V.S. Naipaul beschreibt in diesem 700-Seiten-Opus seine Eindrücke von einer Reise durch die islamisch geprägten Länder Iran, Pakistan, Malaysia und Indonesien in der Zeit nach dem Sturz des Schahs 1979.
Wichtig ist ihm dabei nach eigener Aussage, dass es sich bei allen bereisten Ländern um solche handelt, die nicht "ursprünglich" islamisch waren, sondern die vom Islam kolonisiert worden sind.
Naipauls durchgängige "These", wenn man davon in einem Reisebericht überhaupt sprechen kann, ist, dass in den islamischen Ländern zwar viel auf "den Westen" geschimpft wird und "der westlichen Zivilisation" stets ein islamisches Gemeinwesen entgegengesetzt werden soll, dass aber zugleich klar wird, dass "parasitär" vom westlichen Gesellschaftssystem gelebt wird. Denn natürlich macht der Iran Geschäfte mit dem Westen, bezieht seine Devisen für Öl dorther, und natürlich sollen auch die jungen Pakistanis und Malaysier in den USA studieren, um so eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Außerdem lassen sich auch die Mullahs in den USA behandeln, wenn bei ihnen eine schwere Krankheit ausbricht. Bei all diesen Dingen, so Naipaul, wird davon ausgegangen, dass sie immer da sind, auch wenn sie sich mit islamischen Regeln nicht vereinbaren lassen. Dass man z.B. die ökonomische Struktur der Welt nutzt, um die eigene Revolution zu finanzieren, die eigentlich wieder darauf hinauslaufen soll, die unislamische Zinswirtschaft abzuschaffen, wird ebenso hingenommen, wie der unislamische technologische Fortschritt, der aber zugleich Leben rettet.
Die Hinnahme solcher Widersprüche attestiert Naipaul dabei den islamischen Staatsgründern und Revolutionären ebenso wie eine damit einhergehende Reflexionslosigkeit, ja jene geht seiner Ansicht nach aus dieser hervor. Dies illustriert er dann auch sehr schön anhand seiner Besichtigung einiger indonesischer Pesantren, islamischen Schulen, die laut den Betreibern eher auf praktisches denn auf theoretisches Wissen ausgelegt sind. Naipaul sieht in dem gesamten System allerdings eine breit angelegte "Entschulung" - so nennt er das entsprechende Kapitel dann auch -, die darauf hinausläuft, den jungen Leuten überhaupt nichts beizubringen.
Während man als geneigter Leser Naipaul noch folgt, wenn er Ayatollah Khomeini oder die unausgereiften pakistanischen Versuche eines "islamischen Staatswesens", das praktisch nicht existiert, beschreibt, so bekommt man spätestens bei seiner Darstellung des malaysischen und des indonesischen Islams seine Zweifel an Naipauls Unparteilichkeit. Hier geht es mit ihm schon mal durch und er verbreitet sich z.B. recht negativ über das indonesische Religionsgemisch, das den Islam einfach mit älteren hinduistischen und animistischen Strömungen vermischt. Den Charme eines religiösen Synkretismus vermag er hier komischerweise nicht zu sehen, wenn er vorher im Iran und in Pakistan auch die verbissene Rückführung sämtlicher Lebensbereiche auf den Koran noch so sehr kritisiert hat. Irgendwie kann der Islam es Naipaul nicht recht machen, er ist so sehr in der westlichen Zivilisation und ihren Vorzügen verhaftet, dass alle alternativen Entwürfe von ihm über einen nicht sehr wohlwollenden Kamm geschoren werden.
Zugegebenermaßen kann man in den von Naipaul bereisten Ländern sicher sehr vieles finden, das auch weniger kritischen Beobachtern missfallen würde. Aber sicher kann man nicht sein. Naipauls Bericht erscheint gerade durch sein stets offen zur Schau getragenes Überlegenheitsgefühl und durch seine zwar nicht häufigen aber dann, wenn sie kommen, umso befremdlicheren Ausfälle gegen einzelne Institutionen oder Gesprächspartner sehr perspektiviert. Zu Höflichkeit ist Sir Vidiadhar wohl in der Lage, zu echtem Respekt nicht. Und das lässt einen den bitteren Beigeschmack der Parteilichkeit nicht für bestimmte Werte, sondern für eine bestimmte Lebensform selten vergessen.
Sehr schade, denn Naipaul kann zweifellos gut schreiben und das Thema ist auch ein lohnendes und hat, wie wir wissen, in den Jahrzehnten seit der Niederschrift der "Islamischen Reise" an Brisanz sogar noch gewonnen. Gerade deshalb hilft ein so deutlich voreingenommener Blick aber nicht weiter.