Author Topic: Denis Johnson: In der Hölle  (Read 2240 times)

Offline mombour

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Denis Johnson: In der Hölle
« on: 13. März 2012, 05.35 Uhr »
Denis Johnson: In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt
Reportagen aus Somalia und Liberia

In der Hölle selbst ist die Hölle Normalität.  Der Band enthält zwei Reportagen über Liberia und eine über Somalia. Somalia ist seit Jahren schon in  Anarchie versunken,  Liberia von Bürgerkriegen und mörderischen Diktatoren durchgeschüttelt. Da erscheint es natürlich, dass Denis Johnson mit einem journalistischen Auftrag aus einem westlichen Industrieland in solch einer Hölle, in der Gewalt Normalität ist, zum Außenseiter wird.

 Viele Jahre hatte ich keine Ahnung, dass es einen Staat gibt, der Liberia heißt. Die Bürgerkriege gingen offensichtlich nicht durch die gewohnten Medien. Erst als Charles Taylor 2006 nach Den Haag vor das Kriegsverbrechertribunal geladen wurde, habe ich erstmals von diesem Land gehört. Auch Denis Johnson fragt: „Wo liegt Liberia? Kümmert es da draußen irgendwen?“ Nein, es kümmert kaum einen, und Johnson konnte dies nicht treffender formulieren. Der Horror in manch afrikanischen Staaten, man denke auch an Ruanda, ist im Bewusstsein des Westens kaum angelangt.  Es scheint so, dass Afrika für die westlichen Industrieländer ein schwarzer unbekannter Kontinent geblieben ist.  Das zeigt auch, wie wir von Medien beeinflusst werden. Wird nicht berichtet, erfahren wir nichts, es sei denn, wir bemühen uns um fachliche Literatur.

Quote from: Denis Johnson
An einer großen Straße mit etlichen Handwaffenfeuer zerfressenen Gebäuden steht das Al Sahafi Hotel, fast ohne Einschusslöcher, alle drei Etagen vollkommen intakt, das letzte Fitzelchen Zivilisation in der Hauptstadt, wie ein Museum, in dem das Leben im zwanzigsten Jahrhundert ausgestellt wird.

Ungefähr so, wie ein „Fitzelchen Zivilisation“ muss sich Denis Johnson wohl in Somalia und Liberia gefühlt haben. Auf seiner zweiten Reise nach Liberia sollte Johnson Charles Taylor interviewen. Seine Ankunft an der Elfenbeinküste war angekündigt, er sollte abgeholt werden, alles war durchorganisiert. Doch Denis Johnson wurde nicht abgeholt. Offenbar wusste niemand, dass jemand im Auftrage des „New Yorker“ im Flugzeug saß.  Alles was von westlicher Seite durchorganisiert war, hatte in Liberia  Bedeutung verloren. Er war eben in der Hölle gelandet. Ein Treffen mit Charles Taylor wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem, er hat ihn  getroffen, allerdings misslang die Tonbandaufnahme des Interviews,  weil das Mikrofon versehentlich schlecht posiert wurde. In diesem Land scheint nach westlichen Maßstäben überhaupt nichts zu funktionieren, stattdessen wird Johnson aufgrund seines eigenen Verhaltens selbst in unheilvolle Konflikte hineingezogen.

In unmittelbarer Nähe ein Bombenangriff:
Quote from: Denis Johnson
Eine Rakete hatte eine verfallene Tankstelle getroffen...Sie war durchs Dach gekommen, als sich ein Mann namens Joseph Koylo und seine Familie gerade darunter zum Gebet versammelt hatten.

Ein bewegender Satz über Taylors Kindergarde:

Quote from: Denis Johnson
..Diese kleinen Jungen sind die Soldaten, auf die Charles Taylor sich intuitiv verlassen kann, weil sie ihn lieben, als wäre er ihr Vater.

Auf der ersten  Reise nach Liberia besucht der Autor Prince Johnson, den Gegenspieler  Charles Taylors.  der auf der Pressekonferenz, auf der Denis Johnson anwesend ist, ein Video vorführt,  auf dem der bisherige Diktator Samuel K. Doe zu Tode gefoltert wird (er starb kurz nach der Videoaufzeichnung).

Wie das Töten dort zur Normalität geworden ist, besagt folgende Begebenheit: Prince Johnson empfing nigerianische Journalisten und führte sie durch seinen Sektor Monrovias. Während dieser Rundfahrt schoss er in ein Auto hinein, in dem ein europäisches Ehepaar saß. Der Mann war sofort tot, die Frau wurde verschleppt und ward nie wieder gesehen.

Denis Johnson berichtet von der Hölle auf Erden. In der Einleitung erzählt Georg M. Oswald über den ehemaligen Drogenkonsumenten Denis Johnson, über seinen literarischen Werdegang und  bereitet den Leser auf die Reportagen vor. Er findet auch Parallelen zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. 

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mombour
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Offline orzifar

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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #1 on: 13. März 2012, 17.05 Uhr »
Hallo,

erinnert mich an ein Buch, das hier schon einige Zeit auf sein Gelesenwerden wartet: Bartholomäus Grill, Ach Afrika. Wobei in diesem Buch die negativen Seiten nicht so zum Ausdruck kommen dürften wie bei Johnson (ist es doch auch als eine "Liebeserklärung an Afrika" beschrieben worden).

Lust zum Mitlesen?

lg

orzifar
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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #2 on: 13. März 2012, 23.12 Uhr »
Hallo orzifar,

erst habe ich mich erschrocken, weil der vollständige Titel des Buches von Bartholomäus Grill so kitschig ist, aber der Inhalt dürfte, was ich so gelesen, völlig in Ordnung sein. Vom Inhalt breitgefächerter als Denis Johnsons Erlebnisse in Afrika. Ich habe das Buch bei der Uni-Bibl. geordert und müsste schnell da sein.

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mombour
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Offline orzifar

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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #3 on: 14. März 2012, 00.34 Uhr »
äh - kitschig? Bei mir lautet der Untertitel des Buches: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents. Ein anderer (vollständiger?) Titel ist mir nicht bekannt.

lg

orzifar
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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #4 on: 14. März 2012, 05.12 Uhr »
Hallo,

na, ja, da assoziiert vielleicht auch jeder was anderes. "Ach Afrika", dass könnte ein Seufzer sein. Jemand denkt an das Land seiner Sehnsucht.  Erinnerungen an eine idyllische Farm in Kenia vor den Zeiten des Aids und des Massentourismus. "Bericht aus dem Inneren eines Kontinents", wir es mal ursprünglich war (dosiert mit einer trivialen Liebesgeschichte). Ich gebe ja zu, ich habe viel Fantasie .

Ich melde mich, wenn ich das Buch habe.

Weitere interessante Afrika-Literatur wäre Tania Blixen: Afrika - dunkle lockende Welt / Chimamanda Ngozi Adichie: Die Hälfte der Sonne (Biafra-Krieg)

Liebe Grüße
mombour
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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #5 on: 14. März 2012, 13.56 Uhr »
Das Buch von Bartholomäus Grill habe ich abgeholt und schaue heute schon hinein.
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Offline orzifar

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Re: Denis Johnson: In der Hölle
« Reply #6 on: 14. März 2012, 17.07 Uhr »
Ui, du bist ja fix. Wie man an meiner Signatur sieht, sollte ich mal einige andere Bücher beenden (wobei in der Signatur die gesamte Kant-Literatur erst gar nicht aufscheint ;)).

Aber was soll's :)

lg

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