Hallo!
Der zweite Teil hat mich nicht wirklich überzeugt, immer wieder gab es längere, "gefühlvolle" Kapitel (v. a. jene mit Amelie), zuviel Aufoperung, zu viele Tränen (aber der Erzähler warnt den Leser schon im ersten Teil, dass Emmy ein wenig nah am Wasser gebaut hat). Ihr Gegenpart, die egoistische, selbstsüchtige Becky und deren Aufstieg und Fall, gibt hingegen viel Anlass zu Gesellschaftskritik, selbstherrliche, reiche Bürger mit einer verqueren Hochachtung vorm Adel, dieser wiederum dekadent, dumm, selbstgefällig. Eine Gruppe bleibt jedoch von der Kritik verschont: Es sind jene Kolonialbeamten in Indien, die sich auf Kosten der Ärmsten bereichern und von ihren dubiosen Einkünften nach dem Rückzug aus dem Staatsdienst (oder Militär) ein behäbiges Leben führen. Der Bruder Amelies, der dicke Joseph, ist der Paradetyp dieser Gruppe - und wenn auch diese Form des Lebens belächelt wird, so doch nicht der ursprüngliche Gelderwerb. (Liegt denn vielleicht auch daran, dass Thackerays Vater selbst sein Geld in Kalkutta gemacht (und verloren) hat.)
Der einzig wirklich positive Charakter, der hochherzige und verliebte Major Dobbin, wirkt, wie auch der Nachwortschreiber feststellt, wenig überzeugend, ein weiteres Argument für die These, dass die Darstellung solcher Menschen unglaublich schwer ist. Und auf die Romantik, dass sich Dobbin und Amelie schließlich doch noch kriegen, hätte ich lieber verzichtet. Da ist Josephs Ende schon besser gelungen: Wie er erneut seiner femme fatale Becky verfällt, diese sein Geld verspekuliert und ihm noch eine Lebensversicherung aufschwatzt, die nach drei Monaten exzessiven Lebens ausbezahlt werden muss.
Insgesamt aber ein gelungenes Stück Literatur, bissig, zynisch - und über weite Strecken realistisch. Und wenn die Tränendrüse schon mal im Übermaß strapaziert werden müssen, so weiß es der Erzähler einzurichten, dass Herz und Schmerz nicht überborden, tritt kurz aus seiner Rolle als Autor hervor und erklärt, dass dies ab und an einfach so sein müsse. Und in diesem Fall hebt das eloquent vorgebrachte Geständnis das Vergehen fast wieder auf.
lg
orzifar