Hallo!
Der zehnte Teil beginnt mit einem Dialog zwischen Demea und Philo, in dem sich die beiden gegenseitig die Schlechtigkeit dieser Welt bestätigen. Demea meint, dass man Gott in sich fühle, nämlich in all seiner Schwäche, seinem Elend, seiner Bedürfigkeit - und ohne Religion seien wir diesem Elend vollends ausgeliefert. Philo schließt sich dieser Meinung an, nichts würde die Menschen leichter zur Religion führen als all diese Schrecken, weshalb sich die Priester auch in einem bilderreichen Ausmalen der Ungeheuerlichkeiten ergehen. Denn man müsse auf das Gefühl einwirken, mit Rationalität sei da nichts auszurichten. Außer Leibniz habe noch kein Schriftsteller das Elend geleugnet, dieser aber hätte ganz offenkundig Unrecht. Weitere Beispiele für das Ungemach werden angeführt: Der Stärkere jagt den Schwächeren, dieser hinwiederum quält den Stärkeren nach Möglichkeit, dazu kämen noch eine Unmenge Krankheiten physischer und psychicher Natur und selbst der Tod als Erlöser von all dem ist mit Angst besetzt. Einem dieser Welt Fremden würde man am besten Krankenhäuser und Gefängnisse, Schlachtfelder, Hungersnöte und Pest zeigen, um einen Eindruck von diesem Jammertal zu geben: Und selbst wenn man die Angst ablegen könnte, würde daraus nur Schlaffheit und Enttäuschung folgen.
Cleanthes bestreitet, sich dermaßen unglücklich zu fühlen und wird von Demea als Ausnahmefall bezeichnet: Karl V., Cicero und natürlich Cato (der ein ihm im Alter nochmals angebotenes Leben ausschlagen würde) werden angeführt, nur eine kleine Hoffnung bleibe, dass die Zukunft Besseres bringe. Nun erfolgt die Wendung zur Theodizee: Philo fragt Cleanthes, ob denn dadurch die anthropomorphen Eigenschaften seines Gottes nicht sehr fragwürdig seien, wenn seine Macht so groß, die Menschen aber so unglücklich sind. Und er zitiert (immer aktuell und schwer widerlegbar) Epikur: Wenn Gott das Glück der Menschen will, aber dazu nicht fähig ist, so ist er ohnmächtig; will er hingegen nicht, obwohl er es könnte, dann ist er boshaft. Woher also kommt das Übel? Es scheint offenbar, dass Gottes Weisheit, Güte und Allmacht das Wohlergehen des Menschen nicht begünstigt bzw. diese drei Eigenschaften angesichts der in der Welt herrschenden Zustände nicht in einem Wesen vereint sein können. Das enzige Ziel scheint die bloße Lebenserhaltung, die Fortpflanzung, nicht aber das Glück zu sein. Und daher hätten nur die vielgescholtenen Mystiker die richtige Erklärung: Es bzw. Er ist unbegreiflich.
Cleanthes durchschaut nun Philos Spiel und meint, dass, könnte Philo beweisen, dass die Menschen allesamt unglücklich und verderbt seien, es mit der Religion tatsächlich vorbei wäre. Denn es würde sich diesfalls nicht lohnen, natürliche Eigenschaften dieser Gottheit zu ergründen, wenn die sittlichen so fragwürdig sind. Demea erwidert, dass die Religion darauf eine gute Antwort hätte: Die Kürze des Lebens sei nichts im Vergleich mit der Ewigkeit, in der alles berichtigt würde. Cleanthes widerspricht energisch: Eine Hypothese müsse aus dem Gegebenen abgeleitet werden, nicht aus Spekulationen: Die einzige Möglichkeit die göttliche Güte zu verteidigen bestehe darin, die Schlechtigkeit des Menschen entschieden zu bestreiten. Denn Gesundheit sei häufiger als Krankheit, Freude häufiger als Schmerz, Glück häufiger als Elend und für einen Kummer gebe es hundert Freuden. Philo wendet ein, dass ein kurzer Schmerz oft viele Tage der Freude vernichten könne, große Lust währt nur kurz, während große Qualen sehr lange dauern und oft mit dem Tod enden würden (der als der Erlöser aber noch angstbesetzt ist) - aber selbst wenn das Glück das Unglück überwiegen sollte, so kann das kaum mit einem allgütigen, allmächtigen Gott in Einklang gebracht werden, denn das würde ja bedeuten, dass das Unglück zufallsbedingt sei. Aber gesetzt der Fall, dies alles sei mit diesem Gott vereinbar: Wie wolle Cleanthes aus derart unterschiedlichen Befunden Gott beweisen? Im Gegensatz zu den oft sophistischen Ausführungen in den Diskussionen davor fühle sich Philo hier sehr sicher: Aus der bestehenden Welt lasse sich kein Gott mit den entsprechenden Attributen ableiten.
Wir haben hier also die schon zuvor sich ankündigende Überleitung zum Theodizeeproblem mit dem im Zentrum stehenden Epikurzitat, an dem sich schon Generationen von Theologen die Zähne ausgebissen haben. Tatsächlich bleibt hier nur der Sprung (im Sinne Kierkegaards): Je widersprüchlicher etwas ist, desto größer die Glaubensleistung. Ob diese Strategie von Tertullian über Abaelard bis in die Gegenwart allerdings tatsächlich erstrebenswert ist, darf bezweifelt werden.
lg
orzifar