltung von Beweggründen, Gefühlen (wie bei Proust oder Doderer, man liest, hält inne, "ja, genau so", das Bild vermag ob seiner Genauigkeit ein Gefühl im Leser zu evozieren). Und natürlich auch um vieles andere, Kunstgriffe, Eleganz der Sprache (bei Th. Mann), die Eindrücklichkeit einer Gesamtkonzeption wie bei Kafka, um die (gelungene) künstlerische Funktion von Einzelheiten und und und ...

Aber es geht eben nicht um Inhalte, es geht nicht um Grausamkeit, Brutalität, Sexualität, Glückseligkeit oder Liebe, sondern ob es dem Autor gelingt, all dies in ein Gesamtkonzept zu integrieren, das plausibel erscheint, das diese Dinge nicht zur Effekthascherei benutzt, sondern in einem authentische Kontext präsentiert. (So nebenher: Mir fallen mehr grausame, traurige, bedrückende Bücher ein, die mir Eindruck gemacht haben als solche, die das Glück paraphrasierten. Wie es wohl auch leichter ist, einen Bösewicht zu beschreiben (und zu spielen) als eine Unschuld. Was vielleicht ein zweifelhaftes Licht auf unsere Welt wirft.)

Oder so ;) - weil mit Überlegungen zu diesem Thema sich problemlos Bibliotheken füllen ließen.

lg

orzifar

Nachsatz: In den "Spielregeln zum Forum" hat Sandhofer unter "was wir nicht wollen" die Passage "Teilnehmer, die in ihrer Lektüre nur Spannung suchen oder die Identifikation mit den Protagonisten. Das mag eine legitime Haltung bei der Lektüre sein; einer Diskussion ist das nicht förderlich." aufgenommen - und ich habe, weil ich mich auch weit weniger als er in Literaturforen bewege, diesen Passus anfangs gar nicht verstanden. Erst mit der Zeit ist mir aufgegangen, dass diese Zeile durchaus Sinn hat, das sie tatsächlich das Leseverhalten vieler beschreibt. Deshalb würde Céline so manchem dieser Leser nicht gefallen.
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
------------------------------------------------------
Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Christophe Galfard: Das Universum in deiner Hand

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2 572
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #6 am: 20. Juli 2010, 22.55 Uhr »
Außerdem: Gerade Identifikation gelingt bei Célines Buch nicht. Oder wider Willen ;). Bardamu (und der Rest des Personals) verhalten sich nicht gerade moralisch, er ist an einem Mord beteiligt bzw. deckt die Mörder, ohne großartige Reflexionen anzustellen. Er nimmt dies hin, es ist ein Teil des Lebens, zu dem er gehört. Aber: Er ist kein großartiger Bösewicht, auch kein moralischer Mörder (wie etwa Raskolnikoff oder auch Rogoshin, wie überhaupt bei Dostojewski fast alle Bösewichte (Smerdjakow ausgenommen?) ein moralinsaures Getue an den Tag legen). Andererseits ist es gerade diese Ehrlichkeit der Figur Bardamu, die anzieht, großartig ist: Denn ob wir uns nun identifizieren wollen oder nicht - Bardamu trägt eine derart authentische Form der Unmoral zur Schau, das wir die Nähe zu unserer eigenen Feigheit, Verkommenheit etc. sehr viel besser spüren. Bardamu ist uns gerade durch diese Authentizität nahe, er ist der Mörder (bzw. der Mittäter), der in uns steckt. (Raskolnikoffs Überlegungen mögen hingegen einem 16jährigen Sozialrevolutionär gut anstehen, das aber bleibt alsbald bloße Literatur.) Bardamu, das sind wir alle, und genau dies darzustellen, diese mediokre Bösartigkeit (wobei er ja ganz und gar keine bloß negative Figur ist: Es steckt auf viel Hochherzigkeit in ihm, manchmal Mut - noch mehr Feigheit) ist eine ganz große Kunst. Deshalb ist das Buch so wundervoll.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
------------------------------------------------------
Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Christophe Galfard: Das Universum in deiner Hand

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 595
Re:Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
« Antwort #7 am: 21. Juli 2010, 19.52 Uhr »
Mit allem, was du schreibst, bin ich vorbehaltlos einverstanden!

... dass wir die Nähe zu unserer eigenen Feigheit, Verkommenheit ... spüren...  und genau dies darzustellen, diese mediokre Bösartigkeit ...  ist eine ganz große Kunst.

Wie treffend! Mediokre Bösartigkeit... ja, die Darstellung tut fast weh, besonders sich selbst darin gespiegelt zu sehen! Aber gerade dieses Wiedererkennen, diese schonungslose Ehrlichkeit, mit der die existenziellen und gesellschaftlichen Ungeheuerlichkeiten dargestellt und benannt werden, sind das Positive allem Negativen zum Trotz. Denn nichts stimmt hoffnungsloser als Lügen, Schönreden, Verharmlosen, Schweigen, als dieses mehltauartige Du sollst nicht merken(Alice Miller), nichts ist trostloser, als wenn da Unrecht ist und keine Empörung (Brecht) oder der Mensch in seinem Schmerz verstummt.(Goethe)
Auf dem Cover meines alten zerlesenen Livre de Poche- Exemplars, das ich jetzt wieder hervorgeholt habe, wird das Buch so charakterisiert:
L'un des cris les plus farouches, les plus insoutenables que l'homme ait jamais poussé