Author Topic: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution  (Read 22178 times)

Offline mombour

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Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« on: 20. August 2011, 16.30 Uhr »
Der Mensch - Irrläufer der Evolution

Zu diesem Buch ist mir auch noch die deutschsprachige Erstausgabe vom Scherz-Verlag, 1978, in die Hände gefallen. Koestler vertritt die These, in der evolutionären Entwicklung des Menschen seien gravierende Fehler vorgefallen. Schon im „Prolog“ fasst er die Begründung seiner These zusammen.

Der Prolog hträgt als Überschrift „Der Kalender“. Die Stunde null war der 06. August 1945 als über Hiroshima (und Nagasaki) Atombomben fielen. Hier zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen, sei der Mensch erstmals zum Bewusstsein gelangt, die ganze Menschheit könne vernichtet werden. Selbstverständlich merkt man den Ausführungen des Autors an, dass Buch entstand zu der Zeit, als sich in Europa die Antiatombewegung formierte. Obwohl die Atombombe heute nicht mehr so bewusst im Vordergrund steht, auch wenn eine Menschheitsvernichtung durch solche  Bomben nicht auszuschließen ist, sehen wir heute als größte Gefahr den Klimawandel und Hungerkatastrophen. Das Buch in dieser Hinsicht immer noch aktuell ist, weil gerade heute schon die Frage ins menschliche Bewusstsein getreten ist, ob wir dieses 21. Jahrhundert überhaupt noch überleben werden.  Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Gemeinschaft der Menschenwesen ist.  Das die Menschhen, obwohl sie intelligent genug dazu wären, nicht in der Lage ist, einen Untergang der Menschheit zu verhindern, davon handelt u.a. dieses Buch, denn der Mensch ist zum Irrläufer der Evolution geworden.

Koestler fasst „einige der auffälligsten pathologischen Symptome“ zusammen:

1.)Seit Beginn menschlicher Geschichte gibt es Menschopfer, rituelles Töten von Kindern, Jungfrauen, Helden, damit Götter besänftigt werden. Man vgl. Abraham will Isaak opfern. Solch Riruale waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einigen Teilen der Welt noch verbreitet, Arthur Koestler bezeichnet das „als Ausdruck einer wahnhaften Tendenz der menschlichen Psyche...“

2.)Der  Mensch ist so ziemlich  das einzige Wesen, welches organisiert einzelne oder Gruppen seiner Zunft mordet, auch grausame Methoden des Folterns entwickelt hat.

3.)„Eine chronische, fast schizophrene Spaltung zwischen Vernunft und Emotion“

4.)„Diskrepanz zwischen den Wachstumskurven der Wissenschaft und Technologie einerseits und des ethischen Verhaltens andererseits;“



Andere Voraussetzungen, die den Menschen zum Irrläufer machen:


a) Neurophysiologie

Es gibt drei Entwicklungsschübe unseres Gehirns: das älteste Gehirn ist aus der Reptilienphase, das zweite von den niederen Säugetieren geerbt, das dritte entwickelte sich in der späten Säugetierphase. Das limbische System besteht aus dem reptiilischem Gehirn und dem, was der Mensch von den niederen Säugetieren geerbt hat. Das sog. Althiern. Das dritte Gehirn ist der Neocortex, der im Verhältnis zum Tempo der Evolution rasend schnell sich entwickelt hat. Das Althirn, Zentrum der Instinkte , Leidenschaften, biologischen Trieben, hat sich nicht entscheidend weiterentwickelt, nur der Neocortex, Koestler nennt diesen „Denkhaube“, weil sich im Neocortex der Verstand des Menschen rasant entwickelte, aber nicht koordiniert und nicht verbunden mit den älteren emotionsgebundenen Strukturen des Gehirns. Daraus ist eben der Mensch entanden, bei dem Verstand und Emotion völlig unkoordiniert nebeneinander liegen. Was kann man nicht hier für praktische Beispiele anführen, z.B. wenn wir wütend sind, begehen wir leicht Handlungen, die wir später bereuen, wenn wir nicht mehr wütend sind. Auf der einen Seite haben wir einen rationalen verstand, auf der anderen Seite haben viele Leute auch irrationale Glaubensvorstellungen, hierzu natürlich die Überlegung sich formt, deshalb Menschen vieleicht an einen Gott glauben, sich der Esoterik verschreiben o.ä. Arthur Koestler macht in dieser Entwicklung des Gehirns das irrationale Massenmorden in der Geschichte der Menschheit verantwortlich. Wenn wir z.B. an die kreuzzüge denken, können wir das leicht nachvollziehen.

b) Psychologie

Die Tatsache, dass Babys ziemlich lange unter der Obhut seiner Eltern abhängig ist, die Wiege wie ein Gefängnis, der sich ein Baby zwangsweise ausgesetzt sieht, ist vielleicht ein Grund, warum sich Erwachsene später Obrigkeiten  oder Gruppen unterwerfen, eine Gehirnwäsche in der Wiege beginnen kann.  Deswegen viele Menschen sich an ihre gewohnten Glaubenssätze halten, die sie auch gerne fanatisch verteitigen, der Mensch also leicht in versuchung ist, eine Hingabe zum Fanatismus zu entfalten. Die Kreuzzüge nicht primär  als Ursache von Aggression, sondern  aus Fanatismus.

c) Anthropologie

Es geht um den „territorialen Imperativ“, der besagt, es gäbe einen Trieb, der dafür sorgt, dass man sein Land, sein Revier verteidigt. Arthur Koestler kann sich für diese Theorie nicht begeistern, er ist davon überzeugt, Krieg werde um Worte geführt. Es geht nicht darum sein Haus, sein Land zu beschützen, sondern es geht um eine „Devotion gegenüber Symbolen, die ihre Kraft aus Stammeskulten, göttlichen Geboten oder politischen Schlagworten beziehen.“ 

Einen weiteren Punkt in der Fehlentwicklung der Spezies Mensch sieht Arthur Koestler im Wissen um seinen Tod. Wir wissen unser Tod kommt irgendwann, arbeiten aber emotional dagegen. Koestler spricht von der „Schizophrenie des menschlichen Geistes, der fortdauernde Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft.“

Gerne komme ich zurück auf die Diskrepanz zwischen Emotion, Verstand und Ethik. Wir bringen es noch nicht mal fertig, einen vernunftgerechten Klimaschutz umzusetzen, obwohl wir das Wissen dazu haben. Wir sind nicht mal in der Lage, die Nahrung auf unserem Planeten gerecht zu verteilen, obwohl wir genau wissen, wie das geht. Bei diesen wirklich besonders wichtigen Themen scheitern wir schon, obwohl unsere Existenz davon abhängt. Wir handeln zu egoistisch, nach inneren Beweggründen, jedes Land und jeder Kapitalmarkt für seine egoistischen Interessen, sodass der Verstand ausetzt. Wir sind nicht mal in der Lage, für das gesamte Menschenwohl zu denken und zu handeln. Genau darin liegt das Problem, mich dieses koestlerische Werk auch deswegen interessiert.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 20. August 2011, 17.42 Uhr by mombour »
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Offline orzifar

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #1 on: 22. August 2011, 16.20 Uhr »
Hallo!

Mein mittlerweile obligat gewordener Einwurf bei der mombourschen Lektüre (ich hoffe, du verzeihst ;)).

Dass Koestler noch gelesen wird erstaunt mich einigermaßen (oder auch nicht ;); seine Ideen und Gedanken sind angesiedelt zwischen trivial und vollkommen abstrus (mit Hang zu letzterem). Als Mensch scheint er mit Recht großes Ansehen genossen zu haben, etwas, das, nicht weiter verwunderlich, seinen Theorien versagt blieb. Euklids wirklich schöner, einleuchtender Beweis, dass es unendlich viele Primzahlen gibt, wird ihm (und dadurch sieht man, dass alles, wirklich alles zu metaphysischem Humbug missbraucht werden kann) zu einem Erweckungserlebnis mit dem Resultat, dass er zu einem Verfechter der Parapsychologie wird (wobei dieses Fach schon ohne das vorgesetzte "para" dubios genug ist). Er hat dann auch irgendwelche seltsamen, jüdischen Abstammungslehren entworfen, skurrile Wissenschaftstheorien entwickelt usf., Dinge, die mit Fug und noch mehr Recht heute vergessen sind bzw. ins geistesgeschichtliche Kuriositätenkabinett gehören. Als Denker kann man ihn keinesfalls auch nur im entferntesten ernst nehmen, wenngleich deshalb nicht auszuschließen ist, dass er so manches Vernünftige geschrieben hat. Aber aufgrund falscher Voraussetzungen bzw.: Koestler ist der Gedankenwelt eines Erich von Däniken näher als dem eines ernstzunehmenden Philosophen.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #2 on: 22. August 2011, 17.24 Uhr »
Hallo orzifar,

Mein mittlerweile obligat gewordener Einwurf bei der mombourschen Lektüre (ich hoffe, du verzeihst ;)).

Herrliches obligatinium ;D
Nein, was sollte mich stören. Viielleicht habe ich ja zufällig so ein Hang solche Bücher auszuwählen....nein, also wenn dann unbewusst. In meinen werten jüngeren Jahren habe ich "Die Wurzeln des Zufalls" gelesen; damals war ich natürlich, jung und unerfahren, begeistert (was auch sonst).

Die aktuelle Frage zu diesem Buch ist natürlich die, ist bei der Evolution des Menschen  wirklich etwas schief gelaufen? In der Tierwelt gibt es das vereinzelt, Koestler nennt Beispiele. Was mir völlig klar geworden ist, auch durch ein Interview zwischen dem Neurobiologen und Philosophen Thomas Metzinger und Richard David Precht, welches ich mal im 3sat gesehen habe, Thomas Metzinger eben auch von der Diskrepanz zwischen Verstand und Emotionen gesprochen hat, in Bezug auf die großen Weltprobleme, gemeint ist: Wir haben das theoretische Wissen diese großen Weltprobleme zu lösen (Verstand), tuen es aber nicht. Warum? Das würde mich interessieren? Es ist auch viel Egoismus von Kapitalmärkten da, denen es nur ums Geld geht. Es ist ganz richtig, davon bin ich überzeugt, wie Koestler schon im Vorwort zelebriert hat, der Verstand, Neocortex hat sich sehr schnell entwickelt, in der Ethik hinkt der Mensch nach. Der Mensch lässt sich von Emotionen steuert, wenn man unter starken Emotionen steht (Wut, verliebt sein, egal).

Kann denn jemand mit einer anderen Sache aufbieten, warum der Mensch so gespalten ist?

Eine andere Frage ist die, ist der Holismus heutzutage hoffähig oder hängen wir noch im Reduktionismus?? Wenn wir uns nur mal die Körperzellen vorstelllen. Unser Körper besteht aus vielen Körperzellen, die einzeln funktionieren, aber auch untereinander agieren. Eine Zelle ist ein Teil von einem Ganzen und selbst ein Ganzes. Wie ein Holon. Mark Aurel hat in seinen Selbstbetrachrungen auch mal den Gedanken geäußert, alles im Kosmos hänge zusammen. Ein Vorläufer des Holismus.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 22. August 2011, 17.33 Uhr by mombour »
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Offline orzifar

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #3 on: 22. August 2011, 18.33 Uhr »
Diese Problematik sehe ich ähnlich: Verstand und Emotion/Instinkt harmonieren nicht wirklich. Bzw.: Das, was unser Verstand zu schaffen imstande ist, wird weder von demselben noch unseren Emotionen ausreichend kontrolliert (im Sinne eines gedeihlichen Fortbestehens). Das Gehirn mitsamt seinen Fähigkeiten als eine Art ungesunde Wucherung, welche sich (weil ungesund) selbst abschaffen wird. Ein Szenario, das ganz unwahrscheinlich nicht ist (auch wenn ich nicht dazu neige, den Untergang der Menschheit wöchentlich zu prophezeihen). Wichtig ist dabei: Nicht die Welt, der homo sapiens springt über die Klinge - denn für die Welt (im kosmischen Sinne) ist das von beachtlicher Belanglosigkeit. (Das empfinde ich bei fast jeder Metaphysik als etwas Erstaunliches: Wie man seine eigene Spezies so wichtig nehmen kann, dass man sich zu glauben anschickt, wir müssten da in alle Ewigkeit existieren. Es ist so offensichtlich, dass wir nur eine von vielen verschiedenen Säugetierarten sind, mit bestimmten Fähigkeiten bzw. Mängeln. Und wir würden es einigermaßen belächeln, wenn jeder Feldhase, jeder Grottenolm, jedes Lebewesen für sich diese Ewigkeit in Anspruch nehmen würde, glauben aber, wiewohl wir uns kaum von den erwähnten Lebewesen unterscheiden, dass dies unbedingt für uns gelten müsse. Eine größere Anmaßung ist kaum vorstellbar und der Science-Fiction-Vergleich drängt sich auf, dass da irgendwelche Außerirdische nachsichtig lächelnd unsere diesbezüglichen Dummheiten konstatieren :)).

Ob wir Irrläufer sind: Weiß nicht, auch wenn der Verdacht nahe liegt. Am wahrscheinlichsten scheint mir ein Szenario, dass wir in unserer Umwelt einen Prozess auslösen, der irreversibel und sich selbst verstärkend unserer Spezies die Lebensgrundlage entzieht (hingegen glaube ich - die Kreativität der Evolution betrachtend - nicht, dass wir es schaffen, sämtliches Leben auf der Erde zu vernichten). Wobei schon der Begriff "Irrläufer" anthropozentrischer Natur ist und ein vermeintliches "Ziel" beinhaltet. Wahrscheinlich ist alles und jedes ein Irrtum, ein Zufall, was, wenn die Sache mit der alles auslösenden Quantenfluktuation stimmt, auch nicht weiter verwunderlich wäre.

Das zu akzeptieren fällt üblicherweise schwer, weil uns kein metaphysisches Kuschelsofa auffängt. Dass im übrigen diese nihilistische Position automatisch amoralische Haltungen nach sich ziehen würde halte ich für die Position von amoralischen Menschen: Ich empfinde es als eines der schönsten Gefühle, jemand anderem eine Freude zu bereiten. Ein Freund von mir meinte einmal, dass er mit niemanden auf der Welt mehr gelacht habe als mit mir - das war ein wundervolles Kompliment. (Ähnliches von meinem Sohn, der in tautologischer Weise meinte, dass Papa sehen so lustig ist, weil es immer so lustig ist.) Diese Kombination von Liebe, Lachen, Freude ist per se sinnstiftend, trägt die Belohnung in sich selbst. Dazu noch das Erstaunen, die Freude am Denken: Euklids hier erwähnter Beweis ist tatsächlich schön, sein Verstehen ein Genuss. Ich wüsste nicht, was mir ein Gott, wabernde Geistenergie, was auch immer (vom intellektuellen Affront, der mit solch einfältigen Konstrukten verbunden ist, einmal abgesehen) hier hinzufügen könnte. Bzw. ich ahne, was es sein könnte: Keinesfalls aber etwas Gutes ;).

lg

orzifar (mit lebensphilosophischen Anwandlungen :))
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #4 on: 23. August 2011, 12.12 Uhr »
glauben aber, wiewohl wir uns kaum von den erwähnten Lebewesen unterscheiden,

Von der DNS her gesehen, sind wir fast einem Schimpansen gleich. Trotzdem hat der Mensch meist die Egoanwandlungen, er sei etwas besonderes. Im Unterschied zum Tier allerdings der Verstand, das Bewusstsein sterben zu müssen, deshalb auch Anwandlungen zur Transzenden (aber nicht ein jeder). Ich meine auch, wir, mit unserem unbedeutendem kleinen Gehirn, können damit über unsere Grenzen eben nicht hinwegschauen.


 Dass im übrigen diese nihilistische Position automatisch amoralische Haltungen nach sich ziehen würde halte ich für die Position von amoralischen Menschen: Ich empfinde es als eines der schönsten Gefühle, jemand anderem eine Freude zu bereiten. Ein Freund von mir meinte einmal, dass er mit niemanden auf der Welt mehr gelacht habe als mit mir - das war ein wundervolles Kompliment.
Hier sind wir doch voll einer Meinung, werter orzifar, ;D Jemandem eine Freude machen ist sehr schön, wenn dann noch was zurückkommt auch gut. Das sind die schönen Momente des Lebens, wobei ich die Auffassung vertrete, in unsere Gegenwart bewusst leben mit jedem Atemzug, ein (einigermaßen) moralisches Leben zustande zu bringen, was nach dem Tod kommt, können wir nicht wissen, weil aus dem Jenseits, falls es so was geben sollte, niemals einer wieder zurückgekommen ist, und berichtet hat, wie es dort ausschaut. Also, muss uns das auch nicht interessieren.

Weiter geht es im Buch

Erster Teil - Entwurf eines Systems

1.)Die Holarchie

Arthur Koestler spricht vom Irrtum des Reduktionismus, der behaupet, der Mensch sei „nichts als“ ein Mechanismus und „nichts als eine Kette konditionierter Reaktionen, wie man sie auch bei Ratten finde.“ So könnte man auch sagen, was uns allerdings nicht weiterhelfen dürfte, der Mensch bestehe  aus „nichts als“ Wasser und anderen Mineralien. Das ist keine Ausage darüber, was den Menschen ausmacht.

Im Gegensatz zu dem Reduktionismus prägte sich seit den zwanziger Jahren de  20. Jahrhunderts der Begriff Holismus (Jan Smuts, „Die holistische Welt“), der in der akademischen Wissenschaft damals kein Fuß fasste, weil so Koestler, der Zeitgeist ein anderer war. Der Holismus geht davon aus, dass er eine Beziehung zwischen dem Ganzen und seinen Teilen gibt. Eine Ganzheit bestehe aus Sub-Ganzheiten.
Quote from: Arthur Koestler
Ein Organismus ist eine vielstufige oder geschichtete Hierarchie von Sub-Ganzheiten...

In seinen früheren Sachbüchern aus den sechziger Jahren, „Der göttliche Funke“ und „Das Gespenst der Maschine“ prägte Arthur Koestler für Sub-Ganzheiten den Begriff „Holon“. Das theoretische Model der Holontheorie kann man „als eine Übung in Allgemeiner Systemtheorie bezeichnen“, einer Schule, die der theoretische Biologe und Systemtheoretiker Ludwig von Bertalanffy gegründet hat. Man baut theoretische Modelle um Prinzipien in der Biologie, im sozialen und anderen Bereichen zu erklären. Koestler kündigt schon an, dass er im dritten Kapitel über die großen „Hierarchien des Werdens“ der Entwicklung des Individiums und der Spezies eingehen wird. Doch vorher.

2.)Jenseits von Eros und Thanatos

Holons sind janusköpfige Ganzheiten. Einmal nach höheren  Holoarchien blickend, das andrere Gesicht zu niederen Holarchien blickend. Daraus ergen sie zwei sehr wichtige Eigenschaften von Holons. Eine integrative Tendenz, in der sich ein Holon als Teil von etwas Übergeordnetem funktioniert, dann  die selbstbehauptende Tendenz, welche die Autonomie eines Holons bewahrt. Als  anschauliches Beispiel führt Koestler soziale Holoarchien an, in der selbstandige konstituierende Holons gewahrt bleiben, jedes Holon die Tendent kollektiver Integrität hat. Auf diese Weise funktionieren Verwaltungsapparate, Staatsgefüge u.a. Auf diese Weise wird eine soziale Struktur bewahrt. Allerdings ist es auch möglich, darüber erzählt uns der Autor später, dass ein soziales Gefüge auch auseinanderbrechen kann. Als Beispiel dazu fällt mir Somalia ein.

Jetzt kommen mir doch zaghafte Erinnerungen früherer Lektüren ins Bewusstsein. Arthur Koestler gilt als Kritiker freud'scher Theorien. In diesem Kapitel versucht er Freuds Theorie von Eros und Thanatos zu widerlegen. Oestler bezieht sich auf Passagen aus „Jenseits des Lustprinzips“ und aus „Das Unbehagen in der Kultur“ u.a. Koestler wundert sich, dass diese Triebe regressiv sind, sie drehen die Uhr der Evolution zurück, anstatt sie voranzutreiben. Freud sagt, der Eros müsse einen großen Umweg machen, um die „ zersprengten Teilchen lebender Substanz“ einzusammeln (das verstehe ich allerdings nicht, wie das gemeint ist). Aber hier ein pro Koestler-Argument. Freud behauptet, der Organismus sei danach bestrebt, die in ihm vorhandene Quantität einer Erregung möglichs niedrig zu halten, demzufolge alles als unlustvoll emfunden werden muss, was die Erregung steigt. Das ist wirklich unverständlich, weil die Steigerung der Erregung im sexuellem Vorspiel als lustvoll empfunden wird, entgegenet Herr Koestler, der auch freuds Auslegung des Todestriebes auch verwirrend findet. In der Naur gibt es nicht Zerstörung um der Zerstörung willen, Tiere töten nicht um des Tötens willen, sondern weil sie Hunger haben. Wenn man also von einem Todestrieb sprechen wolle, so meine ich, müsse töten lustvoll sein, was es definitiv nicht ist.

Dieses wahrlich komplizierte Thema, daraus ich nur zwei Gedanken aufgegriffen habe, mündet in eine Aussage, die uns wieder zu den Holons führt. Koestler sagt nämlich:

Quote from: Arthur Koestler
Sie Sexualität ist eine spezifische Äußerung der integrativen Tendenz, die Aggression eine extreme  Form der selbstbeheuptenden Tendenz, während Janus als Symbol der beiden >>nicht reduzierbaren<< Eigenschaften lebender Substanz – Ganzheit und Teilheit – und ihres empfindlichen Gleichgewichts in den Hierarchien der Natur erscheint.
(Seite 81).

3.) Die drei Dimensionen der Emotion

 Gefühle sind ale „überhitzte“ Triebe genannt worden (von wem sie so genannt worden sind, sagt Koestler nicht). Man kann sie auch nach Art des Triebes einteilen (Explorationstrieb), und dann nach dem Gefühl der Lust oder Unlust. Drittens lassen sie sich nach selbstbehauptender und selbsttranszendierender Tendenz einteilen. Koestler sagt aber auch, dass wir nur selten eine reine Emotion erleben, oft mischen sie auch Gefühle (er schreibt zwar, es mischen sich Triebe, vielleicht er sich da aber einfach verschrieben hat?). Lust und Unlust können auch aus gemischnten Gefühle bestehen.

Nach Freud führt das lesen einer erotischen Szene in einem Buch zu einer Steigerung „ der im Seelenleben vorhandenen Erregung“, müsste nach Freud deshalb unangenehm sein, in Wahrheit, so Koestler „Frustation mit Lust kombiniert“ werden. Inwieweit Lust oder Frustation in diesem Beispiel eine Roole spielt, hängt von der Einbildungskraft des Lesers ab.

 Arthur Koestler bringt diverseTheorien über die Emotionen ziemlich kurzgefasst zu Papier, obwohl gerade in dieser Sache Ausführlichkeit angebracht wäre.

Und nun  kommt er zur Polarität: Selbstbehauptung und Selbsttranszendenz:

Quote from: Arthur Koestler
Bei sexuellen Beziehungen mischen sich Herrschaft und Aggression mit Einfühlung und Identifizierung.
Seite 88

Man denke auf an religiös motivierte Tieropfer, die für die Tiere brutal sind, weil diese sterben müssen,  aber die Speise des geopferten Tieres zu einer mystischen Kommunion führt.  Arthur Koestler sagt, und da ist was wahres dran, weil  die Kirche sich aus heidnischen Religionen entwickelt hat (auch wenn Kirchenfürsten das heute abstreiten würden), er sagt also:

Quote from: Arthur Koestler
Die Tradition, Fleisch und Blut des erschlagenden Gottes miteinander zu teilen, gelangte über den orphischen Mysterienkult symbolisch verbrämt in die Riten des Christentums. Für die Gläubigen ist die heilige Kommunion die höchste Erfahrung der Selbsttranszendenz...
Seite 89

Liebe Grüße
mombour
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #5 on: 23. August 2011, 14.30 Uhr »

Hallo!

Was ich gestern da hitzegeplagt und müde (aber offenbar nicht hinreichend deutlich) zum Ausdruck bringen wollte (von wegen "Freude"): Ich glaube, dass es der religiösen, strafend-belohnenden Korrektive nach und im Leben nicht bedarf und dass das "Gute" (a la Sokrates) tatsächlich seinen Sinn in sich selbst besitzt (Freude machen macht Freude). Ich halte den Menschen zum einen für weniger schlecht als etwa die christliche Religion (sodass er dieser Drohungen bedürfte) und ich halte die Drohungen selbst auch für vollkommen sinnlos - im Gegenteil. Als ob ein Klima von Furcht und Bestrafung einen besseren Menschen machen würde. (Verprügelte Kinder wissen nichts davon - der "Befehlsstachel (Canetti) wird hingegen weiter gegeben.)

lg

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #6 on: 23. August 2011, 15.38 Uhr »

Ich halte den Menschen zum einen für weniger schlecht als etwa die christliche Religion (sodass er dieser Drohungen bedürfte) und ich halte die Drohungen selbst auch für vollkommen sinnlos - im Gegenteil. Als ob ein Klima von Furcht und Bestrafung einen besseren Menschen machen würde. (Verprügelte Kinder wissen nichts davon - der "Befehlsstachel (Canetti) wird hingegen weiter gegeben.

Es ist wirklich Unfug, wenn durch Menschen, durch die holde Geistlichkeit, eine Religion in abseitige Abgründe herunterwürgt wird, sodass sie nur noch als Drohung und Angstmultiplikator existieren kann. Ein Missbrauch an Gläubige, ein Missbrauch der Religion selbst. Das führt uns direkt weiter ins nächste Kapitel, welches heißt:

4.) Ad majorem gloriam

Arthur Koestler geht der Frage nach, warum die Welt trotz begnadeter Reformer aus Religion und Humanismus, aus Philosophie und Mystik usw. keine bessere geworden ist.  Koestler sagt, der Ansatz war der falsche. Koestler sagt, nicht die Gier, nicht die Destruktivität einzelner ist dafür verantwortlich (darüber kann man natürlich streiten), weil weitaus weniger Menschen aus persönlichen Motiven einzelner gestorben sind, sondern das

Quote from: Koestler
Abschlachten ganzer Völker aus Loyalität gegenüber einem eifersüchtigen Gott, König, Land oder politischem System
(Seite 93) hat weitaus mehr Tote gefördert. Es ist auch  erbarmungsloser Fanatismus, der Menschen zerstört. Zum Ruhme von irgendetwas...werden Menschen getötet. Koestler bemerkt sinngemäß,  Ketzer wurden nicht aus Wut umgebracht, sondern weil man sich Sorgen um ihre ach so abtrünnige Seele machte. Von dieser Fanatismusverblendung muss sich die Menschheit unbedingt lossagen (man denke an Islamismus).

Nocheinmal dazu, was Koestler gesagt hat, die Gier sei nicht das Grundübel. Hier möchte ich doch wiedersprechen, die Gier der Finanzmärkte haben uns die Wirtschaftskrise beschert,  die Gier der Fleischindustrie und anderer Industrien, sind dafür mitverantwortlich, dass viele Menschen wegen Hungers sterben, dass Tonnenweise (auch Obst usw.) tgl. weggeworfen wird, weil offenbar für den Westen zuviel produziert wird.

Weiteres zu diesem Kapitel folgt später...
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #7 on: 23. August 2011, 20.11 Uhr »
Weiter geht's ;D

Wenn die integrative Tendenz des Menschen einen pathogenen Faktor abbekommt, Koestler nennt die langandauernde Hilflosigkeit eines Babys gegenüber ihren Eltern,  kann das dazu führen, dass ein Mensch sich später Glaubenssätzen oder Gruppen unterwirft (Freud dagegen spricht vom Über-Ich, welches auch einen moralischen Einfluss auf den Menschen hat.).
Ein wichtiges Zitat in diesem Zusammenhang, Seite 114:

Quote from: Arthur Koestler
Der Glaube an das Gruppencredo ist eine emotionale Bindung; er narkotisiert die kritischen Fähigkeiten des Individuums und weist rationale Zweifel als etwas Böses zurück.

5.) Eine Alternative zur Verzweiflung


Im fünften Abschnitt schwenkt Arthur Koestler zu einer (angeblichen?) Lösung von der Gespaltenheit zwischen Emotion und Verstand ein, was sicher auch hier im Forum zu Kontroversen führt, allerdings auch ich meine Zweifel habe, ob das übrhaupt funktioniert.

Ein Medikament muss her. Ein Wundermedikament?

Quote from: Arthur Koestler
Ein Biochemiker kann die Fähigkeiten des Gehirns nicht vermehren, aber er kann Hindernisse und Blokaden beseitigen, die ihre richtige Anwendung hemmen. Er kann das Gehirn nicht mir neuen Schaltkreisen ausstatten, aber er kann die Koordinierung zwischen den vorhandenen Schaltkreisen verbessern und die Macht der Großhirnrinde, der Spitze der Hierarchie, über die niedrigeren, emotionsgebundenen Stufen und die von ihnen erzeugten blinden Leidenschaften vergrößern.

Koestler spricht von einer „hoffnungsvollen Spekulation“. Die Pharmazie hat schon viele Medikamente entwickelt die auf den Geist wirken. In einer Diskussion, in der es darum geht, ob wir mal ein Medikament entwickeln können, die solch einen Einfluss auf die neuronale Struktur haben, dass wir nicht emotional überschattet werden, tritt natürlich die Frage auf, inwieweit Menschen in die Natur eingeifen dürfen. Dabei ist es natürlich so, dass wir gerade in der Medizin schon erheblich in die Natur eingegriffen haben, allein deshalb unsere Lebenserwartung gestiegen ist und noch immer steigt. Allerdings, Koestler hat schon 1968 in seinem Werk „Das Gespenst in der Maschine“ erstmals so ein Medikament vorgeschlagen. Bis heute gibt es so etwas nicht. Wenn, dann bräuchten wir es doch gerade heute. Ich bin allerdings sehr skeptisch, ob die Pharmakologen so gezielt in unsere RNS-Struktur eingreifen können, um solch ordnende Auswirkungen zu erzielen. Vielleicht bin ich aber nicht abgeneigt, so etwas zu schlucken, wenn man mir so was anbieten würde. Kann ich jetzt genau nicht sagen. Ich plädiere eher für eine ideologiefreie Geistes – und Ethikschulung. So etwas wäre heute schon möglich, 1968 auch schon. Aber selbst, wenn in Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen solche Schulungen eingeführt würden, kann es sein, dass Menschen später dann doch so etwas vernachlässigen, oder das Wundermedikament nicht regelmäßig nehmen. Eine Garantie gibt es nirgends. Aber wir dürfen doch von einer besseren Welt träumen, oder wie Koestler es nennt, hoffnungsvoll spekulieren.

Und damit ist der erste Teil des Buches abgeschlossen.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 24. August 2011, 02.27 Uhr by mombour »
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #8 on: 25. August 2011, 12.39 Uhr »
Zweiter Teil: Der schöpferische Geist

6.)Humor und Witz

Der Autor erzählt über die in seinen früheren Büchern schon entwickelte Theorie der Kreativität des Menschen  und meint, künstlerische Originalität, wissenschaftliche Entdeckung und der Humor, von dem dieses Kapitel zeugt, liegen menschlicher Kreativität zugrunde.

Der Humor wirkt als Stimulation, ein Lachreflex wird ausgelöst, an dem fünfzehn Gesichtsmuskeln beteiligt sind. Koestler nennt diesen Reflex „Luxusreflex“, weil dieser keinen biologischen Nutzen ausweist. Tiere lachen nicht.

Um aufzuzeigen wie die „Grammatik des Humors“ funtioniert, erzählt der Autor fünf Witze. Einen möchte ich nacherzählen, da er unerhört köstlich ist. Da war also ein Herr Marquis am Hofe des Sonnenkönigs von einer Reise heimgekehrt und als er sein Boudoir betrat, war die Gemahlin in den Händen des Bischofs gelegen. Eine Eifersuchtsszene wäre humorlos gewesen, da jeder sie erwartet hätte. Der Herr Marquis, als er dies gesehen, schritt zum Fenster und machte Armbewegungen, als segne er die Menschen.

Die Logik der Arbeitsteilung liegt diesem Witz zugrunde, allerdings das Verhalten des Marquis völlig unerwartet ist, wir allerdings erwartet haben, dass die Reaktion des Marquis von sexueller Moral o.ä. Geprägt sei. Das Verhalten des Marquis ist so unerwartet schräg, dass dieses ein Lachen heraufbeschwört.

Koestler durchschreitet die vielen Aspekte des Humors und landet bei einem Zitat aus Hobbes' Leviathan:

„Die Leidenschaft des Lachens ist nichts anderes als ein plötzliches Hochgefühl, das entsteht, wenn wir unverhofft in uns selbst eine Überlegenheit gegenüber der Schwäche eines anderen oder einer eigenen früheren Schwäche entdecken.“ (Seite 138)

Hier tritt der Humor als selbstbeheuptende Tendenz zutage.

Quote from: Arthur Koestler
Die beim Lachen freigesetzten Emotionen enthalten immer ein aggressives Element.
(Seite 139)

Darwin war der erste, so erzählt der Autor, der darauf hinwies, die angeborene Reaktion des Kitzelns, das sich winden und krümmen, eine Abwehrreaktion sei, um sich vor Angriffen zu schützen. So wird von einer Versuchsreihe berichtet, die aufgezeigt hat, Kinder lachen viel öfters, wenn sie von ihrer Mutter gekitzelt werden als bei Fremden. Der Angriff, das Kitzeln, muss nämlich vom Kind als Scheinangriff erkannt haben. Bei den Fremden, hatten die Kinder meistens Angst.

Die Emotionen beim Lachen gehen auf das alte Gehirn, das ätere reptilische Gehirn zurück.

Quote from: Arthur Koestler
Was auf harmlose Weise im Lachen entladen wird, ist vom Denken verlassene Emotion.
(Seite 155), wir beim Witz also wieder auf die Gespaltenheit unseres Gehirns zurückgekommen sind.

7.)Die Kunst der Entdeckung

Die Wissenschaft verbindet unverbundene geistige Strukturen. Nicht das Ganze ist die Summe seiner Teile, da die Teile selbst  untereinander in Beziehung stehen, ist das Ganze „auch ein Ausdruck der Beziehungen zwischen seinen Teilen“ und „jede neue Synsthese führt zur Entstehung neuer Beziehungsmuster, vielgeschichtigerer, kognitiver Holons auf höheren Stufen der geistigen Hierarchie.“ (Seite 157).

Hierzu gibt Koestler Beispiele aus der Wissenschaft:

Ebbe und Flut und Mondwechsel waren seit langer Zeit bekannt, aber das sie einander in Beziehung stehen, entdeckte erstmals Johannes Kepler. Weiterhin denke man an die Beziehunf zwischen Elektrizität/ Magnetismus, Arithmetik/Musik (Pythagoras) usw.

Auch in der Wissenschaft  tritt die Polarität der selbstbehauptenden und selbsttranszendierenden Tendenzen gegenüber. Dem Explorationsdrang, Forschungsdrang liegt eine  Neugier zugrunde. Ein objektives, uneigennütziges Suchen in der Wissenschaft ist die „selbsttranszendierende Vertiefung“, aber sie kann auch mit selbstbehauptender Tendenz gepaart sein, wenn Ehrgeiz, Rivalität u.ä. Hinter dem Forscherdrang steht.. Diesen aggressiven Drang muss ein Wissenschaftler aber zügeln oder sublimieren, wenn er wirklich sachliche Forschung betreiben will. Hier ist viel Geduld angesagt.

Als nächstes wird sich der Autor mir der schöpferischen Kraft in der Kunst beschäftigen.

Liebe Grüße
mombour
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #9 on: 26. August 2011, 14.43 Uhr »
8.)Die Entdeckungen der Kunst

Der Dichter erforscht emotionale und beschreibende Möglichkeiten der Sprachen. In der bildenden Kunst projiziert der Künstleer seine Sicht der Welt, er kann die Welt  höchstens nur annähernd darstellen, nie exakt genau die Welt abbilden.  Es ist ja interessant es gibt Bilder, die wie Fotografien ausschauen. Schaut man sich aber die Impressionisten an, geht es nicht um eine genaue Abbildung der Welt, sondern der Impressionist will nur Stimmungen einfangen. Warum differenziert Koestler nicht?  Wie ist es denn mit Picasso?  ;D  Die Kunstwerke sind auch davon abhängig, so Koestler, wie der Künstler eben die Welt sieht.

Unser Leben bewegt sich zwischen Trivial und Tragik. Diesen Gegensatz will die Kunst aufheben, dem Leben eine gesamte höhere, tiefere Bedeutung geben, die über das Triviale hinausgehend, z.B. das Triviale  im „Licht der Ewigkeit“, wie Koestler es ausdrückt, sehen möchte.

Koestler schreitet fort zur Psychologie des schöpferischen Aktes und widerspricht einer weitgefächerten Ansicht, Wissenschaftler würden durch rationales Denken zu ihren Entdeckungen kommen. Gerades dieses ist 1945 durch Jacques Hadamard untersucht worden mit dem Ergebnis, Wissenschaftler verlassen sich auf bildliche Vorstellungen. Dieses koordiniert gut zusammen mit dem, was Koestler über den schöpferischen Prozess schreibt, dabei nämlich rationale Kontrollen gelockert werden, vom dizipliniertem Denken zurückschreiten zu bildhaften Vorstellungen. Der Autor zitiert  den amerikanischen Psychologen R.S. Woodworth auf Seite 179:

Quote from: Woodworth
Oft müssen wir uns von der Sprache lösen, um klar zu denken.

Das auch Wissenschaftler einen Sinn für Ästhetik haben, dafür solle ein  Zitat stehen des  englischen Physiker Paul Dirac,  stehen, Seite 184:

Quote from: Paul Dirac
Es scheint, daß man mit Sicherheit auf dem Weg des Fortschritts ist, wenn man nach der Schönheit seiner Gleichung geht..
.

Und damit ist der zweite Teil des Buches beendet.

Liebe Grüße
mombour
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #10 on: 28. August 2011, 17.17 Uhr »
Dritter Teil:  Schöpferische Evolution

9.)Wankende Zitadellen

In diesem Kapitel versucht  Koestler die Synthetische Evolutionstheorie zu wiederlegen. Diese Theorie ist eine Erweiterung die Darwinistische Evolutionstheorie um diverse Bereiche: Genetik, Populationsbiologie, Paläontologie, Zoologie, Botanik, Sythematik. Inwiefern Koestlers Kritik berechtigt ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, wird die Synthetische Evolutionsbiologen doch heute noch verfochten. Der bekannte deutsche Biologe und Zeitgenosse Ulrich Kutschera bezeichnet Evolutionskritiker als Esoteriker. Heutige Evolutionsbiologen wollen an den Dogmen der Evolutionsbiologie nicht rütteln, auch wenn es Kritikpunkte gibt, die z.B. Arthur Koestler schon in seinem 1978 enstandenen Buch erläutert hat.  Eine wissenschaftliche Theorie hat nur solange Bestand, solange nichts anderes als bewiesen gilt. So ungefähr lautet doch das Prinzip in der Wissenschaft. Für wissenschaftliche Theorien kann man, so Koestler, genauso emotionalgeladen sein, wie für religiöse Ideen. Nur so kann man Ulrich Kutscheras Bemerkung, Kritiker seinen Esoteriker verstehen. Um die  Evolutionstheorie aufrechtzuerhalten, wird ein immenser Aufwand getrieben, so hat Ulrich Kutschera einige Videos produziert (youtube).

Der Behaviorismus und der Neodarwinismus (Synthetische Evolutionstheorie) gehen erstens von einem Zufall aus, zweitens von selektiver Belohnung. Genau dieses kritisiert Arthur Koestler, der auch sagt, beide Theorien wurzeln noch im Reduktionismus. Also, irgendeine Zufallsmutation, die dann durch natürliche Auslese erhalten wird. Den Vergleich, den Koestler hier mit dem Behaviorismus führt, lasse ich mal weg, weil ich mich hier auf die Evolutionskritik konzentrieren möchte.
Wonach sich die natürliche Auslese nun richtet, das ist die Tüchtigkeit. Doch was ist das? Sind es die, die am längsten überleben, oder sind es die Tiere, die die meisten Nachkommen zeugen?

Quote from: Arthur Koestler
Das grundlegende Prinzip der natürlichen Zuchtwahl läuft im Grunde darauf hinaus , daß die Individuen, die die zahlreichste Nachkommenschaft haben, diejenigen sind, die die zahlreichste Nachkommenschaft haben.
(Tautologie). Seite 202

Dazu noch ein Zitat von Ludwig von Betalanffy:

Quote from: Bertalanffy
Wenn differentielle Reproduktion und Auslesevorteil allein die Richtung der Evolution festlegen, so ist es nicht einzusehen, wieso die Entwicklung der Arten je über den Hasen, den Hering oder sogar über das Bakterium hinausgekommen ist; diese Lebewesen besitzen ja eine geradezu unübertreffliche Fortpflanzungskapazität.

Ein anderes Synonym für Tüchtigkeit, wäre die Anpassung. Wenn also ein Lebenwesen sich an ihrer Umwelt anpasst, kann es leicht überleben. Aber diese Anpassung geht manchmal so komplizierte Wege, dass man hier wieder fragen muss, warum dieser Umweg. z.B. der Weg einer Raupe zum Schmetterling, es gibt viele Beispiele hochkomplizierter Wege, die zu einer Anpassung führen. Warum die Evolution solche Umwege macht, weiß wohl niemand.

Tja, und dann der Zufall. Ein großes Problem. Zufallsmutationen auf der Ebene der Gene, die durch Unfälle (schädliche Chemikalien, Strahlungen, übermäßige Hitze u.a.) ausgelöst werden, als erst ein Unwohlsein des Lebewesens verursachen, dann aber, hopps, durch einen außergewöhnlichen Glückstreffer, der von der natürlichen Zuchtwahl übernommen wird, weil dieser Glückstreffer irgendeinen Vorteil für künftige evolutionäre Prozesse bringt.

 Also, so ungefähr erklärt das Koestler wie sich das Evolutionsbiologen so vorstellen. Daran kann man glauben oder auch nicht, genauso könnte man an einen lieben Gott glauben oder nicht. Die Frage ist doch die, kann man solche Zufallsmutationen überhaupt beweisen oder ist das blasse Theorie, weil man es nicht besser weiß? Der britische Evolutionsbiologe Conrad Hal Waddington, den Huxley zitiert, vergleicht diese Zufallsmutationen mit Ziegelsteinen, die jemand irgendwie solange zusammmenwirft, bis mal ein Wohnhaus auf diese Weise entstanden ist (vgl. Seite 205). Blödsinn, nicht Waddingtons Aussage, sondern diese Zufälle in der Evolution wirken in Gegenüberstellung mit dem Ziegelsteinsvergleich ziemlich blödsinnig. Dennoch, Jacques Monod (Nobelpreis 1965) bezeichnete die Evolution als eine „riesige Lotterie“ oder als „Roulett der Natur“.

Es gibt doch auch einen diese berühmte Versuchsidee, ein Affe haut auf eine Schreibmaschine. Wie viel Jahre dauert es, dass er Prousts Gesamtwerk geschrieben hat?  Allerdings, der originale Versuch ging nur davon aus, der Affe solle einen Satz von Shakespeare schreiben, soweit ich mich erinnere. Ich war also ziemlich  unbescheiden, aber der Mensch selbst, ist noch viel komplizierter als Proust. Und dieser ist dann durch Zufallmutationen zu dem geworden, wie er heute ist. Na, ja, deshalb ein Irrläufer? (kleiner Spaß).

(Von dem Kapitel habe ich nur einen kleinen Ausschnitt behandelt, Koestler wird noch viel ausführlicher).

Liebe Grüße
mombour
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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #11 on: 29. August 2011, 15.18 Uhr »
10.) Rückgriff auf Lamarck

Koestler ist davon überzeugt, der Organismus sei kein Mosaik von Bestandteilen, die je von einer Gene beherrscht werden, die Evolution arbeite nicht nach dem Prinzip einzelne Bestandteile aufs geratewohl neu zu verteilen, Bis plötzlich aus einem Fisch eine Amphibie entstanden ist. (vgl. Seite 226).  Koestler prophezeit sozusagen, und dazu beschäftigt er sich mit geeigneten Argumenten, den Untergang der bisherigen Evolutionstheorie.

Lamarck wurde mit seiner Theorie verspottet, der Biologe Paul Kammerer, ein Lamarckist wurde in den Selbstmord getrieben. Beim Lamarckismus geht es um die Vererbung erworbener Eigenschaften, der Lamarckismus ein zielgerichtetes Bemühen, Erworbenes weiter zu vererben, die Synthetische Evolutionstheorie beruht auf Zufällen.

C G. Simpson, ein angesehener Neodarwinist sagte, der Mensch sei das Resultat eines ziellosen materialistischen Prozesses. (Vgl. Seite 228).

Mit solch einem gnadenlosen Materialismus kommt eben nicht jeder Mensch zu recht.

Charles Darwin selbst, das weiß vielleicht kaum jemand, hat sich in seinem Werk „Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustand der Domestication“  u.a. auch mit dem Lamarckismus auseinandergesetzt. Einem heutigen Studenten, der in einer akademischen Arbeit sich mit dem Lamarckismus beschäftigt, verbaut sich warscheinlich seiner Forscherkarriere. Den Streit zwischen der Evolutionstheorie und den Lamarckismus hat die Evolutionstheorie gewonnen, obwohl, wie wir schon gesehen haben, an der Evolutionstheorie durchaus einiges hinterfragt werden muss.

Es gilt als erwiesen (Nobelpreis 1975),

Quote from: Arthur Koestler"
daß es einen molekularen Mechanismus gibt, der dem Organismus unter bestimmten Ǘmständen Informationen von außen liefert und nsie in den genetischen Code des Organismus einfügt.
(Seite 233). Das können z.B. Viren sein. Der Evolution liegen also mehrere Ursachen zugrunde als nur Selektion usw.  das letzte Wort scheint hier noch nicht gesprochen zu sein.

11.) Strategien und Ziele der Evolution


Anhand der Evolution einer bestimmten Wolfsart führt Koestler die Schwierigkeiten von natürlicher Auslese und Zufallsmutation vor Augen. Die Evolution der Wolfsart geschah  auf dem Kontinent, ein fast gleicher Vorgang auf einer Insel.  Das „sprengt sogar die Grenzen des Wunderbaren“, meint Koestler.  Der Evolutionstheorie müssen einheitliche Gesetze zugrunde liegen, wird schlussgefolgert, wie ein Schachspiel nach festen Regeln, aber mit  unendlich vielen Variationen. In einer Evolution, die nur nach irgendwelchen Zufällen dahinwurschtelt, wäre nur eine Sinnlosigkeit der Evolution erkennbar, eine Sinnlosigkeit ohne Zielstrebigkeit. Schöne Aussichten.

Der Explorationstrieb ist ein beherrschender Faktor der Evolution des Geistes, sagt  der Autor auf Seite 249. Sir Alister Hardy u.a. Biologen haben die These aufgestellt, der Explorationstrieb sei auch Motor der biologischen Evolution.

Julian Huxley, der zeitweise Lehrer von Hardy war, sagte:

Quote from: Julian Huxley
Die Evolution besteht aus einer ungeheuren Zahl von Sackgassen, und nur selten führt ein Weg  zur  Höherentwicklung.
(Seite 251).

Sackgassen waren Reptilienreihen. Nur zwei waren keine. Die eine reihe führte zu den Vöhgeln, die andere zu den Säugetieren. Von den Säugetieren führte nur ein Evolutionsstrang zu den Menschen. Interessant ist, wie die Evolution mit manchen Sackgassen fertig wurde. Hier fällt das Stichwort Pädamorphose, d. h. Verjüngung. Die Evolution kehrte aus mancher Sackgasse zurück, sie kehrte um, damit sie eine neue Richtung einschlagen konnte. Das scheint eine (von vielleicht vielen) Strategie der Evolution zu sein.  Hierzu haben die Biologen Hardy und  Kolzow zahlreiche Beispiele umschrieben.

Schlussfolgernd zu diesem Kapitel lääst sich sagen, wir haben sicherlich noch längst nicht alle Strategien der Evolution gelüftet.  Am Schluss des Kapitels wird  P. Grassé ( L'Evolution du Vivant, 1973) zitiert:

Quote from: Grassé
Die  gemeinsamen Bemühungen der Paläontologie und einer vom Dogmatismus befreiten Molekularbiologie müßten schließlich zur Entdeckung des eigentlichen Mechanismus der Evolution führen – möglicherweise jedoch, ohne uns über die Ursachen, die die Richtung der evolutionären Bahnen bestimmen, und die Zielgerichtetheit der Strukturen, Funktionen und grundlegenden Zyklen aufzuklären.  Angesichts dieser Probleme muß die Biologie womöglich ihre Hilfslosigkeit eingestehen und bei der Metaphysik Hilfe suchen.
(Seite 263/4).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 31. August 2011, 13.34 Uhr by mombour »
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Offline orzifar

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #12 on: 29. August 2011, 20.31 Uhr »
Es gibt doch auch einen diese berühmte Versuchsidee, ein Affe haut auf eine Schreibmaschine. Wie viel Jahre dauert es, dass er Prousts Gesamtwerk geschrieben hat?  Allerdings, der originale Versuch ging nur davon aus, der Affe solle einen Satz von Shakespeare schreiben, soweit ich mich erinnere. Ich war also ziemlich  unbescheiden, aber der Mensch selbst, ist noch viel komplizierter als Proust. Und dieser ist dann durch Zufallmutationen zu dem geworden, wie er heute ist. Na, ja, deshalb ein Irrläufer? (kleiner Spaß).

Dieses unsägliche, so oft wiederholte Schreibmaschinenbeispiel krankt an der ihm zugrunde liegenden teleologischen Grundhaltung: Es wurde irgendetwas geschrieben (trial and error), aber weder die Sprache noch das Ergebnis waren aber in irgendeiner Form determiniert. Möglicherweise führten diese Versuche auf Millionen anderen Planeten in Sackgassen (wobei: Was ist eine Sackgasse? - selbst diesen Definitionen liegen genuin anthropozentrische (oder aufs Leben an sich bezogene) Wertungen zugrunde) oder aber zu irgendwelchen, uns kaum vorstellbaren Gedichten. Wir sind kein shakespearsches Sonett, sondern eins von Myriarden möglichen Sonetten, wobei diesen eine irgendwie als "sinnvoll" angesehene Organisation zugrunde liegt. Wir können bloß die Tatsache konstatieren, dass aufgrund der im Kosmos wirksamen Naturkonstanten die Materie sich gerne zu selbstorganisierenden Klümpchen verdickt: Das ist aber genau so wundervoll, berückend oder unglaublich wie wenn das Gegenteil der Fall wäre. Mit dem Unterschied, dass sich dann keine Klümpchen wundern könnten über ihr Dasein ;).

Dieses teleologische Argument bezüglich der Zweckhaftigkeit der Natur (nebst dem sich anschließenden, mystischem Brimborium) hat schon Kant beiseite gewischt: "Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Kontext den Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit wiederum braucht, um zu beweisen, dass ein Gott sei: so ist in keiner von beiden Wissenschaften innerer Bestand." Und wer, wie oben beim Schreibmaschinenbeispiel, mit Wahrscheinlichkeiten argumentiert, beweist bloß seine rudimentäre Kenntnis im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten. Das wäre ähnlich, als ob man behaupten würde, dass die Lottozahlen eines ganzen Jahres in genau der selben Reihenfolge sich unmöglich wiederholen können und - da dies tatsächlich höchst unwahrscheinlich wäre - daraus schließen würde, dass deshalb überhaupt keine Zahlen gezogen werden könnten.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #13 on: 31. August 2011, 07.52 Uhr »
Hallo!

Im Grunde genommen technisiert Koestler die Evolution. Es macht Sinn, bei technischen Entwicklungen von "Sackgassen" zu reden, wenn ein technisches Gerät den Zweck, wozu es erfunden wurde, nicht mehr weiter erfüllen kann, entweder weil der Zweck obsolet wurde, oder weil die Bedingungen rund herum geändert haben oder weil ein komplett anderes Gerät den Zweck bedeutend besser erfüllt. Der Beispiele gibt es viele: Hovercraft, Concorde, die Computermaus ...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

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Re: Arthur Koestler: Der Mensch - Irrläufer der Evolution
« Reply #14 on: 31. August 2011, 13.32 Uhr »
Und wer, wie oben beim Schreibmaschinenbeispiel, mit Wahrscheinlichkeiten argumentiert, beweist bloß seine rudimentäre Kenntnis im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten.

Rudimentär Kenntnisarm war ich, weil ich den Affen ins Spiel brachte. Zur Warscheinlichkeitstheorie sagt Koestler im dreizehnten  Kapitel " Physik und Metaphysik" etwas.  Es geht um Zufall und Warscheinlichkeit:

Warum ist die Anzahl von Hundebissen auf Menschen in New Yorl in den Jahren 1955, 1956, 158, 1959, immer fast gleich geblieben. Es gibt auch Statistiken,  die die Anzahl von Morden in Wales untersucht haben, immer etwa gleichbleibend: Zwischen 3 und vier Morden pro Million Einwohner.  Wie kann den ein Hund oder ein Mörder Kenntnis haben, dass er bei einer bestimmten Anzahl von Hundebissen aufhören sollte zu beißen, damit die Warscheinlichkeit der HUndebisse eingehalten wird (bei Mördern dasselbe Spielchen).  In diesem Zusammenhang berichtet Koestler im 13 Kapitel auch von radioaktiven Zerfall. Niemals lässt es sich voraussagen, wann ein radioaktives Atom zerfällt. "Der zerfallsmoment hat keinerlei Ursachen", sagt D. Bohm in "Quantum Theory", 1951, und ist " völlig willkürlich in dem Sinn, daß er keinerlei Beziehunge zu irgendwelchen Dingen hat, die in der Welt existieren oder existierten." Trotzdem gibt es einen akausalen Zusammenhang, was das für einer ist, wissen wir nicht, aber die Halbwertzeit radioaktiver Substanz ist festgelegt und berechenbar. (vgl. Seite 309). Wie kommt es, dass man dieses nun berechnen kann. Das seien die Gesetze der Warscheinlichkeit, wird gesagt. Der Warscheinlichkeitstheorie liegen allerdings keine physikalischen Kräfte zu Grunde, so müsste es, so Koestler, eine "akausale verbindende Kraft" geben, die die pysikalische Kausalität ergänzt  als Teilchen / Welle, mechanisch / mental (Komplementaritätsprinzip).  Eine Theorie, die im Raume steht.

Hallo!

Im Grunde genommen technisiert Koestler die Evolution. Es macht Sinn, bei technischen Entwicklungen von "Sackgassen" zu reden, wenn ein technisches Gerät den Zweck, wozu es erfunden wurde, nicht mehr weiter erfüllen kann, entweder weil der Zweck obsolet wurde, oder weil die Bedingungen rund herum geändert haben oder weil ein komplett anderes Gerät den Zweck bedeutend besser erfüllt. Der Beispiele gibt es viele: Hovercraft, Concorde, die Computermaus ...

Den Begriff "Sackgassen" allerdings der bedeutende Biologe Sir Julian Sorell Huxley eingeführt hat.

Julian Huxley prägte den Begriff "Evolutionärer Humanismus" und war Bruder von Aldous Huxley.

Quote from: Julian Huxley
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(Seite 251).

Vierter Teil: Neue Horizonte

12.) Freier Wille im Rahmen der Hierarchien

In diesem Kapitel geht es um das Verhältnis zwischen Körper und Geist. Vielleicht ist das Kapitel ein wenig veraltet, weil die Neurobiologie heute keine Trennung zwischen Körper und Geist macht. Der Geist soll aus Materie entsatnden sein.  Vielleicht dies auch ein Hinweis darauf, wenn die Neurobiologie recht behielte, könnte man sich auch vorstellen, dass aus einer Ursuppe aus Materie Leben entstanden ist. Bewiesen ist diese Ursuppentheorie aber nicht. Es ist eine Spekulation, vielleicht sogar eine Hypothese? Das nur nebenher. In diesem Kapitel geht es um etwas anderes.


Henri Bergson vertrat die Ansicht, die dem Panpsychismus sehr nahe kommt: Die Lehre von der Allbeseelung.

Quote from: Bergson
Die Unbewußtheit eines fallenden Steins ist etwas anderes als die Unbewußtheit eines heranwachsenden Kohlkopfs.

Es gibt ein Bewusstseinskontinium von einem Kohlkopf bis zum Selbstbewusstsein eines Menschen( Bergson), dagegen der kartesanische Dualismus, in dem der Körper vom Geist getrennt ist.

Es gibt eine hierarchische Struktur des Bewusstseins, aufsteigend wie Holons. Neurophysiologen sprechen vom spinalen Bwusstsein niederer Wirbeltiere, sogar von protoplasmischem Bewusstsein. Sir Alister Hardy hat winzige einzellige Meerestiere, die  Foraminiferen, beschrieben, die aus Skelettnadeln toter Schwämme ihren Unterschlupf bauen - „wahre Konstruktionswunder“, sagt Hardy (vgl. Seite 268).

Koestler beschreibt das Phänomen vom Handeln aus Gewohnheit, was dann ziemlich automatisiert abläuft, neben diesen scheinbar automatisierten Handlungen, z.B. Autofahren, kann man nebenher dann noch an etwas anderes denken. Bei speziellen Ereignissen wie Überholmanöver tritt man aus diesem reduzierten Routinevorgang aber wieder heraus.

Quote from: Koestler
Die Verdichtung von  Lernen zu Gewohnheiten wird von einer Verminderung der Bewußtheit begleitet.
(Seite 270).

Ich habe so etwas auch schon erlebt. Da gehe ich über die Straße und merke das gar nicht, irgendwann nach fünfzig Metern bin ich mir wieder voll bewusust. Hab Dank, dass ich bei solchen Manöver nicht von Autos zusammengefahren bin, offenbar bin ich, mehr oder weniger unbewusst, doch bei Grün über die Straße gelaufen.

Nach Koestlers Theorie ist die Kontrollverlagerung auf eine höhere Stufe der Hierarchie (beim Überholmanöver) vergleichbar oder analog mit dem Quantensprung in der Physik. In der Geist-Körper-Hierarchie gebe es ständig diesen Verkehr zwischen Mechanisierungen gewohnter Abläufe und Kontrollverlagerungen.

Es handelt sich nicht um eine Trennung von Geist und Körper, sondern um Komplementärmerkmale zwischen bewusst (geistig) und mechanisch.  Diese Komplementarität ist auch in der Physik gut bekannt. Subatomare Teilchen sind janusköpfig: feste Körper und Wellen.

„Die Freiheitsgrade  der Hierarchie nehmen mit aufsteigender Ordnung zu.“ (Seite 276), d.h. Durch unsere Aufmerksamkeit, Delegieren von Entscheidungen usw. entscheiden wir durch freie Wahl. Unfreier sind wir, wenn Handlungen mechanisiert ablaufen, wir unter dem Einfluss von Emotionen stehen u.ä.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 31. August 2011, 13.46 Uhr by mombour »
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