Author Topic: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften  (Read 21390 times)

Offline sandhofer

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Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« on: 07. August 2012, 20.44 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich bin gerade in Band 3 von Mercks Gesammelten Schriften. Eine faszinierende Gestalt, dieser Johann Heinrich Merck. Ausser vielleicht in Musik kennt er sich in praktisch allem aus. Seine Rezensionen im Teutschen Merkur sind in vielen Fällen vom feinsten - besonders die Verrisse. Merck war mit Goethe befreundet, später auch mit Wieland. Schade, ist er heute ein bisschen vergessen gegangen. Er kann rezensieren, wenn er auch als Dichter weniger gut sein mag. Aber das kritische Fach liegt ihm.

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sandhofer
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #1 on: 01. September 2012, 21.00 Uhr »
Mittlerweile in seinem Briefwechsel. Selten etwas Spannenderes gelesen. Merck korrespondierte mit Gott und der Welt. Und er hat immer etwas zu sagen. Nicht immer auf dem Niveau des Briefwechsels Goethe - Schiller. Aber zumindest auf dem desjenigen zwischen Goethe und Zelter.
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BigBen

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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #2 on: 02. September 2012, 20.16 Uhr »
Ich lese ja nun auch viel, aber Dir komme ich einfach nicht hinterher.... :'(

Offline sandhofer

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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #3 on: 02. September 2012, 20.26 Uhr »
Oh ... ich hatte eine Woche Ferien. Jetzt ist wieder fertig.  :angel:
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #4 on: 08. September 2012, 20.06 Uhr »
Im dritten Band wird Merck zusehends depressiver. Seine Beschäftigung mit Paläontologie nimmt zu. Ich habe aber zwischendurch mich mit dem Tiefurter Journal beschäftigt. Auch sehr interessant, diese Mischung aus Profis und Dilettanten, die da ein kleines Journal herausgeben.
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #5 on: 10. September 2012, 08.30 Uhr »
Es geht ihm wieder etwas besser. Zwar hat er gerade einen herben Verlust hinnehmen müssen, indem ihm sein drittältester Sohn gestorben ist, der mittlerweile der älteste war, weil die beiden älteren Brüder schon vor längerer Zeit gestorben sind. Diabetes. Merck vertieft sich in die Paläontologie, sammelt antediluvianische Knochen, zeichnet und bestimmt sie. Im Gegensatz zu Goethe will ihm aber ein grosser entdeckerischer Wurf offenbar nicht gelingen. Kein Zwischenkieferknochen - auch die Erkenntnis, dass seine "Krokodile" Saurier gewesen sein könnten, kommt ihm nicht.
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #6 on: 18. September 2012, 20.19 Uhr »
Merck beginnt eine Baumwollspinnerei, mit Kinderarbeit. Für jene Zeit ist weder das eine noch das andere ungewöhnlich. Aber auch Pestalozzi ist ungefähr zur selben Zeit damit auf die Nase gefallen ...  ::)
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #7 on: 19. September 2012, 07.50 Uhr »
Die Spinnerei ging dann gestern Abend noch Konkurs. Merck verfällt immer tiefer in eine Depression (was man damals als Hypochondrie diagnostizierte). Zwar kann Goethe im Eiltempo den Herzog Carl August aufbieten für eine Art Garantie und Willemer übernimmt die Schuld, so, dass Mercks tatsächlicher Verlust sich in Grenzen hält und er nicht, wie er eine Zeitlang erwartete, Haus und bürgerliche Ehre verliert. Aber gebrochen ist sein Elan nun offenbar definitiv.
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Offline Sir Thomas

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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #8 on: 19. September 2012, 11.02 Uhr »
Hallo sandhofer,

wenn ich die Eindrücke verdichte, die durch Deine Postings hier im Forum und "drüben" im Blog entstehen, dann hat Merck durchaus das Potenzial, auch ohne den Goethe-Dunstkreis eigenständig zu "überleben". Von anderen Herren (z.B. Meyer, Knebel, Zelter und Riemer) kann man das eher nicht behaupten. An sie erinnert man sich ausschließlich als Goethe-Vertraute. Ich habe die Merck-Biografie von Ulrike Leuschner mal auf meine Beschaffungsliste gesetzt. Vielen Dank für die zahlreichen Hinweise auf diesen interessanten Denker!

Tom 

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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #9 on: 19. September 2012, 12.39 Uhr »
Hallo!

Durchaus, ja. Wobei das Merkwürdige ist: Merck war sowohl als Kunstkritiker wie Naturwissenschafter besser und begabter als Goethe - aber genau dies wurde ihm zum Verhängnis, weil er z.B. in den Naturwissenschaften via Soemmerring und Camper zu stark in die herrschenden Schulen eingebunden war. Goethes Unabhängigkeit hat ihn zwar zu Lebzeiten nur Blamagen ernten lassen, und seine vehemente Attacke auf Newton zeigt, wie wenig Goethe von Naturwissenschaften verstand (sein Umfeld verstand noch weniger davon). Aber seine Unabhängigkeit erlaubte ihm auch, den Zwischenkieferknochen zu sehen, den Soemmerring und Camper leugneten. Und den auch Merck in deren Gefolge leugnete. Merck war letzten Endes nicht gut genug, um eigenständig etwas zu leisten, auch wenn er gut genug war, um mit den Grössen der Zunft auf Augenhöhe zu diskutieren. 

Grüsse

sandhofer
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #10 on: 20. September 2012, 07.54 Uhr »
Gut. Band 4 ist beendet. Wie immer bei solchen Briefwechseln - ein abruptes Ende. Auch hat man den letzten Briefen Mercks eigentlich recht wenig angemerkt von dessen Depression. Aber ich vermute mal, als er so richtig tief darin steckte, hat er gar nicht mehr geschrieben ...
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #11 on: 20. September 2012, 21.20 Uhr »
Der 5. Band (Anhang) bringt offenbar auch noch eine kleine Biografie Mercks. Muss ich gleich lesen gehen ...  :hi:
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #12 on: 21. September 2012, 07.42 Uhr »
Es handelt sich um eine Biografie nach Korrespondenzpartnern geordnet. Sehr interessant, weil der Briefwechsel ja "einfach" chronologisch geordnet ist, und nun quasi die Puzzle-Teile zusammengestellt werden.
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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #13 on: 15. November 2013, 20.56 Uhr »
Hallo zusammen!

Nach rund einem Jahr ist jetzt Band 4 der Gesammelten Schriften erschienen. Er behandelt ausschliesslich das Jahr 1778. Nicht ganz 200 Seiten Text und etwas über 400 Seiten Kommentar  >:D . Der Konflikt zwischen Lavater, Wieland (bzw. dem Teutschen Merkur) und Lichtenberg fällt in diese Zeit. Und da Merck 1778 fast ausschliesslich im Teutschen Merkur veröffentlicht, ist er natürlich daran interessiert, dass der Konflikt nicht eskaliert, denn Lichtenbergs scharfe Zunge hätte den jungen Merkur umbringen können. Lenz' Artikel über die Physiognomie im Merkur hat den Göttinger Professor wirklich gereizt. Aber Merck kriegte das hin.

Jetzt bin ich aber schon in der Geschichte des Herrn Oheim, Mercks grösstem, um nicht zu sagen einzigen dichterischen Werk. Der erste Teil hat mich nicht vom Hocker gehauen. Brav, aber eben nicht umwerfend. Ein bisschen Nationalökonomie in Literatur verpackt...

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Re: Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften
« Reply #14 on: 16. November 2013, 19.35 Uhr »
Merck als Kunstkritiker: Er kann ein Bild besser und plastischer beschreiben als der Kunscht-Meyer. Schade, dass Merck zum Zeitpunkt des Erscheinens der Horen bereits den Löffel freiwillig zurückgegeben hatte. Andererseits: Er war ein Mann des Teutschen Merkur. Ob Schiller ihn überhaupt angefragt hätte?
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