Author Topic: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg  (Read 1915 times)

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Thukydides: Der Peloponnesische Krieg
« on: 28. November 2014, 22.26 Uhr »
Hallo!

Thukydides ist der erste Geschichtsschreiber, der sich von phantastischem, mythologischem Gedankengut lossagt, der - im Gegensatz zu seinen Vorgängern Hekataios von Milet oder Herodot - das Anekdotische außen vor lässt und zu erzählen versucht, "wie es wirklich war". Tatsächlich finden sich im peloponnesischen Krieg nirgendwo Stellen, die sich mit dem Fabelhaften und Fiktionalen eines Herodot vergleichen lassen, Thukydides flicht zwar in die reine Geschehnisabfolge unzählige Ansprachen von Heerführern oder anderen mächtigen Personen ein, gestaltet diese aber "wahrscheinlich" und versucht durch diese Reden, die Motivationslage der jeweiligen Parteien deutlich zu machen.

Thukydides selbst war Athener, der im Laufe des von ihm beschriebenen Krieges einer für ihn unglücklich verlaufenden Schlacht (Amphipolis) wegen verbannt wurde. Diese Verbannung erwies sich in historischer Hinsicht als Glücksfall, konnte er doch dadurch auch im Feindesland Erkundigungen einziehen bzw. die Orte der kriegerischen Auseinandersetzungen aufsuchen und sich über den Verlauf eingehend informieren. Genau daran war ihm gelegen: Die Wahrheit über die Ereignisse ans Licht zu bringen und objektiv zu berichten, einen Anspruch, den die erwähnten Hekataios oder Herodot in dieser Form nie gestellt haben. Dass dies trotzdem keine quellenbasierte Geschichtsschreibung in moderner Form sein konnte liegt auf der Hand: So war Thukydides vor allem auf mündliche Erzählungen angewiesen und sich der Problematik dieser Schilderungen bewusst. "Die Tatsachen dagegen von dem, was im Lauf des Krieges vor sich ging, glaubte ich nicht nach Auskünften zufälliger Gewährsmänner, auch nicht nach eigenem Ermessen schildern zu dürfen, sondern indem ich alles, was ich teils selbst miterlebte, teils von anderen erfuhr, mit möglichster Genauigkeit im Einzelnen nachgeprüft habe. Es waren das mühevolle Untersuchungen, weil die Augenzeigen dasselbe Ereignis verschieden erzählten, je nach ihrem Wohl- oder Übelwollen und ihrer Erinnerung."

Das Frappierende an diesen Büchern (ich bin jetzt beim fünften von sieben Büchern) ist die Aktualität: Die Gründe, Ausreden für Kriegshandlungen haben sich nicht im mindesten geändert und man steht vor der Geschichte von damals wie auch vor den heutigen Problemen hilflos, kopfschüttelnd ob all der Dummheit, die zu diesen Auseinandersetzungen führ(t)en. Unverständnis macht sich breit beim Leser: Warum wurde da so viel geopfert an Menschen, an materiellen Werten, ganze Landstriche verwüstet etc., wovon weder Lakedämonier noch Athener oder Argeier irgendeinen Vorteil hatten? Anstatt sich zu verbünden, die Prosperität der Gebiete zu fördern, den Handel wird ein ungeheurer Aufwand betrieben, um den anderen irgendwie zu schädigen oder aber sein eigenes Einflussgebiet um ein paar Quadratkilometer zu erweitern, um Gegenden, die völlig bedeutungslos und unfruchtbar waren.

Und wir haben in unserer Zeit noch immer dieselben Probleme, nur dass es nicht mehr kleine Stadtstaaten sondern Machtblöcke sind, die sich bekriegen. Verwüstete Landschaften und Städte in der Ostukraine, in Syrien, im Irak, Mali - wo auch immer, niemandem, vor allem aber nicht dem normalen Bürger erwächst irgendein Vorteil aus diesen Auseinandersetzungen. Immer noch regeln wir Probleme auf archaische oder pubertäre Weise, man versucht mit Gewalt seine Interessen durchzusetzen und der ach so zivilisierte, friedliche Westen unterstützt diesen Wahnsinn durch umfangreiche Waffenlieferungen. Es ist noch ein langer Weg zu einem rechtsstaatlichen Konzept für den ganzen Planeten: Denn während wir in Europa mittlerweile zum Großteil akzeptieren, dass der Staat das Gewalt- (und damit auch das Waffen-)Monopol besitzt, ist man in den USA selbst von dieser recht simplen Ordnungsstrategie noch meilenwert entfernt: Immer noch verweist man in dümmlicher Wildwestmanier auf ein Selbstverteidigungsrecht, das ansonsten bestenfalls bei Jugendgruppen oder Motorradgangs zu finden ist. Und immer noch verhalten sich Regierungen in derselben Weise, pochen auf Einfluss- und Machtgewinn und führen für ihr Verhalten das vermeintliche Wohl des Volkes an, ein Wohl, an dem im Grunde niemanden gelegen ist.

Bevor der Beitrag zu einer Sonntagspredigt verkommt breche ich ab. Nichtsdestoweniger kann man anhand des Thukydides feststellen, dass es nur minimale, oft durch die Umstände erzwungene Fortschritte in den letzten 2500 Jahren gegeben hat. Wir pflegen das gleiche Freund-Feind-Denken, haben unsere Barbaren und Sklaven, einzig die entwickelte Technik ermöglicht es uns, rationeller zu töten, unsere Aggression nicht nur in einem geographisch beschränkten Umkreis auszuleben, sondern auf die ganze Welt auszudehnen. Wer das xenophobe oder religiöse Denken von damals und heute gegeneinander abwägt kann nur zum Schluss kommen, dass die vielgepriesene Vernunft kaum an Bedeutung gewonnen hat: Die fundamental-christlichen Strömungen in den USA (einzig in Europa ist der Einfluss der Religion durch die Aufklärung ein wenig eingedämmt worden) oder der Dschihad - sie sind absolut vergleichbar mit den religiösen Freveln des peloponnesischen Krieges, nicht klüger, nicht dümmer. Diese Nichtentwicklung ist so traurig wie schockierend.

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Re: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg
« Reply #1 on: 01. Dezember 2014, 16.00 Uhr »
Hallo!

Nichts Neues unter der Sonne: Sogar Olympiaboykott bzw. Ausschluss von den Spielen hat es vor 2400 Jahren schon gegeben, so wurde den Lakedämoniern unter fadenscheinigen Vorwänden ihre Teilnahme im Jahr 420 untersagt. Und was die wechselseitigen Bündnisverträge um genau diese Zeit betrifft (eigentlich wurde um 420 ja ein 50jähriger Friedensvertrag zwischen Athen und Sparta geschlossen), so muten diplomatischen Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg gegen die unzähligen Verflechtungen im Peloponnesischen Krieg gerade zu einfach an. Auch ähnlichen Führerfiguren wird gehuldigt: Je lauter und kriegsbegeisteter desto mehr Anerkennung. Sowohl Thrasyllos (auf seiten der Argeier) als auch Agis werden beinahe gelyncht, als die beiden Heerführer eine Schlacht verhindern, weil sich jede Partei schon als prospektiven Sieger gesehen hat.

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Re: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg
« Reply #2 on: 11. Dezember 2014, 02.24 Uhr »
Hallo!

Im siebten Buch die sizilianische Katastrophe (aus Sicht der Athener): Wobei die Ursachen für den Krieg als auch für den Verlauf weniger in staatspolitischen Überlegungen lag als in persönlichen Eitelkeiten - etwa des Alkibiades, der sich dann nach der Verurteilung durch seine Landsleute den Spartanern andient und anschließend mit dem persischen Satrapen Tissaphernes kollaborierte, um seine Rückkehr nach Athen zu betreiben. Fortgesetztes Morden und Zerstören aus Machtgier und Arroganz: Heute lassen sich die entsprechenden Heerführer mit nackten Oberkörper posierend oder in der Kanzel eines Militärjets ablichten. Mission accomplished. Es ist offensichtlich tatsächlich so, wie ein Freund mir vor kurzem über die Vorlesungen von E. Topitsch berichtete, der selbst den Russlandfeldzug mit "dem Thukydides im Tornister" mitmachte und die Meinung vertrat, dass in diesem Buch schon "alles" enthalten sei. Was Krieg, Politik oder den Willen zur Macht betrifft dürfte er Recht haben.

lg

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