Author Topic: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy  (Read 8572 times)

Offline sandhofer

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Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« on: 21. Januar 2015, 18.54 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich konnte gestern Abend nicht mehr widerstehen und habe Robert Burton aus dem Regal gezogen. Weiter als bis zum Vorwort hat es dann allerdings nicht gereicht, aber heute will ich noch etwas darin lesen.  8)

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #1 on: 22. Januar 2015, 20.35 Uhr »
Im ersten Teil geriert sich Burton als Democritus Junior und rechtfertigt seine Methode der Zitaten-Collage (wie wir es heute nennen würden). Irgendwie kommt mir der Demokritus Junior bekannt vor ...  :)
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Offline Sir Thomas

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #2 on: 23. Januar 2015, 09.03 Uhr »
Ich würde auch gern weiterlesen, aber die miese Taschenbuchqualität macht mir mittlerweile arg zu schaffen (diesbezüglich bin ich ein Snob). Ich werde mal die Online-Antiquariate durchforsten, um an etwas Besseres zu kommen.

Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #3 on: 23. Januar 2015, 14.53 Uhr »
Für £ 20.00 gibt's die Everyman-Ausgabe von 1932, die textlich für meine Folio-Ausgabe Pate gestanden hat: http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=198523154&b=1

 Folio selber finde ich nicht...
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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #4 on: 23. Januar 2015, 15.40 Uhr »
Für £ 20.00 gibt's die Everyman-Ausgabe von 1932 ...

Das ist nach meinen Erkenntnissen der letzte Bearbeitungsstand des Werks. Danke für den Tipp!

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #5 on: 25. Januar 2015, 10.10 Uhr »
Für £ 20.00 gibt's die Everyman-Ausgabe von 1932 ...

Das ist nach meinen Erkenntnissen der letzte Bearbeitungsstand des Werks. Danke für den Tipp!

Ich muss mich korrigieren. Zwischen 1990 und 2000 ist eine insgesamt sechsbändige Ausgabe unter der Regie von T.C. Faulkner und N.K. Kiessling entstanden (je drei Werk- und Kommentarbände). Sie werden von der Oxford University Press herausgegeben und sind nahezu unerschwinglich teuer (mehr als 300 € pro Band!).

Nun aber zum Text. Die überlange Einleitung ist ein grandioser Rundumschlag gegen all die Dummheiten und Übel der Zeit, in der Burton sein Werk verfasste - eine überdimensionale barocke Vanitas-Predigt sozusagen. Neben der Sprachgewalt fällt auf, dass Burton sich selbst nicht so wichtig nimmt und sich keineswegs über seine Zeitgenossen erhebt. Zwei geistige Vorläufer werden häufig zitiert und genannt: Erasmus v. Rotterdam und der "lachende" Philosoph Demokrit, mit dem der Autor sich so weit verbunden fühlt, dass er in die Gestalt des Demokritus Junior schlüpft (unter diesem Pseudonym wurde wohl auch die Erstausgabe 1621 veröffentlicht). Burton spielt souverän all sein Bücherwissen aus, zitiert aber nur lateinische Autoren. Die Griechen waren wohl damals noch nicht so sehr in Mode - und wenn, dann nur in ihrer lateinischen Übersetzung.

Auf "wissenschaftlichem" Gebiet ist Burton den Lehren Galens und Avicennas verpflichtet. Diese reichlich mittelalterliche Sichtweise noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu finden, hat mich überrascht. Aber mein Wissen über den damaligen Erkenntnisstand ist eher gering. Die bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Werke jener Zeit stammen mWn. von den Astronomen Bruno und Galilei. Philosophisch bzw. wissenschaftsphilosophisch war Bacon der führende Zeitgenosse, aber mit diesem illustren Denker habe ich mich auch noch nicht sonderlich intensiv befasst.

Soviel für den Augenblick. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen - und sei es nur der wunderbaren Sprache wegen.

           

Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #6 on: 25. Januar 2015, 19.34 Uhr »
Die überlange Einleitung ist ein grandioser Rundumschlag gegen all die Dummheiten und Übel der Zeit, in der Burton sein Werk verfasste - eine überdimensionale barocke Vanitas-Predigt sozusagen.

Nur, dass er nicht alles für eitel, sondern alle für verrückt erklärt. Sich inlusive.

Burton spielt souverän all sein Bücherwissen aus, zitiert aber nur lateinische Autoren. Die Griechen waren wohl damals noch nicht so sehr in Mode - und wenn, dann nur in ihrer lateinischen Übersetzung.

Griechisch kommt nur in einzelnen Wörtern vor, stimmt. Ich vermute, dass Burton allenfalls ein paar Brocken Griechisch konnte.

Auf "wissenschaftlichem" Gebiet ist Burton den Lehren Galens und Avicennas verpflichtet. Diese reichlich mittelalterliche Sichtweise noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu finden, hat mich überrascht. Aber mein Wissen über den damaligen Erkenntnisstand ist eher gering.

Ich bin in Medizingeschichte auch nicht so firm. Wikipedia meint zu Galen:

Seine Auffassungen vom Fluss des Blutes wurden erst im 17. Jahrhundert durch William Harvey und Marcello Malpighi und teils gegen erhebliche Widerstände revidiert.

Seine Fassung der Humoralpathologie hatte als Krankheitskonzept Bestand bis ins 19. Jahrhundert.


Die bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Werke jener Zeit stammen mWn. von den Astronomen Bruno und Galilei. Philosophisch bzw. wissenschaftsphilosophisch war Bacon der führende Zeitgenosse, aber mit diesem illustren Denker habe ich mich auch noch nicht sonderlich intensiv befasst.

Ja, aber das waren keine Physiologen oder Mediziner.

Ich bin jetzt im eigentlichen Text, nachdem mich Burtons Deklaration, dass alle, auch er selber, psychisch angeschlagen seien, sehr entzückt hat. Zu seiner Auffassung der Melancholie komme ich nun gerade.
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Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #7 on: 25. Januar 2015, 20.43 Uhr »
Er kennt auch den Olaus Magnus8)
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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #8 on: 28. Januar 2015, 09.18 Uhr »
Zufällig las ich in einem Essay T.S. Eliots ("Andrew Marvell", 1921) folgendes über die englische Literatur des 17. Jahrhunderts:

The seventeenth century sometimes seems for more than a moment to gather up and to digest into its art all the experience of the human mind which ... the later centuries seem to have been partly engaged in repudiating. ... Marvell's best verse is the product of European, that is to say Latin, culture.
Out of that high style developed from Marlowe through Jonson (for Shakespeare does not lend himself to these genealogies) the seventeenth century separated two qualities: wit  and magniloquence.


Die englische Zivilisation des 17. Jahrhunderts als lateinische Kultur - mit den Zugaben "Geist" und "Schwulst/Pomp"! Darauf muss man erstmal kommen ...  ;D 




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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #9 on: 28. Januar 2015, 17.32 Uhr »
Ich habe mich mit meiner TB-Ausgabe halbwegs ausgesöhnt und komme voran. Das Werk ist nur vordergründig eine maßlose und ausufernde Kompilation "wissenschaftlicher" Erkenntnisse. Hier schreibt kein „Scientist“, sondern ein Seelsorger. Verhandelt wird die Sache Mensch, in Wahrheit ist „Die Anatomie …“ eine Reise in die Abgründe der Conditio Humana. Gefällt mir sehr!

Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #10 on: 29. Januar 2015, 17.26 Uhr »
Das Werk ist nur vordergründig eine maßlose und ausufernde Kompilation "wissenschaftlicher" Erkenntnisse. Hier schreibt kein „Scientist“, sondern ein Seelsorger. Verhandelt wird die Sache Mensch, in Wahrheit ist „Die Anatomie …“ eine Reise in die Abgründe der Conditio Humana. Gefällt mir sehr!

Er beginnt sozusagen als Mediziner, kommt aber sehr rasch darüber hinaus, das stimmt.
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Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #11 on: 31. Januar 2015, 20.33 Uhr »
Er beginnt sozusagen als Mediziner, [...].

Hippokrates, Galen, Avicenna - dann Erasmus und Melanchthon...
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Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #12 on: 07. Februar 2015, 07.12 Uhr »
Ich mache gerade eine Pause mit Burton, habe aber Partition 1 schon mal im Blog abgelegt.
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Offline sandhofer

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #13 on: 09. Februar 2015, 21.22 Uhr »
Partition II: Paracelsus, quasi den Chemiker unter den Ärzten, schätzt er nicht; er zieht Ärzte vor, die über 'natürliche' Heilmethoden (Diät, Badekuren u.ä.) heilen.

Aber dann kommt er sehr rasch weg von der Melancholie und zur Beschaffenheit der Erde bzw. zur Frage, wo denn nun die Hölle geografisch liegt...
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Offline Sir Thomas

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Re: Robert Burton: The Anatomy of Melancholy
« Reply #14 on: 10. Februar 2015, 08.52 Uhr »
Partition II: ...

Ich stecke immer noch in der ersten und komme nur langsam voran. Aber dieser Faden ist ja keine Leserunde, sondern "nur" ein nettes Kamingeplauder. Mein Interesse gilt neben den Inhalten vor allem der englischen Sprache des frühen 17. Jahrhunderts. Der klerikale Klang Burtons ist eine schöne Ergänzung zur poetischen Sprache Shakespeares.

Ich habe oben schon einmal auf T.S. Eliot hingewiesen, der vor rund 100 Jahren die englische Literatur des 17. Jahrhunderts (vor allem die der sog. metapyhsical poets) in einer Reihe von Essays analysiert hat. Er spricht von einer "sophisticated literature" und einer Qualität, "which expands in English literature just at the moment before the English mind altered ..." Auch wenn Eliot den Einfluss Burtons nicht erwähnt, scheint unser melancholischer Freund im Hintergrund eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen.