Autor Thema: Letztes Jahr Martin Luther, dieses Jahr Karl Marx  (Gelesen 949 mal)

Offline sandhofer

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Letztes Jahr Martin Luther, dieses Jahr Karl Marx
« am: 09. Mai 2018, 18.34 Uhr »
Letztes Jahr wurden einem Bücher von und über Martin Luther nur so um die Ohren gehauen; dieses Jahr sind es Bücher von und über Karl Marx. Ich habe letztes Jahr die 95 Thesen gelesen. Dieses Jahr habe ich keine Lust...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Re: Letztes Jahr Martin Luther, dieses Jahr Karl Marx
« Antwort #1 am: 28. Dezember 2018, 20.34 Uhr »
2019 wird's wohl Fontane werden. Das gefällt mir immerhin schon bedeutend besser als Luther oder Marx...  :angel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Karamzin

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Re: Letztes Jahr Martin Luther, dieses Jahr Karl Marx
« Antwort #2 am: 31. Dezember 2018, 05.49 Uhr »
Nachdem ich schon einige Jahre in Berlin gelebt und bereits etliche "Märkische Wanderungen" hinter mir hatte, begann ich 1978 einen Roman Theodor Fontanes nach dem anderen zu lesen, die Erzählungen wie die Gedichte. Im gleichen Jahr 1978 erschien mit den "Märkischen Forschungen" Günter de Bruyns (geb. 1926, mithin 92 Jahre alt) ein kleines Werk, das es in sich hatte und die Zensur unterlief: ein etwas naiver Dorfschullehrer, der tiefschürfend den Spuren eines romantischen märkischen Dichters folgt, widerlegt die Konstruktionen eines sozialistischen Literaturprofessors, dem er sich nicht beugt, was damit bestraft wird, dass er nicht am Berliner germanistischen Akademie-Institut antreten darf, sondern wieder in sein märkisches Dorf zurückversetzt wird, wo er, für den offiziellen Kulturbetrieb ungefährlich geworden, weiterspinnen darf.


Das Frühjahr 1981 war für mich der Höhepunkt bei der Erkundung der Mark Brandenburg, die fast an jedem Wochenende und immer zu Fuß erfolgte - ich hatte nie ein Auto. Und Fontane ist, im Gegensatz zu Rousseau, Moritz oder Goethe, kaum zu Fuß gelaufen, sondern zumeist mit dem Fiaker oder der Droschke gefahren. Nicht jeder weiß hierzulande, dass die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" keine Märsche mit Knotenstock und Felleisen im Sinne der 2018 in der Nationalgalerie gezeigten Ausstellung "Wanderlust" sind, sondern Ausflüge in die Geschichte anhand der Quellenüberlieferung, etwa die der "Lehninschen Weissagung" - Kloster Lehnin bei Brandenburg,

- die Soldaten des sowjetischen Marschalls Iwan Konjew wunderten sich, dessen Erinnerungen zufolge, im April 1945 maßlos, dass ein Ort in der Nähe Berlins nach Lenin benannt worden sei.   

Die Landkarten konnten nicht ahnen lassen, dass mitunter am Waldesrand, etwa in der Nähe des Klosters "Wutz" (Lindow), eine Gruppe sowjetischer Soldaten mit Sprechfunkgerät an einem Busch versammelt saß. Mir ist da in all diesen Jahren vor 1994 nichts Unangenehmes passiert, auch wenn mich meine russischen Sprachkenntnisse verdächtig machten (Spion?). Wenn  man erst einmal den Chef der Gruppe angesprochen hatte, durfte man sich auch mit den einfachen Soldaten unterhalten und erfahren, ob sie aus Saratov oder aus Sverdlovsk stammten.
Wenn man im heutigen Land Brandenburg auf Offiziere aus Volkspolen traf, konnte es nicht selten passieren, dass diese - obwohl zumeist getaufte Katholiken - zuerst die protestantische Dorfkirche aufsuchen wollten, jedoch nicht hineinkamen, da diese zumeist tagsüber abgeschlossen sind.


Wenn man von Neuglobsow aus, wo der sozialdemokratische Feilenhauer Torgelow die Wahl gewonnen hatte (was waren das noch für Zeiten!) über den Stechlinsee blickte, sah man auf der anderen Seite die Betonbauten des Kernkraftwerkes Rheinsberg.

"Da ist die Kürche!" rief die Tante hugenottischer Abstammung  in "Schach von Wuthenow" aus, als die mittelalterliche Feldsteinkirche in Alt-Tempelhof sichtbar wurde. Es gibt sie heute noch, ganz in der Nähe ein Weiher mit ins Wasser hängenden Weidenzweigen. 

Mit Helmuth Nürnberger (1930-2017) hatte ich einst in Travemünde in der "Ostsee-Akademie"  eine Diskussionsrunde über die "Napoleonische Zeit im Roman" 1997 bestritten. Aus dem "Schach" ist wohl im nächsten Jahr nicht mehr herauszuholen, als wieder die Eingangsszene bei "Sala Tarone" (dort muss die Weinstube in der Nähe des Gendarmenmarktes gestanden haben!), denn ich werde es in Ermanglung eines Automobils nicht mehr so leicht schaffen, mich noch nach Schloß Paretz zu begeben, wo Königin Luise und König Friedrich Wilhelm III. den zaudernden Schach ermahnten, endlich die erwartete Standesehe einzugehen.

Ich werde "Vor dem Sturm" wieder lesen, wie vor mehr als zwanzig Jahren. Noch vor dem Fontane-Jahr war bereits mit der Fontane-Biographie von Regina Dieterle (Carl Hanser Verlag, München 2018, 832 Seiten) der erste "Ziegelstein" (russisch: kirpich) bewältigt.

In der Buchhandlung ist schon die nächste Biographie in Sichtweite: Iwan Michelangelo D'Aprile (welch ein Name!) der uns bisher vor allem als Aufklärungsforscher bekannt war. Gleich zwei Bücher über Fontane und die Frauen!

In dem Klassikerforum hatte es Leserunden zur "Stine" und "L'Adultera" gegeben, aber ich glaube kaum, dass sich jetzt das Lesen auf diese Weise synchronisieren lässt.

Jedenfalls eine überaus sympathische Erscheinung. Während wir im Schulunterricht 1972 in Erfurt über "Effi Briest" die Erkenntnis zu wiederholen hatten, dass Fontane mit den Vertretern des "Vierten Standes" die aufstrebende Arbeiterklasse (nicht mehr leidend, aber schon kämpfend, zumindest mit dem Mundwerk!) neue literarische Figuren in den Mittelpunkt rückte,
wurde mir die "Cecile" zum Lieblingsroman, kannte ich doch auch die Orte der Handlung im Ostharz (geheimnisvolles Forsthaus Todtenrode) und Harzvorland - "Hotel Zehnpfund" in Thale, Klopstockhaus in Quedlinburg, das "so grün" gewesen ist.

Und während zur gleichen Zeit nicht nur einer ganzen Generation von Oberschülern der "Schimmelreiter" Theodor Storms verleidet wurde - wer sich über das "Kollektiv" erhebt und Einzelgänger bleibt, muss untergehen! -  griff ich lieber zu "Aquis submersus", ohne jemals die Nordsee gesehen zu haben.

Beste Grüße zum Jahreswechsel - auch in die Heimat der Zeitgenossen Fontanes, Gottfried Keller und Adalbert Stifter.
« Letzte Änderung: 31. Dezember 2018, 06.10 Uhr von Karamzin »

Offline orzifar

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Re: Letztes Jahr Martin Luther, dieses Jahr Karl Marx
« Antwort #3 am: 09. Januar 2019, 07.29 Uhr »
Hallo,

ein wirklich schönes Sylvester/Neujahrsposting. Auch wenn ich Fontanes "Cecile" nicht ebensosehr schätze (ich habe mich vor ein paar Jahren durch fast den gesamten Fontane gewühlt - inklusive Nürnbergers Biographie (von Nürnbergers Tod wusste ich nicht)). Nur die "Wanderungen" liegen noch vor mir (und habe sie immer zurückgestellt in der Hoffnung, die Gegend zuvor noch kennenzulernen). Aber das wird wohl nichts mehr, ich reise nicht gerne (und je älter desto weniger).

Fontane ist m. E. (und ich meine das schon mehrmals erwähnt zu haben) ein Schriftsteller für das gesetzere Alter: Mit 16, 17 hielt ich ihn für langweilig und vermochte die Sprache so gar nicht zu schätzen; umso größer die Überraschung nach weiteren 10 Jahren, als ich die vermeintlich langweilige "Jenny Treibel" erneut zur Hand nahm und konstatieren musste, von dem Buch vorher rein gar nichts verstanden zu haben. Wobei der "Stechlin" wohl immer mein Liebling bleiben wird. Auf die Dieterle von dir aufmerksam gemacht werde ich jetzt mal in das "Familienbriefnetz" reinlesen. Wieder fast 1000 Seiten und überall stapeln sich zu lesende Bücher.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Sodom und Gomorra
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
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Richard Dawkins: Der erweiterte Phänotyp
Gerhard Vollmer: Was können wir wissen? Bd 2
Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.
Dieter Wunderlich: Sprachen der Welt
Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten.
Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach der Urzeit-Genen.
Terry Pratchett: Die Farben der Magie