Author Topic: William M. Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit  (Read 1961 times)

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William M. Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit
« on: 07. Februar 2012, 19.49 Uhr »
Hallo!

Die Zeit verklärt, verbrämt, verändert. Sodass ich, seit ich nächtens den "Jahrmarkt der Eitelkeit" zu lesen begonnen habe, mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dieses Buch noch nie gelesen zu haben (das aber meine Erinnerung sich so sehr täuscht glaube ich hinwiederum nicht). Jedenfalls ist es keine ein bisschen langweilige, etwas betuliche Geschichte, sondern mit Witz und Ironie (manchmal auch Bosheit) durchsetzt, geschrieben von einem auktorialen Erzähler, der mit seinem Publikum spielt und dieses Spiel ganz glänzend betreibt.

Das Buch ist noch vor 1850 erschienen und ein glänzendes Beispiel dafür, dass man nicht dem - oft sentimentalen - Zeitkolorit verpflichtet ist. Im Vergleich mit Dickens (oder auch anderen, noch in diese Epoche zu rechnenden Autoren, die im Forum schon besprochen wurden) ist Thackerey ein wohltuend ironisch-zynischer Autor, der die Tränendrüsen der Leser nicht behelligt und der selbst unschuldig-naive Jungfrauen wie Amelie nicht mit der Glorie der Unangreifbarkeit umgibt, sondern diese durchaus lebensecht darzustellen vermag. Diese ganze Heuchelei der Gefühle, die, vor allem in der Literatur, als etwas Echtes, Tiefes dargestellt zu werden pflegt, wird von Thackerey mit spöttischem Lächeln als das betrachtet, was sie tatsächlich ist: Gespielte Emotionalität, die als Mittel zum meist sehr prosaischen Zwecke dient.

Wenn man dieses Buch mit David Copperfield, Oliver Twist oder Martin Chuzzlewit vergleicht so bleibt deren Berühmtheit im Vergleich zum Jahrmarkt völlig rätselhaft. Oder auch nicht.

lg

orzifar
« Last Edit: 08. Februar 2012, 15.51 Uhr by orzifar »
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Re: William M. Thackerey: Jahrmarkt der Eitelkeit
« Reply #1 on: 08. Februar 2012, 08.38 Uhr »
Thackerey

Hallo,

ich bin leicht verwirrt, denn Du schreibst den Namen des Autors wiederholt mit -ey. Hast Du eine Ausgabe, die diese (falsche?) Schreibweise bevorzugt? Auch wikipedia schreibt ihn Thackeray, und das ist m.E. richtig.

Es ist übrigens eine gute Idee, ausgerechnet im Dickens-Jahr den "Jahrmarkt ..." zu lesen.

LG

Tom

Offline orzifar

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Re: William M. Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit
« Reply #2 on: 08. Februar 2012, 16.07 Uhr »
Hallo,

danke für den Hinweis. Meine Ausgabe muss ich freisprechen, das lag ganz allein an mir.

lg

orzifar
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Re: William M. Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit
« Reply #3 on: 11. Februar 2012, 02.32 Uhr »
Hallo!

Habe nun das Schlachtfeld von Waterloo verlassen (und also den ersten Teil abgeschlossen). Das Lesevergnügen ungetrübt, auch wenn es manchmal fast ein wenig schwer fällt, Unterschiede zur Sentimentalität Dickenscher Prägung auszumachen. Dennoch: Der untadelhafte Charakter Dobbins, das Unterwürfig-Gute Amelies (ein Frauentyp, mit dem man mich in die Flucht schlagen könnte) - das Intrigante Rebeccas --- alle bleiben irgendwo menschlich, allen haftet ein Gran an Ironie an, an augenzwinkerndem Sarkasmus.

Ein sehr gelungener Charakter ist Osborne sr., arrogant, selbstgefällig, stur, uneinsichtig, der seinem Sohn selbst nach dessem Tod noch vorwirft, dass er sich vor seinem Dahinscheiden nicht bei ihm entschuldigt hat und diese nun unmöglich gewordene Entschuldigung als die fast schwerste Last betrachtet, die ihm durch diesen Tod aufgebürdet wurde. (Solche Figuren gibts immer wieder mal in der Literatur: Jean Santeuils Vater, der Meister Anton aus Hebbels Maria Magdalena usf. Und sie haben in der Realität nicht wenige Vorbilder.)

Herrlich auch der verfressene, feige Bruder Amelies (im übrigen auffällig - nicht nur hier sondern allüberall in Büchern: Die charakterlich wenig vorbildhaften Personen sind meist weit besser, authentischer dargestellt - vielleicht liegt's daran, dass ihre Zahl auch in realiter ungleich größer ist als jene Tugendhaften und Hochherzigen, obschon ich auch solche in meinem Leben getroffen habe: Unvergesslich ein Mädchen in meiner Jugend, die bei einem Würfelspiel, bei dem man mit Überzeugung lügen musste, jedesmal, wenn sie dieser Regel gehorchte, auf unübersehbare Weise rot wurde. Wir haben sie dann von diesem unmoralischen Spiel erlöst, das sie, wie man annehmen darf, nicht sehr erfolgreich bestritten hat. Sie war eine der ganz wenigen Menschen, die nicht lügen konnten, die mit einer Selbstverständlichkeit ehrlich waren, weil alles andere undenkbar gewesen wäre. Kant hätte sie im übrigen nicht als eine moralisch hochstehende Person angesehen ;).) Ein wenig erinnert Amelie mich an diese Jugendbekanntschaft, wenngleich man eben feststellen muss, dass ihr fettes Brüderchen mit seinem martialischen Gehabe (das nur mangelhaft den Hedonisten verbirgt) als Charakter mehr hermacht als die unschuldige Einfalt.

lg

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Re: William M. Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit
« Reply #4 on: 19. Februar 2012, 01.13 Uhr »

Hallo!

Der zweite Teil hat mich nicht wirklich überzeugt, immer wieder gab es längere, "gefühlvolle" Kapitel (v. a. jene mit Amelie), zuviel Aufoperung, zu viele Tränen (aber der Erzähler warnt den Leser schon im ersten Teil, dass Emmy ein wenig nah am Wasser gebaut hat). Ihr Gegenpart, die egoistische, selbstsüchtige Becky und deren Aufstieg und Fall, gibt hingegen viel Anlass zu Gesellschaftskritik, selbstherrliche, reiche Bürger mit einer verqueren Hochachtung vorm Adel, dieser wiederum dekadent, dumm, selbstgefällig. Eine Gruppe bleibt jedoch von der Kritik verschont: Es sind jene Kolonialbeamten in Indien, die sich auf Kosten der Ärmsten bereichern und von ihren dubiosen Einkünften nach dem Rückzug aus dem Staatsdienst (oder Militär) ein behäbiges Leben führen. Der Bruder Amelies, der dicke Joseph, ist der Paradetyp dieser Gruppe - und wenn auch diese Form des Lebens belächelt wird, so doch nicht der ursprüngliche Gelderwerb. (Liegt denn vielleicht auch daran, dass Thackerays Vater selbst sein Geld in Kalkutta gemacht (und verloren) hat.)

Der einzig wirklich positive Charakter, der hochherzige und verliebte Major Dobbin, wirkt, wie auch der Nachwortschreiber feststellt, wenig überzeugend, ein weiteres Argument für die These, dass die Darstellung solcher Menschen unglaublich schwer ist. Und auf die Romantik, dass sich Dobbin und Amelie schließlich doch noch kriegen, hätte ich lieber verzichtet. Da ist Josephs Ende schon besser gelungen: Wie er erneut seiner femme fatale Becky verfällt, diese sein Geld verspekuliert und ihm noch eine Lebensversicherung aufschwatzt, die nach drei Monaten exzessiven Lebens ausbezahlt werden muss.

Insgesamt aber ein gelungenes Stück Literatur, bissig, zynisch - und über weite Strecken realistisch. Und wenn die Tränendrüse schon mal im Übermaß strapaziert werden müssen, so weiß es der Erzähler einzurichten, dass Herz und Schmerz nicht überborden, tritt kurz aus seiner Rolle als Autor hervor und erklärt, dass dies ab und an einfach so sein müsse. Und in diesem Fall hebt das eloquent vorgebrachte Geständnis das Vergehen fast wieder auf.

lg

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