Author Topic: Rafael Chirbes: Der lange Marsch  (Read 2770 times)

Offline orzifar

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Rafael Chirbes: Der lange Marsch
« on: 27. März 2014, 05.18 Uhr »
Hallo!

Spanien nach dem Zweiten Weltkrieg: Das einzige faschistische Land, das unbehelligt weiter faschistisch bleiben durfte und eine zerrissene, in sich gespaltene Bevölkerung. Anhand von sieben Familien unterschiedlichster Herkunft werden Lebensgeschichten erzählt, Schicksale erlebt und erlitten, werden die Bruchlinien des vorangegangenen Kampfes zwischen links und rechts sichtbar. Alle diese Familien haben Kinder, Kinder, die einander im Laufe des Romanes kennen lernen, zu Freunden oder Paaren werden und sich - egal ob großbürgerlicher Herkunft oder aus ärmlichen Verhältnissen stammend - in ihrem Kampf um mehr Freiheit, Gerechtigkeit zusammenfinden. Ein Zusammenschluss, der schließlich tragisch endet, in den Verliesen der Guardia Civil.

Das, was hier wie ein politischer Roman sich darstellt, ist denn auch ein solcher: Aber noch viel mehr. Denn die politische Geschichte kann immer nur Hintergrund sein für die Protagonisten des Romans, sie ist niemals das ausschließliche Ziel der Darstellung: Dann wäre es bloß Historie. Aber der Roman kann - wenn er es denn kann - natürlich mehr als ein Geschichtswerk: Er kann Stimmungen sichtbar machen, ein Lebensgefühl, die Verflechtungen von Politik und Privatem. Und er kann somit einen Eindruck der Zeit vermitteln, intensiver, eindringlicher als dies jedwede historische Untersuchung vermöchte.

Chirbes, der mir bis dato unbekannt war, ist dies auf großartige Weise gelungen (und ist für mich schon jetzt die Entdeckung des Jahres). Ein Romancier, der einfühlsam und genau den Zeitgeist in den Personen spiegelt, feine Nuancen zutage fördert, Menschen mit wenigen Strichen (Worten) zu charakterisieren versteht und dennoch nirgendwo sich verliert, die Fäden der Geschichte nie aus der Hand gibt. Mit Fortdauer des Buches wuchs meine Überraschung - seiner sprachlichen Meisterschaft wegen und ob der weitgehenden Unbekanntheit des Autors (vielleicht aber ist es nur eine des Lesers). In jedem Fall wird dieses Buch nicht das letzte von Chirbes bleiben, er verdient es gelesen und gelobt zu werden (und einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad zu erlangen als ihm derzeit zukommt).

lg

orzifar
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Offline Dostoevskij

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Re: Rafael Chirbes: Der lange Marsch
« Reply #1 on: 27. März 2014, 08.03 Uhr »
Moin, Moin!

Chirbes, der mir bis dato unbekannt war (...) (vielleicht aber ist es nur eine des Lesers).

Ich kannte ihn nur namentlich, hatte mal eines seiner Bücher auf der Leseliste, schmiß es nach Jahren wieder runter, weil kein neuer Input kam, Neueres es verdrängte und es somit einer Leselistensäuberungsaktion zum Opfer fiel.

Es gibt Autoren, die selten merkbar an die Öffentlichkeit treten wie es solche tun, die Bestseller schreiben (Kehlmann) oder provokant erscheinen (Mosebach, Grass). Mir fiel einer meiner deutschen Lieblinge ein - Hartmut Lange, der Reanimator der Novelle in der deutschen Literatur.

Und von Markus Werner hört man immer nur, wenn er ein Buch veröffentlicht hat. Seit 10 Jahren keines mehr, demnach: seit 10 Jahren kein Ton mehr von ihm. Interviews gewährt er sowieso nur höchst, höchst selten.
-- 
Keep reading, Markus Kolbeck
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Offline Gontscharow

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Re: Rafael Chirbes: Der lange Marsch
« Reply #2 on: 27. März 2014, 09.59 Uhr »
Chirbes, der mir bis dato unbekannt war (...) (vielleicht aber ist es nur eine des Lesers).
Ich kannte ihn nur namentlich, hatte mal eines seiner Bücher auf der Leseliste, schmiß es nach Jahren wieder runter, weil kein neuer Input kam,(...)

Chirbes kenne ich seit etwa zehn Jahren. Er ist eigentlich der Schriftsteller der Movida madrilena wie Almodovar (den ich sehr schätze) ihr Filmemacher ist. Damals las ich anlässlich einer Spanienreise sehr schnell hintereinander Chirbes Romane Der lange Marsch, Der Fall von Madrid ( der mir am besten gefiel) und Alte Freunde. Die Romane, die mittlerweile als Madrid-Trilogie gehandelt werden, erfüllten ihren Zweck, mir das Land und besonders Madrid näher zu bringen!
Im letzten Literaturclub stellte Elke Heidenreich, die Chirbes zu ihren Lieblingsschriftstellern zählt, sein neues Buch von 2013 vor. Es scheint wie schon Alte Freunde, das mir ein bisschen larmoyant vorkam,  um die allgemeine Sinnkrise in Spanien zu gehen. Ich glaube eher nicht, dass ich es lesen werde.

Offline orzifar

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Re: Rafael Chirbes: Der lange Marsch
« Reply #3 on: 27. März 2014, 23.10 Uhr »
Hallo!

So ganz wird meine Begeisterung offenbar nicht geteilt - und auf Elke Heidenreichs Unterstützung hätte ich gerne verzichten können ;). Mal sehen, wie mir die weiteren Bücher gefallen.

lg

orzifar
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