Vom Selbstverständnis her wohl Aufklärer und Forscher, hat er in Tat und Wahrheit eine historisch-soziologisch begrenzte Interpretationsmöglichkeit als einzige und allgemeingültige gesetzt.
Sag ich ja …
Ich meine, Freuds Vorgehensweise war analytisch- empirisch. Dass seine Ergebnisse später quasi zu Glaubenssätzen mutierten, ….
… mit einer ein bisschen anderen Schlussfolgerung:
ändert daran nichts.
Ich meine, die Dogmatisierung setzte erst mit dem Aufkommen verschiedener Schulen ein. Eigentlich waren Konstrukte wie
Lustprinzip,
Über-Ich etc, wie schon gesagt, eher so etwas wie Arbeitshypothesen, im Laufe der Forschung Änderungen unterworfen oder einfach auch „wissenschaftliche“ Umbenennungen bekannter Größen. So deckt sich
Über-Ich z.B. im Wesentlichen mit dem landläufigen Gewissen.
Außerdem gibt es – wenn auch nicht im Labor - etwas, mit dem sich die Effizienz bzw. der Wahrheitsgehalt Freudscher Thesen überprüfen lässt: die Heilungchancen. Schon lange gibt es keine Therapeuten mehr, die die orthodoxe Freudsche Psychoanalyse praktizieren. Keine Krankenkasse würde das finanzieren, weil die Heilungschancen gering sind. Kein Therapeut spricht mehr von
ödipaler Phase etc. Sind einige Begriffe zurecht auf dem Müllhaufen der Kulturgeschichte gelandet, ist unglaublich vieles von Freud in die Massenkultur eingegangen und die therapeutische Praxis wäre ohne ihn und die Entdeckungen seiner Psychanalyse undenkbar! Daher:Wenn ich den nächsten depressiven Schub habe, bin ich froh eine mit allen Wassern der Psychoanlyse gewaschene Therapeutin vorzufinden und nicht auf deinen Friseur, orzifar, mit dem Hausverstand angewiesen zu sein.

Fazit also: Freud ist kein Metaphysiker. Es wäre auch Ironie der Geschichte, wenn sich bei diesem Entmythisierer par excellence, für den Religiosität eine infantile Neurose und Gott eine Projektion ist, Übersinnliches

durch die Hintertür eingeschlichen hätte.
Als ich beim Verfassen dieser Antwort, mich vergewissern wollte, ob noch irgendwo eine versprengte Sekte existiert und bei google
Freudianer eingab, fand ich unter dem Titel
Freud ist kein Freudianer folgendes:
Er war ein begnadeter Stilist, dessen Fallgeschichten so spannend zu lesen sind wie Romane und Novellen. Er war ein glänzender Organisator und Stratege und dank seiner Aura imstande, einige der originellsten Köpfe seiner Zeit um sich zu scharen. Wie wir wissen, nicht zuletzt durch Ernst Blums jüngst publizierte Protokolle seiner Lehranalyse, arbeitete der Analytiker Freud in Wirklichkeit äußerst undogmatisch. Er verhielt sich in seinen Stunden viel aktiver, als es Freudsche Orthodoxie fordert. Kurzum: Sigmund Freud war … kein Freudianer.