Hallo!
Der dritte Beitrag des Buches "Erfahrung als Programm - Über Strukturen vorparadigmatischer Wissenschaft" setzt - wie schon aus dem Titel erkennbar, die Anerkennung von Kuhns Paradigmenthese voraus, eine Anerkennung, die ich dieser These (wie hier schon öfter erwähnt und beschrieben) grundsätzlich versage. Vorparadigmatische Wissenschaft ist nach Böhme/van den Daele jene Zeit, die den großen Theorienbildungen vorangeht und grundsätzliche Strukturen und Verfahrensweisen bereitstellt. Dazu gehört die Anerkennung der Erfahrung als ein methodisches Hilfsmittel der Forschung, die technische Konstruktion von Forschungsinstrumenten und die Schaffung einer klassifikatorischen Struktur, um der Vielzahl der empirischen Daten Herr werden zu können. Dies alles ist unzweifelhaft für den entsprechenden Zeitraum (17. und 18. Jahrhundert) gegeben - wobei hier Newtons Theorie außen vor bleibt und sich die Autoren mit optischen, elektrischen und chemischen Bereichen auseinandersetzen.
Die Bedeutung dieser "vorparadigmatischen" Strukturen steht außer Zweifel, es ist nur nicht zu sehen, was ihre Einbindung in eine Theorie (die ja immer in irgendeiner Form regelgeleitetes Verhalten bzw. eine solche Entwicklung voraussetzt) rechtfertigt. Wissenschaften sind bei ihrer Entstehung selbstverständlich weniger konsistent, weisen einen wesentlich größeren Theoriepluralismus auf als die etablierte Forschung, tappt häufiger im Dunkel, geht oftmals etwas phantastische Wege. Das mit einem terminus technicus zu versehen ist schon fragwürdig (kann aber noch - der Ordnung halber - sinnvoll sein), daraus aber eine Theorie abzuleiten, die auf keine andere Zeit und kein anderes Forschungsgebiet tatsächlich anwendbar ist (außer hinsichtlich jener Trivialitäten, die jede Entwicklung in sich birgt), ist schlicht und einfach akademischer Unfug. Schon Kuhns eigene These ist derart schwammig (ein Autor meinte, dass aus Kuhns "Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen" allein 24 verschiedene Definitionen von "Paradigma" ableitbar wären), das sie kaum Aussagewert hat (und dort, wo sie konkrete Aussagen trifft - etwa bei der Inkommensurabilität - ist sie m. E. nachweislich falsch), solche unterstützenden Hypothese wie die vorliegende sind es noch viel mehr.
Trotzdem ist der Beitrag sehr lesenswert, denn einerseits ist die Fachkenntnis der Autoren unbestreitbar, andererseits kann man auch ihren Schlussfolgerungen weitgehend zustimmen (sofern sie sich nicht auf dieses Konstrukt der vorparadigmatischen Strukturen beziehen). Die Bedeutung von Klassifizierung wird (anhand der Biologie - Linné) hervorragend herausgearbeitet, ebenso die Wichtigkeit der Forschungsinstrumente (wobei mir das schlicht banal erscheint, wenngleich die Darstellung historisch interessant ist: Denn das Technik und Wissenschaft einander in die Hände arbeiten, ist evident und bedarf eigentlich keiner gesonderten Erwähnung. Der Large Hadron Collider hat ebenso selbstverständlich Einfluss auf die Entwicklung der Teilchenphysik wie die Entdeckung der Radioastronomie auf die Kosmologie hatte) oder die über die Forschungsinstitutionen sich etablierende Normenentstehung. Dieser wissenschaftsgeschichtliche Bereich ist klug und intelligent geschrieben, überall dort aber, wo auf die erwähnten "vorparadigmatischen" Strukturen rekurriert oder Methodologisches gestreift wird, ist der Text mit Vorsicht zu genießen. (So scheinen die Autoren am Mythos der induktiven Forschung festzuhalten und - wie viele andere - nicht zu bemerken, dass Induktion ohne vorhergehende Hypothesenbildung völlig blind ist.)
lg
orzifar