Author Topic: Gerhart Hauptmann  (Read 8359 times)

Offline Camenzind

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Gerhart Hauptmann
« on: 25. April 2014, 15.40 Uhr »
Ich habe mal eine Frage an die Literaten ... (Dafür habe ich mich hier angemeldet. Mal sehen ob auch noch mehr daraus wird ...)

Es geht um Gerhart Hauptmann. Er hat sicher einige interessante Stücke geschrieben, und lange Zeit sah ich ihn eher unreflektiert unkritisch, was sich neuerdings, u.a. (zum anderen gehören, wiederum u.a., eigenes Älterwerden, Dinge mit anderen Augen sehen ...) nach der Lektüre zweier Bücher seines Biographen Peter Sprengel, geändert hat …

Derzeit erscheint mir Hauptmann als völlig überschätzter, aufgeblasener, bis zur Lächerlichkeit eitler / von sich und dem eigenen Stellenwert überzeugter Schaumschläger … (oder war er letzteres, vom eigenen Stellenwert überzeugt, vielleicht doch nicht [so durchgehend] ... ? Die eine oder andere Stelle bei Sprengel deutet in diese Richtung.) Und Thomas Manns Peeperkorn-Porträt als grandios und regelrechte Dankbarkeitsgefühle auslösend …

Meinungen dazu ?


Offline orzifar

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #1 on: 26. April 2014, 00.01 Uhr »
Hallo!

Erstmal willkomen!

Derzeit erscheint mir Hauptmann als völlig überschätzter, aufgeblasener, bis zur Lächerlichkeit eitler / von sich und dem eigenen Stellenwert überzeugter Schaumschläger … (oder war er letzteres, vom eigenen Stellenwert überzeugt, vielleicht doch nicht [so durchgehend] ... ? Die eine oder andere Stelle bei Sprengel deutet in diese Richtung.) Und Thomas Manns Peeperkorn-Porträt als grandios und regelrechte Dankbarkeitsgefühle auslösend …

Ein derart harsches Urteil über Hauptmann müsste man m. E. argumentativ unterfüttern. Und ich kann nicht wirklich beurteilen, ob er "völlig überschätzt" wird, aber selbst dann müsste man analysieren, wer und warum derjenige zu dieser Überschätzung (so es denn eine sein sollte) neigt.

Thomas Manns Mynheer Pepperkorn ist allerdings ein großartiges Porträt, das ich aber keineswegs unter rein pejorativen Aspekten sehe: Ich meine mich zu erinnern (im Harpprecht gelesen?), dass sich sogar Hauptmann mit dem Porträt schließlich ein wenig angefreundet hat. Die Figur ist großartig gezeichnet, im Grunde (nach meinem Dafürhalten) sogar sympathisch, sie ist keine bloße Karikatur, sondern auch Hommage. So jedenfalls mein Eindruck. Ob sie Hauptmann wirklich gerecht wird, vermag ich mangels genauerer Kenntnis seiner Person nicht zu sagen.

lg

orzifar
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Offline Camenzind

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #2 on: 26. April 2014, 08.08 Uhr »
Das Urteil klingt in der Tat vielleicht etwas harscher als es eigentlich sein sollte ... Es ist auch kein wirkliches Urteil, sondern eher ein Eindruck ("erscheint mir"), der insbesondere bei der Lektüre von Sprengels "Bürgerlichkeit und großer Traum" entstand ...

Einige Theaterstücke Hauptmanns haben, teilweise seit Jahrzehnten, durchaus starken Eindruck auf mich hinterlassen und ich möchte ihnen ihre Qualität keineswegs absprechen. Was mich an Hauptmann unangenehm berührt bzw. mir neuerdings verstärkt auffällt, ist dieser Hang zur Pose, diese Pathetik, Theatralik in seinem privaten Habitus und auch schriftlichen Äußerungen ... seine Selbstdarstellung ... in Franziskanerkutter auf Hiddensee, von Kameras eingefangen, Hand an die Stirn gelegt ... du lieber Gott ... Er sah sich als "zweiter Goethe" und wurde auch im Land so gesehen, "bediente" das entsprechend, auch äußerlich, hatte unglaublichen, in diesem Ausmaß doch schwer nachvollziehbaren  Erfolg, konnte auf "sehr großem Fuß" leben, wurde von Politikern aller Art sozusagen herumgereicht, repräsentierte ... dabei mit viel Lavieren und Unverbindlichkeiten mal hier, mal da ... Offenbar immer wieder mal hinter jüngeren Frauen her, freilich jeweils kräftig "überhöht" ... (großes Theater ...) Auch Alkohol spielte für ihn wohl eine nicht unwesentliche Rolle ... (was ihm unbenommen sei, aber hier fügt es sich als Puzzleteil ins Gesamtbild und sei deshalb erwähnt.)

Er hat sich meines Wissens nicht mit dem Peeperkorn-Porträt "ein wenig angefreundet", Selbstironie in dem Ausmaß wäre vielleicht auch ein wenig viel verlangt ... (Obwohl ... möglich ist so etwas durchaus ... aber bei Hauptmann vermutlich eher nicht ...) Thomas Mann hat ihm einen sehr raffinierten Entschuldigungsbrief geschrieben, in dem es ihm tatsächlich gelungen ist, Hauptmann wieder um den Finger zu wickeln, manipulativ schreiben, das konnte er (T.M.) meisterlich. Aber die Beziehung der beiden hatte ihren Knacks weg und behielt ihn, auch wenn Hauptmann sich zunächst versöhnt gab. (Und eine Hommage ist es wohl eher nicht, wenn der Mijnheer da am Wasserfall in großem Stil in den Wind redet ...  ;D (So unsympathisch mir Mann ansonsten menschlich ist, dafür könnte ich ihn posthum in den Arm nehmen ...))

Offline sandhofer

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #3 on: 26. April 2014, 17.08 Uhr »
Hallo und willkommen erst mal!

Bei Hauptmann bin ich die falsche Person; ich habe mich seit Jahren nicht mehr um ihn gekümmert. Das ist kein Qualitätsurteil gegen ihn, sondern ganz einfach der Ausdruck mangelnder Zeit und anderer Vorlieben. Dass ihm - zumindest im privaten Kreis - Selbstironie zu eigen sein konnte, daran glaube ich mich durch Passagen in Richard Katz' Autobiografie zu erinnern, wo er irgendwann gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sich dahingehend ausdrückte, dass für ihn persönlich es keine Rolle spiele, wer den Krieg gewinne, weil Nationalsozialisten wie Kommunisten bei ihm Theaterstücke fänden, die ihrer Ideologie entsprächen. Aber mehr kann ich zur Diskussion nicht beitragen.

Grüsse

sandhofer
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Offline Camenzind

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #4 on: 27. April 2014, 10.09 Uhr »
weil Nationalsozialisten wie Kommunisten bei ihm Theaterstücke fänden, die ihrer Ideologie entsprächen.

Eine realistische Einschätzung ... Der Ambivalenz eigener Positionen wird er sich durchaus bewußt gewesen sein.

 :)

(Wobei anzumerken ist daß Ambivalenz generell keineswegs negativ besetzt sein muß ... Die Realität ist ambivalent ...)
« Last Edit: 27. April 2014, 10.18 Uhr by Camenzind »

Offline orzifar

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #5 on: 28. April 2014, 02.18 Uhr »
Hallo!

Ich habe die Episode Mann - Hauptmann nun noch mal im Harpprecht nachgelesen: So scheint der Ältere anfangs sehr erbost gewesen zu sein, nach dem erwähnten Entschuldigungsbrief (ob dieser so von Herzen kam darf denn doch wohl bezweifelt werden: Diesem devoten Ton scheint Ironie beigemischt) aber dem Jüngeren verziehen zu haben. - Trotz allem will mir der Pepperkorn als Figur so negativ nicht erscheinen: Verglichen mit den anderen Protagonisten des Romans - Castorp, Ziemßen, Settembrini oder Naphta würde ich mich als ein dargestellter Pepperkorn am wohlsten fühlen. Natürlich ist solches als ein nicht Betroffener leicht gesagt: Hauptmann selbst wird es zuweilen anders empfunden haben. Aber Pepperkorn ist doch immerhin ein wirklicher Charakter: Nicht zufällig taucht in seinem Gefolge die Chauchat auf (was so manch andere - von Castorp bis zum Hofrat Behrens sich wünschten) - und Settembrini ist offenkundig eifersüchtig auf den Meister des unvollständigen Satzes: Seine perlende Sprache vermochte Castorp weniger zu fesseln. Mir jedenfalls ist Pepperkorn durchaus sympathisch.

lg

orzifar
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Offline Camenzind

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #6 on: 28. April 2014, 08.56 Uhr »
Peeperkorn, bitt'schön ...  ;)

(oder ist es bewußte Verfremdung, die etwas aussagen / herüberbringen soll ? Dann ziehe ich den Einwand zurück ... In solchen Fällen hasse ich solche vermeintlichen Korrekturen ...  8))

Entschuldigungsbrief (ob dieser so von Herzen kam darf denn doch wohl bezweifelt werden:

In der Tat ... das gilt bei Thomas Mann des öfteren ...

Quote
Diesem devoten Ton scheint Ironie beigemischt)

... und mehr als das ... das wenn man so will nahezu beängstigende sich vollständig einklinken können eines durchtriebenen Manipulators in einen anderen Menschen ... Mann kann so schreiben daß der, der es liest, nicht merken soll, woher der Wind wirklich weht, aber andere es durchaus merken sollen ... und er weiß daß das aufgeht ... (Die wundersame Wandlung Manns zum Demokraten erinnert mich übrigens ein wenig an eine Stellungnahme Ansgar Pöllmanns über einen anderen (Karl May), "Bald erkannte jedoch der Verfasser [...], wo sein Weizen blüht, er begann so hübsch langsam, aber stetig die berühmte Entwicklung des ›Gewaltmenschen‹ zum ›Edelmenschen‹, d. h. er ließ beide hübsch nebeneinander her einen Wettlauf veranstalten!")

Quote
Settembrini ist offenkundig eifersüchtig auf den Meister des unvollständigen Satzes: Seine perlende Sprache vermochte Castorp weniger zu fesseln.

Ein interessanter Aspekt ... "Versungen und vertan", ja, formal vielleicht ... diese Thematik begegnet einem immer wieder mal. (Ein alter Theaterhase (Werner Kraut) sagte einmal zu einem Schauspielschüler (Rainer Ricklefs) "Junge du hast den Text nicht gekonnt aber du warst der beste Krogstad den ich je gesehen habe" ... Das ist diese Meistersinger- oder auch Bürger Schippel - Thematik, die einen können singen und die anderen beherrschen die Formen und Regeln ... Am besten man beherrscht beides, aber das ist leider eher sehr selten ...) (edit.: kleine Abschweifung, pardon)

Ich habe eben noch einmal eine Fernseh-Dokumentation zu Gerhart Hauptmann mir vom Video angesehen, in der sowohl Licht und Schatten Hauptmanns herüberkamen (auch in differenzierenden Einschätzungen von Dieter Hildebrandt und Peter Sprengel). (Und er war nicht nur in Franziskanerkutte zu sehen auf Hiddensee, auch in der Toga hat er sich filmen lassen ...  :)) (Und bei seinem Blick in die Kamera, mit um die achtzig Jahren, habe ich so etwas wie "Ihr fallt ganz schön auf mich herein, was ..." hinein- oder auch herausinterpretiert ...  ;))

Peeperkorn ist nicht unsympathisch. Hauptmann auch nicht. Nur daß der, erneut hemdsärmelig ausgedrückt,  schaumschlägerische Anteil seines Wesens und Tuns seinerzeit offenbar kaum wahrgenommen wurde verblüfft mich halt einigermaßen ...
« Last Edit: 28. April 2014, 13.58 Uhr by Camenzind »

Offline orzifar

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Re: Gerhart Hauptmann
« Reply #7 on: 28. April 2014, 17.51 Uhr »
Peeperkorn, bitt'schön ...  ;)

(oder ist es bewußte Verfremdung, die etwas aussagen / herüberbringen soll ? Dann ziehe ich den Einwand zurück ... In solchen Fällen hasse ich solche vermeintlichen Korrekturen ...  8))

Da spukte die pädagogische Zweitlektüre rein :): Pepperkorn.

Keine Verfremdung.

lg

orzifar
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