Hallo!
Dieses Buch hat es verdient, einen eigenen Thread zu erhalten und explizit gelobt zu werden. (Wir sprachen anderswo von Büchern, die eine gut bestückte philosophische Bibliothek enthalten sollte: Dieses gehört in jedem Fall dazu.) Leider nur noch antiquarisch zu erhalten (das wäre doch mal was für die WBG), die - recht schönen, gebundenen - Ausgaben des Kröner-Verlages (mit Schuber) sind unter 30 oder 40 Euro kaum zu bekommen.
Ich kenne jedenfalls kein Werk, dass die Entstehung der griechischen Philosophie, die Vorsokratiker und die fast überall sträflich vernachlässigte Sophistik auf ähnlich fachkundige und geistreiche Art behandeln würde. Das Buch ist ein Fachbuch, geizt nicht mit Anmerkungen, ist aber auch für den Nichtphilosophen durchaus geeignet. Nestle ist mit seinem Gegenstand mehr als vertraut, es scheint nicht viele antike Texte zu geben, die er nicht kennt (und nicht auch zitiert), aber er versteht diese umfassende Gelehrsamkeit nicht (wie so oft) zum Ballast werden zu lassen, sondern vermittelt konzis, mit dem Blick für die entscheidenden Weichenstellungen in der Philosophiegeschichte den im Titel geführten Weg vom Mythos zum Logos. Wer ähnliche Werke gelesen hat, weiß um die Schwierigkeiten: Die meisten der erwähnten Philosophen sind nur in Fragmenten überliefert, vieles muss aus Zitaten anderer Philosophen (bzw. Doxographen) erschlossen werden und durch diesen Überlieferungsmangel sind abenteuerlichen Interpretationen Tür und Tor geöffnet.
Nestle schafft das für mich fast Unglaubliche: Nirgendwo auf den fast 600 Seiten liest man seine Interpretationen mit Skepsis, sieht sich gar zum Widerspruch verleitet - im Gegenteil: Es ist einfach großartig, wie es ihm aus den so spärlichen Überlieferungen gelingt, ein absolut plausibles Bild der sonst so schwer greifbaren Philosophen zu zeichnen. Einzig mit den Folgerungen (was etwa die Bedeutung einzelner Vorsokratiker betrifft) war ich manchmal nicht einverstanden (so stellt er Heraklit über Xenophanes, ein m. E. eklatantes Fehlurteil): Aber auch diese Urteile sind auf ihre Art wohlbegründet und absolut nachvollziehbar.
Dazu kommt das Verdienst, die Sophisten der von Platon mitverursachten, negativen Beurteilung zu entziehen bzw. den Rückschritt, der mit Platon bzw. Aristoteles gegenüber einem Denker wie Anaxagoras eingesetzt hat, zu thematisieren. Letzterer war eigentlich weit moderner, weit weniger dem mythischen Denken verhaftet als die beiden "großen" Denker der Griechen (eine Modernität, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde), er setzte der teleologischen Denkweise schon früh kausale Erklärungen entgegen, die erst nach über 2000 Jahren wiederentdeckt wurden. Sowohl unter den Vorsokratikern als auch unter den Sophisten gab es zahlreiche "Antimetaphysiker", die einem durchaus modernen Wissenschaftsbild anhingen und mit Nachdruck auf die Wichtigkeit der Empirie hinwiesen (in diesem Zusammenhang wird ausführlich auf die medizinischen Bemühungen der hippokratischen Schule eingegangen). Oder die überaus geglückte Darstellung des Mythos in den homerischen Epen mit ihren oft burlesken Szenen, die von der Ernsthaftigkeit eines Hesiod abgelöst werden, zu einem ersten "Jenseits" bei den Orphikern führen, wobei hier erstmals das Diesseits als bloße Durchgangsstation betrachtet wird. (Im übrigen gibt es keine Darstellung von Demeter oder Dionysios bei Homer: Dies waren rurale Götter, die zu dem der aristokratischen Oberschicht nachgeahmten Götterhimmel wenig Bezug hatten; in diesem Zusammenhang erwähnenswert Topitschs "Ursprung und Ende der Metaphysik.)
Ich könnte mich noch seitenlang in Lobeshymnen ergehen und kann nur meine Empfehlung wiederholen: Ein unbedingt lesenswertes Buch (das keineswegs nur einmal gelesen werden kann, sondern auch als Nachschlagewerk hervorragende Dienste leistet). Triple A.
lg
orzifar