Author Topic: Elisabeth Nemeth: Otto Neurath und der Wiener Kreis  (Read 1401 times)

Offline orzifar

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Elisabeth Nemeth: Otto Neurath und der Wiener Kreis
« on: 24. Dezember 2013, 03.25 Uhr »
Hallo!

Ein seltsames Buch, das - lt. Einleitung - sich die Wisschenschaftlichkeit der Wissenschaft zu erklären vorgenommen hat. Als Beispiele dienen das Denken des Wiener Kreises im allgmeinen und die Schriften Otto Neuraths im besonderen, wobei die Autorin bemüht ist, außerphilosophische Einflüsse (literarischer, musikalischer, architektonischer Art) zu berücksichtigen.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der ökonomischen Theorie O. Neuraths. Dieser wendet sich gegen die herkömmlichen Berechnungsmethoden für Wohlstand bzw. Reichtum in Geldeinheiten und versucht dadurch eine Alternative anzubieten, indem er das "Glück", die "Lust" des einzelnen in den Mittelpunkt seiner Erwägungen stellt. Da diese "Lust" nicht in Zahleneinheiten ausgedrückt werden kann, bedient sich Neurath der Relationen: Wenn schon keine absolute "Lusteinheit" festzustellen ist, so doch das mehr oder weniger der einzelnen Glücksfaktoren. (Ein wenig mutet das modern an: Tatsächlich wird die Kritik an der Wohlstandsberechnung anhand des BIP - mit Recht - immer lauter. Denn diese Berechnungsmethoden lassen die Zufriedenheit, die ökologische oder demokratische Situation unberücksichtigt. Und sie belohnen den uneingeschränkten Konsum: Theoretisch gäbe es für das BIP und damit den Reichtum eines Landes nichts besseres als Glatteis auf allen Autobahnen: Die neu anzuschaffenden Autos würden das BIP in die Höhe treiben, ohne dass damit natürlich irgendwer reicher oder glücklicher geworden wäre - ausgenommen die Autoindustrie - und Verwandte.)

Neurath ist es um eine Alternative zum kapitalistischen Geldsystem zu tun: Und er weist mit seinen Ausführungen u. a. darauf hin, dass es sozialistischen Wirtschaftstheorien um das Glück, kapitalistischen um das Geld einer Gesellschaft gehe. Das alles klingt recht nett, manchmal auch interessant, scheint mir aber völlig undurchführbar: So haben ökonomische Modelle immer holistischen Charakter, alles wirkt sich auf alles aus und aufgrund dieses Holismus sind Berechnungen oder Vorhersagen so gut wie unmöglich. Wer etwa A kauft (in der Hoffnung auf Vermehrung des Glücks), muss ev. auch B zur Verfügung haben, verhindert damit aber, dass ein dritter C kaufen kann, weshalb für einen vierten auch D belanglos wird ad infinitum. Jede kleinste ökonomische Aktion würde das gesamte Gefüge betreffen, alle Relation müssten neu aufgestellt werden, was angesichts der Zahl der Daten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Außerdem ist der homo oeconomicus keine messbare Größe: Häufig weiß der einzelne überhaupt nicht, was nun für ihn den größeren Glücksfaktor birgt, wobei natürlich auch die einzelner Mitglieder dieser ökonomischen Gemeinschaft gänzlich unterschiedliche Präferenzen haben.

Was das Ganze mit der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft zu tun hat? Ich weiß es (noch) nicht, deshalb auch die Bezeichnung "seltsam" im Eingangssatz. Denn auch der zweite Teil, der sich mit den ökonomischen, philosophischen und künstlerischen Aspekten beschäftigt, kann diese Frage nicht beantworten. Im ganzen bislang ein Buch, das - manchmal - durchaus anregend ist, dessen Motivation mir aber bislang verborgen blieb.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re: Elisabeth Nemeth: Otto Neurath und der Wiener Kreis
« Reply #1 on: 11. Januar 2014, 04.51 Uhr »
Hallo!

Noch ein Resumee zu diesem Buch: Der im letzten Post eingemahnte Zusammenhang mit der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft wird dann im weiteren Buch doch noch eingelöst: Er besteht kurz gesagt darin, dass sich die Wissenschaft im Praktischen vollzieht, dass von dieser Praxis nie abgesehen werden kann und in einer physikalistischen Auffassung, die alle Dinge nur als raum-zeitliche Ereignisse gelten lässt.

Das Problem des Buches besteht darin, dass diese Positionen Neuraths nirgendwo hinterfragt oder refklektiert werden. So werden Aussagen wie "die Praxis kommt immer vor der Theorie" unwidersprochen wiedergegeben, wobei gerade solche - oft aphoristisch anmutende Sätze - häufig zwischen Trivialität und Widersprüchlichkeit schwanken. Aufrecht zu erhalten ist dieser Ausspruch nur dadurch, dass man das Entschließen, über irgendetwas nachzudenken, als eine Form der Handlung betrachtet und das Denken also diesem Entschluss nachordnet. Umgekehrt ist es hingegen genauso: Auch das Denken ist in seinen Ergebnissen selbstredend Anlass für Handlungen. Hier gibt es ganz offenkundig eine ziemlich einfache, gegenseitige Beziehung, die in kein vorher und nachher unterteilt werden kann.

Ein weiteres Beispiel für solche kritiklose Hinnahme ist Neuraths Auffassung von der Wirklichkeit bzw. Wahrheit. Er vertritt hier eine konventionalistische Position, eine Art Kohärenztheorie, sodass wahr nur das ist, was auch von der Forschergemeinschaft als wahr anerkannt wird. Wird ein Satz geäußert, der dem gesamten System widerspricht und trotzdem zur Anerkennung kommt, so muss das System so weit abgeändert werden, dass es wieder in sich stimmig bleibt. Mit Recht hat man hier eingewandt, dass eine solche Konzeption der "Stimmigkeit" auch stimmige Märchen zu Welterklärungen machen würden, vor allem dadurch, dass Neurath auch die Wirklichkeit als ein metaphysisches Gebilde abzutun sucht. Was aber bei allen Kohärenz- oder Konsenstheorien der Wahrheit (die sich also auf die Übereinstimmung einer Gruppe, Gesellschaft, Forschergemeinschaft oder ähnlichem beziehen) völlig unklar bleibt, ist, wie denn ein neuer Satz überhaupt zustande kommt. Denn irgendwann bleibt auch dem Verfechter der Kohärenztheorie nichts anderes übrig, als sich auf einen Vergleich des Satzes mit der Wirklichkeit zu beziehen und damit also doch wieder die Korrespondenztheorie als Grundlage für die Wahrheiten anzuerkennen. Ich sehe nicht, wie anders etwa Voraussagen überprüft werden können als durch einen simplen Vergleich zwischen dieser Voraussage und einer wie immer gedachten Realität.

Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die in diesem Buch nicht im entferntesten berührt werden. So bleibt das eine höchst gelehrte, aber völlig unkritische Abhandlung über Neuraths Auffassungen und denen des Wiener Kreises.

lg

orzifar
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