Author Topic: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher  (Read 24209 times)

Offline sandhofer

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Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« on: 04. November 2013, 21.11 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich mag ja Tagebücher. Und wenn Beneke sagt "Tagebücher", meint er Tagebücher. Beneke lebte von 1774-1848, und ab 1792 führte er Tagebuch. Und das heisst bei ihm wortwörtlich: Jeden Tag einen Eintrag. Manchmal nur ein Satz oder ein halber, aber jeden Tag. Oder fast.

Zugegeben, die Tagebucheinträge von 1792 sind noch nicht so wahnsinnig interessant. Aber selbst dann - ich mag Tagebücher halt...

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #1 on: 05. November 2013, 19.48 Uhr »
Es wird schon langsam interessanter. Aber, man stelle sich vor: mit knappen 19 wird Beneke bereits Mitglied der Freimaurer ...  :o
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Offline sandhofer

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #2 on: 07. November 2013, 20.28 Uhr »
1794: August. Beneke ist gerade mal 20 ... und er schreibt an Wieland und bietet ihm an, (unbezahlter) Beiträger zu seinem Merkur zu werden.
1795. März. Noch keine Antwort von Wieland ...

Beneke hat seine Stelle beim preussischen Staat gerade gekündigt. Ich frage mich: Warum? Er ging morgens um 9 (manchmal auch erst um 10) hin, und "Nachtische" [sic!] geht er spazieren bis um 4 ...
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BigBen

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #3 on: 08. November 2013, 08.09 Uhr »
Beneke hat seine Stelle beim preussischen Staat gerade gekündigt. Ich frage mich: Warum? Er ging morgens um 9 (manchmal auch erst um 10) hin, und "Nachtische" [sic!] geht er spazieren bis um 4 ...

Boreout?  ;)

Offline sandhofer

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #4 on: 09. November 2013, 09.00 Uhr »
Boreout?  ;)

So, wie's aussieht, scheint er mehr an dem laboriert zu haben, was man damals "Melancholie" nannte, und heute "Depression". Wahrscheinlich nicht endogen, sondern exogen: Ein naher Verwandter der Familie (Benekes Onkel, um genau zu sein) hat von der Familie sehr viel Geld gefordert; Geld, dass Benekes Vater nicht mehr hatte, hatte er doch beim Spekulieren auf eine Kriegshausse nicht rechtzeitig gemerkt, dass es Zeit wäre, sich aus dem Markt zurückzuziehen, und so praktisch sein ganzes Vermögen verloren. De facto schrammte er haarscharf am Konkurs vorbei.

Beneke hat dann in Göttingen sein Jus-Studium mit einem Doktor-Titel beendet. Lichtenberg hat er nur einmal, kurz vor seiner Abreise in einer Vorlesung (4. Nov. 1795) gesehen. Ansonsten sind für ihn die grossen Göttinger allesamt Juristen.
« Last Edit: 09. November 2013, 12.16 Uhr by sandhofer »
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #5 on: 17. November 2013, 08.14 Uhr »
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #6 on: 17. November 2013, 21.33 Uhr »
Ich bin gerade entsetzt. Im Internet habe ich dieses Interview mit Jan Philipp Reemtsma, dem letztlichen Mäzen der Veröffentlichung der Tagebücher, gefunden. 'scuse my French, aber: Jeder Primaner hätte sich klügere Fragen ausgedacht als dieser Journalist. Reemtsma lässt ihn entsprechend wieder und wieder nach allen Regeln der Kunst auflaufen. (Na ja - viel Kunst brauchte es da nicht.) Und der Journalist lässt das auch noch veröffentlichen (ist wohl gar stolz auf sein Interview?). Und das Schlimmste: der Chefredaktor lässt es durchgehen. Nein, das ist nicht die Bildzeitung oder eine der Gratis-Pendlerzeitungen. Das ist die einst renommierte ZEIT ...  :o
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #7 on: 18. November 2013, 21.00 Uhr »
Auch Beneke ist entsetzt. Das kleinbürgerliche Landei entsetzt sich jedesmal, wenn eine Hamburger Bürgersfrau "--- geschminkt!!!" ist.  :teufel:
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #8 on: 23. November 2013, 21.10 Uhr »
Ansonsten zeichnet sich der zweite Band dadurch aus, dass Beneke langsam aber sicher in Hamburg Karriere macht. Und dass er sich in jedes zweite hübsche Mädchen verliebt, das er kennen lernt. Und dadurch, dass er 1795 eine grosse depressive-hyperchondrische Phase durchmacht.
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Offline orzifar

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #9 on: 23. November 2013, 21.16 Uhr »
[...] Und dass er sich in jedes zweite hübsche Mädchen verliebt, das er kennen lernt. Und dadurch, dass er 1795 eine grosse depressive-hyperchondrische Phase durchmacht.

Ergo: Ein absolut durchschnittlicher 21jähriger ;).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #10 on: 24. November 2013, 07.45 Uhr »
Ergo: Ein absolut durchschnittlicher 21jähriger ;).

Genau  ;D.

Allerdings ein sehr ordnungsbesessener, jedenfalls, was seine Einträge im Tagebuch betrifft: Er nummeriert gleichnahmige Bekannte und Freunde durch (Dr. Gries I, Dr. Gries II usw.) oder versieht ihre Namen mit zusätzlichen Kürzeln (PZimmermann für den Pastor Zimmermann und seine Familie, KZimmermann für den Kaufmann und dessen Familie), um sie auseinanderhalten zu können. Zusätzlich bei jedem Auftauchen eines Namens in Klammern der Hinweis auf den Tag, an dem er sie zum letzten Mal getroffen, bzw. (z.B. für einen Brief) im Tagebuch erwähnt hat.
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #11 on: 26. November 2013, 07.55 Uhr »
Dennoch sehr interessant, die Tagebücher. Nicht der einzelne Eintrag als solcher, aber die Summe der Einträge.

(Wieviele Kieselsteine machen einen Berg?)
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #12 on: 05. Dezember 2013, 19.39 Uhr »
Jean Paul habe ich vergessen. Der einzige Literat offenbar, den Beneke liest und den er heiss liebt. Aber mir wird auch klar, wie Harich auf die Idee kommen konnte, Jean Paul als revolutionären Dichter zu bezeichnen. Irgendwie lief gegen Ende des 18. Jahrhunderts beim durchschnittlichen deutschen Intellektuellen Liebe zur französischen Revolution, zu Jean Paul und allgemeine Gefühlsduseligkeit zusammen...
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #13 on: 08. Dezember 2013, 19.30 Uhr »
1801 - das Jahr, das die Hälfte des dritten Bandes (1799-1801) füllt. Beneke hat nun mehr zu sagen bzw. zu schreiben, weil die europäischen Auseinandersetzungen nun auch Hamburg voll treffen. Die Stadt wird von Preussen und Dänemark besetzt, die von Hamburg die Aufgabe dessen englandtreuer Handelspolitik verlangen. Beneke hätte gewünscht, dass Hamburg diesen Wünschen mehr Widerstand entgegensetzt, aber er wird in der Bürgerschaft überstimmt.
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Re: Ferdinand Beneke: Die Tagebücher
« Reply #14 on: 09. Dezember 2013, 21.06 Uhr »
Es soll mir übrigens niemand sagen, die heutige Zeit und Welt sei übersexualisiert. Im Gegenteil: Dass wir an allen Ecken und Enden nackte Vorder- und Hinterteile beiderlei Geschlechts zu sehen kriegen, und dass wir uns heute auch mal paaren dürfen, ohne dass gleich der Pastor und die Schwiegereltern winken, hat da viel Druck weggenommen. Der arme Beneke hingegen ... wenn ihn eine junge Frau nur anlächelt, wird er gleich spitz wie Nachbars Lumpi. Aber er darf das natürlich nicht so nennen, nicht einmal vor sich selber. Also verliebt er sich immer gleich. Mein Gott ... jetzt ist der arme Kerl 27 - und wenn er in seinem Leben bisher ein halbes Dutzend mal gepimpert hat, war's wohl viel.

Und alles schön mit dem "heiligen Jean Paul" sublimieren...
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