Hallo!
Ich will das soziologische Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Aber viele soziologische Erkenntnisse haben entweder die Form "Große amerikanische Studie belegt: Wer mehr isst wird dicker!" oder aber "Zusammenhang zwischen Farbe der Ringelsocken, Größe von Hämorrhoiden und Selbstmordrate gefunden". Ich habe an einigen Studien mitgewirkt und weiß, wie methodologisch unbedarft und nach- bzw. fahrlässig mit dem erhobenen Material umgegangen wird. Sehr häufig sind die Gründe pragmatischer Natur: Man hat nicht genügend Ressourcen, um die Erhebungen durchzuführen oder man muss ein (häufig in eine bestimmte Richtung weisendes) Ergebnis präsentieren können. Viele Untersuchungen werden von der öffentlichen Hand finanziert und diese erwartet dann handfeste Resultate. Und diese werden geliefert, selbst wenn alle Beteiligten wissen, dass aufgrund des Materials, der Umstände, Fragestellungen etc. keine irgendwie gearteten Aussagen möglich sind. Unterschrieben mit Univ. Prof. Dr., Leiter des Instituts für ... wird solchen Studien die Patina einer Wissenschaftlichkeit verliehen, die jeder Grundlage entbehrt. Nach Veröffentlichung wird die Studie da und dort zitiert, die Zitierenden werden zitiert usf., sodass schließlich in der Wahrnehmung ein ähnlicher Effekt eintritt wie beim atomaren Waffenarsenal des Saddam Hussein. Einer beruft sich auf den anderen, woher aber die eigentliche Information stammt (bzw. ob diese überhaupt je vernünftig hat belegt werden können), bleibt im Unbestimmten.
Trotzdem sind diese Erhebungen noch sehr viel eher einer Prüfung zugängig als die hier im Raum stehende Frage der Interpretation von Träumen.
Da ich Schuld daran bin, dass hier die Metaphysik zu zweifelhaften Ehren kam: Das ist natürlich schon deshalb problematisch, weil eine definitorische Abgrenzung der Metaphysik (der Carnapschen Scheinprobleme) sehr schwierig ist. Die metaphysica specialis, die sich vor allem mit theologischen Fragen beschäftigt (Gott, ersten und letzten Dingen, unbewegten Bewegern etc.) will ich einmal außen vor lassen. Andere metaphysische Spekulationen mögen anregend sein, sie sind aber immer äußerst spekulativ, da sie zumeist von Axiomen ausgehen, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Das nun geschieht auch in der Psychoanalyse: Es, Ich, Über-ich, Un- und Unterbewusstes sind Konstrukte von äußerst diffuser Begrifflichkeit, sie erklären dem, der an sie glaubt oder glauben will, die eigenen Motivationen, sind für den anderen hingegen nichts als bloßes Wortgeklingel. Sie liefern durchaus "metaphysische" Erklärungsmodelle für die Welt, das Sein. Die Psychoanalyse sucht für ein Verhalten, für Probleme eine Art Sinnzusammenhang aus der Vergangenheit zu extrahieren, sieht die Ursachen für den status quo in (meist verdrängten, unbewussten) Ereignissen der Vergangenheit. Dieses Konstruieren der Zusammenhänge ist aber recht willkürlich (genau wie die Trauminterpretationen) und sie führen sehr häufig durch suggestive Verfahren bzw. die (positive) Gestimmtheit der Personen zu genau den vom Analytiker erwünschten Ergebnis.
Für mich sind diese Methoden insofern metaphysisch, als dass ich sie mit den Seins- oder Substanzanalysen verschiedener Philosophen vergleichen kann; häufig entstehen diese Theorien aus der Entdeckung von Aporien wie bei Aristoteles, der da die Ursachen betreffend immer weiter zurückgeht und den gordischen Knoten mit dem Paradoxon des unbewegten Bewegers durchschlägt. Hier eben die Erkenntnis, dass der Mensch mehr-weniger die Summe seiner Vergangenheit ist bzw. diese ihn prägt und beeinflusst. Freud meinte spezifische, meist in der Kindheit stattgehabte Erlebnisse ausmachen zu können, die nun erklären, warum Herr F. oder Frau K. derart unglücklich sind: Das mag manchmal hilfreich sein (ich glaube aber, dass das Hilfreiche meist am Gespräch, am sich aussprechen an sich festzumachen ist), das führt aber auch zu eingebildeten Erinnerungen, zu einer Überbetonung von Prinzipien (Libido) etc. - Dinge, die schließlich in ihrer Verwaschenheit nicht mehr Treffsicherheit beweisen als das Horoskop von Frau Eva. Und so wie Menschen an die Sterne und deren Einfluss glauben, so andere an psychoanalytische Erkenntnisse. Dies war u. a. der Grund für meinen "Metaphysikvergleich".
lg
orzifar