Author Topic: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte  (Read 8765 times)

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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #15 on: 07. Februar 2012, 11.38 Uhr »
Und Märtyergeschichten en masse. Für Eusebius sind die Märtyrer und ihre Standhaftigkeit Zeugen der Wahrheit (des Christenutums). Schon klar. Aber für den Heutigen ist das Märtyertum eines ansonsten unbekannten Bischofs einer kleinasiatischen Kleinstadt nicht wirklich interessant ...  :(

Er war ja auch näher dran. Seinen Lehrer erwischte es und wie nah die Gefahr für ihn war, lässt sich nicht abschätzen.

Ich bin jetzt mit dem dritten Buch durch. Wirklich viel Josephus. Aber Euseb muss natürlich aufzeigen, dass jede Gotteslästerung ihre Strafe erfährt, insbesondere  die Ermordung Christi. So wird die jüdische Geschichte schön ins Schema eingepasst.
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #16 on: 07. Februar 2012, 12.44 Uhr »
Wirklich viel Josephus. Aber Euseb muss natürlich aufzeigen, dass jede Gotteslästerung ihre Strafe erfährt, insbesondere  die Ermordung Christi. So wird die jüdische Geschichte schön ins Schema eingepasst.

Ich habe mich schon gefragt, wie weit Eusebius einfach den Geist seiner Zeit und seiner Gegend widerspiegelt und wie weit er der Ursprung ist: Ich finde jedenfalls in diesem Werk eine ganz schön heftige anti-semitische Tendenz. Und das, obwohl es noch bis kurz vor seiner Zeit in Jerusalem eine Kirche christianisierter Juden (Beschnittener mit beschnittenen Bischöfen :)) gegeben haben muss. Das Verhältnis von Heiden-Christen und Juden-Christen wird von Eusebius allerdings kaum behandelt.
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #17 on: 09. Februar 2012, 07.38 Uhr »
Noch mehr Märtyrer-Geschichten, noch mehr Bischofslisten. Und das Schwergewicht verlagert sich zusehends in den Nahen Osten, wo Eusebius ja selber bischofte. Ich weiss nicht, ob wir in diesem Werk von Eusebius Dokumente zitiert finden, die mittlerweile verloren gegangen sind. Wichtige Dokumente scheinen mir nicht dabei gewesen zu sein. Am interessantesten fand ich bisher die Hinweise auf die innerkirchlichen Diskussion um den genauen Ostertermin. Aber ansonsten? Frage ich mich, warum das Werk bis heute verlegt wird.  :(
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #18 on: 09. Februar 2012, 08.56 Uhr »
Vierte Buch ausgelesen. Der Antisemitismus nimmt zu. Jetzt tauchen Bemerkungen auf, das die Juden boshaft sind und schnell bereit das Holz für den Scheiterhaufen zu bringen, wenn ein Christ verbrannt werden soll. Da Eusebius viel abschreibt, ist nicht klar, ob er diese Ansichten aus der Quelle übernimmt oder ob es seine eigenen sind.
Ein Paradox: Sie ziehen über die Juden her, aber alle Religionsgründer des Chrsitentums waren welche. Da hilft man sich, in dem man die Juden, die das Christentum ins leben riefen, Beschnittene nennt und alle anderen Juden.
Ich verstehe, dass sich das Christentum vom Judentum abheben will, gerde weil es so viel übernimmt, aber die Methode ist zum Kotzen.

Mir fallen neben all den Märtytertoden und Bischofslisten noch die Literaturlisten auf. Da zeigt sich wohl der Bibliothekar.

Ja, warum wird Euseb heute noch aufgelegt? Weil er die erste erhaltene Kirchengeschichte schrieb?  ;D

Es werden Dokumente zitiert, die danach verloren gingen. In Buch 4 kam mir gerade die Apologie des Quadratus unter, von der nur das kurze Stück bekannt ist, das Euseb zitiert. Aber wichtige Dokumente? Wichtig für wen?
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #19 on: 10. Februar 2012, 12.04 Uhr »
Ja, warum wird Euseb heute noch aufgelegt? Weil er die erste erhaltene Kirchengeschichte schrieb?  ;D

Und weil alle andern jahrhundertelang ihre Geschichten erst ab Eusebio verfasst haben, ja. Wenn ich allerdings z.B. an die  Historia ecclesiastica gentis Anglorum des Beda Venerabilis denke, die "nur" runde 300 Jahre jünger ist, so ist der Unterschied doch frappant. Der Engländer bringt politische und soziale Ereignisse mit zur Sprache. Bei Eusebius hat man das Gefühl, das Leben bestehe aus Bischöfen, Märtyrern und ein paar Kaisern, die einander, man weiss nicht so recht warum, in mehr oder minder regelmässigen Abständen auf ihren Sitzen ablösten. Ein papierner Reigen von Namen ...
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #20 on: 14. Februar 2012, 09.19 Uhr »
Stehe mittlerweile vor dem achten Buch.
Im sechsten war viel von Origenes die Rede und wenig verwunderlich gibt es von ihm nur Gutes zu berichten.

Interessant fand ich das Dilemma der Überlebenden der Verfolgungen. Ich musste bei der Rechtfertigung des Dionysius, Bischof von Alexandrien, warum er nicht den Märtyrertod erlitten hat, doch schon schmunzeln. Er behauptet mit Gewalt und natürlich gegen seinen Willen gerrettet worden zu sein. Er erzählt das aber so wortreich, dass sich schnell das "Ja, ne, is klar" im Kopf des Lesers hören lässt. Gerade ein Bischof hatte Vorzeigefunktion und wenn er sich verkrümelt, wie soll er gleichzeitig die Erfüllung durchs Martyrium predigen.

Es war auch strittig, was mit denen geschehen sollte, die ihren Glauben verleugnet hatten, um zu überleben. Durften die zurück in den Schoß der Kirche? Immerhin schien das die Mehrzahl zu befürworten.

Im siebenten Buch gehen die Verfolgungen weiter und Paulus von Samosata wird an den Pranger gestellt. So hoch Origenes von Euseb gelobt wird, so tief wird Paulus verdammt. Er hatte eben die falschen Ansichten.
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #21 on: 14. Februar 2012, 09.43 Uhr »
Im sechsten war viel von Origenes die Rede und wenig verwunderlich gibt es von ihm nur Gutes zu berichten.

Obwohl das, wenn ich mich recht erinnere, zu Eusebius' Zeiten schon gefährlich sein konnte. Origines galt da schon nicht mehr als zu 100% orthodox.
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #22 on: 15. Februar 2012, 18.33 Uhr »
Ich bin durch.

Buch 8 und 9 enthalten vorwiegend Berichte über die aktuelle (aus Eusebs Sicht) Verfolgung unter Diokletian und Maximinus. Also wieder viele Einzelheiten über Foltermethoden und Todesarten.

Buch 10 ist dann nur noch eine Zusammenstellung diverser Kaiseredikte und beginnt mit einer elend langen Rede, die Eusebius zur Einweihung der neuen Kirche in Tyros hielt. Wenn das eine Vorschau auf seine Vita Konstantins ist, dann verstehe ich, dass Burckhardt schreibt:
"Constantins Andenken hat in der Geschichte das größte denkbare Unglück gehabt. [...] Allein er ist in die Hände des widerlichsten aller Lobredner gefallen, der sein Bild durch und durch verfälscht hat.[...]
Dazu kommt noch - des wahrhaft häßlichen Stiles zu geschweigen - eine mit Bewußtsein schielende Ausdrucksweise, so daß der Leser gerade an den wichtigsten Stellen auf Falltüren und Versenkungen tritt."
(Seite 216 f in Burckhardts "Die Zeit Constantins des Großen".

Insgesamt enttäuschend. Eusebs Leistung liegt in der Kompilierung und auch hier wäre eine klare Anordnung wünschenswerter gewesen. Zu sprunghaft in der Chronologie und zu breit angelegt in der Geographie.

Ich werde demnächst den Venerable Bede anschließen. Mal sehen,  wie ein Vergleich ausfällt.
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Re: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte
« Reply #23 on: 16. Februar 2012, 07.27 Uhr »
Ich bin ja unterdessen auch fertig mit Eusebius. Fertig in jedem Sinne des Wortes. Irgendwie ... nun ja: Zu sehr Bibliotheks-Katalog. Bedas Kirchengeschichte ist da beeutend lebendiger geschrieben. Allerdings kann ich zur Ehrenrettung von Eusebius Folgendes sagen: Ich lese gerade parallel Alexander von Humboldts Geschichte der Entdeckung Südamerikas. Auch er eiert sprunghaft von Thema zu Thema, und vor und zurück. Zwischendurch plötzlich ein paar Seiten Etymologie des Namens "Amerigo". Vor- und nachher ein bisschen Kolumbus, ein bisschen Vespucci, ein bisschen Raleigh ...  ::) Unsere Massstäbe sind wohl zu sehr 20. und 21. Jahrhundert ...
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