Author Topic: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox  (Read 4456 times)

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Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« on: 01. September 2013, 23.10 Uhr »
Hallo!

Ein Buch, das ich - wie anderweitig erwähnt - in einem Bausch- und Bogenkauf mitgenommen habe. Es hat ziemlich Furore gemacht, wurde teilweise enthusiastisch besprochen, auch kritisiert. Inhaltliche eine Art Krimi um die Wissenschaft, das Atomprogramm der Nationalsozialisten, allerlei prominente Vertreter haben ihren Auftritt: John von Neumann, Gödel, Heisenberg, Schrödinger u. v. m. Das birgt die Gefahr von allerlei pseudowissenschaftlichen Exkursen oder abenteuerlichen Interpretationen: Aber glücklicherweise bleibt man davon weitgehend verschont. Handwerklich sehr gut gemacht, spannend, ein "Pageturner".

So nebenher ein kleines Ärgernis: Auch Volpi meint - wie so manch andere - eine Verbindung zwischen Quantenphysik und Willensfreiheit herstellen zu können. Aber die Undeterminiertheit eines Geschehens hat nichts mit Willensfreiheit zu tun. Das eine ist die Idee eines allwissenden Dämon im Sinne von Laplace: Mit dem absoluten Wissen um die Ausgangskonfiguration würde er - Determiniertheit vorausgesetzt - alle zukünftigen Ereignisse voraussagen können (etwa, ob ich mich in der Eisdiele für Vanille- oder Schokoladeeis entscheide). Die Quantenphysik macht dem den Garaus: Ohne kausale Determiniertheit keine Voraussage bzw. nur statistische Voraussagen, nicht aber eine über ein konkretes Teilchen. Das aber ändert für die menschliche Willensfreiheit rein gar nichts. Denn ob nun ein zufallsbedingtes Quantenereignis im meinem Kopf oder eine festgelegte Ausgangskonfiguration über meine Eispräferenz entscheidet: In beiden Fällen treffe ich selbst die Entscheidung nicht. Nichtvorhersagbarkeit hat nichts mit Willensfreiheit zu tun, in beiden Fällen wäre ich von physikalischen Vorgängen beeinflusst, die sich meinem Einfluss entziehen. Die Quantenphysik führt nur den Laplaceschen Dämon ad absurdum, behauptet nur, dass niemand im vorhinein wissen kann, ob ich nun Vanille- oder Schokoladeeis bevorzuge.

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #1 on: 02. September 2013, 16.13 Uhr »
Hallo!

Kaum schreibt man einmal etwas Positives über ein halb gelesenes Buch: Schon wird man auf den nächsten Seiten eines besseren belehrt und man ist versucht, alles wieder zurückzunehmen. Ein Kapitel lang äußerst hölzerne Dialoge, sprachlich - vorsichtig ausgedrückt - "seltsam" (liegt's an der Übersetzung), kuriose Metaphern. Wobei letzteres mich fast an der allerersten Seite schon hat scheitern lassen: Ein Raum "wie ein Tropfen schwarzer Tusche" - und ein mächtiger Strahl "bohrt sich in die Leinwand wie die Kugel in die Feindesbrust". Nachdem man aber anschließend relativ lange von solch obskuren Metaphern verschont blieb und die Handlung sich entsprechend entwickelte, konnte man darüber hinwegsehen.

Bei all dem drängt sich mir der (unbewiesene) Eindruck auf, dass an einigen dieser Seltsamkeiten die Übersetzung Schuld sein könnte. Bleibt aber eine Vermutung ...

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #2 on: 03. September 2013, 09.32 Uhr »
Hallo!

Was liest Du auch für Sachen ...

Aber wieso "Klingsor"? Was hat dieser Merlin-Verschnitt mit Schrödinger zu tun? Ist ja keine Katze...

Grüsse

sandhofer
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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #3 on: 03. September 2013, 16.21 Uhr »
Hallo!

Die zweite Hälfte des Buches hat dann doch ziemlich enttäuscht. Alles das, worüber man zu Beginn noch hatte hinwegsehen können, hat sich zusehends verstärkt: Sprachliche Unbeholfenheiten, eine Handlung, die zusehends aus dem Ruder läuft, oberflächlich gezeichnete Charaktere.

Kurz zum Inhalt: Erzählt wird das Ganze von Gustav Links, einem Mathematiker, der, direkt oder indirekt, mit dem Plan zum Bau einer Wunderwaffe, der "Bombe", zu tun hat. Ein amerikanischer Offizier und Physiker taucht nach dem Krieg auf und versucht, Licht ins Dunkel der Wissenschaftsgesellschaft des Dritten Reiches zu bringen - und vor allem herauszufinden, wer für die Entscheidungen an höchster Stelle unter dem Namen "Klingsor" zuständig war. (@Sandhofer: Hier ist der Klingsor aus dem Parzifal, der böse Zauberer, gemeint, wie er auch ursprünglich bei W. v. Eschenbach auftaucht). Mit Hilfe von Links macht sich der Offizier auf die Suche, spricht mit hochrangigen Physikern (v. der Laue, Heisenberg, Schrödinger, Bohr), um festzustellen, dass er sich scheinbar immer weiter von seinem Ziel entfernt. In das Ganze sind Rückblicke verwoben, Links' private Schicksale werden erzählt, außerdem wird Bacon (der amerikanische Offizier) noch in eine Liebesgeschichte mit einer Deutschen, Irene, verstrickt, die ganz offenkundig auch an dem Thema Klingsor Interesse hat.

Und je stärker diese Irene in das Geschehen involviert wird, desto schwächer wird der Roman. Von Beginn an ist klar, dass sie als Agentin fungiert, sie ist als Figur unglaubwürdig, die Dialoge mit Bacon wirken gekünstelt (außerdem, lieber Volpi: Einsprengsel bei Dialogen in der Art "Er konnte vor lauter Aufregung nicht mehr atmen" usf. sind Zeichen von Unbeholfenheit. Für die Glaubwürdigkeit dieser Zustände muss der Dialog an sich stehen, zusätzliche Beschreibungen sind hier bestenfalls peinlich). Und so wird die anfangs plausible Handlung zu einem ziemlichen Wirrwarr, das in auch recht unbefriedigender Weise seine Auflösung erfährt. Volpi will einfach zu viel: Die zahlreichen erotischen Verstrickungen wirken auf Dauer ermüdend, die seitenlange Schilderung des Stauffenbergschen Attentats wie ein bemühter Kunstgriff, die Dinge fügen sich nicht mehr selbstverständlich ineinander, wie das zu Anfang noch der Fall ist. Wie so oft: Weniger wäre mehr gewesen.

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #4 on: 03. September 2013, 19.59 Uhr »
Bacon?!? Volpi will uns verarschen, oder?
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Offline orzifar

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #5 on: 03. September 2013, 20.12 Uhr »
Bacon?!? Volpi will uns verarschen, oder?

Frank Bacon. Ach, das ist das Schlimmste nicht ;). Dagegen hab' ich gar nichts.

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #6 on: 03. September 2013, 20.18 Uhr »
Ach, das ist das Schlimmste nicht ;). Dagegen hab' ich gar nichts.

Ja? Solche Scherze haben mir Ecos Romane schon beim ersten verleidet. Und ich lese/höre, dass Kehlmanns "F" mit demselben Trick arbeitet: Möglichst viele Anspielungen, die der Bildungsbürger entziffern kann. Das mag der Bildungsbürger; ergo wird er den Roman lieben. Ging auf bei Eco. Scheint aufzugehen bei Kehlmann. Volpi kannte ich vor Deinem Thread hier gar nicht...
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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #7 on: 03. September 2013, 20.39 Uhr »
Ach, das ist das Schlimmste nicht ;). Dagegen hab' ich gar nichts.

Ja? Solche Scherze haben mir Ecos Romane schon beim ersten verleidet. Und ich lese/höre, dass Kehlmanns "F" mit demselben Trick arbeitet: Möglichst viele Anspielungen, die der Bildungsbürger entziffern kann. Das mag der Bildungsbürger; ergo wird er den Roman lieben. Ging auf bei Eco. Scheint aufzugehen bei Kehlmann. Volpi kannte ich vor Deinem Thread hier gar nicht...

Hier muss ich Volpi ein wenig in Schutz nehmen: Er spielt mit diesem Namen ganz bewusst, ironisiert das Ganze sogar. Also keine "versteckt kluge" Anspielung, das hätte mich auch genervt (ich habe den Hinweis auf "Arouet" im Klassikerforum gelesen: So was finde ich - wenn nicht ironisch unterfüttert - mehr als entbehrlich).

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #8 on: 04. September 2013, 12.33 Uhr »
Hm ... ich weiss nicht ... selbst "ironisch" ist's wohl nichts für mich. Bei Eco war's zu Beginn sicher auch ironisch ...

(Kennst Du Wolf von Niebelschütz' "Der blaue Kammerherr"? Der verwendet auch mythologische und erdichtete Figuren im selben Werk. Ist allerdings zu Beginn - ob der präziösen Sprache - mühsam zu lesen, wird dann ganz witzig und kippt aber zum Schluss ins Melodramatische. Lesenswert? Ein interessanter Kontrapunkt zu Arno Schmidt, der ja - z.B. in der "Gelehrtenrepublik" - ähnlich vorgeht. Du siehst: Ich lese schon solches, aber zusehends weniger. Aber Volpi ist auch wegen Deiner Bemerkungen zum Stil, die mich fatal an jenen steinernen Mond erinnert haben, nichts für mich.)

Grüsse

sandhofer
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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #9 on: 04. September 2013, 12.37 Uhr »
Hallo!

An einer Empfehlung für den Volpi lag mir nicht ;). - Den Niebelschütz nebst Kammerherrn, kenn ich, allerdings gehört der zu den Büchern, die ich nach 100 Seiten mal weggelegt (und nicht wieder zur Hand genommen) habe - aus den von dir beschriebenen Gründen. Sehr preziös - würde ich mal sagen. Vielleicht irgendwann mal ...

lg

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Re: Jorge Volpi: Das Klingsor-Paradox
« Reply #10 on: 04. September 2013, 14.26 Uhr »
Hallo!

Nun ja - letzten Endes ist in Zeiten von Web2.0 jede Bemerkung in jedem Blog oder Forum halt (auch) eine Empfehlung. Ob positive oder negative. Und was den Niebelschütz betrifft: Wenn ich mich recht erinnere, sind es ein bisschen über 100, vielleicht 150 Seiten, bevor sich der Autor einigermassen beruhigt.

Grüsse

sandhofer
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