Author Topic: Johann Gottlieb Fichte  (Read 12975 times)

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Johann Gottlieb Fichte
« on: 29. Mai 2014, 19.32 Uhr »
Hallo zusammen!

Band I der Werk-Ausgabe von Fritz Medicus - der junge Fichte, wenn ich das recht sehe. Ein - im Grossen und Ganzen - der Aufklärung verpflichteter Fichte. Erste Versionen der Wissenschaftslehre, aber so weit bin ich noch nicht. Seine Kritik aller Offenbarung gelesen - wo Fichte auf ziemlich scholastischen Umwegen zum Schluss kommt, dass wir 'Offenbarung' nie verifizieren können.

Grüsse

sandhofer
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #1 on: 30. Mai 2014, 19.22 Uhr »
Wenn da nicht die merkwürdige Geschichte von der Setzung des Ich und des Nicht-Ich wäre (aber ich fange erst heute mit der ersten Version der Wissenschaftslehre an - Grundriß des Eigenthümlichen ...), könnte man Fichte durchaus als Positivisten deklarieren. Er akzeptiert zwar Gott als gegeben, überspielt aber dabei, dass Gott nicht bewiesen werden kann (und arbeitet also frei nach Voltaire: Wenn es Gott nicht gäbe, man müsste ihn erfinden), weiss, dass er hier einen Taschenspielertrick vollführt, und kommt dennoch zum Schluss, dass eine Offenbarung nie nachgewiesen werden kann. Auch in seinem Begriff der Wissenschaftslehre steckt im Grunde genommen viel Positivismus.
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #2 on: 31. Mai 2014, 08.56 Uhr »
Ich muss mir das noch genauer anschauen. Irgendwo beim Übergang von 'A = A' zu 'B = A' zu 'Ich = Ich' zu "Das Ich setzt das Ich" begeht Fichte einen verhängnisvollen Fehler. Er fängt in der Logik an und rutscht in die Metaphysik. Ich vermute, weil der die logische Entität 'A' hypostasiert, ein Ding daraus macht - und nicht mal ein Ding an sich.
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #3 on: 01. Juni 2014, 19.40 Uhr »
Die frühen Versionen der Wissenschaftslehre erinnern an Spinozas Philosophie more geometrico ... Bei beiden gilt, dass leider sehr wenig Geometrie in ihrer more ist ...
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Offline orzifar

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #4 on: 02. Juni 2014, 20.59 Uhr »
Hallo,

was genau liest du denn jetzt von Fichte? Ich habe zu meiner Überraschung festgestellt, dass ich die Wissenschaftslehre gar nicht zu besitzen scheine (ober aber sie ist im Bücherwust versumpft), habe aber die erste und zweite Einleitung in dieselbe gefunden. Im übrigen kann man m. E. Spinoza kaum vorwerfen, nicht more geometrico agiert zu haben. Das Problem ist die fragwürdige Evidenz der Axiome. Aber kaum jemand hat diesen Versuch so ernst genommen wie Spinoza.

lg

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #5 on: 02. Juni 2014, 21.11 Uhr »
Hallo!

was genau liest du denn jetzt von Fichte?

Im Moment nichts mehr. Als nächstes kommen: Die Grundlage des Naturrechts und das System der Sittenlehre. Die Wissenschaftslehre kommt später wieder. Ich schätze, im Juli.

Im übrigen kann man m. E. Spinoza kaum vorwerfen, nicht more geometrico agiert zu haben. Das Problem ist die fragwürdige Evidenz der Axiome. Aber kaum jemand hat diesen Versuch so ernst genommen wie Spinoza.

Ausser - mutatis mutandis - Fichte. Aber genau das meine ich: die fragwürdige Evidenz der Axiome, auch bei Fichte.
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Offline orzifar

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #6 on: 03. Juni 2014, 04.43 Uhr »
Hallo!

Im Moment nichts mehr. Als nächstes kommen: Die Grundlage des Naturrechts und das System der Sittenlehre. Die Wissenschaftslehre kommt später wieder. Ich schätze, im Juli.

Bis Juli werde ich sicherlich eine Ausgabe aufgetrieben (oder die verschollene gefunden) haben. Vielleicht lese ich mit ...

lg

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #7 on: 03. Juni 2014, 19.34 Uhr »
Hallo!

Also, mal schauen.

Gelesen habe ich gerade: Über den Begriff der Wissenschaftslehre (1794) / Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794 / 1802) / Grundriß des Eigentümlichen der Wissenschaftslehre in Rücksicht auf das theoretische Vermögen (1795 / 1802).

Es werden als nächste folgen: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797) / Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797) / Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797). Sind aber alles kürzere Texte. Später kommt aber dann noch mehr.

Welche sind denn bei Dir vorhanden? Oder waren es?

Grüsse

sandhofer
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #8 on: 03. Juni 2014, 23.58 Uhr »
Hallo!

Welche sind denn bei Dir vorhanden? Oder waren es?

Ich habe die "Reden an die deutsche Nation", die erste und zweite Einleitung zur Wissenschaftstheorie und die "Bestimmung des Menschen". Außerdem noch die "Schriften zur Revolution". Das ist es, was ich so auf die Schnelle hier gefunden habe. Und die "Wissenschaftslehre" kann ich sicher irgendwo antiquarisch billig auftreiben (Fichte neu kaufen - da sträubt sich was :)).

lg

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #9 on: 05. Juni 2014, 00.49 Uhr »
Hallo!

Ich antworte hier, um den Horen-Thread nicht deutsch-idealistisch zu verunzieren:

Auch Fichte - zumindest in den Jahren von 1794-1797- hat sich immer vom Idealismus, von Berkeley, abgegrenzt. So, wie auch von Descartes oder Leibniz.

Ja, wobei sich die Frage stellt, inwieweit Fichte diese Abgrenzung auch mit Berechtigung vornimmt. Allerdings könnte dies bei den frühen Schriften noch eher der Fall sein.

lg

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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #10 on: 05. Juni 2014, 06.40 Uhr »
Auch Fichte - zumindest in den Jahren von 1794-1797- hat sich immer vom Idealismus, von Berkeley, abgegrenzt. So, wie auch von Descartes oder Leibniz.

Ja, wobei sich die Frage stellt, inwieweit Fichte diese Abgrenzung auch mit Berechtigung vornimmt. Allerdings könnte dies bei den frühen Schriften noch eher der Fall sein.

Ich denke schon. So gut, wie Kant, dessen Einfluss in Fichtes frühen Werken doch noch sehr gross ist.
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #11 on: 06. Juni 2014, 09.35 Uhr »
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #12 on: 09. Juni 2014, 07.30 Uhr »
1796, in den Grundlagen des Naturrechts, wirft Fichte dann die schön aufgebaute Theorie des Ich als erkennender, aber abstrakter Entität über Bord. Nun ist das Ich plötzlich ein konkreter Mensch, andern Ichs gegenübergestellt, und auch die Natur ist plötzlich da und wirkt ...  lvw
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #13 on: 09. Juni 2014, 17.39 Uhr »
Offenbar konnte man zu jener Zeit keine Rechtsphilosophie schreiben, ohne ständigen expliziten oder impliziten Bezug auf Rousseau. So ist auch bei Fichte der Gesellschaftsvertrag implizit präsent; ebenso wie Rousseau plädiert auch Fichte für eine staatlich gelenkte und genehmigte Wirtschaft, im Grunde genommen eine Planwirtschaft.
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Re: Johann Gottlieb Fichte
« Reply #14 on: 21. Juni 2014, 07.08 Uhr »
Die Grundlage des Naturrechts und Das System der Sittenlehre (= Band 2 der Medicus'schen Werkausgabe) nun auch im Blog.
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