Author Topic: Böhme, van den Daele, Krohn: Experimentelle Philosophie  (Read 2151 times)

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Hallo!

Die erste der drei Arbeiten, die in diesem Buch versammelt sind, stammt von Wolfgang Krohn und analysiert die Epoche zwischen 1250/1300 und dem 17. Jahrhundert. Er legt dieser seiner Analyse das ontologische Modelle der kognitiven Entwicklung von Piaget zugrunde, in dem er in diesem Zeitraum eine assoziative und akkomodative Phase unterscheidet - unterbrochen von der rational-humanistischen Begriffsbildung der Renaissance. Dass sich Krohn an Piaget orientiert, dürfte an seiner eigenen konstruktivistischen Haltung liegen: Auch bei Piaget entwickelt sich das Denken über das Tun, prägt die operationale Phase die Entstehung des Denkens.

Bis etwa 1450 meint Krohn von einer Assimilierungsphase sprechen zu können: Man geht mit den Dingen um, ohne sie theoretisch zu durchdringen, ohne jene "Dezentralisierung" des Subjektes zu vollziehen, die erst eine objektiveren Blick auf die Natur ermöglicht. Dann setzt langsam (etwa mit da Vinci, Pico della Mirandola, Alberti oder Michelangelo) eine Auseinandersetzung mit diesem Tun ein (indem sich aus dem zünftischen Handwerk das künstlerische Tun entwickelt bzw. auch die Profession des Ingenieurs entsteht), außerdem wird in der Auseinandersetzung mit der Antike auch diese (bzw. ihre Leistungen) selbst fragwürdig, wodurch aus einem bislang weitgehend zyklisch orientierten Denken das Fortschrittsdenken entsteht. Mit Bacon kommt zu diesen neuen Gedankenmustern auch der experimentelle Bereich: Und er wird zum ersten Mal nicht nur um seiner selbst (um der reinen Erkenntnis willen) betrachtet, sondern, wie Bacon in seiner Utopie ausführt, zum Wohle und Glück der Menschheit. Seine "Nova Atlantis" ist keine Gerechtigkeitsutopie, in der die Unterschiede nivelliert werden und jeder einen gerechten Anteil am Gesamten erhält, sondern Fortschrittsutopie: In seiner Akademie sollen die Menschen damit beschäftigt sein, sich selbst und allen anderen das Leben zu erleichtern. Der Entwicklungsgedanke ist hier immer schon mitgedacht.

Trotz interessanter Ansätze bin ich gegenüber solchen Geschichtskonzeptionen höchst skeptisch: Allzu häufig ordnen Philosophen ihrem Konzept die Fakten unter - oder aber der Blick wird durch eine einseitige Sichtweise verstellt und subjektiviert (sehr stark etwa bei Feyerabend zu bemerken). Und so erscheint mir auch dieser an Piaget orientierte Versuch ein wenig konstruiert: Das kann man alles so sehen, wie es Krohn tut - aber es ist keinesfalls eine Notwendigkeit. Alternative Modelle scheinen ebenso plausibel wie unbegründet (etwa Kuhns These von den Paradigmen). Manchmal liest sich das wie ein halbierter Spengler: Der Geschichtsenwurf bleibt auf die Vergangenheit beschränkt und entzieht sich somit der Falsifikation durch die Zukunft. Mir persönlich sind Werke wie das von Crombie lieber: Er referiert den Stoff ohne viel philosophische Interpretation und informiert den Leser, der dann seine eigenen (subjektiven) Schlüsse ziehen mag. Nicht jede geschichtsphilosophische Überlegung ist falsch, aber sehr häufig haben sie die Funktion eines Filters, der dann das Unerwünschte ausblendet.

lg

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Re: Böhme, van den Daele, Krohn: Experimentelle Philosophie
« Reply #1 on: 26. Juni 2014, 03.57 Uhr »
Hallo!

Korrektur: Drei Autoren bedeuten nicht automatisch drei Arbeiten - es sind derer vier. Wolfgang van den Daele setzt sich in der zweiten Arbeit "Die soziale Konstruktion der Wissenschaft - Institutionalisierung und Definition der positiven Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts" mit der Frage von interner oder/und externer Wissenschaftsgeschichtsschreibung auseinander. Diese Problematik wurde eigentlich von Kuhns "Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen" und seiner an "Paradigmen" orientierten Wissenschaftshistorie thematisiert, im Anschluss daran hat man sich der veschiedensten Aspekte dieser Theorie angenommen.

Zum Glück geht van den Daele nicht wirklich auf diese (scheinbare!) Dichotomie von intern - extern ein, wenngleich er sich schon zu Beginn als ein Anhänger der externen Variante zu erkennen gibt. Denn dass sowohl das Individuum in seiner Einzigartigkeit zu dieser Geschichte beiträgt - ebenso wie die sozialen Verhältnisse - scheint auf der Hand zu liegen. Der Autor referiert denn auch die Entwicklung der ersten wissenschaftlichen Institutionen (die Royal Society und die Académie des Sciences in Frankreich), deren Entstehung und die damit verbundenen Beschränkungen (die im Frankreich des Ancien Regime sehr viel rigider waren) als auch die von Bacons Utopie inspierierten und noch vor Gründung der Royal Society Betonung des "neuen Lernens". Diese Strömung, die sehr stark auf die Pädagogik einzuwirken versuchte, wurde durch die Restauration des Königtums 1660 (auch das Gründungsjahr der Royal Society) unterdrückt; die Mitglieder mussten sich verpflichten, auf jedwede soziale, pädagogische, metaphysisch-theologische Meinungsäußerungen zu verzichten. Diese Beschränkung habe die allgemeine Entwicklung einer Wissenschaftsgesellschaft um Jahrhunderte zurückgeworfen (so wenigsten die Meinung vieler Geschichtsschreiber) und auch eine bis in die heutigen Tage vorherrschende Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften angestoßen. Sowohl in Frankreich (von Beginn an) als auch in England (ab 1660) war also jede Verquickung von Naturwissenschaft und Philosophie/Theologie/Politik streng verpönt, selbst im 18. Jahrhundert sei eine Verbindung eine rein zufällige Entscheidung gewesen.

Diese Ansichten werden durchaus plausibel dargestellt, obschon ich die große Zäsur darin nicht zu erkennen vermag. Solche Trennungen waren schon länger gang und gäbe (beginnend mit Occam und den zwei Wahrheiten), die Philosophie bzw. die Wissenschaften eroberten - je nach Einfluss und Möglichkeit - zuerst kleinere Bereiche, um schließlich auf dem Hintergrund des erstarkenden Einflusses des Bürgertums (und diese Macht war auch durch die angestoßene technisch-wissenschaftlich-explorative Entwicklung entstanden) die letzten Bastionen einer theologisch gedachten Weltordnung zu erobern. Insgesamt aber ein sehr anregender und lesbarer Beitrag.

lg

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Re: Böhme, van den Daele, Krohn: Experimentelle Philosophie
« Reply #2 on: 28. Juni 2014, 04.12 Uhr »
Hallo!

Der dritte Beitrag des Buches "Erfahrung als Programm - Über Strukturen vorparadigmatischer Wissenschaft" setzt - wie schon aus dem Titel erkennbar, die Anerkennung von Kuhns Paradigmenthese voraus, eine Anerkennung, die ich dieser These (wie hier schon öfter erwähnt und beschrieben) grundsätzlich versage. Vorparadigmatische Wissenschaft ist nach Böhme/van den Daele jene Zeit, die den großen Theorienbildungen vorangeht und grundsätzliche Strukturen und Verfahrensweisen bereitstellt. Dazu gehört die Anerkennung der Erfahrung als ein methodisches Hilfsmittel der Forschung, die technische Konstruktion von Forschungsinstrumenten und die Schaffung einer klassifikatorischen Struktur, um der Vielzahl der empirischen Daten Herr werden zu können. Dies alles ist unzweifelhaft für den entsprechenden Zeitraum (17. und 18. Jahrhundert) gegeben - wobei hier Newtons Theorie außen vor bleibt und sich die Autoren mit optischen, elektrischen und chemischen Bereichen auseinandersetzen.

Die Bedeutung dieser "vorparadigmatischen" Strukturen steht außer Zweifel, es ist nur nicht zu sehen, was ihre Einbindung in eine Theorie (die ja immer in irgendeiner Form regelgeleitetes Verhalten bzw. eine solche Entwicklung voraussetzt) rechtfertigt. Wissenschaften sind bei ihrer Entstehung selbstverständlich weniger konsistent, weisen einen wesentlich größeren Theoriepluralismus auf als die etablierte Forschung, tappt häufiger im Dunkel, geht oftmals etwas phantastische Wege. Das mit einem terminus technicus zu versehen ist schon fragwürdig (kann aber noch - der Ordnung halber - sinnvoll sein), daraus aber eine Theorie abzuleiten, die auf keine andere Zeit und kein anderes Forschungsgebiet tatsächlich anwendbar ist (außer hinsichtlich jener Trivialitäten, die jede Entwicklung in sich birgt), ist schlicht und einfach akademischer Unfug. Schon Kuhns eigene These ist derart schwammig (ein Autor meinte, dass aus Kuhns "Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen" allein 24 verschiedene Definitionen von "Paradigma" ableitbar wären), das sie kaum Aussagewert hat (und dort, wo sie konkrete Aussagen trifft - etwa bei der Inkommensurabilität - ist sie m. E. nachweislich falsch), solche unterstützenden Hypothese wie die vorliegende sind es noch viel mehr.

Trotzdem ist der Beitrag sehr lesenswert, denn einerseits ist die Fachkenntnis der Autoren unbestreitbar, andererseits kann man auch ihren Schlussfolgerungen weitgehend zustimmen (sofern sie sich nicht auf dieses Konstrukt der vorparadigmatischen Strukturen beziehen). Die Bedeutung von Klassifizierung wird (anhand der Biologie - Linné) hervorragend herausgearbeitet, ebenso die Wichtigkeit der Forschungsinstrumente (wobei mir das schlicht banal erscheint, wenngleich die Darstellung historisch interessant ist: Denn das Technik und Wissenschaft einander in die Hände arbeiten, ist evident und bedarf eigentlich keiner gesonderten Erwähnung. Der Large Hadron Collider hat ebenso selbstverständlich Einfluss auf die Entwicklung der Teilchenphysik wie die Entdeckung der Radioastronomie auf die Kosmologie hatte) oder die über die Forschungsinstitutionen sich etablierende Normenentstehung. Dieser wissenschaftsgeschichtliche Bereich ist klug und intelligent geschrieben, überall dort aber, wo auf die erwähnten "vorparadigmatischen" Strukturen rekurriert oder Methodologisches gestreift wird, ist der Text mit Vorsicht zu genießen. (So scheinen die Autoren am Mythos der induktiven Forschung festzuhalten und - wie viele andere - nicht zu bemerken, dass Induktion ohne vorhergehende Hypothesenbildung völlig blind ist.)

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Re: Böhme, van den Daele, Krohn: Experimentelle Philosophie
« Reply #3 on: 29. Juni 2014, 03.43 Uhr »
Hallo!

Die letzte Arbeit dieses Buches (Gernot Böhme: Die kognitive Ausdifferenzierung der Naturwissenschaft - Newtons mathematische Naturphilosophie) zeigt am Beispiel Newton die erstmalige Trennung von Naturwissenschaft und Naturphilosophie. Wobei ich meinen im vorigen Beitrag erhobenen Vorwurf bezüglich der Induktion für diesen Text zurücknehmen muss: Böhme gesteht zu, dass es für naturwissenschaftliche Forschung, für experimentelles Tun der hypothetischen Voraussetzungen bedarf (denn Newtons "hypothesis non fingo" haben schon viele Autoren (u. a. Westfall) ad absurdum geführt und den Beweis anhand von Newtons frühen Schriften geführt, dass er sehr wohl genau dies getan hat: Hypothesen erstellt).

Bedeutend für die Entwicklung ist Newtons Einsatz von mathematischen Methoden (im Sinne Galileis). Denn über sehr lange Zeit diente die Mathematik nur dazu, die "Phänomene" zu retten (beispielhaft ausgeführt wird dies im Buch von Crombie, wenn von den verschiedenen Weltbildern des Ptolemäus (mathematisch) und Kopernikus (physikalisch - naturphilosophisch) gesprochen wird. Wobei Ptolemäus die Phänomene - entgegen landläufiger Ansicht - sehr viel besser zu "retten" vermochte); erst bei Newton wird eine andere Gleichsetzung offenbar: Mathematisch = wahr. Plötzlich ist die Mathematik nicht mehr Hilfswissenschaft, sondern die Weltentwürfe müssen den mathematischen Anforderungen genügen. Hier kündigt sich aber auch die Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften an: Denn allerletzte Warum-Fragen (wie etwa die Frage nach der "Natur der Gravitation" und ihrem "Wunder der instantanen Wirkung") werden an die Philosophie bzw. Theologie delegiert.

Insgesamt ein sehr lesbares Buch, das seine Schwächen durch die versuchte Einbettung der historischen Darstellung in eine "größere" Theorie hat. Aber das ist in diesem Fall durchaus erträglich: Zumeist liest es sich höchst informativ und spannend.

lg

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