Hallo!
Offenbar wurde mein (ohnehin sehr vorsichtiger) Kommentar wesentlich negativer interpretiert als er gemeint war. Das Buch ist - verglichen mit anderer mir bekannter Gegenwartsliteratur (und die Haupteinschränkung besteht hier in "mir bekannt") - eines der besseren.
Ich schließe mich meiner Vorrednerin an: Auch ich habe den Teil der Hadj nicht als schwächer empfunden - im Gegenteil. Sowohl die eigentlich Erzählung als auch der kommentierende Dialog zwischen den hohen Würdenträgern sind witzig, pointiert; dieses Doppelspiel der Erzählebenen (offenbar ist auch der letzte Teil ähnlich konzipiert) ist sehr gelungen.
Die Frage, welche Haltung Burton denn nun "eigentlich" gegenüber den anderen Völkern und Kulturen einnimmt, ist natürlich nicht einfach zu beantworten: Es gibt den historischen Burton (den Sandhofer mittelbar kennt über sein Buch), den literarischen Burton (von dem schon Trojanow im Vorwort sagt, dass er nur Grundzüge mit dem historischen gemein hat - und es gibt einen Autor, von dem man nicht genau sagen kann, ob und welche Absichten er mit seiner Figur verfolgt. Vielleicht, wahrscheinlich: Gar keine, oder aber solche, die sich im Laufe des Schreibprozesses einstellen, wie denn auch nur selten die Figur eines Protagonisten den Vorstellungen seines Schöpfers in allem und jedem genau so folgt, wie dieser es ursprünglich geplant hat. Der Plan ist das eine, die Eigendynamik der Figur das andere (und ein Vergleich mit Kindererziehung mag hier gültig sein).
Stellt sich also auch die Frage (wenn sie sich denn stellt, denn ob man sie stellen muss will ich denn doch bezweifeln), was denn Trojanow wollte mit seinem Burton, warum dieser ihn faszinierte, warum er dessen Leben schreiben zu müssen glaubte. Vielleicht (ich überstrapaziere gerade das konjunktivische Denken) wollte er gar nichts oder auch, dass man sich solche, im Buch nirgendwo beantwortete Fragen stellt, wie eben jene nach der Verklärung der Ursprünglichkeit. Wobei der Doppelspiele noch kein Ende ist: Gibt es ja auch noch den Diener, den Schreiber und dessen Roman und den Baba Bombay aus dem letzten Teil. Alle diese Burtons unterscheiden sich voneinander, während jener auf der Hadj (bzw. Burton als Moslem) am authentischsten erscheint, ist sowohl der indische, noch mehr der afrikanische einer mit etwas mehr Distanz und größerer Skepsis gegenüber den Menschen, der Kultur.
Das Schöne am Buch: Es ist völlig irrelevant, ob und wie sich diese Fragen beantworten lassen. Hingegen eine immer faszinierende Reise ins gestern und anderswo, spannend nicht im herkömmlichen Sinne sondern interessant, witzig, manchmal ironisch. Zur Sprache: Nach dem von mir monierten Beginn wurden die mich störenden Elemente immer weniger und im Grunde war (ist - ich habe noch 40 Seiten) das Buch ein wirklicher Genuss. Der Stil elaboriert, ohne die Endlossätze eines Thomas Mann oder M. Proust nachzuahmen, er wird mit fortschreitender Handlung sicherer, genauer und trifft, ohne allzu viel Aufhebens von dieser Treffsicherheit zu machen. Es ist eine Art Selbstverständlichkeit des Erzählens, die vielen anderen Gegenwartsautoren fehlt (ich denke gerade an Tellkamp: Nicht dass er nicht schreiben könnte, aber diese Erzählsicherheit geht bei ihm häufig verloren, indem er allzu bewusst reißerische Mittel einsetzt, es wirkt drehbuchartig, im Hinterkopf der Regisseur, der da ein kleines oder größeres Spektakulum einfordert).
Müde - morgen vielleicht noch ein Resumee
orzifar