Hallo!
Und weiterhin singe ich das Lob dieser Biographie, die ich zu meinem Bedauern nun beinahe beendet habe. Streminger gilt als der deutschsprachige Hume-Experte, offenbar zu Recht. Aber ein habilitierter Philosoph und Kenner der Materie muss noch lange nicht in der Lage sein, dieses sein Wissen auch anregend zu vermitteln oder gar sprachlichen Witz zu entfalten. All das hier im Übermaß, geistreich, mit Esprit und kompetent.
Der Untertitel "Leben und Werk" muss ernst genommen werden: Tatsächlich werden sämtliche Werke Humes eingehend besprochen, auch kleinere Essays und Arbeiten werden nicht nur penibel aufgelistet, sondern auch Inhalt und Wirkung auf die Zeitgenossen analysiert. Das hemmt manchmal den Lesefluss und so ist diese Biographie keine bloß eingängige Lebensbeschreibung, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit den philosophischen Strömungen des 18. Jahrhunderts.
Hume scheint als Person dem epikureischen Ideal entsprochen zu haben: Ein Genießer, ein weitgehend ausgeglichener und gutmütiger (manchmal dadurch naiver) Charakter, aber auch exzessiven Ausschweifungen abhold. Seine Gutmütigkeit (etwa in Bezug auf Rousseau, dem er auf vielfältige Weise zu helfen versuchte), noch mehr die naive Annahme, dass jeder Mensch im Grunde eine hochherzige Gesinnung sein eigen nenne, zeitigte auch negative Folgen: Wiewohl er (etwa von Holbach und d'Alembert) eindringlich vor der Person Rousseaus gewarnt worden war, sah er sich später zu seinem größten Erstaunen mit Vorwürfen konfrontiert, deren Ursache einzig in Heuchelei, Borniertheit, Eitelkeit lagen, Dinge, die ihm selbst weitgehend fremd waren und die Voltaire mit den Worten kommentierte: "Ich sehe, die große Seele Jean-Jacques hat verleumderisch enthüllt, in welch heimtückischer Absicht Ihr [Hume] ihn mit Wohltaten überschüttet habt." Wer jemals in Rousseaus Autobiographie gelesen hat, weiß, dass dieser dem Begriff der Heuchelei ganz neue, unbekannte Facetten hinzugefügt hat (ich kenne kein Werk der Weltliteratur, dass derart ungustiös ist), wobei zugunsten Rousseaus gesagt werden muss, dass er schon längere Zeit nur noch eingeschränkt zurechnungsfähig war, unter Verfolgungswahn litt und nur noch teilweise verantwortlich für seine Handlungen zeichnete.
Humes Toleranz (trotz der Anfeindungen, die er zeitlebens von seiten der schottischen "kirk" erdulden musste, die ihm sowohl in ökonomischer als auch gesellschaftlicher Hinsicht das Leben so schwer als möglich machte), seine Weltoffenheit, weitgehende Geduld (nach kurzen cholerischen Ausbrüchen hatte er sich schnell wieder unter Kontrolle und war meist darauf bedacht, sich alsbald wieder mit jedem zu vertragen) sind bewundernswert; während sich andere zu scheuen Misanthropen entwickelten (ein Swift oder Locke waren wohl keine sehr angenehmen Zeitgenossen), war es ihm stets um nette Gesellschaft zu tun, er unterstützte - weitgehend frei von schriftstellerischer Eitelkeit - alle philosophischen und historischen Konkurrenten in ihrem Bemühen um Veröffentlichung ihrer Werke und es gibt kaum (der Streit mit Rousseau ausgenommen) von ihm überlieferte, wirkliche Bösartigkeiten (selbst Rousseau scheint ihm später ein gewisses Mitleid eingeflößt zu haben). Wenngleich er in kleinerem Kreise zu Spötteleien und ironischen Anspielungen geneigt haben dürfte (v. a. in bezug auf die Religion).
Das Faszinierende dieses Buches gründet sich sowohl im Biographierten als auch im Biographierenden: Nicht nur ist Hume eine ganze außergewöhnliche Gestalt der Philosophiegeschichte, ausnehmend intelligent, scharfsinnig (und seiner Zeit weit voraus), auch Streminger versteht es wie selten ein Autor, schwierige, komplexe Sachverhalten klar und konzis darzulegen, ohne deshalb unzulässig vereinfachend zu werden. Ein durch und durch gelungenes Werk, eine uneingeschränkte Empfehlung.
lg
orzifar