Author Topic: G. J. Warnock: Englische Philosophie im 20. Jahrhundert  (Read 1720 times)

Offline orzifar

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G. J. Warnock: Englische Philosophie im 20. Jahrhundert
« on: 09. Januar 2014, 02.48 Uhr »
Hallo!

Der Titel des Buches ist ein wenig irreführend: Es wird eigentlich nur die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts abgehandelt. Beginnend mit der Ablösung des - relativ kurzen - von Hegel inspirierten englischen Idealismus der Philosophen um Bradley und Bosanquet werden vor allem G. E. Moore und B. Russel vorgestellt, die als Wegbereiter der analytischen Philosophie gelten. (Warnock gibt hier - interessanterweise - Moore mehr Raum als seinem berühmteren Kollegen, möglicherweise, was den Einfluss anlangt, sogar zu Recht.) Im Anschluss wird der logische Positivismus erörtert (inklusive Ayer), schließlich zu Wittgenstein übergeleitet.

Dieses Kapitel verdient besonderes Lob. War Wittgenstein schon in seinen eigenen Schriften recht kryptisch, so haben ihn seine Exegeten häufig an Undurchsichtigkeit noch übertroffen. Warnock tritt den Beweis an, dass man über Wittgenstein klar und klug räsonieren kann und auf rund 30 Seiten eine passable Übersicht über dessen Denken zu geben vermag. Er zeigt - als einer der wenigen - klar auf, dass vor allem sein Spätwerk sich - unausgesprochen - gegen ihn selbst, gegen seinen Tractatus richtet, arbeitet die Hauptgedanken dieses Spätwerks übersichtlich heraus und spart - wiewohl selbst Anhänger der analytischen Richtung - nicht mit wohldosierter Kritik.

Auch die späteren Kapitel über Ryle, Austin oder Strawson sind von bewundernswerter Klarheit (obschon hinzugefügt werden muss, dass man ein wenig mit den Werken der Philosophen vertraut sein sollte: Dies gilt im übrigen auch für Wittgenstein). Das Buch endet mit einem Ausblick über mögliche zukünftige Entwicklungen, was die Metaphysik als auch die - damals eingeforderte - Politisierung der Philsophie betrifft. (Wobei Warnock sich in der zweiten Auflage für den etwas scharfen Ton des Schlusskapitels zu entschuldigen veranlasst sah: Ich konnte allerdings beim besten Willen keine solch "scharfen" Töne entdecken.)

Insgesamt ein äußerst lesenswertes und kurzweiliges Buch, das mir - wiewohl ich das von Warnock vertretene Primat des "linguistic turn" keineswegs teile - ausgezeichnet gefallen hat. Ich hätte nichts dagegen gehabt, hätte es den doppelten Umfang aufgewiesen.

lg

orzifar
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