Author Topic: I. M. Bocheński: Die zeitgenössischen Denkmethoden  (Read 1886 times)

Offline orzifar

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I. M. Bocheński: Die zeitgenössischen Denkmethoden
« on: 01. April 2014, 11.16 Uhr »
Hallo!

Nach dem Seiffert der zweite "historische" Einführungsband in die Philosophie (Seifferts Folgebände habe ich mir mittlerweile besorgt). Und auch hier sind diese zwei Lesarten möglich: Eine inhaltliche und eine philosophiegeschichtliche (im übrigen eine Methode, die für andere Epochen auch durchaus zu empfehlen ist: So lernt man aus den Lehrbücher der Hochscholastik vieles über die damals anerkannten Denkmethoden. Diese Form der Literatur würde eine eigene Untersuchung verdienen.)

Bocheński gliedert seine Methodologie in vier Abschnitte: Phänomenologische Methode, sprachwissenschaftlicher Ansatz, axiomatische und reduktive Methoden. In dieser Einteilung wird bereits eine Besonderheit des Buches offenbar: Der Autor bedient sich einer - leider - sehr ungewöhnlichen und seltsamen Terminologie, die auch zum Zeitpunkt des ersten Erscheinens des Werkes (1954) nicht den üblichen Einteilungen entsprach. Das macht das Lesen manchmal mühsam und für den heutigen Leser (dem es wirklich nur um eine Einführung geht) relativ unbrauchbar. Obschon seine Erklärungen und Beispiele grosso modo durchdacht und nachvollziehbar sind (ausgenommen ein im Grunde simples, mir aber erst beim vierten oder fünften Mal Lesen verständliches Statistikbeispiel) ist diese verquere Begriffswahl ein Hauptkritikpunkt: Der Begriff Reduktion (im Grunde für Induktion und ihre verschiedenen Varianten) wurde etwa im 20. Jahrhundert nur im Zusammenhang mit Husserl verwendet, aus den zureichenden Bedingungen bzw. Gründen werden genügende (hier entspricht wenigstens die Semantik dem gängigen Ausdruck) u. v. m.

Geschichtlich steht Bocheński offensichtlich unter dem Eindruck der Phänomenologie Husserlscher Prägung (so etwa behauptet er, dass "zur Zeit" etwa 50 % aller Philosophen sich dieser Methode bedienen würden, ein Wert, von dem ich vermute, dass er für keine Zeit Berechtigung hatte). Auch die Tatsache, dass er die Phänomenologie an den Anfang seines Werkes stellt bzw. für sie überhaupt für ein eigenes Kapitel schreibt, spricht Bände. (Heute würde der phänomenologische Ansatz wohl bestenfalls ein paar Einträge im Index eines entsprechenden Buches beanspruchen.) Aber er versteht es ausgezeichnet, die Hauptanliegen dieser Methode darzustellen (insofern könnte dieses Kapitel auch als eine Kurzcharakteristik der Phänomenologie gelesen werden). Und auch anderes Interessantes findet sich im Buch: Etwa die Darstellung der Mill'schen Methoden, die man ansonsten kaum irgendwo findet - wenigstens nicht in einer Zusammenfassung. Hingegen (noch) kein Wort über Popper, wenig über Falsifikation (nur insofern, als dass sich eine Verifikation in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts als endgültig unmöglich herauszustellen begann).

Insgesamt aber ein sehr lesenswertes, anregendes Werk, das - wenn die Begriffswahl nicht derart eigentümlich wäre - auch heute noch als Einführung verwendet werden könnte.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: I. M. Bocheński: Die zeitgenössischen Denkmethoden
« Reply #1 on: 01. April 2014, 19.45 Uhr »
Hallo!

Geschichtlich steht Bocheński offensichtlich unter dem Eindruck der Phänomenologie Husserlscher Prägung (so etwa behauptet er, dass "zur Zeit" etwa 50 % aller Philosophen sich dieser Methode bedienen würden, ein Wert, von dem ich vermute, dass er für keine Zeit Berechtigung hatte).

Du meinst schon den ehemaligen Rektor der Uni in Freiburg i.Ü., ja? Die Logik beiseite, wo ich meine, mich an ein, zwei interessante Dinge zu erinnern, die ich aber nicht mehr abrufen kann, habe ich ihn immer für einen Neo-Thomisten gehalten.  ???

Insgesamt aber ein sehr lesenswertes, anregendes Werk, das - wenn die Begriffswahl nicht derart eigentümlich wäre - auch heute noch als Einführung verwendet werden könnte.

Stimmt, Philosophiehistoriker war er auch, nicht nur Logiker.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: I. M. Bocheński: Die zeitgenössischen Denkmethoden
« Reply #2 on: 01. April 2014, 20.19 Uhr »
Hallo!

Du meinst schon den ehemaligen Rektor der Uni in Freiburg i.Ü., ja? Die Logik beiseite, wo ich meine, mich an ein, zwei interessante Dinge zu erinnern, die ich aber nicht mehr abrufen kann, habe ich ihn immer für einen Neo-Thomisten gehalten.  ???

Ja, den meine ich. Wobei ich nicht sagen wollte, dass er ein Vertreter der Phänomenologie war, sondern eben diese nur offenbar geschätzt hat und ihrer Methode viel abgewinnen konnte. Das mit dem Neo-Thomismus wusste ich aus der Theorie, im Buch kam das nirgendwo zum Ausdruck (neothomistisch Methodologie wäre auch ein schwieriges Unterfangen).

lg

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