Author Topic: Alfred North Whitehead: Wie entsteht Religion?  (Read 2165 times)

Offline orzifar

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Alfred North Whitehead: Wie entsteht Religion?
« on: 31. Januar 2014, 04.06 Uhr »
Hallo!

Das mit Abstand schlechteste Fachbuch, das ich seit sehr langer Zeit gelesen habe und das ich guten Gewissens nach der Hälfte der Ausführungen abgebrochen habe. Ein völlig sinnentleertes Geschwafel ohne jede Relevanz, ohne auch nur im entferntesten irgendeinen Beleg dafür beizubringen, dass das, was hier ein äußerst geduldiges Papier zu erleiden gezwungen war, auch nur die geringste Stringenz für sich beanspruchen kann.

Begonnen wird damit, dass für Whitehead vier Komponenten für die Religionsbildung ausschlaggebend seien: Ritual - Gefühl - Glaube - Rationalisierung. Hier harrt der Leser noch dem was kömmt, denn man will ja wissen, warum dies so sei, welcher Gedankengang zu einer solchen Konzeption veranlasst bzw. welche historischen Quellen für die Theorie in Anspruch genommen werden können. Man wartet vergeblich, das Ganze hört sich so an: Das Ritual entsteht aus einer Art überschüssiger Energie (hier wird ein hanebüchener Vergleich aus der Tierwelt herangezogen - die V-Formation bei einem Starenschwarm sei ein Beispiel dafür), aus diesen Ritualen entstehen Gefühle (auch bei den Vögeln??), die Gefühle werden in einem Akt des Glaubens in einen Mythos eingebunden, welcher schließlich rationalisiert wird. Ausschlaggebend dabei ist ein "Weltbewusstsein" (nein, ich weiß auch nicht, was das ist).

Religion ist eine "Welt-Loyalität", wenn man nicht mit der Welt übereinstimmt, wird das Böse geboren. Dann wird das Johannesevangelium zitiert, zustimmend - selbstredend, denn der metaphysische Johannes ist dem eifernden Paulus natürlich vorzuziehen. Aber ich zitiere besser, das Abstruse dieses Textes wird dadurch am deutlichsten erkennbar.

"Die moderne Welt Gott hat Gott verloren und sucht ihn. (Hmm.) Der Grund für den Verlust liegt weit zurück in der Geschichte des Christentums. (Jetzt wartet man auf den Grund.) Bezüglich ihrer Gotteslehre wandte sich die Kirche allmählich wieder dem semitischen Konzept zu und erweiterte es um die Dreifaltigkeit. (Das ist reiner Text ohne Auslassungen: Auf den Grund wartet man vergebens. Vielleicht auf die Erklärung des semitischen Entwurfes im Zusammenhang mit der Trinität.) Das Konzept ist klar, erschreckend und unbeweisbar. Es wurde durch eine unbezweifelte religiöse Tradition gestützt. Auch kam ihm der konservative soziale Instinkt sowie eine Geschichte und Metaphysik zu Hilfe, die beide ausdrücklich für diesen Zweck konstruiert wurden. (?? - nur der Trinität wegen gibt's Geschichte??) Überdies bedeutet Unglaube Tod. (Das war der erste Absatz eines Kapitels ohne Auslassungen - und er scheint mir durchaus repräsentativ. Später wird dann nochmal bestätigt: "Geschichte und Metaphysik wurden im modernen Europa konstruiert, um das semitische Gotteskonzept zu stützen." Das muss man offenbar nicht verstehen, sondern glauben.

Eine Aneinanderreihung von beliebigen Behauptungen ohne jeden Zusammenhang, ohne jedes Argument, ohne auch nur im entferntesten einen roten Faden erkennen zu lassen, der durch das Ganze führt. Die zweite Hälfte des Buches habe ich quergelesen - es ändert sich nichts, im Gegenteil: Die Behauptungen werden immer abenteuerlicher. Whitehead hat sich im Laufe seines Lebens von Russel abgewandt und stark an Bergson sich orientiert. Aber selbst wenn man diesen mit Fug und Recht als metaphysischen Lyriker bezeichnen kann (denn ein Philosoph ist Bergson in meinen Augen keinesfalls), ein derartig verschwurbelt-hirnrissiges Durcheinander habe ich bei ihm auch nicht gefunden. "Was verbleibt, ist die unerschöpfliche Sphäre abstrakter Formen und die Kreativität mit ihrem sich verschiebenden Charakter, der durch ihre eigenen Geschöpfe immer wieder neu bestimmt wird, und Gott, von dessen Weisheit alle Formen der Ordnung abhängen." Mit diesem letzten Satz des Buches wandert der gute Whitehead ins unterste Regal und wird in diesem meinem Leben keiner Wiederauferstehung mehr gewürdigt werden. Armes Papier.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Alfred North Whitehead: Wie entsteht Religion?
« Reply #1 on: 31. Januar 2014, 07.42 Uhr »
Hallo!

Whitehead hätte ich Dir voraussagen können. Abgesehen von den Principia Mathematica und dessen Ausläufern ist mir nichts von ihm bekannt, das einer Lektüre wert wäre. Auch einer, der sich an der Logik bzw. Mathematik das Hirn kaputt studiert hat.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Alfred North Whitehead: Wie entsteht Religion?
« Reply #2 on: 31. Januar 2014, 09.23 Uhr »
Hallo!

Ich wusste von seiner Affinität zu Bergson, auch das er bei Bradley studiert hat. Aber ich dachte, dass er vom englischen Idealismus ein wenig mehr abgekommen wäre. Wobei - das hier Gebotene ist nicht mal idealistisch: Es ist eine sinnfreie Abfolge zumeist indikativischer Sätze, die suggerieren, als ob das alles etabliertes Wissen sei. ich verstehe nun, dass Russel sich von Whitehead ganz absentiert hat. (Die Mathematica halte ich trotzdem in Ehren - auch wenn ich sie wohl nie ganz lesen werde ;)).

lg

orzifar
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