Autor Thema: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit  (Gelesen 2869 mal)

Offline orzifar

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Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« am: 21. Dezember 2012, 22.51 Uhr »
Hallo!

Ein ausnehmend informatives und ausgezeichnet zu lesendes Buch, das in der Hauptsache nicht jenen Positivismusstreit behandelt, der allgemein bekannt zwischen Adorno und Popper stattfand, sondern besonderes Augenmerk auf die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis legt (zwei Drittel des Buches sind diesem Konflikt gewidmet).

Dieser Streit begann anlässlich eines polemischen Artikels Horkheimers im Jahr 1937, nachdem zuvor sogar Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausgelotet wurden. Inwieweit Dahms Darstellung vorurteilsfrei und objektiv ist, kann ich nicht beurteilen, allerdings zeugen seine Ausführungen zumindest von einer profunden Kenntnis der Materie. Und sie sind - in nuce - ein Grund für meine Abneigung gegenüber der Kritischen Theorie und seiner Vertreter (v. a. Adornos und Horkheimers), an deren philosophischer Redlichkeit ich meinte schon öfter zweifeln zu müssen. Das, was Dahms beschreibt, entspricht diesem Bild: Man kritisiert, ohne auch nur Texte zu kennen, man versteckt sich hinter Wortkaskaden bzw. kritisiert den Lösungsansatz zu einem Problem ohne sich mit dessen Voraussetzungen zu beschäftigen oder gar selbst eine Lösung vorzuschlagen.

So wird etwa Adornos Kritik am Logizismus beschrieben, die von einer völligen Unkenntnis der Probleme (und Lösungsansätze) zeugt, Adorno, der von Russel einzig (ein noch dazu fehlinterpretiertes) Antinomieproblem kennt (die Principia mathematica hat er nachweislich nicht gelesen) und aufgrund dessen die gesamte Logik als fehlerhaft nachzuweisen versucht. Ein eigenartiges Sammelsurium von Unkenntnis und Verdrehungen: Man zählt - staunend vernimmt's der anbetroff'ne Chef - Jaspers den Positivisten zu, auch in Teilen Heidegger, obwohl man diesen zu loben versucht dort, wo er vom Wiener Kreis angegriffen wird, man ortet der versucht objektiven Grundhaltung wegen politische Indifferenz, Unterstützung eines bürgerlichen Liberalismus oder den Mangel an ethischer Letztbegründung (der natürlich auch von der Frankfurter Schule nicht behoben wurde) - kurz, man äußert sich wortreich über Dinge, die man nicht verstanden hat oder man gerne in eine bestimmte Ecke drängen würde (es wurde etwa auch eine Naheverhältnis zur faschistischen Ideologie zu konstruieren versucht, im Grunde deshalb, weil im Kreis die hegelsche, dialektische Geschichtsauffasung mit Recht als metaphysisches Konstrukt aufgefasst wurde).

Eine Stelle in Dahms Buch erinnerte mich stark an Diskussionen über die Frankfurter Schule: "Sie (die materialistische Dialektik) soll einerseits offenbar einen zentralen Stellenwert bekommen und wird deshalb verschiedentlich geradezu beschworen. Andererseits wird doch völlig darauf verzichtet, wenigstens im Umriß anzugeben, was man sich darunter vorzustellen habe." Genau so habe ich dies immer wieder erlebt (im übrigen noch stärker bei Vertretern des Poststrukturalismus): Man bedient sich einer Begrifflichkeit, die der Bedeutung ermangelt oder aber von Fall zu Fall divergierend gebraucht wird. Macht man darauf aufmerksam, so wird diese Unterschiedlichkeit zum Prinzip erhoben, will man eine Erklärung, Definition, muss man sich den Begriff dialektisch prozessual aneignen und außerdem seine geschichtliche Bedingtheit berücksichtigen. Insistiert man, bekommt man zur Antwort, dass "so einfach die Welt eben nicht sei", und dieser mangelnden Einfachheit wegen ist sie nur in fließenden, verschwommenen Termini zu beschreiben, wobei genau diese Terminologie die Personen von jedem Anspruch auf Klarheit und Präzision befreit. Und so wird schwadroniert und gefaselt und diese Schwammigkeit auf dem Altar der Dialektik zum Anbetungswürdigen. Denn alle Schwierigkeiten entheben nicht von der Verpflichtung, genau diese zu beheben zu versuchen, in das Komplizierte Klarheit zu bringen. Das mag misslingen, sollte aber Richtschnur für alles Philosophieren sein. Sonst entsteht der - nicht unberechtigte - Eindruck, dass es hier keine Problem zu lösen gebe, sondern um den Wortschwall an sich geht.

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 22. Dezember 2012, 19.46 Uhr von orzifar »
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Offline sandhofer

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #1 am: 22. Dezember 2012, 07.48 Uhr »
 ;D
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Offline orzifar

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #2 am: 26. Dezember 2012, 00.46 Uhr »
Hallo!

Ich habe nun etwas mehr als die Hälfte des Buches gelesen; die letzten Seiten über die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Pragmatismus waren zwar interessant zu lesen, aber - für mich - weniger spannend (da ich mit dieser Richtung nicht wirklich vertraut bin).

Zwei Bemerkungen in bezug auf Horkheimer erscheinen mir wichtig: Zum einen, dass er seine "dialektische Methode"  explizit nicht der Kritik unterziehen will (und eine solche Immunisierungsstrategie ist natürlich wissenschaftlich völlig inakzeptabel), zum anderen, dass er auf den Hinweis, sämtliche Positivisten würden sich politisch "anständig und korrekt" (besonders in bezug auf den Faschismus) verhalten, mit einer gewissen Verächtlichkeit meinte, dass ein solches Verhalten bloß Zufall sei, nicht aber in ihrer Philosophie begründet werden könne. (Eigenartigerweise hat er Heidegger dessen ganz offensichtliches Anbiedern bei den Nationalsozialisten niemals vorgehalten, vielleicht auch angesichts der Tatsache, dass trotz absoluter dialektischer Ergebenheit der gute Adorno einen Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumkammer gestellt hat (der natürlich abgelehnt wurde)).

Aber diese Haltung, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmen Richtung (Partei) wichtiger sein könne als das tatsächliche Verhalten, hat vieles der kommunistischen (oft erzwungenen) Duckmäuserei - etwa in der DDR - vorweggenommen: Nicht die Person in seiner individuellen Haltung, menschlich, human oder grausam, feige zählt, sondern die Tatsache, einer bestimmten "Richtung" anzugehören. Dabei scheint der Dezisionismus ohnehin die einzig mögliche Haltung in bezug auf ethische Fragen zu sein, da in dieser Hinsicht eine Letztbegründung noch sehr viel schwerer fällt als in der Epistemologie. Zwar mag man sich noch den moralischen Werten bestimmter Gruppen nahe fühlen, aber in genau dem Augenblick, in dem die Zugehörigkeit zur Gruppe über das tatsächliche Verhalten gestellt wird, ist der Unmoral Tür und Tor geöffnet.

Nun werde ich, nachdem Adornos Rolle im ersten Positivismusstreit noch genauer untersucht werden soll, bald zu des Streites zweitem Teil gelangen (der mir - wie wahrscheinlich jedem Studenten meiner Generation - sehr viel besser in Erinnerung ist).

In jedem Fall aber ein sehr informatives und kenntnisreiches Buch, das ich empfehlen kann.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #3 am: 26. Dezember 2012, 22.31 Uhr »
Hallo!

Was mir bei der Kritischen Theorie respektive ihren Vertretern immer so sehr auf die Nerven fällt: Die reflexartige Etitkettierung anderer Meinungen als das bürgerlich-kapitalistische Unterdrückungssystem stützend. In der Dialektik der Aufklärung fällt ja die ganze wissenschaftlich-aufgeklärte Denkweise diesem Verdikt zum Opfer, aber auch sonst ist dies ein Totschlagargument, das in seiner Dümmlichkeit jedem kommunistischen Parteibonzen zur Ehre gereichen würde.

Dazu passend, dass Adorno den "Jazz" (wobei er unter Jazz ganz offensichtlich jegliche Art von Unterhaltungsmusik abzüglich des Wiener Walzers versteht) als ein Mittel zur Unterdrückung des Proletariats bzw. als Stabilisierungsfaktor für bürgerliche Strukturen betrachtet. Da ich Adornos musiktheoretische Schriften nicht kenne, hielt ich das zuerst für einen Scherz. Aber er hat tatsächlich eine Art von Radiopädagogik entworfen, die zum Inhalt hatte, den gemeinen Bürger mit Berg, Shostakowitsch, Webern und Schönberg zu beschallen. Mit solcher Verurteilung befindet man sich - nebenher erwähnt - in ohnehin zweifelhafter Gesellschaft: Die "Negermusik" (= Jazz) hat man im Dritten Reich untersagt, Keith Richards, Mick Jagger und Co. erfuhren dasselbe Schicksal in der DDR. Irgendwo im Getriebe dieser dialektischen Methode scheint ein veritabler Defekt verborgen zu sein ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #4 am: 27. Dezember 2012, 07.10 Uhr »
Halo!

Irgendwo im Getriebe dieser dialektischen Methode scheint ein veritabler Defekt verborgen zu sein ...

Meinst Du, es liegt am Getriebe der Methode?

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #5 am: 27. Dezember 2012, 17.39 Uhr »
Irgendwo im Getriebe dieser dialektischen Methode scheint ein veritabler Defekt verborgen zu sein ...
Meinst Du, es liegt am Getriebe der Methode?

Wenn es eine "dialektische" ist ... ;) Wie lautet dein ätiologischer Befund?

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 27. Dezember 2012, 19.17 Uhr von orzifar »
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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #6 am: 29. Dezember 2012, 13.18 Uhr »
Komplettversagen aller inneren Organe. Hirntod herbeigeführt durch mangelnde Belüftung desselben ...
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Offline orzifar

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Re: Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
« Antwort #7 am: 30. Dezember 2012, 21.37 Uhr »
Hallo!

Habe das Buch nun abgeschlossen. Der letzte Teil war nicht mehr so ausführlich, hat sich dann v. a. mit Adorno und Habermas beschäftigt (und mir anhand der Textbeispiele demonstriert, warum ich um diese Autoren einen großen Bogen zu machen pflege). Insgesamt aber ein äußerst informatives, kenntnisreiches Buch von jemandem, der v. a. in bezug auf den Neopositivismus profunde Sachkenntnis besitzt (eher eine Seltenheit). Solche Bücher können als eine Art auf ein bestimmtes Thema reduzierte Philosophiegeschichte gelesen werden und sind schon aus diesem Grund sehr empfehlenswert.

Der Streit selbst war - wie ich mich noch zu erinnern vermeinte - eigentlich keiner (jener zweite und dritte zwischen Adorno und Popper als auch zwischen Habermas und Albert). Denn die Entgegnung Adornos auf Poppers Beitrag erschien ja erst 8 Jahre später und wiederholte im Grunde nur Positionen aus den 30iger Jahren (die auf Popper als erklärtem Gegner des induktiven Positivismus gar nicht zutrafen), sodass man nachträglich eigentlich nur überrascht sein kann über die Popularität einer Auseinandersetzung, die auf weitgehender Unkenntnis der gegnerischen Position beruhte. Und auch Habermas bezog sich auf empirisch-positivistische Methoden, die von Popper und Albert nie, von den Neopositivisten (und Analytiker) längst nicht mehr vertreten wurden. Da aber die letztgenannten Protagonisten (Habermas und Albert) - euphemistisch ausgedrückt - Kontroversen nicht wirklich abgeneigt waren, hat sich auch das noch eine Weile hingezogen.

Das Erstaunlichste (für mich) an der Sache ist die umfassende Unkenntnis fremder Positionen in diesem Streit. Dadurch kam es zu Unterstellungen, Polemiken und politisch-moralischer Verunglimpfung. So hat sich mir während aller drei dargestellten Auseinandersetzungen nie erschlossen, warum eine positivistische Position (die sich weitgehend an Fakten orientiert und eines deduktiv-logischen Organons bedient) automatisch die Akzeptanz, ja Befürwortung des politischen, wirtschaftlichen status quo bedingen soll. Dass Fakten, nachdem sie - möglichst objektiv - aufbereitet wurden, einer moralisch-ethischen Bewertung unterliegen, versteht sich von selbst. Dieses Faktische ist aber die Grundlage für alle Bewertung, ohne die tatsächliche Umstände zu kennen, kann eine solche nicht erfolgen. Von dieser Präferenz für die tatsächlichen Gegebenheiten kann in moralischer Hinsicht bestenfalls eine gewissen "Wahrheitsliebe" abgeleitet werden. Aber die Tatsache, dass etwas als "wahr", weitgehend den Tatsachen entsprechend bezeichnet wird, bedeutet nicht die Zustimmung zu diesem Faktum.

Das ist auch in den Geisteswissenschaften so. Wenn Horkheimer schreibt: "Wenn man geschichtliche Dinge "wissenschaftlich" darstellt und etwa über Caligulas oder Hitlers Schandtaten ohne Empörung, "distanziert" spricht, dann verfälscht man die Geschichte". Das genaue Gegenteil ist der Fall: Ich muss die Fakten dieser Untaten kennen, um sie überhaupt einordnen und bewerten zu können. Wenn ich mich nicht an diese Fakten halte, wenn ich meine eigene moralische Entrüstung zu einem Zeitpunkt einbringe, die dieses Ergebnis verfälscht, ermögliche ich den Gegnern meiner eigenen moralischen Überzeugungen ein weites Feld für Argumentationen. Die Wehrmachtsausstellung ist genau so ein Fall gewesen: Dadurch, dass man in einzelnen Fällen Fehler in der Darstellung nicht einräumen wollte, hat man das ganze Projekt diskreditiert und militaristisch-rechten Geschichtsinterpreten einen Gefallen getan. Das zeigt nur, wie wichtig die Faktenlage ist - und es zeigt auch, dass nur aufgrund von Fakten eine moralisch-ethische Beurteilung möglich ist. Vergleichbar mit einem Kriminalkommissar, der bei einem Mord mit seiner Entrüstung und Empörung bei der Aufklärung nicht weiterkommt, sondern anhand der ihm vorliegenden Fakten seine Untersuchung betreiben muss. Ansonsten besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen: Nicht wegen mangelnder, sondern der vorhandenen Empörung wegen. Dem Kommissar aber zu unterstellen, dass er den Mord gutheißt, bloß weil er sich an die Tatsachen hält, ist schlicht einfältig.

lg

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