Author Topic: Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner  (Read 2455 times)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner
« on: 12. Oktober 2011, 20.11 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich lese gerade mal wieder den guten alten Goethe. Diesmal seine naturwissenschaftlichen Schriften in der Ausgabe von Steiner. Steiners Vorwort und seine Anmerkungen sind nicht sehr viel wert, Goethes Schriften mal praktisch im Zusammenhang seiner Originalausgaben zu lesen (z.B. in der Reihenfolge der Hefte zur Morphologie) ist doch sehr interessant. Schliesslich hat Goethe einen beträchtlichen Teil seiner Zeit (und mit zunehmendem Alter immer mehr davon!) mit seinen naturwissenschaftlichen Forschungen verbracht. Dies bei der Betrachtung des Autors Goethe komplett auszublenden, ist, wie wenn man Goethe nur als Lyriker und nicht als Dramatiker betrachten würde. Das tut Goethe selbst dann Unrecht, wann man, wie ich, davon überzeugt ist, dass Goethe am bedeutendsten als Lyriker ist. Nebenbei enthalten die Hefte zur Morphologie auch autobiografische Schnitzel, wessen ich mir nicht bewusst war. So z.b. die Schilderung seiner ersten Begegnung mit Schiller ...

Grüsse

sandhofer
(in Eile, weil der Hund Gassi gehen muss ...)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner
« Reply #1 on: 14. Oktober 2011, 13.43 Uhr »
Goethe macht von seinem Recht als Liebhaber und seinem Hausrecht als Chefredakteur freien Gebrauch, indem er neben den eigentlich morphologisch-wissenschaftlichen Schriften auch Biografisches und Lokalkolorit frei einfliessen lässt. Da ist die berühmte Schilderung seines ersten Gesprächs mit Schiller über die Urpflanze ("Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee"). Da ist eine Schilderung - nein: eine Aufzählung der botanischen Gärten rund um Jena. Goethe ist definitiv kein Gärtner, er schildert nicht die jeweils anzutreffende Flora oder die innere Ordnung der Gärten, sondern - deren Besitzer oder Aufsichtspersonen. Wie ja überhaupt Goethe wissenschaftert, indem er sich fast mehr auf den Menschen kapriziert als auf die wissenschaftliche Theorie. Er scheint denn auch weniger gegen Newtons Optik zu kämpfen als gegen Newton und dessen Nachfolger persönlich. Aber macht Spass, als Bettlektüre ...  :angel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner
« Reply #2 on: 25. Oktober 2011, 19.33 Uhr »
Am unprofessionellsten wirkt Goethe ja, wenn's um die Optik geht. Seine Vorgehensweise und seine Tipps an die Leser wirken so ähnlich, wie wenn heute einer einem einen Baukasten unterjubeln möchte "Teilchenbeschleuniger selber gebaut" ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner
« Reply #3 on: 27. Oktober 2011, 00.18 Uhr »
Am unprofessionellsten wirkt Goethe ja, wenn's um die Optik geht. Seine Vorgehensweise und seine Tipps an die Leser wirken so ähnlich, wie wenn heute einer einem einen Baukasten unterjubeln möchte "Teilchenbeschleuniger selber gebaut" ...

Schön gesagt. Ein Eindruck, den ich bei der (mir nur rudimentär bekannten) Farbenlehre hatte.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften - ed. R. Steiner
« Reply #4 on: 27. Oktober 2011, 19.55 Uhr »
Am unprofessionellsten wirkt Goethe ja, wenn's um die Optik geht. Seine Vorgehensweise und seine Tipps an die Leser wirken so ähnlich, wie wenn heute einer einem einen Baukasten unterjubeln möchte "Teilchenbeschleuniger selber gebaut" ...

Schön gesagt. Ein Eindruck, den ich bei der (mir nur rudimentär bekannten) Farbenlehre hatte.

Im Grunde genommen ein basisdemokratisches Postulat, das Goethe hier aufstellt und dem er zu folgen strebt: Jeder soll die Spitzenwissenschaft bei sich zu Hause auf dem Küchentisch nachvollziehen können. Goethe ist hier einer der letzten Universalmenschen im Sinne, wie in die Renaissance hervorgebracht hat: Künstler, Wissenschafter etc. in einem - man denke an Michelangelo. Noch die Romantik kannte so was ähnliches, selbst Schelling fühlte sich ja verpflichtet, Gedichte zu schreiben, als er noch Romantiker war.

Die Farbenlehre lese ich übrigens jetzt zum dritten Mal ...  ;)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus