...SS-Mitgliedschaft zu erwähnen. Ich denke nicht, dass die nach all der Zeit so einfach herauszufinden gewesen wäre. Selbst wenn man danach gesucht hätte.
...da, wie du erwähnst, ihm die Mitgliedschaft noch kaum jemand hätte nachweisen können.
Nachdem Grass sich als Angehöriger der Waffen-SS „geoutet“ hatte, kursierte in den Medien der Ausriss eines Dokuments der US-Armee, das besagte, dass der Kriegsgefangene Grass," Lade-Schütze der SS-Panzer-Division Frundsberg“ gewesen sei. Dieses Dokument war seit 1964 bei der Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) öffentlich einsehbar! Es ist wohl von niemandem, auch von keinem Biographen, je danach gefragt worden. Ich weiß nicht, ob Grass von der leichten Zugänglichkeit dieses Dokuments gewußt hat (von seiner Existenz muss er Kenntnis gehabt haben, da von ihm selber unterschrieben), ob er Aufdeckung fürchtete und ihr zuvorkommen wollte. Tatsache ist aber, dass sein "Outing" in eine Zeit fällt, da die Aufdeckung von NS-Parteimitgliedschaften etc bei Angehörigen seiner Generation, der sog. Luftwaffenhelfer-Generation (Habermas, Hildebrandt, Walser, Lenz u.a.) an der Tagesordnung war. Also ein gewisser Druck war da.
Wie die meisten kann ich mich über die NS- Begeisterung des 17-Jährigen nicht aufregen, eigentlich auch über sein spätes Bekenntnis nicht. Was ich unsäglich finde, ist die Tatsache, dass er das Bekenntnis verkaufsfördend als literarische Pointe und Knallbonbon in seine Autobiographie eingebaut hat, uns mit dusseligen Erinnerungs-Metaphern von Bernstein und Zwiebel abspeist und bis heute die Chance verpasst hat (denn wir könnten etwas über uns lernen) zu erklären und zu analysieren, wie das ging: zu schweigen, zu verdrängen und sich moralisch zu erheben...
Grass stand immer gerne im Mittelpunkt, ließ sich mit Bundeskanzlern ablichten, war wichtig. Sich selbst - und nichts scheint er schwerer ertragen zu haben als mangelnde Aufmerksamkeit. (Etwas, das auch für sein "Gedicht" mir in diesen Tagen nicht unwesentlich erscheint.)
Ich fürchte, damit hast du recht und füge hinzu: ebenso scheint er die Rolle der moralischen Instanz und des zu unrecht Verfolgten zwanghaft spielen zu müssen. Das Gedicht beschäftigt sich ja vor allem mit seiner eigenen Befindlichkeit, deshalb hat er ja wohl auch neben der Möglichkeit, unpräzise sein zu dürfen, die Form des Gedichts gewählt: Er ,Grass, fragt sich, warum er geschwiegen hat, warum er den Namen Israel nicht auszusprechen wagt, welchen Mut er aufbringen muss, dass ihn Strafe erwartet etc. Es trieft vor Selbstmitleid und Selbstbeweihräucherung. Dabei sind seine Befürchtungen und Bedenken (pol. Entwicklung Israels, Gefahr eines Nuklearkriegs, Waffenlieferungen in Krisengebiete etc) durchaus legitim, wenn man von der Verharmlosung Irans und seines Diktators als „Maulhelden“ mal absieht. Aber Kritik an israelischer Politik wird allerorten, vor allem auch in Israel selbst geübt, da bedarf es keiner selbst ernannten moralischen Instanz, die ihr „Schweigen bricht“ und sagt, „ was gesagt werden muss“ etc. Wenn es Grass wirklich um die Sache gegangen wäre, hätte er ein Essay o.ä. geschrieben und die eigene Person zurückgenommen!
Dieses miserable Gedicht ist wahrlich kein„ Rosenblatt, das in den Grand Canyon geworfen“ wurde, sondern hat viel Krach gemacht, es ist, wie Biermann so schön sagt, eine „Stinkbombe“!
Ich hoffe, es sollte kein Beitrag zum Welttag der Poesie sein!