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Das Schöne an solchen Büchern steht zwischen den Zeilen: Trotz Boswells Versuchen, Johnson zu glorifizieren, ersteht vor dem geistigen Auge ein Mensch in allen seinen Unzulänglichkeiten, seiner Rechthaberei (in diesem Falle besonders ausgeprägt), seiner kleinlichen Ängste, der offenbar tief empfundenen Unfähigkeit, eine Arbeit konsequent zu verfolgen und über längere Zeit sich ihr zu widmen. Die Vorsätze Johnsons muten an wie die eines Gymnasiasten, der nun endlich regelmäßig zu lernen sich vornimmt und seine Zeit nicht mehr zu vertrödeln. Diese ein wenig kindisch-hilflosen Versuche machen Johnson sympathischer als Boswell befürchtete, während die häufig gelobte, scheinbare Originalität nichts als polternde Rechthaberei ist oder aber dem Bedürfnis geschuldet, keinesfalls auf ein Bonmot, einen Witz zu verzichten, auch wenn das Gegenüber dadurch verletzt wird. Diese "raue Schale - weicher Kern" Attitüde, die sich eine Ehre daraus macht, Freunde unter dem Deckmantel einer verqueren Ehrlichkeit zu beleidigen, hat etwas Widerliches, man meint, das Johnson für einen originellen Ausspruch alles und jedes geopfert hätte.
Johnson war kein Philosoph, kein Schriftsteller von besonderen Gnaden, er war ein etwas bornierter Vertreter des Hausverstandes, der apodiktisch diffizile Probleme aus seinem Denken verbannte. Über die Willensfreiheit diskutiere er nicht, er wisse in sich selbst, dass es eine solche gäbe. Damit wird sehr viel mehr als ein ungelöstes Problem der Philosophie vom Tisch gewischt, auch alle Implikationen, die sich etwa im Zusammenhang mit seiner Gläubigkeit ergeben sowie der Leibniz-Voltairsche Diskurs über die beste aller Welten. Auf diese hemdsärmelige Weise entledigte sich Johnson der Fragestellungen eines Hume oder Berkeley (Johnson bediente sich gegen die Zweifelhaftigkeit der Außenwelt jenes berühmten Stammtischargumentes und trat mit dem Fuß gegen einen Stein: "So - widerlege ich Berkeley"), er war der Meister der Axiomatik, nur entbehrten seine Axiome der Selbstevidenz. In manchem erinnert er an einen berühmten Kritiker des 20. Jahrhunderts: Er lobt oder verdammt, erklärt den eigenen Geschmack zum Dogma und verachtet, was er nicht versteht. Und im Zweifelsfall unterfüttert er das gesunde Volksempfinden mit lateinischen Sentenzen und erklärt es zu höchster Philosophie.
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