Author Topic: David Hume: Dialoge über natürliche Religion  (Read 23187 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« on: 14. September 2015, 04.44 Uhr »
Hallo!

Ich lese die Reclamausgabe (Übersetzung und Herausgeber Norbert Hoerster). Es handelt sich - wie aus dem Titel hervorgeht - um Dialoge, die ein gewisser Pamphilus gehört haben will und seinem Freund Hermippus mitteilt. Wobei einleitend von diesem Pamphilus die Dialogform verteidigt wird: Sie eigne sich im besonderen für "offenkundig richtige Lehren" als auch für "dunkle und ungewisse Fragen" (es stellt sich natürlich die Frage, wofür diese Methode dann ungeeignet sei). Beides nun treffe auf die "natürliche Religion" zu und deshalb ... (Der Begriff der natürlichen Religion muss im übrigen vom Bereich der Offenbarung unterschieden werden: Nur was der Mensch durch Vernunft oder Erfahrung zu erkennen imstande sei, ist Gegenstand dieser natürlichen Religion.) Drei Personen diskutieren (den Pamphilus ist seiner Jugend wegen nur Zuhörer): Der Philosoph Cleanthes, der Skeptiker Philo (der am ehesten Humes Position vertreten dürfte) und Demea, der eine konservativ-gläubige Position vertritt. 

Das alles macht Hume natürlich nicht von ungefähr: Er ist sich der Reaktionen bewusst, die ein religionskritisches Werk bei Obrigkeit und Publikum hervorrufen wird. Und so schreibt er an Adam Smith, dass die Schrift "umsichtig und schlau" komponiert worden sei. Die Macht der offiziellen Kirche war nicht zu unterschätzen, das hat Hume mehrmals in seinem Leben erfahren müssen.

Und nun zu Teil 1.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 767
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #1 on: 14. September 2015, 19.03 Uhr »
Hallo

ich , wie schon gesagt, die Meiner-Ausgabe (Philosoph. Bibliothek 36), übersetzt von Friedrich Paulsen, revidiert und herausgegeben von Günter Gawlick.

Zum Titel meint "Der Verlag" in einer Vorbemerkung:

Quote from: Der Verlag
Die deutsche Übersetzung des Titels der Schrift mit Dialoge über natürliche Religion ist zwar lexikalisch korrekt, läßt aber - anders als der Originaltitel - nicht auf Anhieb erkennen, dass es Hume nicht darum zu tun ist, die Rechtfertigung religiöser Annahmen zu erörtern und freizulegen, sondern im Gegenteil darum, diese Annahmen skeptisch in Frage zu stellen.

Und weiter bin ich, wie gesagt, noch nicht gekommen.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #2 on: 15. September 2015, 04.27 Uhr »
Hallo!

Das erste Kapitel sieht zuerst Demia am Wort: Er skizziert seine eigene Erzieungsmethode, die darin besteht, anfangs nur Wissenschaft und Philosophie zu unterrichten, hier aber besonders auf deren Widersprüchlichkeit hinzuweisen. Durch diese Schule seien dann die Kinder fähig, die große Wahrheit der natürlichen Religion zu begreifen, wobei er auf den Einwand, ob es nicht dann möglicherweise zu spät sei, das wichtige Gebiet der Religion zu behandeln, erwidert, dass er zuvor seinem Zögling die Frömmigkeit vorlebt. Philo nimmt die Ausführungen zu den Unsicherheiten von Wissenschaft und Philosophie zum Anlass, einen allgemeinen Skeptizismus zu vertreten, der ihm aber von Cleanthes als undurchführbar verwiesen wird (dem Skeptizismus wird hier auch die ebenso konstatierte Unlebbarkeit des Stoizismus zur Seite gestellt, wobei hier von keinem der Beteiligten eine Trennung von normativen und epistemologischen Gesichtspunkten erfolgt).

Philo akzeptiert die Unmöglichkeit eines konsequenten Skeptizismus, will diesen aber als ein Prinzip verstanden wissen, das vor allem in den Bereichen der Metaphysik Anwendung finden soll: Gerade hier zeige sich die Sinnhaftigkeit des Skeptizismus, auch wenn die Vernunft "Argumente gegen sich selbst" (S. 14) habe. (Genau diese Aporien wird Kant benutzen, um die Metaphysik durch das Hintertürchen wieder einzuführen.) Dass im täglichen Leben ein radikaler Skeptizismus undurchführbar ist, gesteht Philo aber ohne weiteres ein, hier sei ein empirisch-pragmatisches Verhalten angebracht.

Cleanthes meint, dass der Skeptiker diese Widersprüchlichkeit nicht auflösen könne: Auch in philosophischen Bereichen sei er zum Glauben verurteilt, so bezweifle Philo sicher weder die Theorie des Gallilei noch die des Kopernikus (Philo wird hier eine Antwort bereits in den Mund gelegt, die wohl erst später erfolgt). Außerdem gäbe es einen verderblichen Skeptizismus, der alles und jedes glaubt bezweifeln zu müssen (etwa die wissenschaftlichen Erkenntnisse), hingegen Hexen für real halte. Aber nicht nur dieser Skeptizismus des gemeinen Volkes sei verderblich, auch jener der Gebildeten (aus vorgenannten Gründen) - und: Weil man diesen Skeptizismus dann auch auf die natürliche Religion anwenden müsse: Das hätte einen Atheismus zur Folge, den Philo wohl nicht vertreten wolle (Philos Position wird sich erst im Laufe der Diskussion als atheistisch herausstellen). Er, Cleanthes, vertrete mit Locke die Ansicht, dass die Theologie ein Teil der Philosophie sei, belegt dies mit - teilweise fragwürdigen - historischen Beispielen, immer davon ausgehend, dass niemand tatsächlich Atheist sein könne. Philo weist im Zusammenhang mit der Geschichte nur auf die Doppelzüngigkeit der Priester hin, die sich anfangs gegen jede Vernunft im Glauben ausgesprochen hätten, nun aber dieselbe Vernunft vor ihren Karren spannen würden. Das wird von Cleanthes als triviale Verteidigung der Macht angesehen und nicht weiter kritisiert. Ende Teil 1.

Die Claims sind abgesteckt und es ist offensichtlich, dass Philo die in sich konsistenteste (auch aktuellste) Position vertritt, Cleanthes den philosophischen Widerpart vertritt und Demia es obliegt, die verschiedenen Gottesbeweise vorzubringen. Dass zwischen normativ und epistemologisch nicht klar unterschieden wird liegt in der Natur der Sache: Eine nicht-normative Religion ist ein Unding, metaphysischer Leerlauf.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #3 on: 19. September 2015, 02.47 Uhr »
Hallo!

Hier die Anmerkungen zu Teil 2. Damit will ich dich aber keinesfalls drängen, auch zu posten, im Gegenteil: Ich genieße es, einiges an Sekundärliteratur nebenher lesen zu können. Werde auch die Bände der Zeitschrift für phil. Forschung oder die phil. Rundschau durchforsten. Zu meiner Überraschung gibt es zu Hume nicht viele Beiträge.

Der zweite Teil beginnt wieder mit der Feststellung der "fraglosen" Existenz Gottes, schon der "gesunde Menschenverstand" würde diese Existenz beweisen, sodass es nur um das Wesen Gottes gehe. Dieses aber sei für den beschränkten menschlichen Verstand unerkennbar und es sei sogar frevelhaft, nach diesem Wesen forschen zu wollen. (Hier wird der Agnostizismus als Immunisierungsstrategie benutzt.) Dann wird Malebranche bemüht, dessen Gottesdefinitionen sich von den modernen Varianten eines Küng nicht unterscheiden: Gott sei materiell, ohne materiell zu sein, geistig, ohne geistig zu sein etc. (Das erinnert jetzt natürlich auch an das, was ich gestern über das Buch von de Libera geschrieben habe bzw. an die dort zitierten Gottesbestimmungen.)

Philo scheint diesem Ansatz der Unerkennbarkeit zuzustimmen (wenn auch sein Agnostizismus von gänzlich anderen Überlegungen herrührt), er nennt schlicht die Ursache des Universums Gott (und entkommt mit dieser nichtssagenden Definition dem Atheismusvorwurf) und leitet schließlich aus der Unerkennbarkeitsthese ein empirisches Programm ab: Wir sollten uns auf Untersuchungen der Dinge beschränken, die wir aus Erfahrung wissen: Denn weiter würden unsere Vorstellungen nicht reichen (alle Vorstellungen sind nach Hume von Eindrücken hervorgerufen).

Cleanthes argumentiert im Anschluss für die Existenz Gottes im Sinne von William Paley (ähnlich wie auch die Vertreter des Kreationismus bzw. des ID): Aus der strukturierten, gesetzmäßigen, wohlgeordneten Welt könne man in Form eines Analogieschlusses auf einen Schöpfer schließen. Denn wie offenbar ein Haus mit all seinen Funktionen einen Schöpfer habe (sonst wäre es kaum funktionell), so müsse auch das Universum einen haben.

Mit dieser Form der Beweisführung a posteriori (dies wird vor allem von Demea betont) sind die beiden anderen unzufrieden: Demea deshalb, weil er sich für Gott einen unwiderleglichen a priori gültigen Beweis wünscht, Philo weist den Analogieschluss zurück und zeigt an Beispielen, dass von Teilen nicht auf das Ganze geschlossen werden könne. Und auch das Induktionsproblem taucht hier immer wieder auf, die Unzulässigkeit des Schlusses von der Vergangenheit auf die Zukunft. Nochmal wird betont, dass des Menschen beschränkte Eigenschaften nicht geeignet seien, metaphysische Probleme zu lösen, man müsse sich auf das Gegebene, die Erfahrung beschränken.

Hier wendet Cleanthes ein, dass wir von vielen Dingen überzeugt seien, die manchmal sogar der Erfahrung widersprechen würden: Etwa von der Drehung der Erde um ihre eigene Achse, wobei aber Philo dann auf andere Planeten hinweisen kann, deren Eigenschaften offenbar der Erde gleichen und die sehr wohl beobachtbar sind.

Gerade diese letzten Sätze wirken aber wenig überzeugend: Man könnte sehr viel besser auf andere Tatsachen verweisen, die mit einer stillstehenden Erde nicht vereinbar sind und damit mittelbar einen Erfahrungsbeweis liefern. Aber Philo vertritt damit im Grunde auch ein neoempiristisches Programm - mit all seinen Schwierigkeiten.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 767
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #4 on: 19. September 2015, 15.49 Uhr »
Damit will ich dich aber keinesfalls drängen, auch zu posten, [...]

Ich kann auch immer noch nicht viel dazu sagen, weil ich erst die Einleitung des Herausgebers gelesen habe. Darin wird - u.a. - davor gewarnt irgendeine der drei Positionen, die im Gespräch vertreten werden, als diejenige Humes zu betrachten.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 767
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #5 on: 19. September 2015, 20.46 Uhr »
[...] davor gewarnt irgendeine der drei Positionen, die im Gespräch vertreten werden, als diejenige Humes zu betrachten.

Eine Warnung, die ich im Übrigen immer etwas seltsam finde. Jeder Literaturwissenschaftsstudent lernt im 1. Semester, dass selbst (oder gerade!) ein Ich-Erzähler nicht unbedingt die Position des Autors vertreten muss, meistens eben nicht vertritt - und gewiefte Philosophen muss man davor warnen?

(Ja, muss man. Wie oft bin ich nicht schon unter Philosophen auf die merkwürdige Meinung gestossen, dass der Seemann, der von Utopia erzählt [und nicht aus Versehen Raphael Hythlodeus genannt wird, was in deutscher Übersetzung so viel wie „Possenreisser“ heisst] Thomas Morus' Ansichten widergebe...)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #6 on: 20. September 2015, 02.01 Uhr »
Hallo!

Eine Warnung, die ich im Übrigen immer etwas seltsam finde. Jeder Literaturwissenschaftsstudent lernt im 1. Semester, dass selbst (oder gerade!) ein Ich-Erzähler nicht unbedingt die Position des Autors vertreten muss, meistens eben nicht vertritt - und gewiefte Philosophen muss man davor warnen?

Naja - in der Literatur mag derlei mehr Berechtiung haben - aber eben in der Philosophie? - und zum anderen ist es evident, dass -im vorliegenden Fall - Philo großteils die Meinungen Humes vertritt. Dazu braucht man ja nur im "Traktat" oder in den "Untersuchungen" Humes Positionen nachzulesen und man erkennt selbstverständlich weitreichende Übereinstimmungen. Aber die Beurteilung Philos bzw. der anderen Charaktere hängt ohnehin von der Plausibilität der Argumente ab - unabhängig davon, ob sie Humes Meinung wiedergeben oder nicht. Mir scheint eine solche Warnung bei einem phil. Dialog auch entbehrlich.

lg

orzifar

Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #7 on: 21. September 2015, 03.44 Uhr »
Hallo!

Im dritten Teil hat Philo Pause (insgesamt steht ihm aber im Dialog 67 % an Redezeit zu, Cleanthes 21 % und Demea 12 %), Cleanthes bringt weitere Beispiele, um seinen Analogieschluss zu belegen (u. a. das beliebte Beispiel des komplizierten Auges oder aber auch die biologische Geschlechtlichkeit, die unweigerlich auf eine im Hintergrund wirkende Intelligenz schließen lassen würden). Philo kommt nicht zu Wort, allerdings wird bei ihm eine "leichte Verlegenheit" konzediert.

Interessanterweise schließt sich Demea hier den Ausführungen des Cleanthes nicht an, er beharrt auf einer agnostizistischen Position: Die gesamte Natur würde ein sehr viel größeres Rätsel sein denn die von Cleanthes vorgebrachten Beispiele (von sich vermehrenden Büchern, bei denen man aufgrund des Inhalts unweigerlich auf einen intelligenten Schöpfer schließen würde), wobei ein solches "Verstehen" Gottes auch einer Beleidigung Gottes gleichkäme: Der Mensch mit seinem beschränkten Geist dürfe sich ein solches Verständnis gar nicht anmaßen. Deshalb seien alle diese Analogieschlüsse, die menschlichen und göttlichen Geist in eins setzen, zu verwerfen: Der Mensch verstehe einzig das, was in seiner Situation notwendig (im Sinne des Lebens und Überlebens) wäre, nicht aber sei er in der Lage, einen göttlichen Plan zu verstehen.

Letzteres (um auf die Gleichsetzung Philo = Hume zurückzukommen) ist von Hume zeitweilig und in Ansätzen vertreten worden, wenngleich er letztlich dem wohl nicht zustimmen konnte. Das liegt auch daran, dass die agnostizistischen Positionen Demeas und Philos hier sehr ähnlich sind, obschon sie sich in ihren Konsequenzen unterscheiden. Demeas Agnostizismus aber hat einen Pferdefuß: Wenn er betont, dass es fast blasphemisch sei, die Gedanken Gottes erkennen, durchschauen zu können, so müsste das noch vielmehr für das Wesen Gottes selbst gelten (mit den üblichen Attributen wie allmächtig, gütig ...), die eindeutig anthropomorphen Charakters sind.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #8 on: 23. September 2015, 01.06 Uhr »
Hallo!

Teil 4

Cleanthes äußert sein Unverständnis in Bezug auf Demeas Agnostizismus: Denn wäre Gott in dieser Form unerkennbar, so hätte er kaum Eigenschaften, die für den Menschen verständlich wären. Er bezeichnet Demea als Mystiker, wobei er offenbar unter Mystik ein sich Versenken in eine unerkennbare, geistige, unteilbare Gottheit versteht. Ein so verstandener Gott aber würde sich nicht mehr von der Vorstellung eines Atheisten unterscheiden lassen. Hier treffen also Metaphysiker und Anthropomorphisten aufeinander: Für jenen ist Gott eine ungreifbare Entität - bar aller menschlichen Eigenschaften, die aber trotz dieser "Unmenschlichkeit" Verehrung verdient - für den anderen ist Gott dem Menschen (und vice versa - Ebenbild Gottes) ähnlich, weshalb die Analogien statthaft sind. (Philo vertritt die Meinung, dass bei Gleichsetzung von Mystiker - Atheist praktisch alle gläubigen Menschen Atheisten wären.)

Dann problematisiert Philo wieder die Analogie Cleanthes' bzw. die (platonische) Vorstellung einer der materiellen Welt übergeordneten geistigen Welt bzw. Gottheit. Zum einen stellt er fest, dass auch eine materielle Welt ein inhärentes Ordnungsprinzip besitzen könnte (nichts würde einer solchen Vorstellung widersprechen), zum anderen würde sich bezüglich der geistigen Welt (bzw. der geistigen Weltursache) die Frage stellen, was denn dieser Welt hinwiederum zugrunde liege - ad infinitum. Mit dem Postulat Gottes ist es offenbar nicht getan, hier kann das Fragen nur dogmatisch abgebrochen werden. Philo argumentiert ob der Unendlichkeit eines solchen Fragens für Bescheidenheit: Man möge sich auf das Erfahrbare beschränken, auf die Empirie: Alles andere wären nur fruchtlose Spekulationen, die ihren Grund in der Unwissenheit des Menschen haben. Er vergleicht die Annahme Gottes mit der (aristotelischen) Annahme einer "nährenden Kraft" im Brot: Auch diese wäre nur aufgrund von mangelndem Wissen postuliert worden.

Cleanthes weist darauf hin, dass das infinite Weiterfragen kein Argument gegen eine solche Untersuchung sei: Auch im Alltag würden einzelne Ereignisse mit Erklärungen versehen (Naturgesetze), ohne dass diese Gesetze selbst auch wieder erklärt werden würden. Darauf Philo: 1. Ein System geistiger Ideen sei um nichts besser geeignet zur Welterklärung als ein System materieller Gegenstände. 2. Naturwissenschaftler würden zwar das Besondere auf allgemeine Ursachen zurückführen, niemals aber das Besondere mit Besonderem erklären.

Die Problematik in diesen Kapiteln liegt m. E. darin, dass sich die meisten der Fragestellungen in den letzten beiden Jahrhunderten wissenschaftlich klären ließen: Vor allem Darwin hat den Ansätzen des Cleanthes den Garaus gemacht. Andererseits argumentieren Kreationisten oder die Vertreter des ID immer noch auf diese Weise, insofern ist eine gewisse Aktualität doch gegeben.

Noch eine Anmerkung zur Gleichsetzung von Hume und Philo: Hier gibt es offenbar schon einiges an Literatur. Norbert Hoerster (der Herausgeber meiner Ausgabe) scheint der Meinung, dass eine solche Gleichsetzung zu vertreten ist, Weber weist in seiner Arbeit darauf hin, dass es nicht widersprüchlich sei, auch die Positionen von Cleanthes und Demea teilweise als Humes Positionen anzusehen: Vor allem der Schluss der "Dialoge" ließe eine solche Auslegung zu, dort scheint sich Philo mit Demeas Ansichten anzufreunden. Man sollte allerdings keineswegs vergessen, dass Hume "es klug machen musste" (wie in dem zitierten Brief an Adam Smith erwähnt), eine explizit atheistische Haltung konnte auch noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Maßregelungen bis hin zur Todesstrafe nach sich ziehen. Smith selbst hatte nicht den Mut, die Dialoge herauszugeben, sie wurden von Humes Neffen anonym (4 Jahre nach dem Tode Humes) veröffentlicht.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 767
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #9 on: 23. September 2015, 19.22 Uhr »
Hallo!

Ich lese Deine Ausführungen mit Interesse, selber habe ich aber meine Ausgabe auf Stand-By gestellt; ich habe mir in der Zwischenzeit das grosse Vorbild von Humes Dialogen bestellt, Ciceros De natura deorum, und möchte ganz gern das zuerst noch lesen.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #10 on: 24. September 2015, 03.35 Uhr »
Hallo!

Teil 5: Wenn man - nach Philo - von gleichen Ursachen ---> gleiche Wirkungen ausgeht, dann könne aufgrund der Unendlichkeit des Universums (hier weist Philo auf Lukrez und Cicero (de natura deorum ;)) hin) von einer vernünftigen Analogie nicht gesprochen werden. Auch die angebliche Vollkommenheit Gottes würde sich in der Natur nicht finden (das wird dann im Rahmen des Theodizeeproblems noch ausführlicher behandelt). Außerdem würde die Haus- bzw. Schiffsbauanalogie eine Vielzahl von Göttern nahelegen: Er, Philo, vermehre damit nicht ohne jeden Grund die Zahl möglicher Ursachen, sondern verweise zum einen auf die Analogie, zum anderen darauf, dass es überhaupt keinen plausiblen Grund zur Annahme nur eines Gottes gäbe. Weitere Problem des Analogieschlusses: Die Sterblichkeit des Menschen, seine geschlechtliche Vermehrung - all das lasse die Theogonie der Antike wiederauferstehen. Auch Epikurs (nicht ganz ernstzunehmendes Argument) wird bemüht: Die Ähnlichkeit der Götter mit den Menschen sei dadurch zu begründen, dass Vernunft bislang nur im Menschen festgestellt worden sei.

Durch diese ins Lächerliche gehende Darstellung Gottes holt Philo auch Demea mit ins Boot: Ein mit so vielen Fehlern behaftetes Gottesbild kann natürlich auch dem Gläubigen nicht genügen. Cleanthes erwidert darauf nur, dass Philo zumindest überall in der Welt einen absichtsvollen Plan festzustellen meint (was als ein Hinweis auf einen Geist-Schöpfer verstanden werden muss).

Teil 6: Demea meint nun auch, dass ein solch defektiöser Gott nicht anbetungswürdig sei, alle praktischen Lehren würden angesichts dessen ihren praktischen Sinn verlieren.

Cleanthes bringt nun ein neues Argument in die Diskussion ein: Die Ablehnung einer Schöpfung impliziere die Ewigkeit der Welt, eine solche sei aber angesichts der empirischen Daten unwahrscheinlich. Denn selbst wenn von den menschlichen Errungenschaften durch Krieg und Katastrophen alles vernichtet worden wäre, sei solches für die Natur unwahrscheinlich. Würde die Welt ewig bestehen, hätte schon längst irgendein Mensch die Idee haben müssen, den Kirschbaum nach Europa zu verpflanzen oder ein Columbus hätte sich finden lassen müssen. Denn dieser Kirschbaum wäre aus Europa auch durch Kriege nicht verschwunden, ebensowenig die nach Amerika gebrachten Pflanzen.

Philo entgegnet, dass man von einer steten Umwandlung der Materie ausgehen müsse. (Allerdings wird Cleanthes' Argument dadurch keineswegs entkräftet, eine ewig gedachte Welt würde tatsächlich die von ihm angeführten Probleme mit sich bringen - und noch einige andere.) Philo zieht sich auf theoretische Argumente zurück: Es gäbe ein immanentes Ordnungsprinzip (das man nicht durchschaue), in dem es für den Zufall keinen Platz gäbe (wobei hier unter Zufall wohl ungeregelmäßiges Verhalten der Natur zu verstehen ist), er kommt daher zu einer determinierten Weltsicht: Es sei "der Natur unmöglich, [...] einer anderen Gestaltung Raum zu geben." Überhaupt besäße der Theismus keinerlei Vorteile gegenüber einem Polytheismus und dem Skeptizismus: Es ließen sich für ihre Begründung immer noch weitere Prinzipien aufsuchen.

Diese letzten Teile bringen nun wenig Neues, nach wie vor wird hier über Argumente diskutiert, die sich in den letzten 250 Jahren weitgehend erledigt haben. - Ich stelle mir oft vor, wie ein längst verstorbener Philosoph unseren heutigen Wissensstand beurteilen bzw. betrachten würde: Bei Hume bin ich zutiefst davon überzeugt, dass er von der weiteren Entwicklung begeistert wäre. Und sie wäre zu einem Gutteil in seine Philosophie integrierbar - was nur wenige Philosophen von ihren Systemen behaupten können.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #11 on: 25. September 2015, 04.18 Uhr »
Hallo!

Teil 7: Philo führt erneut sein biomorphes Weltmodell (gegen das Schöpfungsmodell des Cleanthes) ins Feld, alle diese Analogieschlüsse würden ohnehin darauf abzielen, eine Art von empirischen Gottesbeweis zu führen. Noch einmal zeigt Philo, dass Cleanthes Vergleich mit dem Hausbau aufgrund der Größe und Vielfalt des Universums nicht aufrecht zu erhalten sei, vielmehr sei die Komplexität der Welt eben dem tierischen, pflanzlichen Leben eher ähnlich, er stelle sich die Welt als eine aus Zeugung und Wachstum entstandene vor. Auf Demeas Frage, ob er Beweise für diese seine Theorie vorbringen könne, verneint Philo: Es handle sich hier nur um Hypothesen, er glaube aber zeigen zu können, dass seine biomorphe Hypothese der Schöpfungshypothese des Cleanthes überlegen sei. Er nennt vier scheinbar beliebige Prinzipien, die für eine Weltentstehung in Frage kämen (Vernunft, Zeugung, Instinkt und Wachstum), glaubt aber, noch "hundert" weitere anführen zu können. (Er zeigt hier m. E. sehr schön die fast beliebige Einsetzbarkeit von metaphysischen Begrifflichkeiten.) Außerdem hält er es für eine typisch menschliche Voreingenommenheit, die Vernunft (als eine menschliche Eigenschaft) als ein solches Prinzip einzusetzen: Dies wäre anthropomorphes Denken.

Auf die Frage Demeas (er bezieht sich dabei auf Philos "Samentheorie" der Welt), wie denn Ordnung aus etwas entstehen könne, das diese Ordnung selbst nicht wahrnimmt, verweist Philo auf die Natur: Auch ein Baum wüsste nichts darüber, wie aus seinen Samen wieder ein neuer Baum entstehen würde. Denn wenn man behaupte, dass das Leben nur aus Planung entstehen können, setze man das voraus, was es erst zu beweisen gelte. Man müsste einerseits zeigen, dass Ordnung niemals von selbst entsteht, andererseits müsste auch der Beweis erbracht werden, dass Ordnung untrennbar mit Vernunft verbunden sei. Und er breche seinerseits bei diesem Zeugungsgedanken mit eben dem gleichen Recht ab wie Cleanthes bei Gott: Das Zeugungsprinzip sei nicht weniger wahrscheinlich als das Vernunftprinzip. Außerdem sehen wir täglich, dass Vernunft aus Zeugung entsteht, niemals aber das Umgekehrte. Für die Popularität dieser Zeugungstheorie wird dann Hesiod und Platon herangezogen bzw. die Brahmanentheorie, dass die Welt aus einer Spinne hervorgegangen sei. Bevor man solche Ansätze lächerlich mache, solle man sich einen Planeten vorstellen, auf dem es nur Spinnen gäbe: Dort würde (nach Analogischluss) eine solche Theorie große Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen dürfen. Cleanthes zeigt sich nur verwirrt - und verzichtet auf weitere Einwände, stellt aber fest, dass er bloß das "Gefühl" habe, hier würde irgendetwas nicht stimmen.

Philos Argumente haben in diesem Teil 7 sehr viel mehr Prägnanz: Er zeigt die Willkürlichkeit von Weltentstehungsprinzipien, auch das dogmatische Abbruchverfahren (das jeder nach seinem eigenen Gutdünken wählt) und vor allem die Unhaltbarkeit der Annahme, dass komplexe Ordnungsstrukturen eine Art von Vernunft voraussetzen würden. (Wieder wäre er wohl von Darwin bzw. der Urknalltheorie begeistert gewesen, selbst für seine "Samentheorie" gibt es Analogien: Die Babyuniversen, die aus schwarzen Löchern entstehen könnten. Allerdings wäre es natürlich völliger Unsinn, Hume hier irgendeine Weisheit zuzuschreiben, die er gar nicht hat besitzen können: Das, was seinen Ansatz aber so fruchtbar macht, sind seine empirische Orientierung, die Erkenntnis unserer Voreingenommenheit und die Feststellung, dass Ordnung keineswegs ein Vernunftprinzip bedingt, dass dies vielmehr ein anthropomorpher Gedanke ist.)

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #12 on: 27. September 2015, 04.11 Uhr »
Hallo!

Teil 8: Philo betont, dass der in Frage stehende Gegenstand kein empirischer sei und dass schon aus diesem Grund die unterschiedlichsten Theorien erwogen werden können. Zu diesem Zweck für er Epikurs Theorie an (die er nach eigenen Angaben für wenig einleuchtend hält), um an ihr zu zeigen, dass durch ein wenig sophistische Arbeit auch den abstrusesten Ansichten Plausibiliät verliehen werden kann. Demea wirft ein, dass für Epikurs System es auch jemanden geben müsse, der dem Ganzen den ersten Anstoß verleiht, worauf Philo mit den Beispielen von der der Materie innewohnenden Schwerkraft oder Elektrizität anwortet. Er könne keinen Vorteil darin sehen, dass man einen Geist, eine Intelligenz annehme, um das Weltganze in Schwung zu bringen, vielmehr scheint es ein der Materie inhärentes Ordnungsprinzip zu geben, das dem Ganzen Stabilität verleiht. Auch der immer wieder vorgetragene Hinweis auf die Nützlichkeit aller Organe, die Anpassung der Tiere an die Umwelt sei müßig: Daraus kann man eben nur schließen, dass eine Existenz ohne eine solche Anpassung nicht möglich sei. Ähnlich argumentiert er auch beim Universum: Nur ein solch geordnetes All sei "überlebensfähig", fiele es in Unordnung, müsse es sich (vielleicht) wieder neu organisieren.

Auf den Einwand des Cleanthes, dass er auf der Erde einen durch "wohlwollenden" Schöpfungsplan erkennen könne, gesteht Philo ein, sicher nicht alles erklären zu können. Dann nimmt er nochmal die Mensch-Gott-Analogie auf: Der Mensch bzw. der Geist könne nur in seinem eigenen Körper wirksam werden, etwas, was gegen eine "vernünftiger Geist Theorie" spreche. Aber alle diese Systeme seien selbstverständlich mit schweren Mängeln behaftet: Weshalb hier einzig eine skeptische Position vertretbar wäre.

Nicht viel Neues also in diesem Kapitel: Nur die Sätze über die Anpassung klingen einigermaßen revolutionär und vorausschauend. Dass Hume sich mit evolutionsähnlichen Gedanken beschäftigt hat, ist an verschiedenen Stellen seines Werkes zu erkennen: Aber sie rühren wohl einfach von der simplen Annahme her, dass alles sich in natürlicher Weise entwickelt habe.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #13 on: 28. September 2015, 04.33 Uhr »
Hallo!

Aufgrund der Problematik mit der Beweisführung a posteriori kommt Demea wieder auf den Gottesbeweis a priori zurück: Zum einen könne aus endlichen Dingen ohnehin nichts Unendliches abgeleitet werden, andererseits will ihm die klassische Beweisführung mit dem aus sich selbst notwendigen, unbewegten Beweger, eines Gottes also, der nicht kontigent die Ursachenkette unterbricht, einleuchtend erscheinen. Überhaupt sei die Unendlichkeit ein Widerspruch in sich selbst (hier taucht wieder der Kantsche Aporiegedanke auf, der nicht zur Einsicht in die Unvollkommenheit menschlichen Wissens sondern immer zu Gott führt: Alles scheint dem Philosophen leichter erträglich als die eigene Unzulänglichkeit).

Cleanthes erwidert, dass eine a priori Demonstration einer Tatsache eine Absurdität sei, demonstrieren lässt sich nur das, dessen Gegenteil ein logischer Widerspruch sei (Cleanthes denkt hier an mathematische bzw. analytische Wahrheiten). Nun kann aber alles, was als existent vorgestellt wird, auch als nichtexistent vorgestellt werden: Daher kann es auch kein "notwendiges" Wesen geben, dessen Nichtexistenz unvorstellbar sei. Der Begriff "notwendige Existenz" sei somit widersprüchlich. Weiters könnte auch das Universum selbst dieses Wesen sein - und Materie kann auch stets nicht existieren: Dieses Bild ließe sich auf die Gottheit übertragen.

Gäbe es allerdings solche für uns unvorstellbaren und unbekannten Eigenschaften, die eine solche Notwendigkeit nach sich ziehen könnten, so spräche nichts dagegen, dass diese Eigenschaften auch der Materie zukämen. Außerdem ist die Frage nach einer Erstursache bei einer unbegrenzten zeitlichen Dauer sinnlos. Demea stellt auch die Frage nach der Ursache des "Ganzen" und wird von Cleanthes dahingegen belehrt, dass die Erklärung sämtlicher Einzelursachen diese Frage obsolet werden lasse: Nach einer solchen Darstellung wäre die Frage nach dem "Ganzen" (was immer das genau sei) nicht mehr sinnvoll.

Philo fügt in Bezug auf die Notwendigkeit noch ein mathematisches Beispiel hinzu: Die Quersumme einer durch 9 teilbaren Zahl ergibt immer 9 oder ein Vielfaches davon. Ein Nicht-Mathematiker könnte dazu neigen, darin eine Art Wunder zu sehen, hingegen ergibt sich diese Tatsache für einen mit Arithmetik Vertrauten ganz von selbst. Er will damit die Problematik solcher Begriff wie "Notwendigkeit" aufzeigen, eine solche könne eben durchaus auch auf inhärente Eigenschaften zurückgeführt werden. Überhaupt seien sämtliche Gottesbeweise a priori höchst abstrakt, können von den meisten Menschen nicht nachvollzogen werden, was denn auch von vielen als Mangel betrachtet wird. Offensichtlich ist die Quelle der Religion eine gänzlich andere.

Dieser Schlusssatz leitet über zu den moralisch-ethischen Implikationen der Gottesvorstellung, die in den letzten drei sehr ausführlichen Kapiteln erörtert werden. In diesem 9. Kapitel wird eigentlich nichts anderes unternommen, als Gott in den Bereichen zu suchen, in die entweder der Mensch noch nicht vorgedrungen ist (man sprach im 19. Jahrhundert nicht umsonst von der Platznot Gottes aufgrund neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse) oder dort, wo sich Aporien auftun. Das ist aber im Grunde nicht viel klüger als die Argumente der rezenten Esoteriker, die da - mit dem Verweis auf Shakespeare, es gäbe mehr zwischen Himmel und Erde als sich der gemeine Menschenverstand vorstellen könne (so nebenbei ist dieses Zitat für die Argumentation des Esoterikers ein fragwürdige Sache, aber das ist eine andere Geschichte), allerlei Wundersames in selbst trivialen Dingen wie einem Lagerfeuer vermuten (ja, mein - zum Glück weit entfernter - Nachbar verdient noch immer mit Aromatherapien und Engelwesen sein Geld).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 943
Re: David Hume: Dialoge über natürliche Religion
« Reply #14 on: 29. September 2015, 05.18 Uhr »
Hallo!

Der zehnte Teil beginnt mit einem Dialog zwischen Demea und Philo, in dem sich die beiden gegenseitig die Schlechtigkeit dieser Welt bestätigen. Demea meint, dass man Gott in sich fühle, nämlich in all seiner Schwäche, seinem Elend, seiner Bedürfigkeit - und ohne Religion seien wir diesem Elend vollends ausgeliefert. Philo schließt sich dieser Meinung an, nichts würde die Menschen leichter zur Religion führen als all diese Schrecken, weshalb sich die Priester auch in einem bilderreichen Ausmalen der Ungeheuerlichkeiten ergehen. Denn man müsse auf das Gefühl einwirken, mit Rationalität sei da nichts auszurichten. Außer Leibniz habe noch kein Schriftsteller das Elend geleugnet, dieser aber hätte ganz offenkundig Unrecht. Weitere Beispiele für das Ungemach werden angeführt: Der Stärkere jagt den Schwächeren, dieser hinwiederum quält den Stärkeren nach Möglichkeit, dazu kämen noch eine Unmenge Krankheiten physischer und psychicher Natur und selbst der Tod als Erlöser von all dem ist mit Angst besetzt. Einem dieser Welt Fremden würde man am besten Krankenhäuser und Gefängnisse, Schlachtfelder, Hungersnöte und Pest zeigen, um einen Eindruck von diesem Jammertal zu geben: Und selbst wenn man die Angst ablegen könnte, würde daraus nur Schlaffheit und Enttäuschung folgen.

Cleanthes bestreitet, sich dermaßen unglücklich zu fühlen und wird von Demea als Ausnahmefall bezeichnet: Karl V., Cicero und natürlich Cato (der ein ihm im Alter nochmals angebotenes Leben ausschlagen würde) werden angeführt, nur eine kleine Hoffnung bleibe, dass die Zukunft Besseres bringe. Nun erfolgt die Wendung zur Theodizee: Philo fragt Cleanthes, ob denn dadurch die anthropomorphen Eigenschaften seines Gottes nicht sehr fragwürdig seien, wenn seine Macht so groß, die Menschen aber so unglücklich sind. Und er zitiert (immer aktuell und schwer widerlegbar) Epikur: Wenn Gott das Glück der Menschen will, aber dazu nicht fähig ist, so ist er ohnmächtig; will er hingegen nicht, obwohl er es könnte, dann ist er boshaft. Woher also kommt das Übel? Es scheint offenbar, dass Gottes Weisheit, Güte und Allmacht das Wohlergehen des Menschen nicht begünstigt bzw. diese drei Eigenschaften angesichts der in der Welt herrschenden Zustände nicht in einem Wesen vereint sein können. Das enzige Ziel scheint die bloße Lebenserhaltung, die Fortpflanzung, nicht aber das Glück zu sein. Und daher hätten nur die vielgescholtenen Mystiker die richtige Erklärung: Es bzw. Er ist unbegreiflich.

Cleanthes durchschaut nun Philos Spiel und meint, dass, könnte Philo beweisen, dass die Menschen allesamt unglücklich und verderbt seien, es mit der Religion tatsächlich vorbei wäre. Denn es würde sich diesfalls nicht lohnen, natürliche Eigenschaften dieser Gottheit zu ergründen, wenn die sittlichen so fragwürdig sind. Demea erwidert, dass die Religion darauf eine gute Antwort hätte: Die Kürze des Lebens sei nichts im Vergleich mit der Ewigkeit, in der alles berichtigt würde. Cleanthes widerspricht energisch: Eine Hypothese müsse aus dem Gegebenen abgeleitet werden, nicht aus Spekulationen: Die einzige Möglichkeit die göttliche Güte zu verteidigen bestehe darin, die Schlechtigkeit des Menschen entschieden zu bestreiten. Denn Gesundheit sei häufiger als Krankheit, Freude häufiger als Schmerz, Glück häufiger als Elend und für einen Kummer gebe es hundert Freuden. Philo wendet ein, dass ein kurzer Schmerz oft viele Tage der Freude vernichten könne, große Lust währt nur kurz, während große Qualen sehr lange dauern und oft mit dem Tod enden würden (der als der Erlöser aber noch angstbesetzt ist) - aber selbst wenn das Glück das Unglück überwiegen sollte, so kann das kaum mit einem allgütigen, allmächtigen Gott in Einklang gebracht werden, denn das würde ja bedeuten, dass das Unglück zufallsbedingt sei. Aber gesetzt der Fall, dies alles sei mit diesem Gott vereinbar: Wie wolle Cleanthes aus derart unterschiedlichen Befunden Gott beweisen? Im Gegensatz zu den oft sophistischen Ausführungen in den Diskussionen davor fühle sich Philo hier sehr sicher: Aus der bestehenden Welt lasse sich kein Gott mit den entsprechenden Attributen ableiten.

Wir haben hier also die schon zuvor sich ankündigende Überleitung zum Theodizeeproblem mit dem im Zentrum stehenden Epikurzitat, an dem sich schon Generationen von Theologen die Zähne ausgebissen haben. Tatsächlich bleibt hier nur der Sprung (im Sinne Kierkegaards): Je widersprüchlicher etwas ist, desto größer die Glaubensleistung. Ob diese Strategie von Tertullian über Abaelard bis in die Gegenwart allerdings tatsächlich erstrebenswert ist, darf bezweifelt werden.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit