Author Topic: James Joyce, Ulysses  (Read 2659 times)

Offline Bartlebooth

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James Joyce, Ulysses
« on: 15. Juli 2009, 12.01 Uhr »
Bekanntlich ist es ein einziger Tag, an dem sich die Handlung des "Ulysses" abspielt, ein eher unspektakulärer Tag im Leben Leopold Blooms, Annoncenakquisiteur für eine Dubliner Tageszeitung, und Stephen Dedalus', Lehrer und Bohemien im Dublin der Jahrhundertwende. Der 16. Juni 1904.
Der Roman ist in 18 Kapitel unterteilt, die sich an Stationen der Odyssee orientieren, die ersten drei bilden das Äquivalent zur Telemachie und beschäftigen sich also mit Odysseus' Sohn Telemachos bzw. seiner irischen Inkarnation Stephen Dedalus: Dieser unterhält sich mit seinem Freund (?) und Studienkollegen, dem schelmenhaften Malachi Mulligan, über ihr Verhältnis zueinander. Danach geht Stephen in die Schule, um zu unterrichten, schließlich folgen wir ihm an den Strand, wo der erste harte Bewusstseinsstrom wiedergegeben wird.
Die folgenden zwölf Kapitel sind die eigentliche Odyssee und beschreiben die Peregrinationen Leopold Blooms, Joyces eigenwillige Odysseus-Figur, durch die Straßen und Gebäude von Dublin: u.a. die Zeitung, für die Bloom arbeitet, eine Bibliothek, in der sich gelehrt über Shakespeare unterhalten wird, ein Krankenhaus, in dem eine Bekannte Blooms - Mina Purefoy - eine schwierige und lange Geburt hat, und ein Bordell, in dem einige kafkaeske Szenen stattfinden, im Laufe derer Bloom zunächst angeklagt wird, dann sexuell unterworfen, zum sexualisierten Kaiser aufsteigt, er schließlich Stephen findet, diesen vor einer Prügelei mit einem Soldaten bewahrt und sich mit ihm auf den Nachhauseweg macht.
Die letzten drei Kapitel beschreiben die Heimkehr (Nostos), die ersten beiden geben dabei die gemeinsam verbrachte Zeit von Stephen und Bloom wieder, das letzte Kapitel ist ein Ausschnitt des Bewußtseinsstroms von Molly Bloom, Ehefrau Leopolds und damit Penelope-Figur - allerdings eine besondere Variante, denn sie erwehrt sich im Gegensatz zu ihrem Vorbild ihrer Freier nicht, im Gegenteil. Das Frauenbild, das in dieser Episode und auch in der sonstigen Darstellung Mollys auftaucht, ist übrigens recht gewöhnungsbedürftig: dümmlich-naiv, ohne Punkt und Komma (wörtlich zu nehmen) plappernd und dumpf sinnlich.

Es ist bemerkenswert, dass sämtliche Sekundärtexte, die ich im Internet und meinen Bücherregalen gefunden habe, sich eigentlich nicht weiter mit der Narration bzw. dem Inhalt der Geschichte auseinandersetzen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass man von dieser Handlung sicherlich mehr versteht, wenn man sich ein bisschen in der irischen Geschichte, vor allem der ihrer national(istisch)en politischen Bewegungen auskennt oder wenn man etwas über die südafrikanische Kolonisationsgeschichte weiß, die immer wieder angesprochen wird.

Wovon hingegen immer wieder die Rede ist, ist zum einen der Anspielungsreichtum des "Ulysses", Joyce wird gern dahingehend zitiert, dass er sein Buch als unerschöpfliche philologische Fundgrube gestaltet haben will (die Odyssee ist bei weitem nicht der einzige Intertext des "Ulysses", nur der offensichtlichste) - eine mit Vorsicht zu genießende, spöttische Aussage. Zum anderen liegt der Fokus auf der formalen Gestaltung, auf der Sprache, den unterschiedlichen Stilebenen, den unterschiedlichen Formen, in denen die Episoden geschrieben sind.

Interessant ist hierbei, dass dem Text ein ästhetizistischer Charakter häufig abgesprochen wird, dass man ihn ziemlich einhellig in eine realistische/naturalistische Tradition stellt. So wurde er auch von den Zeitgenossen wahrgenommen, etwa von Alfred Döblin, der die disruptive und nicht-lineare Erzählweise des "Ulysses" als Reaktion auf das aufkommende Kinozeitalter sieht.
Ich finde das historisch verständlich, aber aus der heutigen Perspektive eher unzutreffend. "Ulysses" ist passagenweise ein hermetischer Text, genauso gut oder schlecht zu verstehen, wie ein Gedicht von Mallarmé oder dergleichen. Der Gewinn, den man daraus ziehen soll, wird von vielen - wie erwähnt - gerade in der reichhaltigen Anspielungsstruktur, also der Gelehrsamkeit und in der formalexperimentellen Virtuosität gesehen. Das sind für mich allerdings wirklich ästhetizistische Merkmale par excellence. Wenn der "Ulysses" realistisch sein soll, dann allenfalls hyperrealistisch, was man zB gut am 17. Kapitel erkennt, wo bestimmte Wahrnehmungen und Sachverhalte in einem Detailreichtum beschrieben werden, die in dieser Wucht keinen kognitiven Filter passieren könnten.

Sprachlich blitzt abseits der hermetischen Passagen unbestritten immer wieder Joyces Meisterschaft auf, der Anfang des 16. Kapitels ist etwa auf eine Weise konzise, die ihresgleichen sucht. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, da gibt es etwa den schottisch sprechenden Antichrist in Kapitel 15 oder die zum Teil sehr lustigen Frage-Antwort-Sequenzen im 17. Kapitel.

Der philosophische Mehrwert wird vom Ballast der hermetischen Passagen hingegen weitgehend erdrückt, wobei ich vor allem die Gespräche im ersten (Turm), siebten (Zeitungsredaktion) und neunten Kapitel (Bibliothek) gerne etwas besser verstanden hätte. Ich bin sicherlich niemand, der von einem Text vor allem anderen leichte Durchschaubarkeit fordert, aber gerade belletristische Texte sind für mich genau in dem Maße interessant, in dem sie - im weiten Sinne - philosophische Sachverhalte narrativ darzustellen in der Lage sind. Dafür sind auch formale Experimente nötig, aber für mein Empfinden in einem etwas verdaulicheren Verhältnis zur eigentlichen Narration als beim "Ulysses". Dass der "Ulysses" überhaupt kein narrativer Text sei, habe ich dabei auch gelesen, doch der Text selbst nimmt auf sich als "narration" Bezug - eine hermeneutische Zwickmühle.

Zusätzlich wird das Verständnis durch die unheimliche Masse an Personal erschwert, das im seltensten Fall auch nur einigermaßen Kontur gewinnt. Auch hier habe ich den Eindruck, dass der Anspielungsreichtum (angeblich soll man ja ganz viele Personen aus dem gesellschaftlichen Leben Dublins im "Ulysses" mehr oder weniger verfremdet wiederfinden) wichtiger war als eine künstlerische Konturierung der Figuren. Ich empfinde das ganz klar als Mangel.

Dennoch kann ich von der Lektüre nicht eigentlich abraten, vor allem, da die letzten Kapitel doch phasenweise gut zu lesen sind und noch einmal einiges an Ordnung in die Geschichte bringen. Eine Zweitlektüre gibt es sicherlich einmal, aber nur noch mit einem annotierten Text, der mir die politischen und historischen Hintergründe aufschlüsselt. Beim ersten Lesen blieb bei mir vor allem der starke Akzent auf allem, was mit (institutionalisierter) Sexualität zu tun hat, hängen. Und das mit den Darstellungen der "Odyssee" zu vergleichen, wäre sicherlich nicht das unspannendste, was man mit diesem Text anstellen könnte.

Ob man unbedingt die "Odyssee" aus dem ff kennen muss, weiß ich nicht. Ich kenne sie nicht sehr gut, aber manche Bezüge waren auch mir überdeutlich, dabei eher auf einer motivischen Ebene, was ich weniger interessant finde, wenn es nicht für die Narration funktionalisiert wird, andere waren hingegen kaum zu erkennen. Gäbe es nicht in jedem Lexikon eine Auflistung der Parallelen zwischen den Episoden in der "Odyssee" und dem "Ulysses", ich hätte sicherlich oft gar nichts gemerkt.
Thomas Piketty, Le capital au XXIème siècle
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem