Da kommt drei Monate nach dem letzten Beitrag von Dir noch ein Beitrag zum Thema daher. Und er ist mit einem Jubiläum verbunden: Vor 40 Jahren, 1975 kam die Verfilmung der "Lotte in Weimar" in die Kinos.
Den fand ich damals mit meiner Familie hinreißend, mit Martin Hellberg als Goethe und Lilli Palmer als Lotte, Rolf Ludwig (1925-1999) mit seinem wunderbar zu "Ma
cher" passenden sächsischen Idiom.
http://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_LudwigDa wurden natürlich Anspielungen auf die DDR-Wirklichkeit versteckt, das Publikum im Kino lachte schallend. Ein sanfter, nicht verletzender Humor wallte.
Der Film erzeugte eine Atmosphäre, die über die Jahrzehnte in Erinnerung geblieben ist. Die inneren Bilder, die sich der Leser bei der Lektüre Thomas Manns schuf, wurden nun konfrontiert mit den Filmbildern. Weimar kannte ich genau, weil ich ja dort in der Nähe aufgewachsen bin. Aber die Felder und Wiesen um Wetzlar - ich hätte damals als Jugendlicher nicht gedacht, dass ich sie noch einmal im Leben sehen würde. Nach der Herstellung der Einheit konnte ich dann zwei Jahrzehnte später das Goethe-Haus in Wetzlar sehen, mit den Bildern des Films im Kopf, und das Thomas-Mann-Haus in Lübeck.
Mehr noch als die Liebesszenen und die knisternden Begegnungen des Trios Goethe/Werther, Charlotte Buff und "Albert"/Kästner beeindruckte mich das abschließende Gespräch der Versöhnung zwischen Goethe und Charlotte in der Kutsche. Der Erzähler Thomas Mann setzt die Worte, dem Leser und Filmzuschauer bleibt überlassen, sich auszumalen, ob dieses Gespräch wirklich stattgefunden hat oder nur im Traum, in der Vorstellung ...
Die gesamte Zeit über blieb ein Wort im Familienjargon: "Ja wo kommst du denn her?" Gemeint war ein Feldspat-Zwillings-Kristall, über den der Geheimrat Goethe höchst erfreut war und dessen Bedeutung in der Tafelrunde nur der Bergsachverständige Abraham Gottlob Werner verstehen konnte. Bei uns bedeutet das, wenn jemand diesen Satz aus Roman und Film zitiert: jemand nervt in einer bunten Diskussionsrunde, in der er dominierend auftritt, mit irgendwelchen Steckenpferden und Details, die außer ihn kein Borstentier interessieren.
Jahrzehnte vergingen. Ich ging nicht mehr ins Kino, wo einst das Publikum in dem vollbesetzten Saal "mitging". Nach der Wende hatten wir in der Familie keine Lust auf die nun einziehende neue Kultur des kommerzialisierten Kinos, das eher für Jugendliche mit oder ohne Popcorn gedacht war (vielleicht ziemlich selten, diese fast vollständige Kino-Abstinenz) -
bis ich im August 2014 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder mit 11 Rentnern in einem Kino erschien und "Die geliebten Schwestern" von Dominik Graf sah. Das ist zwar keine Literaturverfilmung. Doch nahten wieder die schwankenden Gestalten der Jugendzeit vor der vertrauten Kulisse meiner Heimat, Weimar, Rudolstadt, Großkochberg, und ich erinnerte mich versöhnt wieder an die Verfilmung der "Lotte in Weimar".