Hallo!
Carr ist seines Zeichens Militärhistoriker - und diese seine Profession wird im Buch deutlich. Und zwar in positiver und negativer Art und Weise.
Der Autor geht von einer Grundthese aus: Dass nämlich Terrorismus (und damit verbunden Gewalt gegen Zivilisten) immer kontraproduktiv sei und dass terroristische Kampfmaßnahmen, wer immer sie zur Ausführung bringt, ihr Ziel stets verfehlen. Für diese seine These bringt Carr umfangreiches historisches Material vor - und dieser Teil, der etwa drei Viertel des gesamten Buches umfasst, ist als durchaus gelungen zu bezeichnen. Die Analysen, beginnend mit den römischen Expansionskriegen und endend mit dem Vietnamdesaster der USA, sind ansprechend, durch Quellen belegt und argumentativ durchaus nachvollziehbar. Obschon Carr seiner Theorie allzu viel unterordnet, gegenteilige Aspekte ignoriert und eben häufig "pro domo" (im Sinne seiner Theorie) spricht. Trotzdem: Das liest sich gut, man wird auch von dem von mir befürchteten Patriotismus us-amerikanischer Prägung weitgehend verschont und selbst Israels Rolle bei seiner Staatsgründung wird kritisch durchleuchtet. (Militärgeschichtlich ist Carr im übrigen ein Anhänger Moltkes und Gegner Clausewitz': Dieser hatte einem "totalen" Krieg (aus der großen Bewunderung für Napoleon heraus) das Wort geredet, während Moltke begrenzte Einsätze für richtig hielt: Wohl auch aus dem einfachen Grund, dass Preußen zu jener Zeit einen "totalen" Krieg nie hätte führen können. Moltke war wohl vielmehr Stratege, der mit den vorhandenen Mitteln das beste zu erreichen suchte und im Grunde kein "Theoretiker".)
Das Buch ist 2002 erschienen: Also bald nach den Anschlägen vom 9. September. (Und es wurde vielleicht auch nur deshalb geschrieben: Ein Titel mit dem Wort "Terrorismus" verkaufte sich zu jener Zeit sicherlich gut.) Die Analysen zu diesem Anschlag fallen dann auch ein wenig simpel aus (wie Carr überhaupt das Militärische - kraft seiner historischen Ausrichtung - völlig überbewertet), sie zeigen, dass die USA vergangene Fehler (wie etwa in Vietnam) nicht wiederholen, nach Möglichkeit einen begrenzten (in den Termini Carrs: progressiven, d. h. auf möglichst wenig Opfer bedachten und schnell durchzuführenden) Krieg führen solle, bei dem vor allem Zivilisten geschont werden. Er plädiert auch für Drohneneinsätze (die damals noch Zukunftsmusik waren), für gezielte Angriffe vergleichbar jenem auf Gaddafi 1986, scheint sich aber der vielfältigen Ursachen der terroristischen Bedrohung nicht bewusst zu sein. Dass Gewalt manchmal ein durchaus legitimes Mittel gegenüber Gewaltherrschern (oder Terroristen) darstellt ist - spätestens seit Hitler - unzweifelhaft. Dass aber dieser Krieg (Carr besteht auf dieser Bezeichnung) gegen Al-Qaida bzw. gegen den islamischen Fundamentalismus einzig durch - wenn auch begrenzte - Waffengänge gewonnen werden kann, zeugt von einer gewissen Kurzsichtigkeit.
So wartet man vergebens auf alternative Strategien, Hintergrundanalysen: Die wirtschaftlichen Verflechtungen werden mit kaum einen Satz erwähnt, religiöse Aspekte ein wenig naiv dargestellt. Fazit: Der historische Abschnitt lesbar, der aktuelle Teil ein wenig platt und von wenig gedanklicher Kreativität zeugend.
lg
orzifar