Author Topic: Ilija Trojanow: Der Weltensammler  (Read 5145 times)

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« on: 01. Oktober 2011, 20.49 Uhr »
Hallo!

Nur mühsam komme ich mit dem Weltensammler voran - und um dem Buch nicht Unrecht zu tun, habe ich mich bislang in Schweigen gehüllt. Da mich Körper und Medikamentation einigermaßen übellaunig sein lassen, befürchte ich, dass Trojanow für einen Zustand bezahlen müsste, an dem er rechtschaffen unschuldig ist.

Am Beginn (ich habe mittlerweile etwa die Hälfte des Buches gelesen, kaum mehr als 20 Seiten täglich) war ich äußerst skeptisch: Da schien mir mit viel Anlauf und Verve recht mühselig an hoher Literatur gebastelt zu werden (S. 26: "Die verwelkten Glieder der Bettler waren mit heiliger Farbe bedeckt, eine mißgestaltete Kuh beschweifte sich nebenan ...") - und gar gräuliche Assoziationen waren mir zuteil: Josef Winkler mit seiner Metapherndiarrhoe (Menschenkind). Wäre aber ungerecht, denn nach diesem etwas bildschwangeren Beginn wird die Sprache recht angenehm, präzise. Und auch der Trick, die Geschichte des Richard Francis Burton doppelt erzählen zu lassen, indem der Diener einem beamteten Schreiber seine Version der indischen Episode Burtons erzählt, ist durchaus gelungen. Das macht Trojanow mit viel Routine und Können und sehr souverän.

Den Inhalt des Buches scheinen die meisten hier zu kennen: Ein britischer Offizier im 19. Jahrhundert mit einem Faible für fremde Bräuche, Religionen, Riten, mit sprachlicher Begabung und Hang zur Verkleidung, um dieser seine Passion frönen zu können. Und die implizit gestellte Frage, was irgendein mit Missionierung (in welcher Form auch immer) Betrauter denn tun kann oder darf, was da an Urtümlichen, Eigenem, Originalen erhalten werden soll, welche Bräuche, Haltungen, An- und Einsichten. Denn wer das Loblied dieser Urtümlichkeit singt, sieht sich mit deren Schattenseiten alsbald konfrontiert: Verbrannten Witwen, beschnitten Frauen, ritueller Folter u. v. m. Wieviel Freiheit also dem indigenen Volk lassen, wieviel von außen aufoktroyieren? Bzw. mit welchem Recht und der Frage, wie man moralische Standards (meist der Aufklärung entlehnt) argumentativ belegen kann?

Burton versucht (bislang) weder diese Frage zu lösen, noch scheint er sie zu stellen. Implizit aber wird er durch die Aneignung fremder Welten immer wieder damit konfrontiert - und nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis, wo er sich gänzlich als Einheimischer zu fühlen vorgab, von seinem ehemaligen Lehrer mit den Worten abgespeist, dass denn doch immer ein Unterschied bleibe:

Quote from: Trojanow
Du kannst jederzeit deine Verkleidung ablegen, dir steht immer dieser letzte Ausweg offen. Wir aber sind in unserer Haut gefangen. Fasten ist nicht dasselbe wie hungern.
(Fett von mir)

Der letzte ist der möglicherweise entscheidende Satz. Das Verhältnis von außen und innen, vom partiellen Unverständnis desjenigen, der da dem Armen und Verachteten zu helfen vorgibt, Verständnis entgegenbringt - und doch immer in die Sicherheit der eigenen vier Wände heimkehrt. Oder so ...

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #1 on: 02. Oktober 2011, 08.38 Uhr »
Hallo!

Ich hoffe, Dich jetzt nicht abzuschrecken: Der indische Teil, in dem Du noch zu stecken scheinst, ist m.M.n. der gelungenste. Ich kenne von Burton sein Buch A Secret Pilgrimage to Mecca and Medina, in dem er beschreibt, wie er als Moslem verkleidet an einer Hadj teilnimmt. Ich vermute, dass er sich die Fragen, die Du aus Trojanow entnimmst, tatsächlich nicht gestellt hat. Jedenfalls klingen sie auch in seinem Buch kaum an. Trojanow hat in diesem Sinne ein doch recht präzises Biogramm seines Protagonisten erstellt, auch wenn er vieles unter dem Schleier literarischen Perspektivwechsel und anderer Lektorentricks verschwinden lässt. Den mittleren Teil über eben diese Hadj habe ich übrigens als den schwächsten empfunden, der letzte Teil wird dann wieder besser. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass ich Burtons eigenen Bericht über die Hadj schon kannte.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #2 on: 03. Oktober 2011, 22.20 Uhr »
Hallo orzifar!

Ich bin im „Weltensammler“ auch nur langsam vorangekommen, allerdings war Zeitmangel daran schuld (ich muss viel Schnee schaufeln ;)). Doch gestern Nacht habe ich in schlaflosen Stunden den zweiten Teil in einem Rutsch durchgelesen und bin nun im dritten an der Stelle, wo die Expedition gerade zu den Nilquellen aufbricht. Mir gefällt das Buch. Endlich mal wieder ein richtig schöner Reise- und Abenteuerroman, der mit seinem Figuren- und Episodenreichtum und mit seiner Vielstimmigkeit an orientalische Erzählungen erinnert. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Ländern und dem Umgang der Kolonialmächte mit ihnen habe ich bei einer historischen Romanfigur wie Burton gar nicht erwartet. Aber ich kann Deine Einwände verstehen. Derlei Reiseschilderungen tendieren nicht selten zur Verklärung. Da wird die Ursprünglichkeit der Lebensweise gepriesen, das Verwurzeltsein der Einwohner in alten Traditionen und Bräuchen, ihre stete Hilfsbereitschaft und Fröhlichkeit trotz all des Elends, in dem sie leben, und natürlich sitzt an jeder Straßenecke ein weiser alter Mann mit zerschlissenem Turban. Weil Burtons Frau nach seinem Tod sämtliche Notizen aus vierzig Jahren verbrannt hat, muss Trojanow - ähnlich wie der Schreiber, der die Geschichte von Burtons Diener aufschreibt - die Lücken in Burtons Bericht erzählerisch auffüllen, Erlebtes mit Fiktivem mischen. Die Frage ist, ob er das von Dir angeschnittene Problembewusstsein, das sich doch wohl erst in unserer heutigen Zeit herausgebildet hat, dem historischen Burton zuschreiben soll, der – fasziniert von diesen Welten und bestrebt, sie sich anzueignen – diesen objektiven, kritischen Blick auf die Verhältnisse gar nicht hatte. Letzten Endes, das schimmert immer wieder durch, bleibt er Angehöriger einer befehlsgewohnten Kolonialmacht. Übrigens werden Missstände wie Armut, Folterung und Grausamkeiten durchaus, wenn auch episodenhaft, beschrieben. Auch das Verhältnis zwischen den Engländern und der Bevölkerung, das auf der einen Seite von Desinteresse und Unverständnis, auf der anderen Seite von Misstrauen und Unverständnis geprägt ist, wird wiederholt, wenn auch nicht intensiv, angeschnitten.

Den mittleren Teil über eben diese Hadj habe ich übrigens als den schwächsten empfunden,
   
Ich nicht, vielleicht weil ich derartige Berichte bisher noch nicht gelesen habe. Sowohl die Schilderung der enormen Strapazen und Gefahren, die mit dieser Pilgerreise einhergehen, als auch die Beschreibung der religiösen Zeremonien und der tiefen Inbrunst der Pilger fand ich sehr eindrucksvoll. Die Ergriffenheit Burtons, der fasziniert von dem islamischen Glauben war, ohne eigentlich gläubig gewesen zu sein, lässt sich gut nachvollziehen. Die Erzählungen der Mitreisenden über Burton sind wegen der Verhörsituation nicht allzu ergiebig, dafür fand ich die Beratung der osmanischen Regierungsvertreter ganz interessant. Der türkische Gouverneur tritt als Hardliner auf, während der Sharif und der Kadi gemäßigter und toleranter wirken. Besonders der Kadi zeigt eine gewisse aufgeklärte Ironie, gegen die Folterung des Schwarzen protestiert er trotzdem nicht ernsthaft.

Am Beginn (ich habe mittlerweile etwa die Hälfte des Buches gelesen, kaum mehr als 20 Seiten täglich) war ich äußerst skeptisch: Da schien mir mit viel Anlauf und Verve recht mühselig an hoher Literatur gebastelt zu werden (S. 26: "Die verwelkten Glieder der Bettler waren mit heiliger Farbe bedeckt, eine mißgestaltete Kuh beschweifte sich nebenan ...") - und gar gräuliche Assoziationen waren mir zuteil: Josef Winkler mit seiner Metapherndiarrhoe (Menschenkind). Wäre aber ungerecht, denn nach diesem etwas bildschwangeren Beginn wird die Sprache recht angenehm, präzise.

Trojanow schreibt sehr bildhaft, manchmal stürzt regelrecht eine Bilderflut über einen herein. Er liebt es, die unbelebten Dinge in Aktion zu versetzen: Die Dämmerung kommt schuldbewusst hereingeschlichen, ein Haus springt in den Weg, eine Stadt schleppt sich in die Wüste. So etwas würde mich in anderen Romanen stören, aber hier passt es. Die Metaphernfreudigkeit nimmt im Laufe der Erzählung auch ab, habe ich den Eindruck, oder ich habe mich daran gewöhnt. Einiges ist zwar ganz schön manieriert, aber insgesamt gefällt mir auch die sprachliche Darstellung gut.

So, morgen schaffe ich es hoffentlich, das Buch durchzulesen, denn am Mittwoch rücken die nächsten Gäste an.

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #3 on: 04. Oktober 2011, 08.02 Uhr »
Hallo!

Den mittleren Teil über eben diese Hadj habe ich übrigens als den schwächsten empfunden,
   
Ich nicht, vielleicht weil ich derartige Berichte bisher noch nicht gelesen habe. Sowohl die Schilderung der enormen Strapazen und Gefahren, die mit dieser Pilgerreise einhergehen, als auch die Beschreibung der religiösen Zeremonien und der tiefen Inbrunst der Pilger fand ich sehr eindrucksvoll. Die Ergriffenheit Burtons, der fasziniert von dem islamischen Glauben war, ohne eigentlich gläubig gewesen zu sein, lässt sich gut nachvollziehen. Die Erzählungen der Mitreisenden über Burton sind wegen der Verhörsituation nicht allzu ergiebig, dafür fand ich die Beratung der osmanischen Regierungsvertreter ganz interessant. Der türkische Gouverneur tritt als Hardliner auf, während der Sharif und der Kadi gemäßigter und toleranter wirken. Besonders der Kadi zeigt eine gewisse aufgeklärte Ironie, gegen die Folterung des Schwarzen protestiert er trotzdem nicht ernsthaft.

Den Reisebericht selber fand ich - wie gesagt - bei Burton selber interessanter. Die Verhöre störten mich, die Beratung fand ich gekünstelt. (Nebenbei: Ich vermute, dass Karl May bei seinem fiktiven Bericht, wie er, bzw. Kara Ben Nemsi, sich als Christ über eine Karawane in Mekka einschmuggelt, bei Burton einiges abgekupfert hat.) Wobei Burton, wenn ich mich recht erinnere, die mich brennend interessierende Frage, ob er sich nun extra beschneiden liess, um beim Pinkeln nicht aufzufallen, unerörtert liess.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #4 on: 04. Oktober 2011, 09.31 Uhr »
Den Reisebericht selber fand ich - wie gesagt - bei Burton selber interessanter.

Ich glaube gern, dass man diese Episode im "Weltensammler" nicht so interessant findet, wenn man bereits den Reisebericht Burtons gelesen hat, der sehr viel ausführlicher und detaillierter zu sein scheint.

Wobei Burton, wenn ich mich recht erinnere, die mich brennend interessierende Frage, ob er sich nun extra beschneiden liess, um beim Pinkeln nicht aufzufallen, unerörtert liess.

Im Buch erzählt Burtons Diener, dass dieser fasziniert vom islamischen Glauben gewesen sei und sich sogar hätte beschneiden lassen. Das klingt wie eine religiös motivierte Entscheidung. Ich nehme eher an, dass es in erster Linie aus Gründen der Tarnung geschehen ist. Wie hätte er die ganze lange Pilgerfahrt mitmachen können, ohne aufzufallen? Und das wäre gefährlich geworden. Zum islamischen Glauben übergetreten ist Burton doch offenbar nicht.

Gruß
Anna





Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #5 on: 04. Oktober 2011, 14.24 Uhr »
Nur kurz, vielleicht komme ich in der Nacht ein wenig ausführlicher dazu: Mir hat Trojanow bislang sehr viel besser gefallen als ich offenbar den Eindruck erweckte. (Auch die Verhöre fand ich nicht "gekünstelt.) Bin nun schon fast am Ende der Afrika-Episode, habe ich gern gelesen ...

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #6 on: 04. Oktober 2011, 20.02 Uhr »
Hallo!

Im Buch erzählt Burtons Diener, dass dieser fasziniert vom islamischen Glauben gewesen sei und sich sogar hätte beschneiden lassen.

Ja, das ist Trojanows Fiktion. Aber wie war es wirklich? Auch Burtons Glaube ist ja umstritten. Konvertierte er zum Islam oder nicht?

Mir hat Trojanow bislang sehr viel besser gefallen als ich offenbar den Eindruck erweckte.

Trojanows Weltensammler gehört zu den Büchern zeitgenössischer Autoren, die ich bis zum Schluss gelesen und sogar in mein Regal gestellt habe. Trotz des meiner Meinung nach schwachen Mittelteils.  ;)

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #7 on: 05. Oktober 2011, 01.57 Uhr »
Hallo!

Offenbar wurde mein (ohnehin sehr vorsichtiger) Kommentar wesentlich negativer interpretiert als er gemeint war. Das Buch ist - verglichen mit anderer mir bekannter Gegenwartsliteratur (und die Haupteinschränkung besteht hier in "mir bekannt") - eines der besseren.

Ich schließe mich meiner Vorrednerin an: Auch ich habe den Teil der Hadj nicht als schwächer empfunden - im Gegenteil. Sowohl die eigentlich Erzählung als auch der kommentierende Dialog zwischen den hohen Würdenträgern sind witzig, pointiert; dieses Doppelspiel der Erzählebenen (offenbar ist auch der letzte Teil ähnlich konzipiert) ist sehr gelungen.

Die Frage, welche Haltung Burton denn nun "eigentlich" gegenüber den anderen Völkern und Kulturen einnimmt, ist natürlich nicht einfach zu beantworten: Es gibt den historischen Burton (den Sandhofer mittelbar kennt über sein Buch), den literarischen Burton (von dem schon Trojanow im Vorwort sagt, dass er nur Grundzüge mit dem historischen gemein hat - und es gibt einen Autor, von dem man nicht genau sagen kann, ob und welche Absichten er mit seiner Figur verfolgt. Vielleicht, wahrscheinlich: Gar keine, oder aber solche, die sich im Laufe des Schreibprozesses einstellen, wie denn auch nur selten die Figur eines Protagonisten den Vorstellungen seines Schöpfers in allem und jedem genau so folgt, wie dieser es ursprünglich geplant hat. Der Plan ist das eine, die Eigendynamik der Figur das andere (und ein Vergleich mit Kindererziehung mag hier gültig sein).

Stellt sich also auch die Frage (wenn sie sich denn stellt, denn ob man sie stellen muss will ich denn doch bezweifeln), was denn Trojanow wollte mit seinem Burton, warum dieser ihn faszinierte, warum er dessen Leben schreiben zu müssen glaubte. Vielleicht (ich überstrapaziere gerade das konjunktivische Denken) wollte er gar nichts oder auch, dass man sich solche, im Buch nirgendwo beantwortete Fragen stellt, wie eben jene nach der Verklärung der Ursprünglichkeit. Wobei der Doppelspiele noch kein Ende ist: Gibt es ja auch noch den Diener, den Schreiber und dessen Roman und den Baba Bombay aus dem letzten Teil. Alle diese Burtons unterscheiden sich voneinander, während jener auf der Hadj (bzw. Burton als Moslem) am authentischsten erscheint, ist sowohl der indische, noch mehr der afrikanische einer mit etwas mehr Distanz und größerer Skepsis gegenüber den Menschen, der Kultur.

Das Schöne am Buch: Es ist völlig irrelevant, ob und wie sich diese Fragen beantworten lassen. Hingegen eine immer faszinierende Reise ins gestern und anderswo, spannend nicht im herkömmlichen Sinne sondern interessant, witzig, manchmal ironisch. Zur Sprache: Nach dem von mir monierten Beginn wurden die mich störenden Elemente immer weniger und im Grunde war (ist - ich habe noch 40 Seiten) das Buch ein wirklicher Genuss. Der Stil elaboriert, ohne die Endlossätze eines Thomas Mann oder M. Proust nachzuahmen, er wird mit fortschreitender Handlung sicherer, genauer und trifft, ohne allzu viel Aufhebens von dieser Treffsicherheit zu machen. Es ist eine Art Selbstverständlichkeit des Erzählens, die vielen anderen Gegenwartsautoren fehlt (ich denke gerade an Tellkamp: Nicht dass er nicht schreiben könnte, aber diese Erzählsicherheit geht bei ihm häufig verloren, indem er allzu bewusst reißerische Mittel einsetzt, es wirkt drehbuchartig, im Hinterkopf der Regisseur, der da ein kleines oder größeres Spektakulum einfordert).

Müde - morgen vielleicht noch ein Resumee

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re: Ilija Trojanow: Der Weltensammler
« Reply #8 on: 05. Oktober 2011, 14.50 Uhr »
Hallo zusammen!

Umso besser, wenn Euch der Mittelteil gefallen hat. Mir war er zu zerhackt. Das Faszinosum "Richard Burton" fand ich im ersten und auch im Schlussteil besser dargestellt, vielleicht, weil unmittelbarer aus dem Mund seiner Umgebung.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus