Hallo!
Titel, Untertitel (Zu Begriff und Geschichte der Wissenschaftstheorie) und Einleitung versprachen einiges: Sodass ich das Buch mit Vorschusslorbeeren bedacht zu lesen begann. Das recht umfangreiche Werk ist zweigeteilt: Die erste Hälfte analysiert die bisherigen Ansätze der Wissenschaftstheorie, im zweiten Teil wird der Versuch unternommen, eine - am Neukantianismus orientierte - eigene Konzeption vorzustellen.
Aber das alles gerät zu einem Ärgernis: Wenn man auch noch über die ersten, etwas billigen Kritiken (etwa am Wiener Kreis oder an Mach) hinwegsehen kann, so wird man - spätestens ab der Behandlung des kritischen Rationalismus - zunehmend ärgerlicher. Denn hier werden auf der Basis längst widerlegter Kritiken ein ums andere Mal die gleichen Vorwürfe wiederholt. Dann kommt es noch zu kuriosen Einordnungen von vorgeblich metaphysischen Tendenzen bei Dawkins (den Breil offenkundig nicht ganz verstanden hat, wobei Dawkins nun wirklich keine anspruchsvolle Literatur darstellt) oder dem unsäglich dummen Vorwurf der Zirkularität* in Bezug auf die Evolutionäre Erkenntnistheorie. Einzig die Frage nach dem Warum dieser oft seltsam anmutenden Bewertungen bleibt vorläufig im verborgenen. (So nebenher ist die Darstellung der einzelnen philosophischen Richtungen höchst rudimentär und unnötig kompliziert: Sodass man ohne Kenntnis dieser Strömungen einen höchst seltsamen Eindruck von deren Inhalt bekommen würde.)
Ansatzweise Aufklärung wird dem Leser dann im zweiten Abschnitt zuteil (der auch nicht gerade ein Paradebeispiel von Klarheit und Verständlichkeit darstellt): "Der Neukantianismus hat dagegen gezeigt, dass das Erkenntnisthema in der Erkenntnistheorie eigenständig und erfahrungsunabhängig zu begründen ist. Denn Wissenschaft setzt den begründeten Begriff der Erkenntnis voraus." (Hervorhebung von mir). Es geht also um den xten Versuch der Philosophie einer rein rational-theoretischen Letztbegründung für alle Erkenntnis, Versuche, die der Philosophie ihren durch die Naturwissenschaft verletzten Stolz wiedergeben sollen und sie als Fundierung für alles Denken konstituieren sollen. Selbst wenn der Versuch gelingt, ist eine solche Erkenntnistheorie eine im luftleeren Raum (in vacui - Hans Albert) agierende, eine Erkenntnistheorie, die nichts über die Welt auszusagen vermag. Das sind die feuchten Träume von reinen Philosophen, Träume, die bei Descartes noch verständlich waren, im 21. Jahrhundert aber einen bestenfalls atavistischen und kuriosen Eindruck hinterlassen. Wer von solchen Letztbegründungen absieht, muss auch auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse keinen Verzicht leisten, er kann sich der unvermeidlichen Zirkularität stellen, dass wir als gewordene, evolutionäre Wesen aufgrund dieser Entwicklung zu bestimmten Fähigkeiten gelangt sind. U. a. auch die Fähigkeit, über uns selbst nachzudenken. Dieses entstandene Denken aber nun plötzlich zu verabsolutieren, seine Bedingtheit aus unserem tierischen Sein in Abrede zu stellen, ist eben jene Metaphysik (mit theologischen Einschlag), die über Jahrtausende zu den skurrilsten System geführt hat, möglicherweise in sich stimmig, aber völlig belanglos. Erkenntnis ist empirisch, rekursiv, zirkulär - all dies ist unvermeidlich. Wenn wir daraus auch konsequenterweise folgern müssen, dass wir Gewissheit nie werden erlangen können.
lg
orzifar
*) Über diesen verqueren Vorwurf der Zirkularität erkenntnistheoretischer Strömungen, die auf die Erfahrungswissenschaft nicht verzichten wollen, hoffe ich irgendwann einen kleinen Blogbeitrag zu verfassen.