Hallo!
Ein seltsames Buch, das - lt. Einleitung - sich die Wisschenschaftlichkeit der Wissenschaft zu erklären vorgenommen hat. Als Beispiele dienen das Denken des Wiener Kreises im allgmeinen und die Schriften Otto Neuraths im besonderen, wobei die Autorin bemüht ist, außerphilosophische Einflüsse (literarischer, musikalischer, architektonischer Art) zu berücksichtigen.
Der erste Teil beschäftigt sich mit der ökonomischen Theorie O. Neuraths. Dieser wendet sich gegen die herkömmlichen Berechnungsmethoden für Wohlstand bzw. Reichtum in Geldeinheiten und versucht dadurch eine Alternative anzubieten, indem er das "Glück", die "Lust" des einzelnen in den Mittelpunkt seiner Erwägungen stellt. Da diese "Lust" nicht in Zahleneinheiten ausgedrückt werden kann, bedient sich Neurath der Relationen: Wenn schon keine absolute "Lusteinheit" festzustellen ist, so doch das mehr oder weniger der einzelnen Glücksfaktoren. (Ein wenig mutet das modern an: Tatsächlich wird die Kritik an der Wohlstandsberechnung anhand des BIP - mit Recht - immer lauter. Denn diese Berechnungsmethoden lassen die Zufriedenheit, die ökologische oder demokratische Situation unberücksichtigt. Und sie belohnen den uneingeschränkten Konsum: Theoretisch gäbe es für das BIP und damit den Reichtum eines Landes nichts besseres als Glatteis auf allen Autobahnen: Die neu anzuschaffenden Autos würden das BIP in die Höhe treiben, ohne dass damit natürlich irgendwer reicher oder glücklicher geworden wäre - ausgenommen die Autoindustrie - und Verwandte.)
Neurath ist es um eine Alternative zum kapitalistischen Geldsystem zu tun: Und er weist mit seinen Ausführungen u. a. darauf hin, dass es sozialistischen Wirtschaftstheorien um das Glück, kapitalistischen um das Geld einer Gesellschaft gehe. Das alles klingt recht nett, manchmal auch interessant, scheint mir aber völlig undurchführbar: So haben ökonomische Modelle immer holistischen Charakter, alles wirkt sich auf alles aus und aufgrund dieses Holismus sind Berechnungen oder Vorhersagen so gut wie unmöglich. Wer etwa A kauft (in der Hoffnung auf Vermehrung des Glücks), muss ev. auch B zur Verfügung haben, verhindert damit aber, dass ein dritter C kaufen kann, weshalb für einen vierten auch D belanglos wird ad infinitum. Jede kleinste ökonomische Aktion würde das gesamte Gefüge betreffen, alle Relation müssten neu aufgestellt werden, was angesichts der Zahl der Daten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Außerdem ist der homo oeconomicus keine messbare Größe: Häufig weiß der einzelne überhaupt nicht, was nun für ihn den größeren Glücksfaktor birgt, wobei natürlich auch die einzelner Mitglieder dieser ökonomischen Gemeinschaft gänzlich unterschiedliche Präferenzen haben.
Was das Ganze mit der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft zu tun hat? Ich weiß es (noch) nicht, deshalb auch die Bezeichnung "seltsam" im Eingangssatz. Denn auch der zweite Teil, der sich mit den ökonomischen, philosophischen und künstlerischen Aspekten beschäftigt, kann diese Frage nicht beantworten. Im ganzen bislang ein Buch, das - manchmal - durchaus anregend ist, dessen Motivation mir aber bislang verborgen blieb.
lg
orzifar