Author Topic: Sigmund Freud: Die Traumdeutung  (Read 8585 times)

Offline sandhofer

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Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« on: 15. September 2011, 13.12 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich trau mich ja fast nicht, es zu sagen  :angel: : Eine meiner aktuellen Lektüren ist Freuds Traumdeutung. Ein Frühwerk (erschienen 1900) fehlt ihm noch der ganze Apparat von Ich, Über-Ich und Es. Eigentlich ist Freud ja ein Aufklärer, der versucht, das dunkle Irrationale im Menschen selber zu erhellen. Ein mit zunehmendem Alter immer pessimistischer werdender Aufklärer, der in der Traditon von Thomas Hobbes das "Homo homini lupus" im Todestrieb identifiziert. Soweit ist er aber 1900 noch nicht. Hier versucht er eine Art Ehrenrettung des Traums, indem er ihn mit der Realität des Träumenden in Verbindung bringt und nicht einfach als somatisch bedingte Blumenkohlwolkenei des Hirns abtun lassen will, wie es die herrschende Meinung seiner Zeitgenossen war.

An und für sich wäre die aufklärerische Haltung ja erfreulich, aber wenn sich ein Traum gegen eine Deutung sträubt, hat Freud immer eine Wunderwaffe. Es braucht bloss die "richtige" Deutung. Und das ist selbstverständlich die des Dr. Freud.

Aber er konnte gut schreiben. ;)

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #1 on: 15. September 2011, 16.54 Uhr »

... ist Freud ja ein Aufklärer ...

Wo Es ist, soll Ich werden. Ja, Freud war Aufklärer und blieb es, auch nachdem er angesichts des desaströsen 1.Weltkrieges und seiner Folgen den Todestrieb neben dem Lustprinzip als zweites Movens des menschlichen Handelns quasi als Arbeitshypothese meinte annehmen zu müssen.

Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 13:12
... er schreibt sehr gut ...

Beste deutsche Prosa, klar und anschaulich, und er versteht es, seine Erkenntnisse unterhaltsam und spannend zu vermitteln.

Daher verstehe ich den schamhaft entschuldigenden Tenor deiner Anfangssätze sowie die ablehnende Haltung Freud gegenüber in diesem Forum generell irgendwie nicht. :angel:
Mögen gewisse sperrige Inhalte (beispielsweise der Ödipuskomplex) seltsam anmuten und in der Praxis zurecht vergessen sein, weiter Bestand haben werden die von Freud entwickelte Methode und sein Prinzip, kein seelisches Phänomen, keine Äußerung (eben auch den Traum nicht) als zufällig oder beliebig zu erachten, sondern ihnen eine Schlüsselstellung für das Verständnis der Psyche einzuräumen.
 
Mein Lieblings-Freud ist übrigens die Psychopathologie des Alltagslebens.


Offline orzifar

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #2 on: 15. September 2011, 18.38 Uhr »
Hallo!

Freud war Atheist (was man ihm zugute halten muss), hat aber, was in solchen Fällen keine Seltenheit ist, das alte metaphysische System durch ein neues ersetzt. Und wie immer kommt Metyphysik als ein scheinbar wissenschaftlich-methodologisch gesichertes Weltbild daher.

Gerade die Traumanalyse rekurriert auf spirituell-zauberische Vorstellungen (die sich eigentlich überlebt haben sollten): Man las aus diesen Träumen seinerzeit wie aus den Innereien eines verendeten Fisches oder dem Vogelflug - und Freuds Versuch, diese Dinge zu verwissenschaftlichen, sind eigentlich nicht der Rede wert. Unsere Träume haben mit uns zu tun, unserem Leben, unseren Vorstellungen, Wünschen - und weil im Schlaf die Rückkoppelung mit der Umwelt gestört ist, wir nicht wie im Wachzustand über unsere Sinne die (vermeintliche) Richtigkeit unseres Erlebens überprüfen können, sind diese Traumerlebnisse sehr viel phantastischer. Diese Verschwommenheit, Unlogik, Inkonsistenz als der Weisheit letzter Schluss zu betrachten lässt auf ein auch ansonsten verschwommenes Denken schließen ;). Und im Traum erscheint nichts, was nicht zuvor im Wachzustand irgendwie über unsere Sinne in unser ich gekommen ist (ähnlich wie Marienerscheinungen - nicht weiter verwunderlich - nur in christlich geprägten Ländern stattfinden, wiewohl prinzipiell die Jungfrau Maria sich auch der Eingeborenen auf Papua-Neuguinea annehmen könnte, noch bevor sie missioniert werden). Was es da groß zu interpretieren geben sollte, weiß ich nicht: Wollte man einfache Erklärungen für Träume finden, es würde nicht schwerfallen. Was ein esoterisches Gemüt natürlich verstören würde.

Freud hat zwar die nostradamushaften Züge aus der Traumdeutung entfernt, um dafür verborgene Kindheitserlebnisse oder Sexualphantasien zu entdecken. Und er gibt vor, den Schlüssel dafür zu haben. So wie andere meinen, aus Häusern und Aszendenten verborgene Bedeutungen erkennen zu können.

Ich glaube im übrigen nicht, dass alles und jedes irgendeine Bedeutung besitzt - im Gegenteil: Wir wollen vielmehr diese Bedeutung in unser im allgemeinen recht triviales Leben hineinlegen, weil es einigermaßen unzufriedenstellend ist, als zweibeiniger Durchlauferhitzer irgendwo im Kosmos durch das All zu hampeln. Und so beginnen wir brav zu interpretieren: Warum sich der eine hinter dem linken Ohr kratzt oder der andere am Sack, Karli träumt's von Sabinchen (und warum ist jedem außer den großen Traumdeutern klar), Sabine von ihrem Kätzchen, weil dasselbe sich an der Pfote verletzt hat. Usf. Von der Bedeutungszuschreibung auf individueller Ebene bis zu uns als dem Ebenbild Gottes und dem Sinn und Zweck des Universums ist's nur ein Schritt.

Freuds Leistung besteht m. E. am ehesten darin, ein gewisses Verständnis für psychische Erkrankungen bewirkt, neurotisches, psychotisches Verhalten als eine Form von Krankheit definiert zu haben, das nicht (oder nur sehr eingeschränkt) von unserem Willen abhängt. Sein Hauptfehler war nach meinem Dafürhalten, dass ihm alles zum Ausdruck von Sexualität wurde. Was vorher großteils tabuisiert war, wurde nun zum Dreh- und Angelpunkt der Welt und des Menschen.

Obwohl, vielleicht hatte er Recht: Jetzt verlink ich mal ein Video und riskiere meinen Administratorstatus (ich lösch es dann wieder *versprech*  :angel:):
http://www.youtube.com/watch?v=kV7ou6pl5wU&feature=related und
http://www.youtube.com/watch?v=e1KVrogQzM4&feature=related

porn, porn, porn ...

lg

orzifar

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Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #3 on: 16. September 2011, 00.08 Uhr »

Freud hat das alte metaphysische System nur durch ein neues ersetzt? Inwiefern? Ich sehe da nichts Metaphysisches. Und auch wenn, darum geht es doch gar nicht. Freud ist kein Philosoph, der die Welt nur interpretiert, sondern Arzt, der seine Beobachtungen aus der Praxis gewinnt und sie ihr als Theorie zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken wieder zuführt, die Welt also nicht nur interpretiert, sondern zu verändern sucht..  ;)
In der Traumdeutung geht es, wenn ich mich recht erinnere, auch um so simple Dinge wie den Traum als Hüter des Schlafes, der von außen dringende Reize, die dazu angetan wären den Schlafenden aufzuwecken, in die Traumhandlung einbaut und ein Weiterschlafen ermöglicht. Gibt es da nicht sogar das Beispiel des Bettnässenden, der von der Sintflut träumt und für den damit alles in Ordnung ist?
Träume, Vergessen, Versprecher, Fehlleistungen etc eröffnen den Blick auf das Unbewusste, bzw. fördern etwas zum Vorschwein (Versprecher von Freud zitiert), was verdrängt oder unter Verschluss gehalten war. Das ist ihre Bedeutung …
Warum das Sexuelle bei Freud von so großer Bedeutung ist, darauf gibst du selbst die Antwort. Heute würde er bei seinen Patienten wahrscheinlich zu anderen Schlüssen kommen. Obwohl, if even internet is for porn;D

Ich finde, wir haben Freud enorm viel zu verdanken. Ein Watzlawick z. B. wäre ohne ihn undenkbar.
Und er schreibt so gut…

Offline mombour

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #4 on: 16. September 2011, 04.20 Uhr »

Ich trau mich ja fast nicht, es zu sagen  :angel: : Eine meiner aktuellen Lektüren ist Freuds Traumdeutung.

Ich habe kein Problem damit.

Freud war Atheist (was man ihm zugute halten muss), hat aber, was in solchen Fällen keine Seltenheit ist, das alte metaphysische System durch ein neues ersetzt.

Unter Freud/Metaphysik oder Freud/Esoterik habe ich im Google nichts gefunden, was mich irgendwie nachhaltig beeindruckt hätte. Unter  Freud/Neurobiologie fand ich interessantes.

Viele glauben heute immer noch, auch in der neurobiologischen Forschung war das so, dass Freud wissenschaftlich gesehen passé ist. Das stimmt aber nicht. Der Neurobiologe Mark Solms versucht Psychoanalyse mit Neurobiologie zu verknüpfen. Der Mann ist kein Metaphysiker.

Siehe hier
und
hier

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Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #5 on: 16. September 2011, 08.18 Uhr »
Hallo zusammen!

Freud hat die Kultur des 20. Jahrhunderts ungeheuer beeinflusst. Das ist für mich (wie bei Steiner ;)) der Grund für meine Lektüre. Anders als Steiner habe ich Freud allerdings vor Jahren schon mal gelesen.

Ich sehe Freud denn auch nicht als Wissenschafter - jedenflass nicht als Naturwissenschafter. Ähnlich wie bei Goethes Farblehre ist das im Grunde genommen eine Selbstverkennung Freuds. Ich lese ihn als ... sagen wir: Kulturphilosophen.

Metaphysiker? Aber sicher. Im Grunde genommen hat er - unter anderm Namen - den alten Gott Pan wieder in seine Rechte einzuführen versucht. Quasi, indem er ihn zu entlarven versprach. Natürlich hat er unser Weltbild grundlegend verändert. Wir würden ohne Freud ganz anders über Sexualität reden.

Die Traumdeutung, wie gesagt, ein frühes Stück. Da spielt zwar die Wunscherfüllung schon eine grosse Rolle, die Sexualität aber noch nicht. Damit er jeden Traum als Wunscherfüllung interpretieren kann, muss Freud allerdings an seinen Deutungen gewaltig herumschrauben, und am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass seine Aussage sich zu einem "Dieser Traum bedeutet die Erfüllung dieses oder jenes Wunsches und nichts anderes, auch nicht die Erfüllung eines andern Wunsches - weil ich es sage!" kondensiert.

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #6 on: 16. September 2011, 10.09 Uhr »


Quote from: Autor: sandhofer
« am: Heute um 08:18 »
Metaphysiker? Aber sicher. Im Grunde genommen hat er - unter anderm Namen - den alten Gott Pan wieder in seine Rechte einzuführen versucht.


Meinst du das Lustprinzip? Abgesehen davon, dass er das schon ziemlich früh als alleiniges Prinzip entthront, ist das denn schon Metaphysik? Dann wäre auch der Begriff Trägheit der Masse Metaphysik.
Freud hat nun gerade den Gefühls- und Kulturhaushalt seiner Zeitgenossen gründlich entrümpelt, enmystifiziert und entmythologisiert. Da gibt es im Gegensatz etwa zu C.G.Jung kein kollektives Unbewusstes (das Menschen anderer Kulturkreise ähnlich wie hiesige träumen lässt) sondern der Mensch ist allein mit seiner popligen Familiengeschichte, nach deren Bild er seinen kulturellen Überbau schafft. Das kleine graue Männlein im Traum (und im Märchen) ist eben nicht Gott, sondern der Vater.

Offline orzifar

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #7 on: 16. September 2011, 14.11 Uhr »
Nur kurz (sehr wenig Zeit): Ich weiß nicht, was an einer Traumanalyse wissenschaftlich oder gar ernst zu nehmen ist (auch wenn der Betreffende von Papa und nicht Jahwe träumt). Vieles aus der Psychoanalyse muss geglaubt werden, da ist sehr wenig Substanz dahinter. Dass alsbald verschiedene Konzepte entstanden und die Schulen einander befehdeten hat was von Kirchenspaltung an sich (der Vergleich stammt nicht von mir). Und Freud hat einen durchaus metaphysischen Erklärungsanspruch, wenn er seine Prinzipien verkündet - wie ich auch im übrigen alle Psychoanalytiker, die ich kennen zu lernen die zweifelhafte Ehre hatte, durchweg als Gläubige und der strengen Wissenschaft abhold erlebt habe.

Dass Freud schreiben konnte, steht außer Zweifel. Dass er im Gegensatz zu einem Steiner auf einem ganz anderen Niveau spielt, ebenfalls. Ich sehe die Beschäftigung mit ihm ganz ähnlich wie sandhofer, er hat einen ungeheuren Einfluss auf das 20. Jahrhundert gehabt (aber einen nicht nur positiven). Ernst nehmen kann weder Patienten noch Therapeuten, die da einander Träume erklären. (So nebenher weiß ich aus meiner eigenen Familie, dass so manchmal Dinge aus dem Unterbewusstsein des Patienten gefördert werden, die nur im Kopf des Therapeuten sind. Diese Analysen sind öfter Kasperltheater oder Scharlatanerie als eine ernsthafte Angelegenheit. Ein Friseur mit Hausverstand leistet oft mehr für die geistige Hygiene.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #8 on: 17. September 2011, 16.09 Uhr »
Metaphysiker ist für mich jeder, der ein alleiniges und - salopp gesagt - im Labor nicht nachweisbares Phänomen als Ursache und Erklärung der Dinge nimmt. (Es kann auch eine Kombination von mehreren "alleinigen" sein: Lustprinzip + Todestrieb + Sexualität + Vaterzwänge.) Freuds Resultate sind klinisch nicht nachweisbar, von andern Forschern, die andern Prinzipien huldigen, nicht nachvollziehbar, im Labor nicht vorhersagekräftig. Er liest sich flott weg, weil er ein guter Stilistiker ist.
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Offline Anita

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #9 on: 18. September 2011, 11.45 Uhr »
Freuds Resultate sind klinisch nicht nachweisbar, von andern Forschern, die andern Prinzipien huldigen, nicht nachvollziehbar, im Labor nicht vorhersagekräftig.

Du kannst geistige Dinge nicht im Labor nachweislich machen, oder du versuchst zum Beispiel das Gefühl Glück in Hormone zu zerlegen. Nur das diese Hormone, wenn du sie dann zu dir nimmst, nicht dasselbe Gefühl, angenommen du hast es empfunden, weil du an deine erste große Liebe dachtest, vermitteln können. Da gibt es nichts zu belegen, nachzuweisen oder gar aufzugliedern. Gefühle sind Gefühle, die Hormone im Körper freisetzen und nicht anders herum  ;) Gut wenn du diese Ebene als Metaphysik abtust, ist das dein Problem, aber auch du hast sie und kannst dann diese Ebene nicht leugnen.

Was ich nachvollziehen kann bei dir, dass diese geistigen Dinge noch nicht entschlüsselt sind. Aber wie wir sie entschlüsseln sollen, auf einen Punkt bringen sollen, das wird höchstwahrscheinlich in diesem Jahrhundert geklärt werden. Denn sicherlich liegen auch da irgendwelche "geistige Prinzipien" dahinter und wie Wilber so schön sagt, kann man sie höchstwahrscheinlich nur mit dem geistigen Auge betrachten  :angel:

Freud ging als Erster in diese Richtung und hat einen Meilenstein aufgetan.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #10 on: 18. September 2011, 12.33 Uhr »
Metaphysiker ist für mich jeder, der ein alleiniges und - salopp gesagt - im Labor nicht nachweisbares Phänomen als Ursache und Erklärung der Dinge nimmt... Freuds Resultate sind klinisch nicht nachweisbar, von andern Forschern, die andern Prinzipien huldigen, nicht nachvollziehbar, im Labor nicht vorhersagekräftig...


Dann habe ich wohl einen falschen Begriff von Metaphysik.
Ich meine Freuds Vorgehensweise war analytisch- empirisch. Dass seine Ergebnisse später quasi zu Glaubenssätzen mutierten, ändert daran nichts. Und natürlich sind seine Ergebnisse  im Labor nicht nachweisbar, wiederholbar, quantifizierbar etc., das teilt die Psychoanalyse mit Verfahren und Ergebnissen aller Humanwissenschaften. Der Mensch ist keine Laborratte. Nach deiner Theorie müsste dann auch vieles (alles?) aus der Soziologie etc ebenfalls Metaphysik sein.
 

Offline mombour

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #11 on: 18. September 2011, 12.55 Uhr »
Denn sicherlich liegen auch da irgendwelche "geistige Prinzipien" dahinter und wie Wilber so schön sagt, kann man sie höchstwahrscheinlich nur mit dem geistigen Auge betrachten  :angel:

Die "geistigen Prinzipien", vorsichtig ausgedrückt, wenn es sie gibt, sind nicht Gegenstand der Naturwissenschaft. Darum lehnt die Naturwissenschaft so etwas ab. Ein geistiges dritte Auge, sowieso, wenn es das gibt,  weil es eben nicht in wissenschaftlichen Untersuchungen erforscht und belegt werden kann. Naturgegebenermaßen kann man das auch nicht. Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Materie (mit dem Unbeständigen würde vielleicht ein Buddhist sagen), also nur mit dem, was handfest ist. Glaube o.ä. hat in der Naturwissenschaft nichts zu suchen. Obwohl für mich die Frage auftaucht, wie handfest ist denn eine Hypothese?  Sie kann jederzeit wiederlegt werden.

Der Irrtum der Wissenschaft wäre, alles Geistige abzulehen, nur mit der Begründung, weil sie da nichts beweisen können, gebe es so was sowie so nicht.  Eine absurde Schlussfogerung. Solche  Wissenschaftler würden sämtliche mystische Erfahrungen, die man in der Literatur findet in Ost und West, auch wenn man überkulturelle Gemeinsamkeiten findet, für Humbug verkaufen, nur weil diese im Labor nicht nachzuweisen sind....tz.

Das Problem bei der Psychoanalyse ist, dass man diese unter Laborbedingungen nicht untersuchen kann. Experimente sind nicht (oder kaum) wiederholbar. Und damit wird dieser Wissenszweig leider suspekt, und natürlich unwissenschaftlich.

ABER

Wenn sich Neurobiologen für Psychoanalyse interessieren und einige Grundaussagen Freuds bestätigen können, wird auch Freud wieder wissenschaftlicher, vielleicht sogar rehabilitiert. Siehe HIER.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #12 on: 18. September 2011, 19.27 Uhr »
Hallo!

Ich will das soziologische Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Aber viele soziologische Erkenntnisse haben entweder die Form "Große amerikanische Studie belegt: Wer mehr isst wird dicker!" oder aber "Zusammenhang zwischen Farbe der Ringelsocken, Größe von Hämorrhoiden und Selbstmordrate gefunden". Ich habe an einigen Studien mitgewirkt und weiß, wie methodologisch unbedarft und nach- bzw. fahrlässig mit dem erhobenen Material umgegangen wird. Sehr häufig sind die Gründe pragmatischer Natur: Man hat nicht genügend Ressourcen, um die Erhebungen durchzuführen oder man muss ein (häufig in eine bestimmte Richtung weisendes) Ergebnis präsentieren können. Viele Untersuchungen werden von der öffentlichen Hand finanziert und diese erwartet dann handfeste Resultate. Und diese werden geliefert, selbst wenn alle Beteiligten wissen, dass aufgrund des Materials, der Umstände, Fragestellungen etc. keine irgendwie gearteten Aussagen möglich sind. Unterschrieben mit Univ. Prof. Dr., Leiter des Instituts für ... wird solchen Studien die Patina einer Wissenschaftlichkeit verliehen, die jeder Grundlage entbehrt. Nach Veröffentlichung wird die Studie da und dort zitiert, die Zitierenden werden zitiert usf., sodass schließlich in der Wahrnehmung ein ähnlicher Effekt eintritt wie beim atomaren Waffenarsenal des Saddam Hussein. Einer beruft sich auf den anderen, woher aber die eigentliche Information stammt (bzw. ob diese überhaupt je vernünftig hat belegt werden können), bleibt im Unbestimmten.

Trotzdem sind diese Erhebungen noch sehr viel eher einer Prüfung zugängig als die hier im Raum stehende Frage der Interpretation von Träumen.

Da ich Schuld daran bin, dass hier die Metaphysik zu zweifelhaften Ehren kam: Das ist natürlich schon deshalb problematisch, weil eine definitorische Abgrenzung der Metaphysik (der Carnapschen Scheinprobleme) sehr schwierig ist. Die metaphysica specialis, die sich vor allem mit theologischen Fragen beschäftigt (Gott, ersten und letzten Dingen, unbewegten Bewegern etc.) will ich einmal außen vor lassen. Andere metaphysische Spekulationen mögen anregend sein, sie sind aber immer äußerst spekulativ, da sie zumeist von Axiomen ausgehen, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Das nun geschieht auch in der Psychoanalyse: Es, Ich, Über-ich, Un- und Unterbewusstes sind Konstrukte von äußerst diffuser Begrifflichkeit, sie erklären dem, der an sie glaubt oder glauben will, die eigenen Motivationen, sind für den anderen hingegen nichts als bloßes Wortgeklingel. Sie liefern durchaus "metaphysische" Erklärungsmodelle für die Welt, das Sein. Die Psychoanalyse sucht für ein Verhalten, für Probleme eine Art Sinnzusammenhang aus der Vergangenheit zu extrahieren, sieht die Ursachen für den status quo in (meist verdrängten, unbewussten) Ereignissen der Vergangenheit. Dieses Konstruieren der Zusammenhänge ist aber recht willkürlich (genau wie die Trauminterpretationen) und sie führen sehr häufig durch suggestive Verfahren bzw. die (positive) Gestimmtheit der Personen zu genau den vom Analytiker erwünschten Ergebnis.

Für mich sind diese Methoden insofern metaphysisch, als dass ich sie mit den Seins- oder Substanzanalysen verschiedener Philosophen vergleichen kann; häufig entstehen diese Theorien aus der Entdeckung von Aporien wie bei Aristoteles, der da die Ursachen betreffend immer weiter zurückgeht und den gordischen Knoten mit dem Paradoxon des unbewegten Bewegers durchschlägt. Hier eben die Erkenntnis, dass der Mensch mehr-weniger die Summe seiner Vergangenheit ist bzw. diese ihn prägt und beeinflusst. Freud meinte spezifische, meist in der Kindheit stattgehabte Erlebnisse ausmachen zu können, die nun erklären, warum Herr F. oder Frau K. derart unglücklich sind: Das mag manchmal hilfreich sein (ich glaube aber, dass das Hilfreiche meist am Gespräch, am sich aussprechen an sich festzumachen ist), das führt aber auch zu eingebildeten Erinnerungen, zu einer Überbetonung von Prinzipien (Libido) etc. - Dinge, die schließlich in ihrer Verwaschenheit nicht mehr Treffsicherheit beweisen als das Horoskop von Frau Eva. Und so wie Menschen an die Sterne und deren Einfluss glauben, so andere an psychoanalytische Erkenntnisse. Dies war u. a. der Grund für meinen "Metaphysikvergleich".

lg

orzifar
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Offline Anita

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #13 on: 19. September 2011, 10.59 Uhr »
Du möchtest jetzt aber nicht leugnen orzifar, dass es eine Psyche, eine Gefühlswelt (auch Traume) gibt oder? Dass wir da noch im Dunklen tappen, noch definitionslos sind, noch keine Einigung erzielt haben, wie gesagt - das denke ich auch.
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Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #14 on: 19. September 2011, 12.32 Uhr »
Du möchtest jetzt aber nicht leugnen orzifar, dass es eine Psyche, eine Gefühlswelt (auch Traume) gibt oder? Dass wir da noch im Dunklen tappen, noch definitionslos sind, noch keine Einigung erzielt haben, wie gesagt - das denke ich auch.

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.


Das ist genau das Dilemma von Freud: Vom Selbstverständnis her wohl Aufklärer und Forscher, hat er in Tat und Wahrheit eine historisch-soziologisch begrenzte Interpretationsmöglichkeit als einzige und allgemeingültige gesetzt. Das im leiblichen Vater personifizierte Über-Ich, das dann auch zum allmächtigen Potentaten "Gott" vergrössert worden ist, war eigentlich eine clevere Idee und hat der Religionskritik viel neue Munition verschafft. Indem Freud aber nicht sah, dass er kleinstädtisch-kleinbürgerlich-jüdische Familienverhältnisse als Massstab an die ganze Menschheit legte, beging er die Sünde, anstelle Licht ins Dunkel zu tragen, ein Clair-obscur zu kreieren, das letztlich dann dem Psychoanalytiker das war (bzw. sein sollte), was dem Pfarrer der liebe Gott: der Schluss aller Dinge, aller Überlegungen. Wenn wir vielleicht mal die strenge Prädestinationslehre des Calvinismus oder des hl. Augustinus beiseite lassen, ist ja schon der christliche Gott nicht mehr ganz der allmächtige Übervater des Judentums, indem er sehr viel seiner Macht an seinen Sohn abgegeben hat. (Ich erinnere mich nicht daran, dass Freud diesen Sohn erklären könnte oder wollte.)
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