Author Topic: C. Ulises Moulines: Die Entwicklung der modernen Wissenschaftstheorie  (Read 1427 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Dieses Buch ist ein Desiderat der Wissenschaftstheorie und insofern ist sein Erscheinen äußerst begrüßenswert. Allerdings - hier etwa im Gegensatz zu Breils Buch über die "Grundlagen der Naturwissenschaft", das manchmal allzu ausführlich auf einzelne Bereiche eingeht (obwohl Breils Buch eigentlich wenig Kritk verdient) - wurde hier eine Form der Überblicksdarstellung gewählt, die betreffs Ausführlichkeit einige Wünsche offen lässt. Vor allem dürfte es für den mit der Wissenschaftstheorie weniger Vertrauten schwierig sein, manche Beispiele nachzuvollziehen.

Trotz dieser Einschränkungen ist das Buch ein Lesegenuss (und gerade deshalb wünscht man sich, dass es die doppelte oder dreifache Länge hätte). Moulines versteht es ganz ausgezeichnet, die Probleme auf den Punkt zu bringen, anhand von Beispielen zu explizieren, die Grundproblematik dem Leser verständlich zu machen. Das alles aber mit der Einschränkung, dass das letzte (und somit aktuellste) Kapitel des Buches, das etwa ein Drittel des Gesamtumfanges ausmacht, dieses postive Urteil nicht mehr verdient. Hier zeigt es sich, dass zum einen die neuere Wissenschaftstheorie einen derart umfangreichen theoretisch-formalen Ballast mitbringt, der ein ausführliches, mehrjähriges Studium erfordert - und dass zum anderen die ohnehin schon geraffte Darstellungsweise dieser Komplexität überhaupt nicht mehr gerecht werden kann. Immer und immer wieder liest man den Satz, dass der Autor auf Details nicht eingehen könne, dass dies oder jenes zu explizieren eine zu große (meist technische) Schwierigkeit mit sich bringen würde und ähnliches.

Das mag nun durchaus so sein, ändert aber nichts daran, dass der Leser ein wenig frustriert zurückbleibt. Denn die Schwierigkeiten der Darstellung sind das eine, sie zu überwinden ein anderes. Sich nur auf sie zu berufen und deshalb Stückwerk zu liefern, ist jedenfalls unbefriedigend. So bleibt also der Wunsch nach einer kompakten und verständlichen Darstellung der neueren Wissenschaftsgeschichte nach wie vor unerfüllt. Die sich bei einem solchen Unternehmen ergebenden Schwierigkeiten sind aber möglicherweise auch ein Hinweis auf die Unzulänglichkeit dieser neueren Wisschenschaftstheorie: Ich fürchte, dass die tatsächliche Forschungsarbeit sich wenig um diese Bemühungen schert - und dass man Gefahr läuft, Feynmanns vor Jahren geäußerte Philosophenkritik nicht ernst zu nehmen: Er verglich Philosophen mit Touristen, die, nachdem Forschungsreisende ein neues Gebiet erschlossen hätten, nun lange Reiseberichte erstellten und umständlich das bestätigten, was andere gefunden hätten.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

Offline sandhofer

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dass dies oder jenes zu explizieren eine zu große (meist technische) Schwierigkeit mit sich bringen würde und ähnliches.

Wie muss ich mir in diesem Zusammenhang eine "technische Schwierigkeit" vorstellen?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Hallo!

Bei den "Modellierungen" sind so ziemlich alle Hilfsmittel logischer bzw. mengentheoretischer Natur im Einsatz: Auf diese Weise werden die Theorien abgebildet. Werden etwa im Rahmen der Theorie Werte differenziert, so wird versucht, diese Ableitungen über Relationen darzustellen.

Beispiel aus dem Buch: x ist ein Familie genau dann, wenn x eine Folge ist, die durch einen Grundbereich von mindestens 3 Personen und zwei zweistelligen Relationen gebildet wird, die "Ehe" und "Zeugung" genannt werden. Alle diese Eigenschaften können mengentheoretisch dargestellt werden.

F = Familie
P = Personen
E = Relation der Ehe
Z = Relation der Zeugung

Ein zweistellige Relation wir dann als xRy dargestellt.

F(X) genau dann, wenn: ∃ P, E, Z:
(0) X = <P,E,Z>
(1) P ≠ Ø ∧ //P// > 2
(2) E ⊆ P x P ∧  ∀ x  ∀ y(¬xEx ∧ (xEy → yEx))

usw. Bei großem Interesse liefere ich den Rest der Definition ;).

Man kann sich unschwer vorstellen, wie komplex eine solche Darstellungsweise für umfangreichere Theorien ausfallen muss. Dabei weiß ich die Sinnhaftigkeit solcher Darstellungen manchmal durchaus zu schätzen, aber ich halte das einfach nicht für praktikabel. Das Argument, dass auch Theorien sehr kompliziert seien und man deshalb sich einer komplexen Ausdrucksweise bedienen müsse, verfehlt m. E. das Ziel solcher Arbeiten: Die ja immer auch vereinfachen (das ist wohl der Sinn von Modellierungen). Hier hat man den Eindruck, als ob das Gegenteil erreicht würde.

lg

orzifar
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