Author Topic: Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit. Bd 1  (Read 5858 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Nach einer ausführlichen Einleitung, in der Deschner - nicht immer wirklich überzeugend - seine historische Herangehensweise erläutert (inwieweit man als Historiker objektiv sein kann, darf, muss: Diesen theoretischen Überlegungen hat Hans Albert in seinen Ausführungen zu Max Weber sehr viel besser Ausdruck verliehen), beginnt er mit der Analyse des Judentums bzw. des Alten Testamentes. Und hier wird bereits ein Problem sichtbar, das ich immer wieder mit Deschners Bücher hatte: Er dokumentiert allzu ausführlich, schreibt Einzelheiten, die als das 10., 100. Beispiel in den Fußnoten besser aufgehoben wären. Natürlich: Der liebe Gott des Alten Testamentes ist der Gottvater des Massenmordes, der Heuchelei, Rachsucht - von Mord- und Totschlag (Frauen und Kinder inklusvie, sofern sie nicht zu Versklavung taugen). Das würde aber bereits durch eine Bruchteil der zitierten Schlächtereien klar werden, sodass man durch die faktische Anhäufung auf Dauer ein wenig gelangweilt wird. Ich zweifle nicht an der Richtigkeit der Ausführungen: Aber der Historiker hat auch die Pflicht, zusammenzufassen, zu verweisen, die Quellen aufzubereiten.

Aber durch diese Lektüre wird einem wieder das Abstoßende, Ekelhafte der Religionen (ob jüdisch oder christlich) in Erinnerung gerufen, die Dummheit rezenter Theologen, die da noch immer an den bald 3000 Jahre alten Schauergeschichten heruminterpretieren, einem perversen Stammesgott nachlaufen und all die Gräueltaten beschönigen. Wenn diese Perversion nicht noch immer einen so großen Einfluss haben würde: Man könnte das alles ins Kuriositätenkabinett der Geschichte verbannen. Aber diese Idiotie wird noch heute flächendeckend an Schulen und Universitäten gelehrt, sie genießt Anerkennung - und immer wieder hervorgehoben - Respekt. Gerade letzteres ist mir ein völliges Rätsel: Respekt vor jemanden, der vor einem rachsüchtigen Beduinengott auf die Knie fällt, der die Imbezillität sein eigen nennt, an Engel, unbefleckte Empfängnis und heilige Geister zu glauben, Respekt vor einer Religion, die im Laufe ihrer Geschichte ungleich mehr Menschen ermordet hat als Hitler in seinem tausendjährigen Reich? Das verdient sowohl intellektuelle als auch moralische Verachtung, umso mehr, als eben von Staats wegen die Kinder immer noch mit diesem Unsinn indoktriniert werden. (Es bedurfte einiges an Mühe, eine auch nur einigermaßen akzeptable Schule für orzifar jr. zu finden: Religiös-esoterische Anstalten gibt es zur Genüge, aber keine einzige, die ein Faible für Naturwissenschaften hätte. Man erzähle mir nicht, dass sich die Kinder nicht dafür interessieren würden - mein Kleiner ist der Beweis für's Gegenteil. Und nicht nur er ... Aber bevor ich nun eine Schimpftirade auf das öst. Schulsystem anstimme, die Seiten über Seiten umfassen würde (und meiner Laune abträglich wäre), halte ich hiermit inne.)

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Hallo!

Nichts wirklich Neues in der Kriminalgeschichte. Die Kirchenväter als opportunistische, betrügende Geschichtsschreiber, das Christentum, das sich bis Konstantin in einer selbstgefälligen Märtyrerrolle gefällt (die gänzlich übertrieben wird), dazu wird von den Kirchenvätern auch das gesamte Vokabular der Judendiskriminierung bereits in diesen ersten Jahrhunderten erfungen (worauf dann u. a. auch die Nazis rekurrierten). Konstantin bringt die entscheidende Wende: Von einer Religion unter vielen zur Staatsreligion, wodurch erstmals das Alleinseligmachende des Christentums auch mit brachialer Gewalt durchgesetzt werden kann. Mit dem religiösen Aufstieg geht der wirtschaftliche Aufstieg einher: Durch Schenkungen zu Reichtum gekommen versteht es der christliche Klerus, diese seine Macht in seinem Sinne zu nützen.

Die Kritik an Deschner bleibt im übrigen die gleiche: Die unzähligen Zitate muss jemand entweder in einer Art "Metatext" verarbeiten und integrieren oder in die Fußnoten verbannen. So liest sich das manchmal recht mühselig: Wobei außerdem für meinen Geschmack die Zitate aus den Quellen und die aus der Sekundärliteratur zu sehr durcheinander gehen. Man sollte das eine betrachten, dann die rezenten Meinungen von Theologen referieren, um danach zu einer zusammenfassenden Schlussfolgerung zu gelangen. Informativ, aber nicht immer ein Vergnügen.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Hallo!

Den ersten Teil verbloggt.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Hallo!

Deine Lektüre scheint den Gelesenen nicht zu bekommen. Vorgestern ist Deschner gestorben...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Hallo!

Deine Lektüre scheint den Gelesenen nicht zu bekommen. Vorgestern ist Deschner gestorben...

Wenn ich denn sicher sein könnte, dass da was dran ist: Wer weiß welche Prominente sich dann noch erdreisten würden, uns mit ihrer Lebensbeichte zu belästigen ;).

Hier ein Nachruf auf Deschner. Ich kannte ihn nur aus Filmen (und natürlich Büchern): Mir imponierte seine Bescheidenheit, seine Zurückhaltung. Wer die Kompromisslosigkeit der Bücher kennt, würde einen lauten, auftrumpfenden Menschen vermuten. Aber das Gegenteil war der Fall.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Deine Lektüre scheint den Gelesenen nicht zu bekommen. Vorgestern ist Deschner gestorben...

Deshalb getraue ich mich schon seit geraumer Zeit nicht mehr an Hans Albert ran, der wird bald 100.

lg

orzifar
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