Author Topic: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen  (Read 4129 times)

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James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« on: 02. September 2011, 17.48 Uhr »
Hallo!

Wie so oft bei Lebensbeschreibungen, die das Lob des Biographierten singen: Zwischen den Zeilen kommt auf subtile Art und Weise zum Ausdruck, was - abseits der Hommage - vom Betreffenden zu halten ist. Als etwa Johnsons Mutter mit 90 Jahren stirbt, beschreibt Boswell die tiefe Trauer, die sich des Schriftstellers bei dieser Gelegenheit bemächtigt, einige Zeilen später wird das Bedauern ausgedrückt, dass Johnson die letzten Jahre nicht mehr die Zeit für einen Besuch gefunden habe, auf den ganzen vorhergehenden Seiten aber wird der Müßiggang und die Bummelei des guten Johnson beschrieben, die ganz offenkundig Zeit genug für einen solchen Besuch ermöglicht hätten. Diese Form der Darstellung kehrt häufig wieder: Johnsons Verhalten wird beschrieben und Unzulänglichkeiten in moralischer Hinsicht werden hinwegerklärt, aber auf eine Weise, die dieses Verhalten in einem noch trüberen Licht erscheinen lässt. Wüsste man es nicht besser, man würde Boswell subtile Bösartigkeit unterstellen.

Nach nunmal eben 100 Seiten kann ich feststellen, dass ich mich ganz ausgezeichnet unterhalte, gerade die unabsichtliche Doppelbödigkeit der Beschreibungen sind äußerst amüsant. Das Ganze ergibt auf dem Hintergrund der umfangreichen Hume-Biographie als auch des Buches von Harold Nicholson ein facettenreiches, spannendes Bild des Geisteslebens im England des 18. Jahrhunderts. Möglicherweise wird mich die BigBensche Langeweile und Ermüdung im Laufe des Lesens noch einholen, bislang aber habe ich mich ganz ausgezeichnet unterhalten.

lg

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #1 on: 03. September 2011, 07.21 Uhr »
Hallo!

Ich hatte das Buch seinerzeit auch nicht unbedingt als langweilig bzw. repetitiv empfunden. Mag sein, meine Diogenes-Ausgabe ist gekürzt, auch wenn sie es nicht zugibt. (Oder meine Schmerzgrenze liegt höher ...  :angel: )

Wie so oft bei Lebensbeschreibungen, die das Lob des Biographierten singen: Zwischen den Zeilen kommt auf subtile Art und Weise zum Ausdruck, was - abseits der Hommage - vom Betreffenden zu halten ist.

Boswells Verhältnis zu Johnson war auch ein bisschen anders als das von Eckermann zu Goethe. Boswell war durchaus "jemand" auch ausserhalb seines Umgangs mit dem "Grossen". Eckermann war vor Goethe eine Null und ist nach Goethes Tod wieder zur Null herabgesunken.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #2 on: 03. September 2011, 15.37 Uhr »

Hallo!

Den Verdacht der verkürzten Ausgabe hatte ich auch (ich lese ebenfalls die Diogenes-Ausgabe mit angeschlossenem Tagebuch einer Reise nach den Hebriden, zusammen mit Anmerkungen 818 Seiten). Die letzten Lebensjahre Johnsons werden sehr viel umfangreicher dargestellt (und in Dialogform) - ich könnte mir durchaus vorstellen, dass diese unzähligen Dialoge und "geistreichen" Aussprüche auf Dauer auch meine Geduld über Maß beanspruchen.

Der (von der Diogenes-Ausgabe) strapazierte Eckermann-Boswell-Vergleich hinkt ein wenig: Nicht nur, dass, wie du erwähntest, Boswell eine angesehene, eigenständige Person war, so werden auch nicht bloß Gespräche im allerkleinsten Kreis, sondern vielmehr Johnsons Leben in der Öffentlichkeit beschrieben, wodurch der Leser einen Eindruck vom gesellschaftlichen Umfeld, der literarischen Szene jener Zeit erhält. Derartiges erfährt man bei Eckermann bestenfalls mittelbar.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #3 on: 03. September 2011, 19.33 Uhr »
Hallo!

Nicht nur, dass, wie du erwähntest, Boswell eine angesehene, eigenständige Person war, so werden auch nicht bloß Gespräche im allerkleinsten Kreis, sondern vielmehr Johnsons Leben in der Öffentlichkeit beschrieben, wodurch der Leser einen Eindruck vom gesellschaftlichen Umfeld, der literarischen Szene jener Zeit erhält. Derartiges erfährt man bei Eckermann bestenfalls mittelbar.

Eben. Eckermann war ja auch nicht dabei in diesen Momenten. Dazu müssen seine Erinnerungen mit denen von Müllers und Sorets ergänzt werden, was den ganz alten Goethe betrifft. Mit denen der Frau von Stein und der Gattin und der Schwägerin Schillers, was die Zeit kurz davor betrifft. Boswell, bei allen Schwächen, war halt schon ein anderes Kaliber als das Duckmäuschen Eckermann.

Grüsse

sandhofer
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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #4 on: 05. September 2011, 17.20 Uhr »

Hallo!

Das Schöne an solchen Büchern steht zwischen den Zeilen: Trotz Boswells Versuchen, Johnson zu glorifizieren, ersteht vor dem geistigen Auge ein Mensch in allen seinen Unzulänglichkeiten, seiner Rechthaberei (in diesem Falle besonders ausgeprägt), seiner kleinlichen Ängste, der offenbar tief empfundenen Unfähigkeit, eine Arbeit konsequent zu verfolgen und über längere Zeit sich ihr zu widmen. Die Vorsätze Johnsons muten an wie die eines Gymnasiasten, der nun endlich regelmäßig zu lernen sich vornimmt und seine Zeit nicht mehr zu vertrödeln. Diese ein wenig kindisch-hilflosen Versuche machen Johnson sympathischer als Boswell befürchtete, während die häufig gelobte, scheinbare Originalität nichts als polternde Rechthaberei ist oder aber dem Bedürfnis geschuldet, keinesfalls auf ein Bonmot, einen Witz zu verzichten, auch wenn das Gegenüber dadurch verletzt wird. Diese "raue Schale - weicher Kern" Attitüde, die sich eine Ehre daraus macht, Freunde unter dem Deckmantel einer verqueren Ehrlichkeit zu beleidigen, hat etwas Widerliches, man meint, das Johnson für einen originellen Ausspruch alles und jedes geopfert hätte.

Johnson war kein Philosoph, kein Schriftsteller von besonderen Gnaden, er war ein etwas bornierter Vertreter des Hausverstandes, der apodiktisch diffizile Probleme aus seinem Denken verbannte. Über die Willensfreiheit diskutiere er nicht, er wisse in sich selbst, dass es eine solche gäbe. Damit wird sehr viel mehr als ein ungelöstes Problem der Philosophie vom Tisch gewischt, auch alle Implikationen, die sich etwa im Zusammenhang mit seiner Gläubigkeit ergeben sowie der Leibniz-Voltairsche Diskurs über die beste aller Welten. Auf diese hemdsärmelige Weise entledigte sich Johnson der Fragestellungen eines Hume oder Berkeley (Johnson bediente sich gegen die Zweifelhaftigkeit der Außenwelt jenes berühmten Stammtischargumentes und trat mit dem Fuß gegen einen Stein: "So - widerlege ich Berkeley"), er war der Meister der Axiomatik, nur entbehrten seine Axiome der Selbstevidenz. In manchem erinnert er an einen berühmten Kritiker des 20. Jahrhunderts: Er lobt oder verdammt, erklärt den eigenen Geschmack zum Dogma und verachtet, was er nicht versteht. Und im Zweifelsfall unterfüttert er das gesunde Volksempfinden mit lateinischen Sentenzen und erklärt es zu höchster Philosophie.

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #5 on: 05. September 2011, 20.41 Uhr »
Johnson war kein Philosoph, kein Schriftsteller von besonderen Gnaden, er war ein etwas bornierter Vertreter des Hausverstandes, der apodiktisch diffizile Probleme aus seinem Denken verbannte.

Halten zu Gnaden: Er war Lexikograf. Auch wenn er sich zeitweise für mehr gehalten haben muss, was auch am Publikum lag. Persönlich muss er noch unangenehmer gewesen sein als der alte Goethe. Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille: Als Lexikograf gilt er unter Kollegen als der Newton der Lexikografie, indem er als erster auf ein wissenschaftliche Erfassung des Gesamtwortschatzes zielte. Er hat (zusammen mit Milton) als einer der ersten Aufklärer Shakespeare mindestens zum Teil Recht angedeihen lassen. Er war einer der ersten, die die Echtheit der Macpherson'schen Ossianischen Schriften anzweifelte. Er hat Oliver Goldsmith aus dem Schuldarrest befreit, indem er dessen Vicar of Wakefield einem Herausgeber verkaufen konnte. Ohne ihn könntest Du keine Leserunde vorschlagen ...  >:D
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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #6 on: 05. September 2011, 20.50 Uhr »

Dass er hauptsächlich Herausgeber des Lexikons englischer Sprache war, nahm ich für selbstverständlich an (und war seine eigentliche Leistung). Ob die Shakespeare-Ausgabe tatsächlich so revolutionär oder besonders war, wird von einigen angezweifelt. Ich will diese seine Leistungen auch nicht schmälern: Aber Johnson war einer, dessen Wirken mit seinem Tode weitgehend beendet war - und ohne seinen Famulus würden ihn selbst die Engländer nicht mehr kennen. Kein einziges Werk Johnsons wird noch gelesen (außer von Literaturhistorikern), geblieben sind einzig die von Boswell überlieferten Zitate.

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #7 on: 06. September 2011, 19.22 Uhr »
Dass er hauptsächlich Herausgeber des Lexikons englischer Sprache war, nahm ich für selbstverständlich an (und war seine eigentliche Leistung).

War mir schon klar, dass das Dir klar war.  ;D Da wir aber, wenn ich unsere Statistik richtig interpretiere, immer mehr stille Mitleser haben, war ich mir nicht sicher, ob deren Kenntnisse auch so weit gehen.  :angel:
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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #8 on: 07. September 2011, 20.24 Uhr »
War mir schon klar, dass das Dir klar war.  ;D Da wir aber, wenn ich unsere Statistik richtig interpretiere, immer mehr stille Mitleser haben, war ich mir nicht sicher, ob deren Kenntnisse auch so weit gehen.  :angel:

Auch wenn du im vorliegenden Fall richtig liegst: Unterschätze nicht meine Unwissenheit ;).

Nicholson widmet in seinem Buch über die europäische Aufklärung ein ganzes Kapitel Johnson und bezeichnet ihn einleitend als großen und redlichen Menschen, widerspricht dann aber auf den nächsten 20 Seiten vehement dieser seiner Aussage. Intolerant, rechthaberisch, bigott, eigentlich nicht zur Aufklärung gehörig, sogar mit Geisterscheinungen sich beschäftigend, unfreundlich und ohne Manieren: So stellt er sich dar, um dann einzelne lobenswerte Züge zu erwähnen: Seine Freigebigkeit gegenüber Armen, seine meist konsequente Wahrheitsliebe. Johnson, dem man heute das Etikett psychisch krank aufkleben würde (Zwangsneurotiker, Tourette-Syndrom) scheint auch unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten zu haben: Die Kompensation erfolgte durch seine Rechthaberei, durch Streit und des Streites willen, durch Widerspruch, selbst wenn er nicht anderer Meinung war. Dadurch bekommen seine Aussagen etwas Beliebiges, aber auch das Sentenzenhafte findet hier seine Begründung.

Boswell scheint ein noch unangenehmerer Charakter gewesen zu sein: Neben seinem Faible für Prostituierte ein Speichellecker ohne jedes Rückgrat, manchmal auch Johnson gegen sich aufbringend. Eigentlich sind mir beide Positionen schwer verständlich: Diejenige Boswells, einer bedingungslosen Verehrung und Unterwerfung, aber auch jene Johnsons, der Freude an einem derart devoten Anhängsel zu haben schien, dessen Erniedrigung genoss. Wobei Johnson neben seiner polternden Machtausübung auch andere Phantasien gehegt haben dürfte: Seine lateinischen Tagebuchaufzeichnungen sprechen von der Sehnsucht nach Ketten und Fesseln - und Nicholson betont explizit, dass damit kein bloß allegorisches, gedankliches Kettengeklirr gemeint gewesen ist. Johnson scheint gut in das Wartezimmer eines Psychiaters zu passen.

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #9 on: 14. September 2011, 00.25 Uhr »
Hallo!

Das Buch (inklusive Boswells Reise mit Johnson nach den Hebriden) beendet. Gerade dieser letzte Teil erfordert einiges an Geduld, vielleicht muss man die Gegend kennen, um den Schilderungen mehr abgewinnen zu können. Aber ich verstehe die von BigBen geäußerte Langeweile auch sonst: Gespräche, Aussprüche des Hochverehrten beginnen sich im Laufe des Buches zu wiederholen und vermögen nicht bis zur letzten Seite zu faszinieren.

Manchmal hat man bei Johnson den Eindruck, dass er durch seinen unbedingten Gottesglauben einiges an Geist verliert, er das Denken häufig an interessanten Stellen einstellt. So ist ihm die Entstehung der Sprache einigermaßen unklar und bei der ersten logischen Schwierigkeit, eine solche Entstehung in ihrer ganzen Problematik zu entwerfen, beruft er sich auf die Eingebung von oben, wodurch das Problem in infantil-primitiver Weise gelöst wird. (Herder, wiewohl ebenso gläubig, hat sich in seinem Entwurf erst später vom Allmächtigen inspirieren lassen.) Der Gotttesglaube als bequemes Ruhekissen: Intellektuelle Schwierigkeiten aller Art werden an den Chef delegiert bzw. an ein Geistwesen, dessen Verständnis uns nicht gegeben ist. Diese Art von Geborgenheit ist eine gemütliche Denkfaulheit, man lehnt sich zurück, schließt die Augen und weiß, dass im entscheidenden Augenblick intellektuellen Zweifels der deus ex machina auftaucht.

Insgesamt scheint mir aber dieses Buch für jemanden, der sich mit der Literatur, Philosophie des 18. Jahrhunderts in England (und Europa) beschäftigt, eine gute, notwendige Lektüre zu sein, da es eine Kombination von Kultur- und Sozialgeschichte bietet, die man in dieser Form eben nur selten findet (Pepys Tagebühcer fallen einem natürlich ein).

lg

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Re: James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen
« Reply #10 on: 14. September 2011, 08.33 Uhr »
Hallo!

Aber ich verstehe die von BigBen geäußerte Langeweile auch sonst: Gespräche, Aussprüche des Hochverehrten beginnen sich im Laufe des Buches zu wiederholen und vermögen nicht bis zur letzten Seite zu faszinieren.

So weit ich mich an meine Lektüre erinnere: Aber doch eine gepflegte Langeweile ...  ;D
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