Author Topic: Albertus Magnus: De homine [Vom Menschen]  (Read 1892 times)

Offline sandhofer

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Albertus Magnus: De homine [Vom Menschen]
« on: 23. April 2011, 13.03 Uhr »
Hallo!

Albertus Magnus ist heute wohl für viele eher der Magier, der Zauberer, den der Volksmund schon kurze Zeit nach seinem Tod aus ihm gemacht hat. Der Theologe und Lehrer des Thomas von Aquin verschwindet hinter dieser sagenhaften Gestalt. Dabei war Albertus Magnus im Grunde genommen der erste Scholastiker, der erste Aristoteles-Kommentator christlicher Provenienz. Der erste nicht nur zeitlich sondern auch qualitativ. Keiner kannte seinen Aristoteles so gut wie Albert aus Köln. So bin ich denn auch mit grossen Erwartungen an diesen kurzen Text gegangen. Es handelt sich dabei um eine bei Meiner erschienene Auswahl aus einem längeren Traktat Alberts. Doch die Enttäuschung war gross. Viellleicht liegt es ja daran, dass es sich um ein Frühwerk des Meisters handelt. Wir treffen hier keineswegs auf den Naturwissenschafter Albert sondern auf einen Scholastiker in Reinkultur. Das Traktat vom Menschen handelt - jedenfalls in der Meiner-Auswahl - ausschliesslich von der Seele, ob sie nun drei- oder einfach sein, ob sie Teil des Körpers oder etwas Separates sei. Alles wird in bester scholastischer Manier entwickelt, indem irgendein Punkt als fix und gegeben angenommen wird und von da aus munter weiter spekuliert. Diese Spekulationen werden sehr logisch und stringent durchgeführt, wirken auf uns Heutige aber durch den willkürlich angenommen Grund allenfalls spielerisch. Es ist, als ob wir einem zuschauen, der ein Sudoku-Rätsel löst.

Die arabischen Vorgänger (Albertus zitiert Avicenna und Al-Faradi,wenn ich mich recht erinnere) waren jedenfalls besser geerdet.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Albertus Magnus: De homine [Vom Menschen]
« Reply #1 on: 24. April 2011, 15.30 Uhr »
Albertus Magnus gehört aber auch in eine erste Riege von Naturforschern. Dass er all sein Forschen und Wirken unter einem göttlich-christlichen Aspekt gesehen hat, lässt dann jene seltsamen Sudoku-Gott-Spielerein (wie ja auch bei seinem Schüler Thomas) fröhliche Urständ feiern. Dennoch war er aber einer der ersten, die tatsächlich naturwissenschaftliche Fragen gestellt haben (und sich auf Avicenna und andere arabische Gelehrte berufen hat). Eines der Hauptprobleme Albertus' ist schon von Russel erwähnt: Aristoteles hat durch seine unumschränkte Autorität ein weitergehendes Denken im MA verhindert.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:Albertus Magnus: De homine [Vom Menschen]
« Reply #2 on: 24. April 2011, 19.35 Uhr »
Albertus Magnus gehört aber auch in eine erste Riege von Naturforschern.

Ich weiss. Deshalb war ich ja auch so enttäuscht, dass dieser Text sich so ganz und ausschliesslich auf die Seele konzentrierte (vielleicht ein Fehler der Herausgeber? Albertus selber hat ja den Titel nicht ausgesucht; es war zu seiner Zeit unüblich, Traktate mit Titeln zu versehen und so stammt der Titel von späteren Herausgebern / Übersetzern) und den Beweis, dass sie existiert und nur in einfacher Form existiert mit den klassisch-scholastischen Schlüssen beweist, die gespickt sind mit Akzidenzien und Modalitäten und die immer schon recht frech voraussetzen, was erst bewiesen werden sollte - dass nämlich die Seele wichtiger oder primärer ist als der Körper.

Und Gott weiss, dass ich mich durch scholastische Schlaumeiereien durchzukämpfen verstehe: Ich habe nämlich mal die ganze "Summa contra Gentiles" gelesen. :)
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