Author Topic: Sigmund Freud: Die Traumdeutung  (Read 8573 times)

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #15 on: 19. September 2011, 17.24 Uhr »
Quote from:  sandhofer, heute um :12:32
Vom Selbstverständnis her wohl Aufklärer und Forscher, hat er in Tat und Wahrheit eine historisch-soziologisch begrenzte Interpretationsmöglichkeit als einzige und allgemeingültige gesetzt.

Sag ich ja …

Quote from:  gontscharow, gestern um 13:33
Ich meine, Freuds Vorgehensweise war analytisch- empirisch. Dass seine Ergebnisse später quasi zu Glaubenssätzen mutierten, ….

… mit einer ein bisschen anderen Schlussfolgerung:

Quote from:  Gontscharow, gestern um 13:33
ändert daran nichts.

Ich meine, die Dogmatisierung setzte erst mit dem Aufkommen verschiedener Schulen ein. Eigentlich waren Konstrukte wie Lustprinzip, Über-Ich etc, wie schon gesagt, eher so etwas wie Arbeitshypothesen, im Laufe der Forschung Änderungen unterworfen oder einfach auch „wissenschaftliche“ Umbenennungen bekannter Größen. So deckt sich Über-Ich z.B. im Wesentlichen mit dem landläufigen Gewissen.
Außerdem gibt es – wenn auch nicht im Labor - etwas, mit dem sich die  Effizienz bzw. der Wahrheitsgehalt Freudscher Thesen überprüfen lässt: die Heilungchancen. Schon lange gibt es keine Therapeuten mehr, die die  orthodoxe Freudsche Psychoanalyse praktizieren. Keine Krankenkasse würde das finanzieren, weil die Heilungschancen gering sind. Kein Therapeut spricht mehr von ödipaler Phase etc. Sind einige Begriffe zurecht auf dem Müllhaufen der Kulturgeschichte gelandet, ist unglaublich vieles von Freud in die Massenkultur  eingegangen und die therapeutische Praxis wäre ohne ihn und  die Entdeckungen seiner Psychanalyse undenkbar! Daher:Wenn ich den nächsten depressiven Schub habe, bin ich froh eine mit allen Wassern der Psychoanlyse gewaschene Therapeutin vorzufinden und nicht auf deinen Friseur, orzifar, mit dem Hausverstand angewiesen zu sein. ;D

Fazit also: Freud ist  kein Metaphysiker. Es wäre auch Ironie der Geschichte, wenn  sich bei diesem Entmythisierer par excellence, für den Religiosität eine infantile Neurose und Gott eine Projektion ist, Übersinnliches :angel: durch die Hintertür eingeschlichen hätte.


Als ich beim Verfassen dieser Antwort, mich vergewissern wollte, ob noch irgendwo eine versprengte Sekte existiert und bei google Freudianer eingab, fand ich unter dem Titel Freud ist kein Freudianer folgendes:
Quote from: Die Welt, 2006
Er war ein begnadeter Stilist, dessen Fallgeschichten so spannend zu lesen sind wie Romane und Novellen. Er war ein glänzender Organisator und Stratege und dank seiner Aura imstande, einige der originellsten Köpfe seiner Zeit um sich zu scharen. Wie wir wissen, nicht zuletzt durch Ernst Blums jüngst publizierte Protokolle seiner Lehranalyse, arbeitete der Analytiker Freud in Wirklichkeit äußerst undogmatisch. Er verhielt sich in seinen Stunden viel aktiver, als es Freudsche Orthodoxie fordert. Kurzum: Sigmund Freud war … kein Freudianer.
« Last Edit: 19. September 2011, 17.39 Uhr by Gontscharow »

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #16 on: 19. September 2011, 18.15 Uhr »
Daher:Wenn ich den nächsten depressiven Schub habe, bin ich froh eine mit allen Wassern der Psychoanlyse gewaschene Therapeutin vorzufinden und nicht auf deinen Friseur, orzifar, mit dem Hausverstand angewiesen zu sein. ;D

Von der Tatsache einmal abgesehen, dass mein letzter Friseurbesuch weit in das vergangene Jahrtausend zurückreicht (ca. 1993), würde ich dir den damals von mir konsultierten Haarkünstler weder frisurtechnisch noch in Bezug auf Psychohygiene empfehlen. Bei mir löst im übrigen der Therapeutenjargon das Gegenteil des Beabsichtigten aus: Eine veritable Aggression.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #17 on: 20. September 2011, 20.02 Uhr »
Übrigens wird mit zunehmender Dauer der Lektüre die Sexualität auch immer wichtiger. Sowie die übrigen Ausscheidungen des Körpers. Ich weiss jetzt nicht, ob das spätere Einschübe Freuds sind, oder ob er sich nur erst warm schreiben musste.

Ganz typisch die Handbewegung: Freud wehrt sich gegen Sinn und Zweck chiffrenhafter Zuordnung von Symbolen, um im nächsten Atemzug bzw. Abschnitt eine simple 1:1-Zuordnung von Symbolen zu machen: Regenschirm = Phallus / Zeppelin = Phallus ... überhaupt alles Länglich-Zugespitzte = Phallus, während Zimmer = Vagina / Schachtel = Vagina / Schublade = Vagina ... überhaupt alles Hohle und Füllbare = Vagina. Um dann im übernächsten Abschnitt natürlich dagegen zu wettern, dass eine 1:1-Zuordnung Unsinn sei, aber im überübernächsten Abschnitt dort weiterzufahren, wo man im nächsten aufgehört hat.

Im Moment pinkeln wir im Schlaf Traum ...  :angel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #18 on: 20. September 2011, 22.40 Uhr »
Es müssen diese Passagen gewesen sein, die ich einmal auszugsweise gelesen habe (an die Phallusobjekte meine ich mich erinnern zu können). Das mag eine gute Grundlage für pubertäre Kopulationswitzchen sein, mehr aber auch nicht. Auch wenn man Freud sicher nicht nur aufgrund solcher Stellen beurteilen sollte: Gerade diese einfältigen Konstruktionen haben mir Freuds Bücher immer wieder verleidet. (In einem muss ich Gontscharow zustimmen: Einige Fallgeschichten sind ganz wunderbar zu lesen und äußerst unterhaltsam.)

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #19 on: 20. September 2011, 23.18 Uhr »

Quote from: sandhofe, heute 20:02
...während Zimmer = Vagina / Schachtel = Vagina...
Quote from: orzifar,heute 22:40
...diese einfältigen Konstruktionen...

Aber die Sprache, die für uns dichtet und denkt(Goethe), sieht’s doch ähnlich. Warum spricht man von Frauenzimmern und alten Schachteln?

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #20 on: 20. September 2011, 23.37 Uhr »
Aber die Sprache, die für uns dichtet und denkt(Goethe), sieht’s doch ähnlich. Warum spricht man von Frauenzimmern und alten Schachteln?

Ich glaube, dass sich im Grimmschen Wörterbuch für beide Bezeichnungen keine vaginalen Deutungen finden;). Und: Ich würde bei dem mir tief innewohnenden Respekt für das holde Weib diese pejorativen Termini nie nicht verwenden.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #21 on: 21. September 2011, 08.40 Uhr »
Aber die Sprache, die für uns dichtet und denkt(Goethe), sieht’s doch ähnlich. Warum spricht man von Frauenzimmern und alten Schachteln?

Freud bringt ja dasselbe Beispiel. Und er ist sich sogar dessen bewusst, dass wir hier schon mit unsern französischen Nachbarn in Konflikt geraten, indem die französische Sprache keinen ähnlichen Ausdruck hat, und dennoch sollen auch die Träume der Franzosen dieselbe Symbolik verwenden. Spätestens da wird mir, ehrlich gesagt, mulmig.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 766
Re: Sigmund Freud: Die Traumdeutung
« Reply #22 on: 22. September 2011, 19.52 Uhr »
Die Träume sind z.T. recht interessant zu lesen; Freud wäre heute ein hochgeachteter Fantasy-Autor geworden ...  >:D
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus