Author Topic: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution  (Read 22170 times)

Offline mombour

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #15 on: 01. September 2011, 11.36 Uhr »
13.) Physik und Metaphysik

Kommen wir nun zu dem gewagten Thema, an dem sich die Geister scheiden werden. Mir selber geht es nicht darum, ob es ASW (Außersinnliche Wahrnehmung) gibt oder nicht, sondern mir geht es darum, ob es statthaft ist,  ASW zu verteidigen, in dem man Erkenntnisse aus der Quantenphysik heranzieht und, ob ein Physiker solchen Methoden nicht nur ein müdes lächeln abgewinnt, denn, alles was nicht beweisbar ist, wird von der Wissenschaft abgelehnt.  Es liegt in der Natur der Sache und das sagt auch Koestler,  dass Versuchswiederholungen bei ASW-Phänomenen kaum möglich ist. Hier teilt die ASW ihr Schicksal mit der Psychoanalyse. Das Koestler einen ziemlich klaren Kopf hat und sich nicht irrsinnig von esoterischem Klimbim blenden ließ, beweist der erste Satz dieses Kapitels:

Quote from: Koestler
Die Hälfte meiner Freunde bezichtigen mich eines Übermaßes an wissenschaftlicher Pedanterie, die anderen einer höchst unwissenschaftlichen Vorliebe für solche widersinnigen Phänomene wie etwa die Außersinnliche Wahrnehmung (ASW), die sie in den Bereich des Übernatürlichen einordnen.
(Seite 282).

Auf subatomarer Ebene fällt das Raum und Zeitgefüge auseinander. Form ist Welle. Welle ist Form. Elektronen verschwinden, tauchen woanders wieder auf. Ein masseloses Atom kann ein Elektron enstehen lassen, welches Masse hat, durch umgekehrte Prozedur kann wieder ein Photon entstehen. Es scheint so, Koestler bringt dieses Vergleich,  als ob sich wie in Shivas-Tanz (indische Mythologie) Schöpfung und Zerstörung abwechseln. Heisenbergs Unschärferelation sagt aus, je genauer man den Ort eines Elektrons bestimmen kann, desto ungewisser ist seine Geschwindigkeit und umgekehrt.  Diese Unbestimmtheit liegt an der janusköpfigen Eigenschaft des Elektrons, welches als Welle und Teilchen auftaucht, wir hier auch sehen, dass subatomare Teilchen komplementär sind (vgl. voriges Kapitel).

Kann die Kluft zwischen Quantenphysik und Parapsychologie überwunden werden? Der Mathematiker Adrian Dobbs hatte eine Theorie der Telepathie und Präkognition vorgestellt. Er ginf von hypothetischen „Psitronen“ aus, die Träger von ASW-Phänomenen sein sollen und auf die Neuronen eines Empfängers wirken sollen.  In der Welt der Elementarteilchen ist das Raum-Zeitgefüge verwischt (Heisenberg). Der Astronom Fred Hoyle sagte:

Quote from: Fred Hoyle
Man klammert sich an eine groteske und absurde Illusion...die Vorstellung von der Zeit als ständig fließenden Strom...Dabei steht eines ziemlich fest: Die Vorstellung von der zeit als stetige Progression  von der Vergangenheit zur Zukunft ist falsch...
. (Seite 294).

Jetzt geht es zu wie bei „Raumschiff Enterprise“: Wheelers Theorie des Hyperraumes und der „Wurmlöcher“.  Durch so einem Wurmloch werden zwei weitauseianderliegende Orte in direktem Kontakt zueinandergebracht, d.h. „Raumschiff  Enterprise“  konnte auf diese Weise unheimlich große Entfernungen zurücklegen und brauchte noch nicht einmal Lichtgeschwindigkeit. Bisher ist das aber nur Theorie. Ich weiß nicht, ob es dazu ernstzunehmende Theorien gibt.

Um das Modell des Holismus wird durch das sog. „Machsche Prinzip“ untermauert.

Quote from: Koestler
Es besagt, daß die Trägheitseigenschaften der irdischen Materie von der Gesamtmasse des uns umgebenden Universums bestimmt werden.
(Seite 297), d.h., der Kosmos beeinflusst lokale irdische Ereignisse und umgegehrt.

Das „Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon“  hat zu heftigen Kontroversen geführt. Es geht und Quantenfernbeziehungen. Wie ist es möglich, dass Eigenschäften eines Quants festgelegt werden können, wenn man einen weit entfernten Quant misst. Koestler sieht hier Verwandtschaft mit Telepathie.

Ein anderes Phänomen ist der Zufall, oder seine Deutung. Da treffen zwei Vorgänge aufeinander, die ursächlich nichts miteinander zu tun haben.  C.G. Jung prägte den Begriff „Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge“. Andere meinen, das sei schon ASW. Ein Beispiel dazu: Jemand schlägt ein Buch auf, und findet sofort das Zitat, welches er gesucht hat. Es ist wirklich kein Witz, sondern wieder so ein glatter Zufall, dass ich heute dieses Beispiel mit dem Buch von Arthur Koeestler lese und gestern mit ähnliches passierrt.  Ich unterhielt mich mit jemanden über ein Buch, speziell ging es um einen Koan. Ich nahm das Buch zur Hand, schlug es auf, und prompt an der richtigen Stelle: das Kapitel hieß „Koan“. Sonst kann ich eigentlich herzlich kaum feststellen, dass ich ASW habe, abgesehen davon, dass ich im letztem Jahr glaubte, ein Chinese erhalte den Literatuernobelpreis, dann hat aber ein Chinese den Friedensnobelpreis erhalten.  Solche sonderlichen Erfahrungen prägen sich leicht ein, aber, wie oft habe ich schon Bücher aufgeschlagen und musste lange suchen, bis ich das Gesuchte gefunden habe. Es gibt ja auch das Phänomen selektiver Wahrnehmung, was an sich gar nichts so besonderes ist, ASW auf keinen Fall.

Der Biologe Paul Kammerer war fasziniert von Zufällen und hat C. G. Jungs Theorie in etwa schon vorweggenommen. Er glaubte, es sei im Kosmos „ein akausales Prinzip wirksam, das zur Einheit in der Vielheit neige.“(Seite 303), dieses Prinzip daraufhin arbeitet, „Gleiches mit Gleichem in Raum und zeit zusammentreffen zu lassen.“ Schopenhauer lehrte,  die physikalische Kausalität sei nur ein Prinzip, aber nicht alles, es gebe noch eine metaphysische Wesenheit. Auch Schopenhauer glaubte an das prinzip von der Einheit in der Vielfalt (vgl. Seite 306), dieses gehe bis auf Pythagoras' Vorstellung von der „Harmonie der Sphären zurück und auf Hippokrates, von dem überliefert ist „ Sympathie zwischen allen Dingen“ (vgl. Seite 307).

Die Quantenphysik hat den starren Rahmen von Kausalität und Determinismus über Bord geworfen, auch wenn wir in unseren Köpfen diese veralteten Ansichten noch tragen. Das liegt vielleicht darin, weil wir bewusst nur etwas von der Makrowelt mitbekommen. Mit gewohnter Skepsis betrachten viele Menschn parapsychologische Phänomene, weil unsere Makrowelt im Gegensatz zur Mikrowelt statisch erscheint.  Östliche Philosophien schon haben Zeittheorien entworfen, die den periodischen Ablauf der Zeit widersprechen. Inzwischen beschäftigt sich die Hirnforschung auch mit dem Gedankenlesen. hier

Wohin all das führen wird, weiß niemand. ;D

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #16 on: 02. September 2011, 11.01 Uhr »
14.)Ein Blick durchs Schlüselloch

Nach der Theorie von Charles Darwin und der synthetischen Evolutionstheorie ist die Evolution in sehr kleinen Schritten vorwärtsgegangen. Alfred Russel Wallace, ein Mitarbeiter Darwins, hat schon darauf hingewiesen, dass die Evolution, in dem sie uns das Großhirn (Neocortex) schenkte, ein Instrument geschaffen habe, „das den Bedürfnissen des Besitzers weit voraus ist (vgl. Seite 317), es gibt Anthropologen die von einer „tumorartigen Wucherung“ gesprochen haben.(C. J. Herrik, The  Evolution of Human Nature“, 1961).  Der Mensch außerdem, so Koestler, nicht weiß, wie er mit diesem Neocortex umzugehen habe. Nun aber etwas, was Koestler nicht sagt. Es gibt durchaus Evolutionssprünge, die sehr zügig ablaufen (das wusste Darwin noch nicht, bzw. hat es beiseite geschobent).

Zur Zeit des Cro-Magnon-Menschen war das Gehirn schon in Form und Größe voll ausgebildet, doch dauerte es sehr lange, bis der Mensch mehr und mehr davon Nutzen konnte, diese Entwicklung bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Vergleichbar ist das mit einem Computer, wenn wir nur einen Bruchteil seiner Möglichkeiten nutzen.  Die Evolution sei über das Ziel hinausgeschossen, so Koestler, der Mensch deswegen in eine rationale Illusion fallen konnte, in dem er davon überzeugt war, „seine ungenutzten Möglichkeiten seinen unerschöpflich und seine Vernunft sei unbegrenzt.“ (Seite 322).  Koestler legt Zeugnisse berühmter Geistesgrößen vor, um diese rationale Illusion zu belegen: Aristoteles, Descartes, Sir Francis Bacon, Ernst Haeckel, so sei Aristoteles davon überzeugt gewesen, alles Entdeckenswerte im Universum habe man entdeckt, ungeklärtes gebe es nicht mehr (vgl. Seite 322). Viel ungeklärtes gibt es ja noch: Die Sache mit der Unendlichkeit und Ewigkeit (eine Angelegenheit, die vielleicht mehr der Mystik angehört als der Wissenschaft?), Raumkrümmung, parallele und sich durchdringene Universen, alles Angelegenheiten, an denen unser kleiner Verstand an Grenzen stößt. Vielleicht klärt man ja doch irgendwann mal die Phänomene der Parapsychologie und der akusalen Prozesse.

Kommentar meinerseits:

Wollen wir der rationalen Illusion nicht verfallen, und erinnern uns an die Welt subatomarer Teilchen, die von der Makrowelt sehr unterschieden ist. Wir können nicht alle Spektren unserer Welt  wahrnehmen, so sehen wir auch nur ein bestimmtes Farbsprektrum und hören nur einen bestimmten Frequenzbereich, der sich im Alter auch noch reduziert. Darum werden wir hoffentlich nie mehr auf die Idee kommen, wir wissen doch eigentlich alles. Einihe antike Philosophen waren aber nicht von rationaler Illusion geblendet und es kurvt heute noch das gepflügelte Wort: „Ich weiß, dass ich nichts weiß".

Das Buch ist an sich zu Ende. Ich hoffe, dass ich einiges Wesentliche herausgreifen konnte. Im Anhang folgen noch drei Aufsätze, die ich nach meinem Urlaub besprechen werde. Eine Woche bin ich auf Reisen, mittleres Rheinthal und verguck mich in die Loreley.  Für mich persönlich war es besonders ergiebig, noch einige Hinweise und Argumente für die Theorie des Holismus gefunden zu haben. Ein schönes Weltbild, meine ich, wir schwimmen sozusagen wirklich in einem Boot. Alles hängt irgendwie zusammen. Ob es nun ASW gibt oder nicht, ist für mich völlig sekundär wichtig.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe