Hallo,
Joseph Roths Roman „Hiob“ erzählt die Leidensgeschichte Mendel Singers, eines orthodoxen Ostjuden. In den beiden ersten Absätzen des Romans, erfahren wir, wie damals vor dem ersten Weltkrieg Ostjuden gekleidet, wie sie ausgesehen haben: Der Mund vom Bart verdeckt, auf dem Kopf eine schwarze Mütze, hohe Lederstiefel, ein landesüblicher jüdischer Kaftan, die traditionelle Kleidung von Ostjuden. Mendel Singer wird als konventioneller Ostjude beschrieben, der durch nichts besonderes herausragt, „den schlichten Beruf eines Lehrers“ ausübt, den Kindern des Ortes die Kenntnis der Bibel (die Thora) lehrt. „Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht“. Er ist gottergeben und stellt sich seinem Schicksal.
„..die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen....Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt. > Von ihm donnert es und blitzt es, er wölbt sich über die ganze Erde, vor ihm kann man nicht davonlaufen< - so steht es geschrieben.“ Diese Einsicht Mendels führt zu Spannungen mit seiner Frau Deborah. Sie wirft ihm vor, immer die falschen Sätze auswendig zu wissen, denn „der Mensch muss sich zu helfen suchen, und Gott wird ihm helfen,“ so stehe es geschrieben. Diese Auseinandersetzung mag aufzeigen, dass das Judentum eine Buchreligion ist, die heiligen Texte ausgelegt werden müssen. Da kann es schon zu Differenzen kommen.
Deborah ist anders gestrickt als Mendel. Sie ergibt sich nicht einfach dem Schicksal, sondern geht zu einem Wunderrabbi. Sie glaubt an die Prophezeiung, das ihr schwerkranker Sohn Menuchim, einmal gesund sein wird (solch eine Wundergläubigkeit wird dem Chassidismus zugerechnet):
„Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitterkeit milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Wiederhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie gutes künden.“
Mendel hat seinen Glauben verloren, er ist verbittert über die Schicksalsschläge in seiner Familie, in Amerika will er Gott verbrennen. Aber, und darauf kommt es an, Mendel wird geläutert, als er das Wunder von Menuchims Heilung erkennt. Von diesen innerlichen Wandlungen handelt der Roman.
Über Menuchim heißt es, er habe
„die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen, die sonst vielleicht eine gütige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilt hätte.“
Unter normalen Umständen wäre Menuchim niemals gesund geworden, so krank war er. So haben wir es hier wirklich mit einem Wunder zu tun, und der Roman schwappt ins legendär-religiöse. Dass er alle Qualen auf sich geladen zu haben scheint, verknüpft ihn sogar mit der Gestalt Jesus Christus.
Der Roman erzählt auch vom Schicksal des jüdischen Volkes, das Leben in der Diaspora, bzw. auch von jüdischer Abtrünnigkeit. So habe ich mich gewundert, warum Jonas bei den Kosaken im Militär dient. Von einem Juden hätte ich das nie erwartet, denn die Kosaken waren seit langem antisemitisch und haben u.a. um 1900, also vor dem ersten Weltkrieg, Progrome an den jüdischen Volk verübt. Viele Juden sind damals schon aus dem polnisch-russischen Grenzgebiet geflohen (vgl. Henry W. Katz: "Die Fischmanns"). Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurden schon polnische Juden von griechisch-orthodoxen Kosaken umgebracht (historisches Stichwort: "ukrainisches Gemetze" von 1648/49; vgl. auch Isaac Bashevis Singer: "Jakob der Knecht"). Jonas assimiliert mit den Kosaken. Aus dem Juden Schemarjah wurde in den USA der Geschäftsmann Sam. Mirjam, die Nymphomanin, die auch mit Kosaken zusammen ist und als ein Grund für Mendels Gang nach Amerika dient (dort kann sie es nicht mehr mit den Kosaken treiben), ihr sexuelles Verhalten also geht konträr jüdischer Moralvorstellungen. So muss man schließlich erkennen, das im "Hiob" doch einiges über die Zerissenheit der Juden in der Welt zu lesen ist. Und dann, ausgerechnet in der neuen Welt taucht Menuchim, dieser einzigartige Mensch, auf. Vielleicht wollte Joseph Roth mit dem auftauchen Menuchims die Sehnsucht aufzeigen, dass in der Diaspora ihre Religion nicht Verschutt geht. Auch in der Ferne, in New York, ist jüdisches Leben möglich.
Der Roman erweist sich als tiefreligiöser jüdischer Roman. Wer für solche Themen offen ist, für den ist der Roman sicher was. Interessant wäre zu wissen, was Atheisten zu diesem Roman sagen würden. Das Wunder von Menuchims Heilung wirkt doch recht seltsam auf mich.
Liebe Grüße
mombour