Author Topic: C. M. Wieland  (Read 23851 times)

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Re: C. M. Wieland
« Reply #45 on: 24. November 2013, 21.08 Uhr »
Euthanasia - Gespräche über die Erscheinungen gestorbener Menschen. Im Ersten Buch demontiert Wieland eine solche Geschichte in geradezu einzigartigerweise, indem er nur von der Erzählung her, vom Erzählduktus und der Wortwahl darauf hinweist, dass sich der Zeuge noch und noch in Widersprüche verwickelt. Perry Mason hätte seine Freude an diesem Kollegen gehabt.

Das Zweite Buch ist disparater, verliert sich in Spekulationen über irgendwelche ätherischen Sinnesorgane, die die Verstorbenen haben oder eben nicht haben, um mit den Lebenden in Kontakt zu treten. (Man soll Dummheit nicht auf ihrem eigenen Gebiet zu schlagen versuchen, das hätte Wieland wissen müssen.)
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Re: C. M. Wieland
« Reply #46 on: 29. November 2013, 08.01 Uhr »
Was bleibt von Band XII?

Aus den Euthanasia das erste Gespräch, wo Wieland den offenar wirklich herumgereichten Bericht eines "W...l" nach allen Regeln der Kunst demontiert.

Aus dem Hexameron von Rosenhain die Schlusspointe, quasi eine Überpointe im romantischen Sinne.

Die für damalige Verhältnisse äusserst emanzipiert dargestellte Hipparchia aus dem Briefroman Krates und Hipparchia.

Andere Autoren wären damit berühmt geworden - bei Wieland figuriert so was unter "ferner liefen" ...
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Re: C. M. Wieland
« Reply #47 on: 01. Dezember 2013, 21.09 Uhr »
Der erste Band Supplemente: Juvenilia. Nun sind Juvenilia halt im Grunde genommen immer nur etwas für die ganz hartgesottenen Aficionados. Egal, ob Jean Paul, Baudelaire oder Wieland. Wenige sind halbwegs frühreif wie Goethe oder Hofmannsthal.

Nachdem ich mich den ganzen Morgen mit Baudelaires Belgiern herumgeschlagen habe, frage ich mich allerdings nun jedes Mal, wenn Wieland das Wort "Begier" auftischt (und er tut das in seinen Juvenilia recht oft!), was die armen Belgier denn nun schon wieder verbrochen haben sollen...  8)
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Re: C. M. Wieland
« Reply #48 on: 08. Dezember 2013, 07.50 Uhr »
Vor allem der dritte Supplement-Band (in der Originalausgabe) ist übel, ganz übel. Wieland in den Fängen des orthodoxen Bodmer: fromm und selbstgerecht...
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Re: C. M. Wieland
« Reply #49 on: 16. Dezember 2013, 19.24 Uhr »
Wieland XIV., S. 100 - immer noch Juvenilia, die die Welt nicht gebraucht hätte.
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Re: C. M. Wieland
« Reply #50 on: 17. Dezember 2013, 15.46 Uhr »
Es wird dann - im 6. Supplementsband - noch einmal besser, wenn Wieland die Juvenilia hinter sich gelassen hat.  ;)
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Re: C. M. Wieland
« Reply #51 on: 17. Dezember 2013, 20.32 Uhr »
Wieland kämpft - gegen Ende des 18. Jahrhunderts - noch einmal den Kampf der Schweizer (Bodmer, der mit Wieland befreundet war, und Breitinger) gegen Gottsched um die Dominanz im Standardeutschen: Soll es der Südsächsisch-Meissnische Dialekt sein oder das Oberdeutsche (dem der Biberacher Wieland ja selber angehörte). Bekanntlich hat Gottsched als Dramentheoretiker gegen die Schweizer verloren, als Linguist gewonnen...
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Re: C. M. Wieland
« Reply #52 on: 17. Dezember 2013, 20.35 Uhr »
Und in seinen Miszellanien zur Literatur die - auch von Arno Schmidt wiederaufgenommene - Bemerkung zur Vokalharmonie bei Brockes, zur Tatsache, dass Brockes die Stille nach einem Gewitter beschreiben konnte, indem er 60 Alexandriner lang kein einziges 'r' verwendete.
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Re: C. M. Wieland
« Reply #53 on: 18. Dezember 2013, 12.55 Uhr »

...dass Brockes die Stille nach einem Gewitter beschreiben konnte, indem er 60 Alexandriner lang kein einziges 'r' verwendete.

Schön! Wie heißt der Text? Würd ihn gerne lesen. Ich kenne nur das Gedicht vom blühenden Kirschbaum... auch schön.

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Re: C. M. Wieland
« Reply #54 on: 18. Dezember 2013, 20.19 Uhr »
Gemäss Wieland im ersten Teil des Irdischen Vergnügens in Gott. Ich werde das demnächst - allerdings wohl nicht mehr dieses Jahr - auch lesen, in der Historisch-Kritischen Ausgabe. Dann kann ich Dir mehr sagen.
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Re: C. M. Wieland
« Reply #55 on: 19. Dezember 2013, 14.57 Uhr »
Brockes Irdisches Vergnügen in Gott gibt es als "Volltext"  online zu lesen.
Nicht nur, dass die Ruhe vor und nach dem Gewitter im Gedicht Die auf ein starckes Ungewitter erfolgte Stille  durch absolute R-losigkeit „hörbar“gemacht wird, auf den Leser prasselt auch ein Gewitter von ch-, sch-, gr- und kr-Lauten ein, und das Gedicht endet in der unvermeidlichen zweizeiligen Lehre, die das Laute und die Stille noch mal onomatopoetisch hervorhebt:

Es ist die helle Sonn' ein Bild von Gottes Liebe,
So wie des Donners Grimm die Probe seiner Kraft


Brockes Irdisches Vergnügen in Gott (schon der Titel ist köstlich!) ist ja eine wahre Fundgrube für den Garten- und Lyrik-Liebhaber! Warum kennt man den kaum?

Brockes' Der weisse Rosen-Busch[/b] etwa:
...
Mein Gott, wie ward mein Hertz gerühret,
Da ich, im Schimmer, der ihn zieret,
Als wie am grünen Firmament,
(Woran der Rosen Heer, wie weisse Lichter, brennt)
Ein schimmernd Sternen-Heer zu sehen, glaubte.


Ist Eichendorffs wunderbares Gedicht: Es war als hätt’der Himmel die Erde still geküsst/
dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst
denkbar ohne Brockes Weißen Rosenbusch?

Oder: Ein alter umgeweheter Kirsch-Baum

Gerade ist ein Kirschbaum in meinem Garten vom Orkan Xaver umgenietet und noch nicht weggeräumt worden, da les ich das Gedicht.

Danke für die Anregung! Habe mir das Buch bestellt und werde es auf meine Winterreise mitnehmen.
« Last Edit: 19. Dezember 2013, 15.16 Uhr by Gontscharow »

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Re: C. M. Wieland
« Reply #56 on: 20. Dezember 2013, 21.34 Uhr »
Um (mehr oder weniger) zu Wieland zurückzukommen: Die der Werkausgabe angehängte Biografie eines gewissen Gruber scheint mir recht wertlos zu sein. Lobhudelnde Schreibe von vor 200 Jahren... Das einzig positive, das der Autor aber zu wenig in den Vordergrund rückt, ist die Tatsache, dass er Wieland noch persönlich kannte ...
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Re: C. M. Wieland
« Reply #57 on: 24. Dezember 2013, 15.09 Uhr »
Mit Wieland bin ich fertig  ;D : http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5171
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Re: C. M. Wieland
« Reply #58 on: 26. Dezember 2013, 08.32 Uhr »
Noch ein Nachschlag, zu dem ein eigener Thread nicht lohnt: Die der Greno-Ausgabe beigefügte Wieland-Biografie von J. G. Gruber ist m.M.n. schlicht unlesbar.
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Re: C. M. Wieland
« Reply #59 on: 01. August 2014, 19.07 Uhr »
Bin grade ein bisschen enttäuscht. Da gab es mal in Biberach die Möglichkeit, Wielands Wohnhaus in der Stadt zu besichtigen - wenigstens teilweise, wenn ich mich recht erinnere. Offenbar hat man das Haus nun an Private verkauft und die musealen Anlagen ganz auf Wielands Haus vor der Stadt konzentriert. Wo wichtig ist der Stadt also ihr berühmtestes Kind...
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